Everything Everywhere All at Once
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Review: Everything Everywhere All at Once (2022)

Lesezeit circa: 5 Minuten

Die Multiversum-Theorie erlebt aktuell eine Renaissance im Kino. Dieser Film fällt dabei etwas aus dem Rahmen.

Aus dem Alltag gerissen …

Die chinesischen Einwanderer Evelyn (Michelle Yeoh) und Waymond Wang (Ke Huy Quan) führen ein einfaches Leben in einer amerikanischen Kleinstadt. Sie betreiben dort einen Waschsalon, mit dem sie gerade so über die Runden kommen. Für Abwechslung sorgen lediglich diverse Alltagsprobleme. Waymond will sich scheiden lassen, ihre gemeinsame Tochter Joy (Stephanie Hsu) outet sich als Lesbe, der Opa irrt orientierungslos durchs Gebäude und das Finanzamt ist mit ihren Unterlagen unzufrieden.

Als die beiden letzteres Problem lösen wollen, wird Waymond plötzlich von einem alternativen Ich übernommen und redet wirres Zeug. Er eröffnet seiner Frau die Existenz von Paralleluniversen und gibt ihr eine Anleitung zur weiteren Kontaktaufnahme. Zunächst hält sie das alles für einen Scherz, doch sie befolgt seine Anweisungen. Schon bald muss sie erkennen, dass der Waymond aus dem Alpha-Universum ihr die Wahrheit gesagt hat. Er bringt ihr bei, wie sie sich in alternative Versionen ihrer selbst versetzen und deren Fähigkeiten adaptieren kann.

Schon bald bekommt Evelyn es mit weiteren, weniger wohlwollenden Besuchern aus dem Alpha-Universum zu tun. Diese dienen einer Meisterin namens Jobu Tupaki, welche die Existenz des gesamten Multiversums bedroht. Mit ihren neu erworben Fähigkeiten kann sich die Waschsalonbetreiberin zwar erfolgreich gegen alle Angreifer wehren, allerdings verprügelt sie dabei die physischen Körper der Personen aus ihrem Universum. Darunter die Finanzbeamte Deirdre Beaubeirdra (Jamie Lee Curtis), die sich später nicht mehr erklären kann, warum Evelyn sie attackiert hat. Der Ärger mit der Polizei ist vorprogrammiert.

Everything Everywhere All at Once

Die Reisen in andere Universen werden immer bizarrer und dann taucht plötzlich Jobu Tupaki auf, vor der der Alpha-Waymond gewarnt hat. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Evelyns Tochter Joy aus dem Alpha-Universum, die nach Belieben durch alle Dimensionen reisen und Materie manipulieren kann, als wäre das Multiversum ein Computerspiel. Sie hat alles, was existiert, auf einen Bagel konzentriert und einen dimensionsübergreifenden Bagelkult begründet. Dieser bedroht nun die Gesamtheit aller Universen. Kann Evelyn ihre Tochter wieder auf den richtigen Weg zurückbringen und so das Multiversum retten?

… direkt ins Multiverse of Madness

Das Thema an sich ist nicht neu, aber durchaus interessant. Everything Everywhere All at Once bietet dabei eine neue Perspektive, denn die Protagonistin ist zu Beginn alles andere als eine Heldin. Evelyn Wang könnte nicht gewöhnlicher sein und ist gegen ihre alternativen Versionen das reinste Mauerblümchen. In einem Paralleluniversum wird ihr offenbart, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie Waymond nicht in die USA gefolgt, sondern in China geblieben wäre. Sie wäre eine Berühmtheit geworden und hätte Kung-Fu gelernt.

Der Einstieg ist für einen Science-Fiction-Film derweil äußerst ungewöhnlich, weil eben alles so gewöhnlich ist. Zunächst werden nur im Hintergrund außergewöhnliche Ereignisse angedeutet, bis sich schließlich der Alpha-Waymond zu erkennen gibt. Ab da legt der Film ordentlich an Tempo zu. Kaum hat Evelyn die ersten Fähigkeiten ihrer alternativen Versionen adaptiert, gibt es die ersten Kampfszenen, deren Choreografie sich sehen lassen kann.

Bis etwa zur Hälfte des Films funktioniert dieses Konzept und die Parallelwelten erscheinen glaubwürdig. Je weiter sich die Protagonistin von ihrem Universum entfernt, desto abstruser wird es dann aber leider. Da wäre z. B. eine Parallelwelt, in der die Menschen Bockwurstfinger haben, aus denen Senf spritzt. Das macht evolutionstechnisch überhaupt keinen Sinn und zerstört jede Glaubwürdigkeit.

In einem anderen Universum ist Evelyn Köchin und einer ihrer Kollegen hat einen Waschbär unter seiner Kochmütze sitzen, der ihn fernsteuert, indem er an seinen Haaren zupft. Das mag zwar unterhaltsam sein, ist aber aus dem Pixar-Film Ratatouille geklaut. Die Bedrohung durch eine Gegnerin, die das Multiversum zu zerstören droht, erinnert zudem an den Film The One mit Jet Li.

Everything Everywhere All at Once

Die Trigger, mit denen die Dimensionsreisenden sich in Parallelwelten versetzen, werden ebenfalls immer absurder. Zunächst verursachen sie sich körperliche Schmerzen, um den Sprung auszulösen, was noch halbwegs plausibel erscheint. Es dauert jedoch nicht lange, bis zwei Charaktere sich alles, was auch nur entfernt nach einem Phallus aussieht, in den Anus rammen. Spätestens ab diesem Punkt ist man in einem Multiverse of Madness gelandet, welches selbst Doctor Strange die Sprache verschlagen würde.

Eine coole Szene hat der Film dann aber doch noch zu bieten. Evelyn und Joy landen bei ihrer Jagd durch die Universen in einem, welches kein Leben hervorgebracht hat. In diesem sind sie Steine, welche eine lautlose Unterhaltung führen. Das ist schon irgendwie lustig mit anzusehen und in etwa so skurril wie der Unwahrscheinlichkeitsantrieb aus Per Anhalter durch die Galaxis, welcher die Passagiere schon mal in Sofas verwandelt.

Fazit

Während der Beginn noch recht vielversprechend ist, verliert sich die zweite Hälfte des Films zunehmend in albernem Klamauk. Wer eine ernste Auseinandersetzung mit der Multiversum-Theorie erwartet hat, wird daher zwangsläufig enttäuscht und ist selbst mit dem zweiten Teil von Doctor Strange noch besser beraten. Als Komödie taugt der Streifen aber auch nicht wirklich. Ein paar Gags sind zwar durchaus gut, bei den bockwurstfingrigen Abspritzorgien und rektalen Penetrationen fragt man sich hingegen, was Sigmund Freud dazu sagen würde.

Es ist wirklich schade, welch großes Potential durch derart abstruse Entgleisungen verschenkt wird. Zumal Michelle Yeoh, die den meisten wohl als Captain/Imperator Philippa Georgiou aus Star Trek: Discovery bekannt sein dürfte, eine echt gute Performance abliefert. Sie spielt in erster Linie eine Mutter, die sich mit ihrer Tochter versöhnen muss und dabei zunächst von der erweiterten Realität überfordert wird. Wäre dieser Grundplot mit mehr Realismus umgesetzt worden, hätte Everything Everywhere All at Once zu einem Überraschungshit werden können. Das Resultat lässt einen jedoch mit gemischten Gefühlen zurück. Es fällt schwer, einen Film ernst zu nehmen, der sich offenkundig selbst nicht ernst nimmt.

Warpskala

Warpskala
3 10 0 1
3/10
Total Score

Positiv

  • Der Einstieg ist erfrischend anders.

Negativ

  • Albernheiten wie Bockwurstfinger machen ab der zweiten Hälfte alles kaputt.

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