Drake lebt in der dystopischen Welt des British Sky Empires.
Willkommen in Dystopia
Rust City, ein Arbeiterviertel im British Sky Empire, ist die Heimat von Drake. Auf dem Weg zu seinem Job in einer Müllrecyclinganlage hält er jeden Morgen vor dem alten Rathaus, wo fünf Jahre zuvor sein älterer Halbbruder mit einem Flugzeug verunglückt ist. Dieser erscheint ihm noch immer in Visionen, insbesondere, wenn er die Droge Dust konsumiert. Allerdings hat Drake Erinnerungslücken und weiß noch gar nicht, dass es sich um seinen Halbbruder handelt.
An diesem Tag bringt er mit seinem Verhalten seinen Freund Jared in Gefahr. Als er sich die Hand verletzt, bietet dieser ihm ein antiseptisches Pflaster an, doch in seinem Drogenwahn gerät Drake darüber in Streit. Das bleibt nicht unbemerkt. Commander Wessex, ein hoher Offizier, der sich um die maximale Ausbeutung der Arbeiterschaft sowie Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung kümmert, hat den Drogenrausch bemerkt. Er lässt jedoch zunächst Jared dafür bestrafen, bevor er Drake einer schmerzhaften Leibesvisitation unterziehen lässt.
Unterdessen hat Akito, ganz andere Probleme. Er wird von Gangmitgliedern angegriffen. Diese kann er zwar überwältigen, doch hinterlässt deren sexuelle Misshandlung psychische Spuren bei ihm. Bei einem Stelldichein mit seiner Freundin Lara kommen unangenehme Flashbacks nach oben. Doch kurz darauf wird er ohnehin unterbrochen. Ein junger Mann möchte von ihm in Kampfkunst und Schusswaffengebrauch unterrichtet werden. Sung-Ji bietet im Gegenzug an, ihn in gesperrte Stadtviertel zu bringen, denn er hat die Stadtpläne auswendig gelernt. Zunächst reagiert Akito ablehnend, doch Lara mischt sich ein und am Ende haben die beiden einen Deal.
Rezension von Rust City – Volume 1
Die Welt von “Rust City” ist ziemlich düster. Einerseits muss jeder Einwohner nackt vor dem totalitären Staat Rechenschaft ablegen, der jeden Schritt seiner Bürger durch Videokameras überwachen lässt. Andererseits gibt es dennoch genügend tote Winkel, in denen das organisierte Verbrechen floriert und mit Drogen gehandelt wird. Das Imperium ist aber ohnehin nicht übermäßig am Wohl der Bevölkerung interessiert. Alle sollen nur optimal funktionieren, um sie maximal ausbeuten zu können. So werden die Leistungsquoten ständig erhöht, ebenso wie die Preise. Auf der anderen Seite wird für die Ausbreitung des Imperiums massiv aufgerüstet. Die Gesellschaftskritik ist durchaus aktuell.
Weiterhin ist es verboten, eine andere Sprache als Englisch zu benutzen. Von daher ist dieser deutsche Comic auch komplett in englischer Sprache verfasst, was ihn sicherlich den Zugang zum internationalen Markt erleichtert, allerdings auch den Kundenkreis im deutschsprachigen Raum einschränkt. Zumindest dürfte aber jeder verstehen, dass die Parole „Community, Unity, Freedom“ nur eine hohle Phrase ist, denn frei ist in dieser Welt außer den Eliten niemand.
Der junge Protagonist Drake kommt sehr naiv und unbeherrscht daher. Auf der einen Seite ist sein verhalten nachvollziehbar, da er vor fünf Jahren mit ansehen musste, wie sein Halbbruder mit einem Flugzeug ins Rathaus gecrasht ist. Seither nimmt er Drogen, die seine Tagträume verstärken. Offenbar kann er sich aber nicht mehr genau an alles erinnern. Nicht einmal, dass der Typ aus seinen homoerotischen Fantasien sein Halbbruder ist.
Mit seinem unüberlegten Verhalten bringt Drake sich und seinen Kumpel Jared andererseits leichtfertig und völlig unnötig in Gefahr. Zum Beispiel, als er ein antiseptisches Pflaster ablehnt und darüber einen Streit vom Zaun bricht. Damit riskiert er nicht nur eine Infektion, sondern zieht den Zorn von Commander Wessex auf sich und Jared.
Wessex ist wirklich ein übler Zeitgenosse, der völlig empathielos die Interessen des Imperiums durchsetzt. Außerdem sammelt er Videos von Verhören wie dem von Drake alias Nr. 217. Ob aus Kontrolle oder perversem Vergnügen wird nicht ganz offensichtlich. Auf jeden Fall scheint es ihm Freude zu bereiten, seine Opfer foltern zu lassen.
Ähnlich Drastisches muss auch Akito durch die Hand von Kriminellen durchleben, was ihn nachhaltig traumatisiert. Da er es dennoch schafft, sich gegen andere Verbrecher zu behaupten, hat ihn Sung-Ji als Mentor auserkoren, wobei dieser sich einen extrem unpassenden Moment aussucht, Akito einen Deal anzubieten.
Nicht jugendfrei!
Für einen dystopischen Sci-Fi-Comic werden eindeutig zu viele Genitalien und Geschlechtsakte gezeigt. Auf der anderen Seite ist der Comic zu sehr handlungsgetriebene Science Fiction, um für Pornofans interessant zu sein. Obendrein haben die meisten Nacktszenen absolut nichts Erotisches, sondern sind im Gegenteil traumatisch und verstörend. So ist die Rektaluntersuchung von Drake durch Sicherheitskräfte, die nach Drogen suchen bis der Anus blutet, definitiv zu drastisch! Hier hätte mehr mit Andeutungen gearbeitet werden können. Ebenso bei dem standardmäßigen Nacktverhör nach dem Gruppenduschen im Arbeiterviertel. Es geht um gläserne Bürger, schon klar. Dazu muss man aber nicht auf die Genitalien zoomen, nackte Oberkörper wären völlig ausreichend gewesen.
Der sexuelle Übergriff eines Kriminellen auf Akito ist ebenfalls schwer zu ertragen. Vergewaltigungen sollten nicht so pornografisch dargestellt werden. Was dann später zwischen Akito und Lara läuft, hätte ebenfalls nicht so explizit dargestellt werden müssen. Wenigstens hätte noch eine jugendfreie Ausgabe veröffentlicht werden können, zum einen für ein jüngeres Publikum, zum anderen für Leser, die mehr an der Handlung interessiert sind.
Ein Alptraum in Lila und Violett
Abgesehen von den expliziten Darstellungen sexualisierter Gewalt ist der Comic durchaus visuell ansprechend. Der Zeichenstil geht in Richtung Manga, vor allem was die großen Augen und Frisuren betrifft. Der Detailgrad ist auf einem hohen Niveau, der Faltenwurf der Kleidung allerdings sehr knittrig. Zuweilen sind vorskizzierte Linien nicht entfernt worden, sodass einige Linien überstehen oder Sprechblasen zerteilen. Das sind aber nur Kleinigkeiten, die nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.
Besonders hervorzuheben ist die tolle Farbauswahl. Es dominieren Lila und Violett sowie Geld und Rottöne. Das hat viel von Cyberpunk. Dementgegen stehen jedoch Retro-Elemente wie alte Doppeldecker-Flugzeuge und Videokassetten. So entsteht eine interessante Mischung, die sich zeitlich schwer einordnen lässt.
Der Lichteinfall ist gut und der Himmel wirkt fotorealistisch. Zu Beginn gibt es beim Flugzeugcrash auch Feuereffekte, die noch etwas unausgereift sind. Das Feuer selbst sieht zwar sehr flüssig aus, doch sind die Linien der Hintergrundelemente zu deutlich zu sehen. Flammen sollten Hintergrunddetails eigentlich verdecken. Gezeichnete Flammen fotorealistisch koloriert wären hier die bessere Wahl gewesen.
Fazit: Dystopisch bis an die Schmerzgrenze
Die Autorin und Zeichnerin Annett ist definitiv talentiert und hat Respekt dafür verdient, dass sie ihre Comics komplett im Alleingang erschafft und veröffentlicht. Ohne Bindung an einen großen Comicverlag hat sie es geschafft, sich eine große Fanbase aufzubauen. Diese könnte allerdings noch viel größer sein, wenn Rust City ohne drastische Darstellungen sexueller Gewalt auskommen würde und auch in deutscher Sprache erschienen wäre. So ist der Comic leider nicht uneingeschränkt empfehlenswert, zumal Trigger-Warnungen fehlen. Minderjährige und Menschen, deren Englischkenntnisse nicht ausreichend sind, fallen komplett aus der Zielgruppe.
Info
Autorin/Zeichnerin: Annett Oefner
Verlag: Eigenverlag
Sonstige Informationen: Produktseite
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Warpskala
Warpskala-
Story6/10
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Zeichenstil7/10
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Kolorierung9/10
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