[TOS 002] Der Fall Charly

Lesezeit circa: 6 Minuten

In der Folge „Der Fall Charly“ erweist sich ein siebzehnjähriger Junge als große Gefahr.

Staffel 1, Folge 2, Sternzeit 1533,6 – 1533,8
„Der Fall Charly“ – „Charlie X“

Die Handlung von „Der Fall Charly“

Die Enterprise nimmt bei einem Rendezvous mit der Antares einen halbwüchsigen Jungen als Passagier auf: Charlie Evans. Charlie ist der einzige Überlebende eines Raumschiffabsturzes auf dem Planeten Thasus.

Die Enterprise soll ihn zu einer Kolonie auf Alpha V bringen, wo Verwandte des Jungen leben.

Kaum ist Charlie an Bord, geschehen merkwürdige Dinge. Die Antares wird auf unerklärliche Art und Weise vollkommen zerstört. Auch auf der Enterprise häufen sich mit der Zeit seltsame Vorfälle.

Charlie versucht zunächst unbeholfen Kontakte zur Mannschaft aufzunehmen. Erst scheint es zu klappen. Er führt sensationelle Kartentricks vor und lässt sich neugierig das Schiff zeigen. Da ihm jedoch jahrelang menschlicher Umgang gefehlt hat, stößt er mit seinem tapsigen Verhalten bald auf Unverständnis und Widerstand.

Kirk übernimmt auf Anraten von McCoy die Rolle einer Vaterfigur. Neben persönlichen Gesprächen über menschliches Verhalten, Tabus und Regeln, zeigt er Charlie auch Grundbegriffe im Kampfsport. Dabei stellt der Junge sich recht ungeschickt an und wird von einem anwesenden Crewmitglied gutmütig verspottet. Charlie wird wütend und demonstriert hier seine wahre Macht: Er lässt den lachenden Mann kurzerhand verschwinden. Auch Yeoman Janice Rand verschwindet, nachdem sie den verliebten Charlie abgewiesen hat.

Dazu kann Charlie mit seinen PSI-Kräften auch Materie transformieren: Nach einem verlorenen Schachspiel lässt er zornig die Schachfiguren schmelzen. Er ist ebenso fähig, die Kontrolle über andere Lebewesen zu übernehmen. Dies demonstriert er an Spock, den er unsinnige Gedichte aufsagen lässt.

Auf diese Art und Weise übernimmt er die Kontrolle über die Enterprise: Wer sich ihm widersetzt, erleidet eine Strafe oder verschwindet einfach. Regeln gelten für ihn nicht, außer es sind seine eigenen. Seine jugendliche Selbstüberschätzung lässt ihn glauben, er sei unbesiegbar. Doch Kirk ahnt, dass das nicht stimmt. Er plant, Charlies Kräfte durch geballten Widerstand zu ermüden, um ihn dann überwältigen zu können. Bevor er dies jedoch in die Tat umsetzen kann, erscheint ein fremdartiges Raumschiff: Die Thasianer wollen Charlie zurückholen. Mit den von ihnen verliehenen Kräften kann er nicht bei den Menschen bleiben – er würde seine Macht immer wieder anwenden.

Der Fall CharlyKritik

„Der Fall Charly“ demonstriert überzeugend, wie jemand einer ihm übertragenen Macht erliegen und diese sehr schnell missbrauchen kann.

Um die Anwendung der PSI-Kräfte darzustellen, bedienen sich die Produzenten eines einfachen, aber effektiven, stilistischen Mittels: Sobald Charlie seine Kräfte anwendet, verdreht er die Augen. Dies ist unauffällig und deutlich zugleich, denn die Besatzung merkt zunächst nichts. Die Zuschauer hingegen erkennen sofort, dass etwas Seltsames geschieht.

Die Darstellung des Jungen Charlie Evans ist dem Schauspieler geglückt. Er erweckt überzeugend den Eindruck eines unreifen Jugendlichen, der als erwachsen gelten will, innerlich jedoch voll kindlichen Trotzes steckt. Dabei möchte er eigentlich nur eins: von allen gemocht werden.

Als gelungen erachte ich auch die Darstellung der Thasianer. Sie erscheinen als halb durchsichtige, unberührbare Lebewesen, ausgestattet mit unvorstellbaren telekinetischen Kräften. Trotz ihrer Fremdartigkeit erwecken sie bei den Zuschauern dennoch ein leises Gefühl der Vertrautheit: Sie geben ehrlich bedauernd zu, Fehler gemacht zu haben und versprechen Wiedergutmachung.

Natürlich ist es nicht möglich, den wirklichen Umfang der Besatzung (Kirk erwähnt beiläufig 428 Crewmitglieder) darzustellen. Meistens ist nur am geschäftigen ‚Gewusel‘ in den Korridoren erkennbar, dass die Enterprise bemannt ist. „Der Fall Charly“ macht hier eine Ausnahme. Ein Teil der gezeigten Mannschaft ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern wird ins Geschehen einbezogen.

Dennoch besitzt diese Folge, im Gegensatz zu fast allen anderen, kein Happy End. Auch wenn sämtliche verlorenen Crewmitglieder wieder auftauchen, so gibt es einen Verlierer: Charlie. Er muss bei den Thasianern bleiben. Diesen Punkt betrachte ich als neutral. Einerseits hätte ich mir für Charlie eine bessere, eine humane Möglichkeit gewünscht. Andererseits scheint es die einzige Lösung zu sein, um die Gefahr, die von ihm ausgeht zu minimieren.

Allerdings stelle ich mir die Frage, warum niemand in all den Jahren das abgestürzte Raumschiff gesucht hat. Thasus gilt als unbewohnt und nicht lebensfreundlich, ist aber frei zugänglich. Gab es keine Notsignale, letzte bekannte Standorte oder eine Vermisstenmeldung? Die nächste Frage, die aufkommt, bezieht sich auf Charlies Möglichkeit von Thasus zu entkommen. Wenn er mit dieser für Menschen unnatürlichen Macht ausgestattet ist, hätten die Thasianer bessere Vorkehrungen treffen müssen. Oder haben sie schlichtweg einfach nicht aufgepasst? Schwer vorstellbar.

Kleinere Kritikpunkte betreffen Spock und Kirk. Spock reagiert untypisch emotional, als er die singende Uhura auf der Harfe begleitet: ein unübersehbares Grinsen liegt in seinem Gesicht. Ein Verhalten, welches ich fehl am Platz finde.

Kirk  besitzt offenbar die erstaunliche Fähigkeit, sich in Windeseile umzuziehen. Er betritt in gelben Uniformenpulli den Lift und steigt mit der grünen Kapitänstunika bekleidet wieder aus.

Fazit: Die Folge überzeugt eindeutig. Sie spinnt einen gelungenen Faden von dem glücklichen Zufall, der Charlie zurück in die Zivilisation gebracht hat, über mysteriöse Vorkommnisse, welche aus Charlies Unkontrolliertheit entstehen, bis hin zum dramatischen Ende, wo er gezwungen ist, in sein Exil zurückzukehren.

Funfacts:
  • Aus „Charlie“ wurde im Vorspann der deutschen Folge „Charly“
  • Robert Walker jr. (Charlie Evans) kam sich damals als angehender Schauspieler tatsächlich ein wenig wie Charlie vor. Er fühlte sich laut eigener Ausage unbeholfen, verloren und leicht verletzbar und hatte wenig Selbstvertrauen.
  • Gene Roddenberry hatte in dieser Folge sein einziges Cameo, als Stimme des Schiffkochs in der Originalversion.
  • Kirk betritt den Turbolift in goldener Uniform und verlässt ihn in grün.
  • Yeoman Rand wird in der deutschen Version zum Bootsmann, in der Folge davor war sie aber noch Sergeant.
  • Im Original spielt die Folge zu Thanksgiving, in der deutschen Version zu Ostern.
Der deutsche Titel

Der gewählte Titel könnte auf den seltsamen Ereignissen basieren: eine Art Kriminalfall im Weltraum. Zwar sieht der Zuschauer glasklar, wer dahinter steckt, aber die Führungsoffiziere leisten Detektivarbeit bis die Sache geklärt ist.

Der Originaltitel „Charlie X“ ist durch seine Kürze und treffende Aussage prägnanter. X als Bezeichnung für das Unbekannte, das Unvorstellbare, nicht näher Bestimmbare.

 

Kirsten Pevestorf

Kirsten ist Jahrgang 80 und ein totaler TOS-Fan, kein Wunder, dass sie sich bei und auch hauptsächlich darum kümmert. Wenn das nicht reicht, vertritt sie Marco in der Chefredaktion.
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Ein Gedanke zu „[TOS 002] Der Fall Charly

  • 17. Juli 2019 um 13:44
    Permalink

    „„Der Fall Charly“ demonstriert überzeugend, wie jemand einer ihm übertragenen Macht erliegen und diese sehr schnell missbrauchen kann.“

    Das ist in TOS ein Dauerthema, wobei hier mal witzig ist, dass es keine alten Wesen sind, die so mächtig sind, sondern ein Kind.

    Schöne Folge!

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