Review: Dune (2021)

Lesezeit circa: 12 Minuten

Seit Mitte September läuft Denis Villeneuves Remake von Dune in den Kinos. Wie schlägt sich dieses im Vergleich zur Verfilmung von David Lynch?

Die Handlung kurz zusammengefasst

Im Jahr 10.191 nach neuem Kalender, was in etwa dem Jahr 22.000 nach unserer heutigen Zeitrechnung entspricht, ringen die großen Häuser unter dem Imperator Shaddam IV. um die Kontrolle des Spice. Diese Droge dient der Raumfahrergilde zur interstellaren Navigation und wird außerdem vom Orden der Bene Gesserit benutzt, um in die Zukunft zu sehen. Das Spice kommt allerdings nur auf dem Wüstenplaneten Arrakis vor.

Dieser wird gerade von dem einflussreichen Haus Harkonnen ausgebeutet, welches mit äußerster Brutalität gegen das einheimische Volk der Fremen vorgeht. Als der Imperator den Planeten an das Haus Atreides übergibt, keimt Hoffnung auf dem Planeten, der auch Dune genannt wird. Doch die Verschnaufpause dauert nicht lange, denn die Übergabe stellt sich als Falle heraus. Der Imperator fürchtet den zunehmenden Einfluss von Herzog Leto Atreides, der im Rat der Häuser äußerst beliebt ist. So verschwört er sich mit den Harkonnen und unterstützt heimlich deren Truppen mit eigenen Sardaukar-Elitesoldaten bei der Rückeroberung von Arrakis.

Während der Mord an Leto gelingt, können dessen Konkubine Jessica und ihr gemeinsamer Sohn Paul in die Wüste entkommen. Paul, der sowohl von den Bene Gesserit als auch von den einheimischen Fremen als möglicher Messias betrachtet wird, gelingt es, sich bei dem Wüstenvolk Respekt zu verschaffen. Er und seine schwangere Mutter erhalten nach einem erfolgreich bestandenen Zweikampf Zuflucht bei den Fremen.

Doch alles ist noch viel komplexer

Viel kürzer lässt sich die Handlung nicht zusammenfassen. Wobei hier schon auf die Erwähnung des Verräters Dr. Yueh, des heldenhaften Duncan Idaho, Gurney Halleck, des Stammesfürst Stilgar und der Fremin Chani, von welcher Paul Atreides seit Jahren träumt, verzichtet wurde. Es gibt einfach unglaublich viele Charaktere, die in einer weitaus komplexeren Handlung agieren, als jede Form der Zusammenfassung es auch nur ansatzweise wiedergeben könnte.

Genau daran ist David Lynch 1984 gescheitert. Sein Film beginnt mit einer Stimme aus dem Off, die erst einmal das grundlegende Universum von Dune erklärt und dabei schon ein „Ach übrigens, ich vergaß zu erwähnen …“ anfügen musste. Und zu erwähnen gäbe es noch viel. Zum Beispiel, warum in der Zukunft des Jahres 10.191 alle Formen von künstlicher Intelligenz verboten sind. Das Dune-Universum ist derart ausgeklügelt, dass noch ein gutes Dutzend Sequels und Prequels nötig wären, um alle Aspekte auszuleuchten.

Denis Villeneuve hat sich erfreulicherweise dazu entschieden, schon den ersten Roman in zwei Kinofilme epischen Ausmaßes aufzuteilen. David Lynch hatte seinerzeit alles in 137 Minuten gepackt, wobei es noch eine etwas längere TV-Version seiner Verfilmung gibt. Diese Verkürzung hatte zur Folge, dass die Befreiung von Arrakis in der zweiten Hälfte stark komprimiert wurde. Zwei Jahre vergingen dabei wie im Flug. Beim Remake muss man dagegen bis zum zweiten Teil warten, in dem Paul die Fremen in die Schlacht gegen die Harkonnen führen wird.

Diese Entschleunigung ist insbesondere deshalb erfreulich, weil sich Villeneuve viel Zeit für die Charaktere nimmt. Die besten Szenen hat er dabei von Lynch übernommen und teilweise ganze Dialoge wortgenau wiedergegeben. Die Prüfung von Paul Atreides durch die Oberste Bene-Gesserit-Hexe ist ein Beispiel für solch eine gelungene Hommage. Hinzu kommen zahlreiche neue Szenen und Elemente, wie die Dattelpalmen im Hof von Arrakeen. Einige Dinge nehmen auch einen etwas anderen Verlauf, darunter das Ende von Duncan Idaho, dem ein weitaus würdiger Heldentod vergönnt ist als 1984.

Andere Szenen fehlen dafür völlig, was wiederum bei der Überlänge sowie der Aufteilung der Neuverfilmung überrascht. Am negativsten fällt dabei die Reise von Caladan nach Arrakis auf. Es wäre nicht nur schön gewesen, eine Neuinterpretation eines mutierten Navigators zu sehen, mit dieser Entscheidung geht zudem auch eine Schlüsselszene verloren. Immerhin zeigten sowohl David Lynch als auch John Harrison in seiner TV-Verfilmung, wozu das Spice eigentlich da ist und wie es benutzt wird. Da die restliche Handlung aller Buchvorlagen fast ausschließlich auf Arrakis spielt, ist es unwahrscheinlich, dass in einer der Fortsetzungen ein Navigator zu sehen sein wird.

Die Raumfahrergilde kommt ebenfalls nicht vor, obwohl auch sie eine Schlüsselrolle spielt. Der Imperator Shaddam IV. wird nur kurz erwähnt, die Szene auf dessen Heimatwelt Kaitain fehlt in Denis Villeneuves Verfilmung. Aus dem Hause Harkonnen lernen wir zudem nur Baron Vladimir und dessen Neffen Rabban kennen. Feyd, der in David Lynchs Meisterwerk von Sting gespielt wurde, taucht nicht auf. Dafür ist die Trainingswelt der Sardaukar zu sehen, die wiederum in der Erstverfilmung fehlt.

Diese Versäumnisse sind zwar ärgerlich und es bleibt zu hoffen, dass im zweiten Teil zumindest noch etwas davon nachgeholt wird. Oder vielleicht kommt ja noch irgendwann ein dreistündiger Director’s Cut? Jedenfalls ist Villeneuves Adaption trotz alledem ein episches Meisterwerk, das sich möglichst nah an der Romanvorlage hält.

Die Darsteller

Ob ein Film funktioniert, hängt nicht nur vom Inhalt, sondern vor allem von der Besetzung ab. Und die funktioniert in der Neuverfilmung von Dune hervorragend. Timothée Chalamet gibt einen glaubwürdigen Paul Atreides ab, obgleich er etwas in sich gekehrter und melancholischer wirkt als einst Kyle MacLachlan. Sein Vater Leto ist mit Oscar Isaac ebenso gut besetzt, obgleich es an Jürgen Prochnows Darstellung ebenso wenig auszusetzen gab. Als Lady Jessica hat Francesca Annis allerdings einen bleibenderen Eindruck hinterlassen als die eher blasse Rebecca Ferguson.

Wirklich brillant besetzt ist dagegen Duncan Idaho, der diesmal von Jason Momoa verkörpert wird. Diesem ist wesentlich mehr Leinwandzeit vergönnt als seinerzeit Richard Jordan. Diese nutzt Momoa nicht nur für geballte Action, sondern auch für rare humorvolle Einlagen. Auf der anderen Seite tritt Josh Brolins Gurney etwas mehr in den Hintergrund, sodass Patrick Stewarts Auftritt in der Lynch-Verfilmung mehr im Gedächtnis bleibt.

Die Rolle des Dr. Yueh wurde diesmal mit dem taiwanesischen Schauspieler Chang Chen besetzt, was dank des Rollennamens auch prima funktioniert und für etwas mehr Diversität sorgt. Diese spürt man ebenso bei den Fremen, allen voran bei Dr. Kynes. Im Original wurde dieser durch Max von Sydow verkörpert. Mit Sharon Duncan-Brewster wechselt dieser Charakter nicht nur die Hautfarbe, sondern auch das Geschlecht.

Weiter geht es mit dem Stammesfürsten. Javier Bardem gibt einen wesentlich orientalischer wirkenden Stilgar ab als einst Everett McGill. Zendaya als bildhübsche Chani bleibt einem zudem mehr im Gedächtnis als Sean Young, die in der alten Verfilmung kaum Text hatte und daher eher wie eine Statistin wirkte.

Die Darstellung der Harkonnen hat sich ebenfalls stark gewandelt. Statt der rothaarigen Widerlinge von einst erscheinen sie heute eher als kahlgeschorene Brutalisten. Stellan Skarsgåard ist daher schwer mit Kenneth McMillan vergleichbar. Er wirkt weniger widerwärtig als vielmehr unheimlich. Dave Bautista macht derweil trotz eher geringer Leinwandzeit als Rabban mehr her als Paul L. Smith. Seine Darstellung ist direkt angsteinflößend, während Rabban in der Lynch-Verfilmung eher wie eine jüngere Kopie von Vladimir wirkt, nur halt als weniger bedeutender Nebendarsteller, der am Ende seinen Kopf verliert.

Das Setting und die Kostüme

Nicht wenige kritisieren die Neuinterpretation von Denis Villeneuve wegen des düsteren Settings. Tatsächlich sind die Farben recht dunkel gehalten und der Hauptcharakter Paul Atreides läuft die ganze Zeit in Schwarz herum, als käme er gerade von einem Gothic-Festival. Zugegeben, das ist Geschmackssache, aber da der Autor dieser Rezension selbst zur schwarzen Szene gehört, gibt es dafür einen fetten Pluspunkt!

Zudem darf nicht vergessen werden, dass schon David Lynchs Verfilmung ziemlich dystopisch war. Seine Festung der Atreiden war sogar noch schwärzer und könnte glatt aus einem Alptraum von H.R. Giger stammen. Bei Villeneuve ist dafür alles etwas größer und ausgedehnter, was der Optik sehr zugute kommt. Am Ende wirkt dadurch trotz der dunklen Töne alles etwas weniger beklemmend als bei Lynch.

Vernichtende Kritik gegen beide Filme hagelte es vor allem von Alejandro Jodorowsky, der einst selbst Frank Herberts Roman verfilmen wollte. Seine Interpretation wäre allerdings unter dem künstlerischen Einfluss von Salvador Dali äußerst psychedelisch ausgefallen. Die grellbunten Designkonzepte sowie die SM-lastigen Kostümentwürfe lassen Schlimmes erahnen.

Noch schlimmer ist jedoch Jodorowskys Bemerkung, dass er die Romanvorlage „vergewaltigen“ wollte, so wie man das mit einer Frau machen müsse. Diese Äußerung, die er im Rahmen der Dokumentation Jodorowsky’s Dune tatsächlich vom Stapel gelassen hat, ist nicht nur sexistisch und frauenverachtend, Frank Herbert hätte es zudem wohl nicht gern gesehen, wenn sein Klassiker der Weltliteratur „vergewaltigt“ worden wäre. Noch dazu von einem Regisseur, der seinen eigenen minderjährigen Sohn im Film El Topo nackt auftreten lassen hat. Der Typ ist ja mal sowas von creepy!

In diesem Sinne ist es wohl besser, dass uns Jodorowskys zehnstündige Sex- und Gewaltorgie erspart geblieben ist und wir stattdessen von David Lynch und Denis Villeneuve beglückt worden sind. Deren düsteres Setting ist allemal besser als die grellen Fetischfantasien, die zum Glück nicht über das Planungsstadium hinausgekommen sind. Aus Jodorowskys ablehnender Kritik spricht im Prinzip nur der blanke Neid.

Die Effekte

Die Planetenlandschaften des Remakes sind schier atemberaubend und der Weltraum fühlt sich ebenso realistisch an. Was die Bewohner von Arrakis angeht, übertreffen die heutigen Computeranimationen der Spicewürmer logischerweise die alten Puppen von anno dazumal. Die Mäuler unterscheiden sich dabei deutlich und sind rund statt viergeteilt. Außerdem wirken die Zähne eher wie Barten von Walen. Die Fauna auf Arrakis besteht aber nicht nur aus Riesenwürmern, sondern auch aus kleinen Mäusen, die recht putzig daherkommen.

Die Fahrzeuge halten sich derweil deutlich näher an die Romanvorlage. Vor allem bei den libellenartigen Helikoptern hat man sich sehr viel Mühe gegeben und zeigt ihre Funktionsweise sehr detailliert. Die Spice-Ernter wirken ebenfalls realistischer und funktionaler, nicht wie die wackeligen Gummimodelle in der alten Verfilmung. Gleiches gilt für die Carrier, welche die Erntemaschinen transportieren. Villeneuve nimmt sich viel Zeit, die Technologie im Detail vorzuführen, weshalb der Carrier in der Wurmangriffsszene nicht mal ebenso aufgrund von Sabotage ausfällt, sondern der dramatische Fehlschlag der Rettung ausführlich gezeigt wird.

Etwas enttäuschend sind lediglich die röhrenförmigen Mutterschiffe für die interstellare Raumfahrt. Diese kommen gänzlich schmucklos und hohlwandig daher, während sie bei Lynch geradezu protzig erscheinen und einen atemberaubenderen Eindruck hinterlassen. Bei der Anreiseszene hat sich Lynch aber ohnehin viel mehr Zeit gelassen als Villeneuve, obwohl es sich beim Rest beider Filme eher umgekehrt verhält.

Bei den Spezialeffekten liegt die Neuverfilmung selbstverständlich um Größenordnungen vorn, was schon aufgrund des technischen Fortschritts der letzten 37 Jahre nicht verwundern sollte. Für 1984 sieht der alte Dune gar nicht mal so übel aus, nur mangelt es ihm aus heutiger Sicht an Realismus. Da fährt die Neuverfilmung ganz andere Kaliber auf und lässt die Zuschauer tief in die fremden Welten von Caladan und Arrakis eintauchen. Allein deshalb ist die Neuverfilmung schon ein Geschenk an alle Fans. Einzig auf den 3D-Effekt hätte verzichtet werden können, da dieser kaum auffällt.

Der Soundtrack

Hans Zimmer ist ein begnadeter Komponist, dessen Soundtracks selbst solch misslungenen Filmen wie Interstellar noch etwas Positives abgewinnen lassen. Dennoch reicht er diesmal nicht an den Kultstatus des Toto-Soundtracks von der ersten Verfilmung heran. Beim Wüsten-Thema kann man zwar ein paar Anleihen heraushören, doch die alte Titelmelodie vermisst man schon irgendwie. Ebenso das sphärische Prophecy-Thema, welches der Lynch-Verfilmung eine verträumte Atmosphäre abtrotzt.

Fazit: Absolut sehenswert!

David Lynchs Interpretation war seinerzeit aufgrund deutlicher Schwächen ein Flop und brauchte über ein Jahrzehnt, um einen gewissen Kultstatus zu erlangen. Leider blieben damals die Folgebände von Frank Herbert unverfilmt. Es folgte die vergessenswerte TV-Miniserie von John Harrison, die zwar die Handlung fortsetzte, aber aufgrund der uninspirierten Umsetzung und billiger Computereffekte noch weniger überzeugen konnte. Dagegen blieb sogar die erste Verfilmung von Lynch ein Meisterwerk.

Denis Villeneuve genießt nunmehr das Privileg eines weitaus größeren Budgets, aus dem der talentierte Regisseur das Beste herausholt. Die Besetzung und die Effekte sind erstklassig, die Erzählweise ist spannend und dennoch ausführlich und lässt nur weniges aus. Letzteres ist eigentlich das Einzige, was ernsthaft zu kritisieren wäre. Aber warten wir die Fortsetzung ab, vielleicht wird da das Fehlende noch nachgeholt. Die Vorfreude, dass diesmal alle von Herberts Dune-Büchern umgesetzt werden könnten, ist jedenfalls groß.

Bei entsprechendem Erfolg könnte es sogar noch mehr aus dem Duniverse geben, darunter vielleicht ein Prequel über den Krieg gegen die künstliche Intelligenz, der zum Verbot der Roboter und Androiden führte. Man darf gespannt sein, was noch kommt. Gerade in Zeiten, in denen Franchises wie Star Trek und Star Wars zunehmend dem schnellen Profit geopfert werden, wäre ein neues episches Universum sehr willkommen.


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