Ein Fotograf kommt einem brutalen Mörder auf die Spur, der seine Opfer regelrecht massakriert.
„Eine Studie trug den Titel ›Unfall in der Untergrundbahn‹. Man sah eine Schar der abstoßenden Wesen durch einen Riss im Boden aus einer unbekannten Katakombe heraufklettern, und auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofs in der Boylston Street fielen sie über eine Gruppe von Menschen her.“ (H. P. Lovecraft, Pickmans Modell)
Aus dem ersten Buch des Blutes
Clive Barker (*1952) war zunächst Dramatiker. Zwischen 1984 und 1985 veröffentlichte er Books of Blood, sechs Bände mit Horror-Kurzgeschichten, darunter die Erzählung The Forbidden, die 1992 unter dem Titel Candyman verfilmt wurde. Nach dem Erfolg dieses Films plante der Regisseur Bernard Rose eine Fortsetzung, die sich an The Midnight Meat Train aus dem ersten Band orientieren sollte.
Barker erzählt die Geschichte des jungen Buchhalters Leon Kaufman, der die Stadt „New York fast zwanzig Jahre aus der Ferne geliebt“ hatte und jetzt, nachdem er in die „Hochburg der Wonnen“ gezogen ist, mit einer grausigen Mordserie konfrontiert wird. Mehrere Leichen wurden in U-Bahn-Waggons der fiktiven Linie Avenue of the Americans entdeckt. Nicht ganz freiwillig wird Kaufman noch lange in New York bleiben.
Erst 2008 wurde die Geschichte von Ryūhei Kitamura verfilmt. Ironischerweise schrieb Ramsey Campbell beim Erscheinen der Erzählung, es handele sich um „eine Horrorgeschichte in Technicolor, die ihre Herkunft vom Zombiezeichentrickfilm nicht verleugnet, aber geistreicher und lebendiger ist als alle ihre filmischen Pendants.“ Clive Barker schrieb am Drehbuch mit und produzierte den Film, wodurch eine in Ansätzen werkgetreue Adaption gelungen ist, allerdings mit einigen wesentlichen Änderungen.
„Schlachthaus U-Bahn“ lautete das Schlagwort des Monats. (Barker)
Leon Kaufman (Bradley Cooper) ist kein Buchhalter und Single, sondern Fotograf und befindet sich in einer Beziehung mit Maya (Leslie Bibb), die von seiner Obsession, die dunklen Seiten von New York aufzunehmen, wenig begeistert ist. Eines Nachts wird Leon Zeuge, wie eine Frau (Nori Satô) sexuell bedrängt wird. Er filmt die Täter, die darauf tatsächlich von ihr ablassen. Die Frau, ein bekanntes Model, bedankt sich bei Kaufman, verabschiedet sich und erreicht im letzten Moment die U-Bahn. Die Tür öffnet ein großer Mann (Vinnie Jones) mit einem Koffer, der eine eigentümliche Bedrohlichkeit ausstrahlt. Bald darauf liest Kaufman in der Zeitung, dass die Frau vermisst wird. Bei dem Mann handelt es sich um den Schlachter Mahogany, der nachts Fahrgäste mit einem riesigen Fleischklopfer erschlägt und die Leichen wie Schlachtvieh aufhängt. Von dem Fleisch der Getöteten ernähren sich reptilienartige Wesen, die „geboren wurden, bevor man überhaupt an die Stadt dachte, als Amerika Waldland und Wüste war“ (Barker) und jetzt in den labyrinthartigen Schächten des U-Bahn-Systems hausen.
Leon und Maya unternehmen eine letzte Reise mit dem Mitternachts-Fleischzug.
Peeping Tom
Barkers Gesamtwerk ist ein von verschiedenen Einflüssen, die von der griechischen Antike, den Gebrüdern Grimm bis hin zum modernen, kosmischen Horror eines H. P. Lovecraft reichen, inspiriertes Universum mit eigenen Mythologien wie die sadomasochistische Welt der Cenobites aus Hellraiser (1987) oder der Stadt Midian, in der die Nightbreed (1990) leben. Oft spielt das Thema Serienmord eine Rolle, beim letztgenannten Film-Beispiel stellt der Täter sogar eine existenzielle Bedrohung für die Bewohner von Midian dar.
Kaufman, dessen Auge und Kamera immer wieder in Nahaufnahmen gezeigt werden, erinnert ein wenig an den von Karlheinz Böhm dargestellten Serienmörder Mark Lewis aus Peeping Tom (1960) von Michael Powell. Ein Mann, der ständig Aufzeichnungen mit seiner Handkamera macht, tötet Frauen und filmt ihre Todesangst. Der Titel ist eine in England geläufige Bezeichnung für einen Voyeur. Der im deutschen Verleih den treffenden Titel Augen der Angst tragende Thriller wurde heftig von der damaligen Kritik verrissen, vielleicht weil er zu sehr die Möglichkeit zeigte, eine Gesellschaft vollständig zu überwachen. Augen, Blicke und Überwachung sind in Midnight Meat Train überpräsent, alleine die vielen Videokameras in den U-Bahn-Anlagen. Barker beschreibt, wie eine der Kreaturen „den blauen süßen Happen eines Frauenauges“ vertilgt. Als Randle Cooper (Ted Raimi) von Mahogany hinterrücks niedergeschlagen wird, springt sein Auge aus der Höhle. Kaufman entwickelt immer mehr eine Besessenheit für Mahogany und kleidet sich schließlich sogar in eine Schlachterschürze.
Die Blendung des Ogers
Ähnlich wie in Grimms Märchen Der Räuber und seine Söhne, in dem einen menschenfressenden Riesen, der zugleich einen Schatz hütet, eine ätzende Flüssigkeit in die Augen gegossen wird, zieht Barker eine Parallele zu der „Blendung des Ogers“ in der drastischen Beschreibung des Kampfes zwischen Kaufman und Mahogany: „Mahogany wurde unversehens blind. Mit wehmütiger Trauer um seine Sinne war er sich bewusst, dass er nie mehr sehen oder hören würde.“
Zugleich ist der mit einem grotesken Hammer und als Reminiszenz an Candyman mit einem Haken bewaffnete Mahogany eine tragische Figur, vergleichbar dem Fährmann aus Grimms Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren, der ewig rudern muss, bis ihn jemand ablöst.
Ghoul beim Fraß
Für Barker ist das Werk von Howard Phillips Lovecraft die Grundlage des modernen Horrors. Entsprechend enthalten viele seiner eigenen Geschichten lovecraftsche Motive. Vor allem zu Lovecrafts 1927 erschienenen Erzählung Pickmans Modell finden sich einige deutliche Parallelen: Der für seine makabren Gemälde berüchtigte Maler Pickman ist spurlos verschwunden. Besonders ein realistisch wirkendes Bild, das einen Menschen verschlingenden Ghoul zeigt – Ghoule sind gespensterhafte, auf Friedhöfen hausende Leichenfresser – gilt als Meisterwerk, das aber niemand kaufen will. Eine Fotografie enthüllt schließlich die schreckliche Wahrheit. Vielleicht wird Leon, den die Ablehnung der Galeristin Susan Hoff (Brooke Shields) hart trifft, ganz bewusst als ein moderner Nachfahre Pickmans gezeigt. Auch Barker selbst ist als Maler und Graphiker tätig. Die unheimlichen Wesen in den U-Bahn-Schächten könnten Ghoule sein, vor allem da sich bei Lovecraft auch die Beschreibung eines Massakers an Fahrgästen findet.
C.H.U.D.s
Als Vorläufer von Midnight Meat Train gilt C.H.U.D. – Panik in Manhattan (1984) von Douglas Cheek, der etwa zeitgleich wie Barkers Vorlage entstand. Legendär ist die Eröffnungsszene, als sich ein Kanaldeckel öffnet und eine Frau mit ihrem Hund in einen Schacht gezerrt wird. Nur ein Schuh bleibt zurück. Ein Fotoreporter berichtet über „Undergrounders“ – Wohnsitzlose, die sich im Kanalisationssystem aufhalten. Einige von ihnen verschwinden spurlos. Der Fotograf und seine Partnerin entdecken, dass durch Strahlung mutierte Menschen, die titelgebenden C.H.U.D.s – Cannibalistic Humanoid Underground Dweller –, sich von Menschenfleisch ernähren. Die C.H.U.D.s werden als schlanke, hundeähnliche, aber aufrecht gehende Wesen dargestellt, ähnlich wie die Ghoule bei Lovecraft, allerdings mit leuchtend gelben Augen.
Behörden unterbinden Untersuchungen zu den Vorfällen. In Barkers Geschichte denkt Kaufman, dass es Autoritäten gibt „die dieses gräßliche Geheimnis kannten, deren Leben dazu ausersehen war, diese Wesen des Abscheus zu erhalten, sie zu füttern“ und zieht einen Vergleich mit Opferungen an Götter. In Kitamuras Verfilmung tragen Mahogany und eine Polizistin ein eigenartiges Emblem auf Schmuckstücken, was auf eine enge Kooperation hindeutet. C.H.U.D. und Midnight Meat Train sind gesellschaftskritische Horrorfilme, die als Metaphern für negative Phänomene im öffentlichen Raum wie Gewalt und Korruption gesehen werden können. Sicher nicht zufällig erinnert Mahoganys Name so deutlich an die Brecht/Weill-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930).
Fazit
Eine etwas über 50 Seiten umfassende Erzählung in Spielfilmlänge adäquat zu gestalten, ist schwierig. Mahogany wirkt wie eine Kunstfigur, ein moderner Oger mit einem riesigen Hammer, der in computeranimierten Splatter-Bildern Menschen erschlägt, dessen Jagdterrain sich aber lange nicht mehr in dunklen Wäldern befindet. Die glitzernden Großstadtaufnahmen und als Kontrast die düsteren, bedrohlichen Bilder des U-Bahn-Netzes in grellen Blau- und Grüntönen lassen Midnight Meat Train wie ein von Pickmans Modell inspiriertes Remake von C.H.U.D. erscheinen, aber ein weitgehend gelungenes!
Literatur
The Clive Barker Archive: The Midnight Meat Train. https://www.clivebarkerarchive.com/midnight-meat-train
Barker, Clive (1987): Das erste Buch des Blutes. Mit einem Vorwort von Ramsey Campbell. München: Droemer-Knaur.
Lovecraft, Howard Phillips (2005): Namenlose Kulte. Horrorgeschichten. Gesammelte Werke Band 2. Leipzig: Festa Verlag
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