Hexenflasche ist der Auftakt zur Castlevania-Trickserienadaption.

Wenn sich etwas zum Besseren verändert

Videospiele und ihre Adaptionen, das ist eine lange und vor allem leidensvolle Geschichte. Denn was in der Welt der elektronischen Unterhaltung wunderbar funktioniert, wurde lange Zeit nicht gerade gut umgesetzt. Videospielefans erinnern sich noch mit Grauen an den Mario Bros.-Realfilm aus den 1990er Jahren oder wie das erste Modell von Sonic the Hedgehog in seiner eigenen Verfilmung aussah. Ebenso lässt der Name Uwe Boll einen zusammenzucken, der ja eine Zeit lang Spieleadaptionen in Serie produzierte, die legendär schlecht waren.

In den letzten Jahren hat allerdings eine Veränderung stattgefunden. Vermutlich inspiriert durch die erfolgreichen Comicadaptionen wurden ungefähr ab Ende der 2010er Jahre endlich auch Videospiele ernsthaft adaptiert. Ein positives Beispiel hierfür ist die Castlevania-Reihe, bei der Hexenflasche den Auftakt bildete.

Castlevania ist der Name eine Videospielreihe, die seit den 1980er Jahre von dem japanischen Videospielproduzenten Konami in immer neuen Teilen herauskam. Einige dieser Titel haben heute in der Videospielszene einen legendären Ruf. Dabei ist die Story häufig relativ einfach. Ein Held, überwiegend einer aus der Familie Belmont, der mit einer Peitsche namens Vampirkiller bewaffnet ist, zieht gegen den bösen Vampir Dracula zu Felde.

Rache aus Liebe

In jedem Fall sollte die Videospielreihe bereits 2005 verfilmt werden. Doch die Produktion landete in der Entwicklungshölle, ehe Netflix die Rechte an der Adaption 2015 aufkaufte und aus der Verfilmung eine Zeichentrickserie aus dem Hause Powerhouse Animation machte. Das Besondere an dieser war, dass der britische Comicautor Warren Ellis, der in der Welt der bunten Bilder einen Ruf als innovativer Schreiber mit einer Abschlussschwäche hat, zum alleinigen Drehbuchautor der Serie wurde. Die erste Staffel feierte 2017 mit vier Folgen Umfang und der Episode Hexenflasche ihr Debüt.

Im Jahr 1455, in der Walachei, sucht eine junge, wissenshungrige Frau namens Lisa (Emily Swallow) Vlad Dracula Tepes (Graham McTavish ) auf. Sie lässt sich von ihm nicht einschüchtern, sondern gibt ihm Kontra. Beeindruckt von ihr, stimmt der Graf ihrem Vorschlag zu, sie zu lehren, während sie ihm hilft, wieder mit der Menschlichkeit anzuknüpfen.

20 Jahre später wird sie zu einem Opfer der Kirche. Da wissenschaftliche Instrumente in ihrem Haus gefunden wurden, wird sie auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Noch mit ihrem letzten Atemzug bittet sie Dracula, der in den Jahren zuvor zu ihrem Gatten geworden ist, die Menschen zu verschonen. Doch der, zornentbrannt, stellt den Bewohnern der Walachei ein Ultimatum: Sie haben ein Jahr Zeit, den Landstrich zu verlassen, ansonsten wird er sie niedermetzeln. Als das Zeitlimit abgelaufen ist und die Menschen immer noch vorhanden sind, beginnt ein beispielloses Massaker.

Wenig Handlung auf normaler Laufzeit

Wenn man Hexenflasche sieht, fällt einem als allererstes auf, dass diese Episode eher wenig Handlung hat. Das, was hier geschieht, ist etwas, was andere Trickserien maximal innerhalb der Hälfte der Laufzeit von grob 30 Minuten abhandeln, um so zum Beispiel der Einführung der Helden mehr Raum zu geben, als nur die letzten drei Minuten. Comicfans kennen das jedoch schon. Denn Warren Ellis ist unter anderem dafür bekannt, dass er sich meisterhaft darauf versteht, wenig Handlung möglichst lang zu machen. Womit er allerdings nicht der einzige Autor ist.

Es geschieht also entsprechend wenig. Aber das, was hier geschieht, ist für die Serie enorm wichtig. Denn mit dieser Episode wird ausführlich der Antagonist eingeführt und charakterisiert. Und es handelt sich hierbei um einen Gegenspieler, der Sympathien beim Zuschauer erweckt.

Dracula wird in Hexenflasche als jemand dargestellt, der aus Liebe etwas getan hat, was zuvor unmöglich erschien. Er hat auf seine Macht verzichtet und als gewöhnlicher Mann gemeinsam mit Lisa gelebt. Und anhand seiner Reaktion auf ihr Verschwinden, auf ihren Tod, merkt man, wie viel sie ihm bedeutet hat.

Gut wird Böse und umgekehrt

Dabei wird in dieser Episode nur Anfang und Ende der Beziehung präsentiert. Man bekommt mit, wie er sie das erste Mal trifft und von ihr fasziniert ist. Weil sie ebenso schön wie mutig und intelligent ist. Was dann seine Reaktion auf ihr Ableben umso verständlicher macht.

Und somit gelingt Warren Ellis in Hexenflasche eine Umkehrung der Verhältnisse. Die Bösen sind – zumindest in der Auftaktfolge – nicht Vlad Dracula und seine Horde an Dämonen und anderen Monstren. Sondern die Menschen, vor allem die Kirche, die in ihrem verblendeten Wahn eine Unschuldige umbringt.

Wieso die Zivilbevölkerung nichts gemacht hat, wird in dieser Episode nur angedeutet. Aber anhand der Reaktion des Bürgermeisters auf den eindeutig fanatischen Prediger lässt sich vermuten, dass die Zivilisten aus Angst nichts unternommen haben. Angst, am Ende ebenfalls auf dem Scheiterhaufen zu landen.

Visuell beeindruckend

Die Einführung des eigentlichen Protagonisten, Trevor Belmont, gerät dabei in Hexenflasche zu einer Art Nachtrag. Man erfährt nichts über ihn, außer dass seine Familie bei der Bevölkerung in Ungnade gefallen ist. Bis man allerdings diese interessante Info erhält, darf man erstmal zwei klischeehaften inzüchtigen Hinterwäldlern dabei zuhören, wie sie sich über einen Ziegenficker unterhalten. Das ist natürlich grenzwertiger, derber Humor, der in komplettem Kontrast zu der ernsten Story steht, die man zuvor gesehen hat.

Visuell ist Castlevania über alle Zweifel erhaben. Man merkt, dass einige Leute des Animationsstudios auch in Japan gearbeitet haben, weil ein starker animeartiger Einschlag sich bemerkbar machte. Gleichzeitig gibt es Szenen, die einen optisch umhauen, wie etwa die Flammen, die Draculas Gesicht darstellen, während er spricht. Oder, wenn die mächtige Kathedrale am Ende nach und nach zerstört wird. Oder, oder, oder …

Hexenflasche ist ein vielversprechender Auftakt zur Castlevania-Reihe. Trotz aller Kritik wird die Vorfreude auf kommende Episoden gut angefacht.

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Götz Piesbergen
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