Was wirklich zählt
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Review: Koloniewelten 2218 – 2250: Was wirklich zählt

Lesezeit circa: 6 Minuten

Was wirklich zählt, ist in der Koloniewelten-Reihe nie wirklich eindeutig.

Ein Epilog, der ein Prolog ist, und umgekehrt

Was wirklich zählt ist der nunmehr fünfte Band von Galax Acheronians Koloniewelten-Reihe. Und wie in Erstkontakt ist es erneut eine Sammlung von drei Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen. Allerdings ist dies auch der Teil, der mit alten Gewohnheiten bricht, da alle Geschehnisse überwiegend im Weltall stattfinden und nicht hauptsächlich auf einer Planetenoberfläche.

Gleich die erste Story Die zweite Chance ist dabei sowohl eine Art Epilog wie auch, so heißt es in dem Buch, ein Prolog. Hier wird nochmal auf die Ereignisse von Erstkontakt eingegangen, der ja desaströs verlaufen ist. Und man erlebt, wie versucht wird, trotz der Vorkommnisse zwischen Erde und Anax eine Handelsbeziehung aufzubauen. Wobei die Verantwortlichen von der Erde bereit sind, zähneknirschend über die kulturellen Unterschiede, vor allem was die Rolle der Frauen in der Gesellschaft angeht, hinwegzusehen.

Es ist keine sonderlich lange Erzählung, auch passiert hier nicht viel. Aber was sich hier ereignet, verändert die Romanreihe erheblich. Vor allem deshalb, weil Galax Acheronian klarmacht, dass es auf Seiten der Erde immer noch Kräfte gibt, denen viel daran gelegen ist, dass die Verhandlungen scheitern und der alte Status Quo beibehalten wird. Ob diese damit erfolgreich sind, sollte man in Was wirklich zählt nachlesen. Spoiler: Es lohnt sich.

Probleme noch und nöcher

Die Titelgeschichte ist dabei die Hauptstory des Romans. Sie findet nahezu ausschließlich im Weltraum statt und ist die allererste Story, in der es zu Weltraumschlachten kommt. Die von dem Autor spannend geschildert werden.

Erzählt werden die Ereignisse an Bord des terranischen Schiffes Nessa, kommandiert von dem noch jungen Captain Musa. Der ist mit einigen Entwicklungen an Bord seines Raumschiffes nicht so ganz einverstanden, und auch mit seinem wesentlich erfahreneren XO, Commander Boltemore, hat er seine Probleme. Doch als er dann einen Auftrag von der Erde erhält, dem Verbleib des Frachtschiffes Denaga nachzuspüren, sieht er seine Chance gekommen, sich zu beweisen.

Sein Erster Offizier hat derweil ganz andere Probleme. Denn der Patron des Schiffes hat einen Untergebenen im Visier, der eigentlich gute Arbeit leistet. Das Problembesteht darin, dass der entsprechende Unteroffizier eine sie ist, was im Grunde gegen die Regel der Kirche verstößt, obwohl die gegenüber den Regeln der Navy zurücktreten müssen. Und so entstehen an Bord des Raumschiffes schon bald diverse Konflikte, die durch die Mission verstärkt werden.

Fehler wiederholt (?)

Auf dem ersten Blick wirkt es so, als ob Galax Acheronian in Was wirklich zählt den Fehler von Erstkontakt wiederholt. Erneut ist der Patron ein Miesepeter, ein negativer Faktor an Bord des Raumschiffes. Und dann kommt dieses Mal auch Captain Musa hinzu, der seinen Rang nicht wegen seinen Fähigkeiten erhalten hat, sondern wegen seiner bedeutsamen und einflussreichen Familie, weshalb vor allem sein Umgang mit Commander Boltemore, der sich seinen Rang erarbeitet hat, von Minderwertigkeitskomplexen geprägt.

Doch es gelingt dem Autor im Laufe der Story, diese Mankos nicht nur auszugleichen, sondern den Leser zusätzlich noch zu überraschen. So erfährt man beispielsweise, dass die Navy eine eigene Tradition aufgebaut hat, die im Zweifelsfalle sogar über der der Kirche steht. Und dass es seit einiger Zeit Frauen unter bestimmten Umständen erlaubt ist, Unteroffiziersränge zu bekleiden. Oder wie sich der Charakter des Captains entwickelt.

Kombiniert man diese Umstände dann in Was wirklich zählt mit der latenten Unzufriedenheit des Captains mit seinem leitenden Offizier, sowie mit der Tatsache, dass dieser seit Jahren die Kirche austrickst und den Überlebenden des gesuchten Frachtschiffes, hat man eine Story mit viel Spannungs-Potential vor sich. Und Galax Acheronian nutzt dieses. Er schreibt eine Geschichte mit jeder Menge Wendungen, die man so nicht hat kommen sehen. Inklusive einer ekelerregenden Folterszene, die zeigt, wozu institutionell gepflegter Hass auf andere, auch auf Aliens, in der Lage ist.

Ein abrupter Wechsel

Zentraler Charakter dieser Geschichte ist Commander Boltomore. Er ist vielleicht die bislang heroischste Figur der gesamten Koloniewelten-Reihe, durchaus im klischeehaftesten Sinne. Er begegnet alles und jedem, egal welchen Geschlechts mit Respekt auf Augenhöhe. Er hält wenig von der Kirche und versucht alles, um seine Untergebenen vor ihr zu schützen.

Es ist eben dieses Gemengelage, diese Umstände, die dann auch dafür sorgen, dass die erneute klischeehafte Darstellung eines Patrons in Was wirklich zählt nicht ins Gewicht fällt. Es wird durch die Story mehr als nur ausgeglichen. Es ist sogar ein integraler Bestandteil einer Erzählung, in der die Protagonisten in immer heftiger werdenden Intrigen gefangen sind und dabei jeweils unterschiedliche Parteien versuchen, die Situation zu ihren Gunsten zu manipulieren nur, um alles noch schlimmer zu machen.

Doch dann wirftt Galax Acheronian alles über Bord, zu Gunsten von Ereignissen, die er zwar im Laufe der Story vorbereitet hat, die allerdings die komplette Entwicklung, den gesamten vorherigen Spannungsaufbau konterkariert. Als Leser ist man von dem plötzlichen Spannungswechsel verwirrt. Es hätte der Story besser getan, wenn Galax Acheronian ihr noch 50 bis 100 Seiten mehr Umfang zugestanden hätte, um den Übergang besser zu gestalten.

Wenn Kulturen aufeinandertreffen

Die dritte und letzte Story von Was wirklich zählt trägt den Titel Familienbande. Hier begegnet ein Raumschiff einer Koloniewelt auf die Überreste eines Alienschiffes. Und trifft bald darauf auf ein weiteres Schiff derselben Spezies. Es kommt zu einem Clash of Cultures, bei der Hilfe unterschiedlich wahrgenommen wird.

Es ist die stärkste Story im gesamten Band. Eben weil Galax Acheronian hier nicht nur die Perspektive der Menschen einnimmt, sondern ebenso die der Aliens. Wobei er die mentalen und kulturellen Differenzen betont. Mehr über den Inhalt der Geschichte zu erzählen, würde dabei ihr eines Großteils der Wirkkraft rauben. Nur so viel: Der Autor macht hier klar, dass es auch unter den Außerirdischen befremdliche Ansichten gibt, die erhebliche Konsequenzen haben.

Was wirklich zählt ist ein guter Koloniewelten-Band.

Koloniewelten 2218 - 2250 Was wirklich zählt
Cover © Galax Acheronian

Autor: Galax Acheronian
Titel: Was wirklich zählt
Teil/Band der Reihe: Koloniewelten
Verlag: Twentysix
Erschienen: 2020
Einband: Ebook
ISBN: 978-3-74077-106-5
Seiten: 304
Sonstige Informationen:
Produktseite

 

 

 

Warpskala

Warpskala
8 10 0 1
8/10
Total Score

Positiv

  • Die zweite Chance
  • Familienbande
  • Der Großteil von "Was wirklich zählt"

Negativ

  • Abruptes Ende von "Was wirklich zählt", was im Prinzip alles über Bord wirf.
Götz Piesbergen
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