Chris Raven wird von einer KI angeklagt, die er selbst unterstützt hat.
Unschuldig vorverurteilt
Der Polizist Chris Raven (Chris Pratt) erwacht an einem Stuhl gefesselt und wird von einer KI-Richterin (Rebecca Ferguson) darüber aufgeklärt, dass er seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) ermordet habe. In 90 Minuten soll er dafür hingerichtet werden, sofern er nicht ausreichend Beweise für seine Unschuld liefern kann. Dafür stehen ihm immerhin Telefonanrufe und das gesamte Internet für die Recherche zur Verfügung. Allerdings deuten alle Indizien auf seine Schuld hin. Er hatte Streit mit seiner Frau und ein Anruf bei deren Affäre liefert nur ein weiteres Motiv für seine mögliche Schuld. Hinzu kommt, dass er sich kaum an den Tattag erinnern kann, da er volltrunken in einer Bar verhaftet wurde. Seine Alkoholsucht lässt ihn dabei nicht besser dastehen.
Dann überlegt Chris noch einmal. Hatte der Lover seiner Frau nicht etwas von Problemen bei ihr auf Arbeit gesagt? Er geht der Spur nach und findet heraus, dass in ihrer Firma Chemikalien abhanden gekommen sind, mit denen sich sowohl die Droge Crystal Meth als auch Sprengsätze herstellen lassen. Nun geht es nicht mehr nur darum, den Mord an Ravens Frau aufzuklären, sondern einen Anschlag auf das Gerichtsgebäude zu verhindern, bei dem tausende Menschen sterben könnten. Darunter auch Chris‘ Tochter Britt (Kylie Rogers), die vom Amokfahrer Rob (Chris Sullivan) als Geisel genommen wurde. Da der wahre Täter nun feststeht, ist Raven frei, doch dadurch verliert er auch den Zugriff auf die Überwachungsinstrumente der KI, die unerlässlich sind, um den Anschlag zu verhindern.
Wenn eine KI Richter, Geschworener und Henker ist
Mercy spielt in der nicht allzu fernen Zukunft des Jahres 2029 und präsentiert eine leider nicht unwahrscheinliche Dystopie. Um die Kriminalität in den USA in den Griff zu bekommen, wurde die KI Mercy entwickelt, die so ziemlich das genaue Gegenteil von Gnade verkörpert. Tatverdächtige werden binnen 90 Minuten abgeurteilt und hingerichtet. Die Unschuldsvermutung existiert nicht mehr, die Beweislast ist umgekehrt und auch Geschworene sucht man vergebens. Wer auf dem Anklagestuhl festgeschnallt ist, gilt automatisch als schuldig und verlässt den Gerichtsaal in der Regel nicht mehr lebend. In Trumps Amerika sicherlich nicht ganz undenkbar.
Ironischerweise hat der Angeklagte Chris Raven das Mercy-Programm zuvor noch unterstützt und obendrein den ersten Gefangenen an die KI ausgeliefert. Der vermeintliche Mörder war jedoch unschuldig und wurde verurteilt, da Ravens Kollegin Jacqueline Diallo (Kali Reis) einen Entlastungsbeweis verschwinden lassen hat, um der Öffentlichkeit einen Ermittlungserfolg zu liefern. Die KI konnte nur mit dem vorhandenen Indizienmaterial arbeiten, was den grundlegenden Fehler bei Künstlicher Intelligenz offenbart. Sie ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird.

Fehlen Daten, beginnen KIs zu halluzinieren und ziehen mitunter falsche Schlüsse. Noch schlimmer wird es, wenn einer KI gezielt Desinformationen eingegeben werden, was in diesem Fall zur Hinrichtung eines Unschuldigen führte. Dessen Bruder Rob hat daraufhin einen Plan ausgeklügelt, es dem in seinen Augen verantwortlichen Chris Raven heimzuzahlen. Er arbeitet in derselben Firma wie Nicole Raven, was es ihm leicht macht, sich mit der Familie anzufreunden. Rob versteckt sich nach einer Party im Haus der Familie Raven und wartet den richtigen Moment ab, zuzuschlagen. Anschließend hängt er Chris den Mord an dessen eigener Frau an.
Doch damit nicht genug, will Rob das Unrechtssystem von Mercy zu Fall bringen. Da die Firma, in der er arbeitet, mit Chemikalien handelt, kann er daraus Bomben bauen. Nicole wurde von ihrem Chef auf die fehlenden Chemikalien angesetzt, was ein weiteres Motiv für den Mord darstellt. Der Anschlag kann zwar verhindert werden, doch wird ein ganzes S.W.A.T.-Team bei der Razzia in Robs Garage durch eine Bombe ausgelöscht und bei der anschließenden Amokfahrt werden Dutzende weitere Menschen getötet und verletzt. Das alles nur, weil die Mercy-KI ein Fehlurteil gefällt hat.
Chris überlebt den Prozess unterdessen nur, da er als Polizist genügend Berufserfahrung mitbringt und den wahren Täter ermitteln kann. Jeder andere Unschuldige wäre dagegen völlig verloren und könnte wohl in den 90 Minuten bis zur Exekution kaum ausreichend Entlastungsbeweise zusammentragen. Das Ausmaß der staatlichen Überwachung, welches Raven nutzt, ist allerding nicht nur positiv zu bewerten, sondern stellt einen massiven Eingriff in die Privatsphäre der gesamten Bevölkerung dar. So ist jedes Handy mit der Mercy-Cloud verbunden, womit sie Zugriff auf alle privaten Daten hat. Nicole und ihre heimliche Affäre mussten unregistrierte Handys vom Schwarzmarkt nutzen, um ihr Verhältnis geheim zu halten.
Es ist mehr als beunruhigend, gläserner Bürger in einem totalitären Staat zu sein. Zumal die ganze Überwachung keineswegs dazu führt, dass keine Morde mehr begangen oder in jedem Fall die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist sogar das Gegenteil der Fall. Und wo wurde der Mord begangen, für den Robs Bruder zu Unrecht hingerichtet wurde? In einem Armenghetto! Um die Kriminalität einzudämmen, hat der Staat einfach Zonen eingerichtet, welche Straftäter und solche, die es werden könnten, nicht verlassen dürfen. Mit anderen Worten werden Arme und Gangster einfach pauschal ausgegrenzt, statt die Ursachen von Kriminalität zu bekämpfen und tatsächliche Straftäter zu resozialisieren.
Hartes Durchgreifen, ohne Rücksicht auf Verluste – das klingt doch irgendwie vertraut! Und genau dieses brutale Durchgreifen gefährdet am Ende auch Ravens Tochter Britt, die von der Polizei geopfert werden soll, um den Truck mit der Bombe zu stoppen. Zum Glück gelingt es dem Vater, die KI zu überzeugen, auf ihren Instinkt zu hören, sodass sie zu seinen Gunsten eingreift. Allerdings ist auch das nicht ungefährlich. Einerseits sterben dadurch andere Unschuldige, zum anderen ist eine KI, die auf ihr Bauchgefühl hört, nicht gerade zuverlässiger als eine, die empathielos anhand mangelhafter Daten entscheidet. Immerhin im Film geht alles gut aus und sowohl Rob als auch Officer Diallo, die für den Tod seines Bruders verantwortlich ist, werden am Ende verhaftet.
Gelungener Spannungsaufbau
Der Film beginnt zunächst als Kammerspiel in einem abgeschlossenen Raum, in dem alles aus der Perspektive des Angeklagten Chris Raven erzählt wird. Dieser kann sich zunächst an nichts erinnern, da er gerade aus einem Alkoholrausch erwacht ist. Nach allem, was die KI ans Licht fördert, scheint er zunächst schuldig. Die Wahrscheinlichkeit seiner Schuld wird von der KI mit über 90% berechnet und an diesem Level ändert sich zunächst nicht viel. Im Gegenteil schnellt die Wahrscheinlichkeit zwischenzeitlich sogar auf 98% hoch.
Chris muss sich erst einmal sammeln, doch dazu bleibt ihm nicht viel Zeit. Jede Spur, die ihn retten könnte, scheint in einer Sackgasse zu enden. In der zweiten Hälfte nimmt der Film allerdings Fahrt auf und spart nicht mit Action. Der Angeklagte durchläuft während des Prozesses eine enorme Entwicklung. So muss er erkennen, wie seine Alkoholsucht seine Ehe und Familie zerstört hat. Man erfährt aber auch, dass ihn der tragische Tod seines Partners Ray Vale (Kenneth Choi), für den er sich die Schuld gibt, ihn dorthin geführt hat.
Chris Pratt, der vor allem als Starlord aus der Guardians of the Galaxy-Trilogie sowie weiteren Marvel-Filmen und als Owen Grady aus den ersten drei Teilen von Jurassic World bekannt ist, arbeitet hier ein breites Spektrum an Emotionen ab. Angefangen bei Verwirrung über Wut bis hin zu Verzweiflung, bevor seine Rolle dann endlich auf die richtige Spur kommt und sogar bereit ist, sich zu opfern, um einen Anschlag zu verhindern.
Völlig emotionslos ist dagegen die KI der Richterin. Das Spiel von Rebecca Ferguson ist hier bewusst hölzern, wobei die KI mitunter schon ins Stocken kommt, als sie ihre Fehler erkennt und neustarten muss, um sich zu fangen. Das Gesicht einer Künstlichen Intelligenz darzustellen war gewiss eine Herausforderung, wobei es erfreulich ist, dass die Schauspielerin noch nicht durch eine KI ersetzt wurde. Was Ferguson sonst noch drauf hat, hat sie bereits als Lady Jessica in der Neuverfilmung von Dune (2021/2024) sowie in Men in Black: International (2019) bewiesen. Eine wiederkehrende Rolle hatte sie außerdem als Ilsa Faust in drei Mission Impossible-Filmen, wobei sie es im vorletzten Teil der Reihe schon einmal mit einer KI zu tun hatte.
Rob Nelson wird von Chris Sullivan gespielt, der hier zunächst den netten Bekannten gibt, bis er sein wahres Gesicht offenbart. Seine Rolle hat dabei ein menschlich nachvollziehbares Motiv und will eigentlich das Richtige – nur sind seine Methoden rücksichtslos und kriminell. Sullivan stand Chris Pratt in Guardians of the Galaxy Vol. 2 (2017) übrigens schon einmal als Taserface gegenüber. Kali Reis, die Officer Diallo spielt, ist hingegen noch recht neu im Filmgeschäft und war bis zu ihrer ersten Rolle im Jahr 2021 Profiboxerin.
Regisseur Timur Bekmambetow hat für Mercy einen interessanten Cast versammelt und einen wirklich packenden Sci-Fi-Thriller abgeliefert, der erschreckend nah an der Realität ist. Der in der Sowjetunion geborene Filmemacher ist kein Unbekannter und machte schon mit den russischen Fantasy-Filmen Wächter der Nacht (2004) und Wächter des Tages (2006) international auf sich aufmerksam. Danach siedelte er nach Hollywood über, wo er u. a. Wanted (2008), Abraham Lincoln Vampirjäger (2012) und das Remake von Ben Hur (2016) ablieferte.
Fazit zu Mercy: Der richtige Film für diese gnadenlose Zeit
Obwohl sich der Film größtenteils in einem Raum abspielt, kommt in keiner Sekunde Langeweile auf. Die Spannung wird dabei langsam, aber stetig gesteigert und endet in einem unerwarteten Actionfeuerwerk. Dieses wird über Bildschirme gezeigt, denn die Handlung bleibt immer direkt beim Protagonisten. Diese Perspektive ist erfrischend und das Thema brandaktuell. Dabei werden sowohl die positiven als auch die gefährlichen Aspekte Künstlicher Intelligenz aufgezeigt.
Info
Drehbuch: Marco van Belle
Regie: Timur Bekmambetow
Musik: Ramin Djawadi
Kamera: Khalid Mohtaseb
Schnitt: Austin Keeling & Lam T. Nguyen
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