Resident Evil Welcome to Raccoon City
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Review: Resident Evil: Welcome to Raccoon City (2021)

Lesezeit circa: 9 Minuten

Nach dem Final Chapter der ersten Filmreihe wird das Resident Evil-Franchise fürs Kino reanimiert. Doch lohnt sich der Neustart und welcher Film ist am Ende besser?

Die Handlung oder das Fehlen selbiger

Die Story ist schnell erzählt: Claire Redfield ist zusammen mit ihrem Bruder Chris im Waisenhaus von Raccoon City aufgewachsen. Da dieses im Besitz des Umbrella-Konzerns ist, begegnet ihr dort bereits in Kindertagen ein Mutantenwesen. Jahre später kehrt sie als erwachsene Frau in das verhasste Kaff zurück und erzählt ihrem Bruder, der inzwischen bei der Polizei arbeitet, von einer großen Umbrella-Verschwörung. Der glaubt ihr aber zunächst nicht.

Obwohl der Konzern die Stadt längst verlassen hat, bricht aus heiterem Himmel eine Zombieapokalypse los. Während ein Team der Polizeieinheit STARS, dem u.a. Jill Valentine und Albert Wesker angehören, einen Mord in der Spencer-Villa aufklären soll, bewacht der frisch zugezogene Leon Kennedy das Revier. Der Polizeichef ergreift derweil die Flucht, kommt aber nicht weit, da Umbrella die Stadt abgeriegelt hat. Es bleiben nur noch wenige Stunden bis zur kompletten Auslöschung von Raccoon City.

Bis dahin sterben jede Menge Leute und die Überlebenden, darunter Claire Redfield, Jill Valentine, Leon Kennedy und die Tochter des Umbrella-Mitarbeiters Birkin, treffen alle in den unterirdischen Laboren des Konzerns aufeinander. William Birkin hat unterdessen sein Geheimprojekt, das G-Virus, gesichert und sich den Erreger selbst injiziert. Auf der Flucht mit einer unterirdischen Eisenbahn kommt es zum großen Showdown.

Düstere Atmosphäre

Kommen wir erst einmal zu den positiven Kritikpunkten. Die Neuverfilmung fängt die düstere Atmosphäre der Spielvorlage sehr gut ein. Viele Schauplätze, darunter die Spencer-Villa, scheinen direkt aus dem Spiel kopiert worden zu sein. Neben dem T-Virus gibt es auch das G-Virus, und die Zombiekreaturen wie der Licker und der Tyrant kommen den Originalvorlagen ebenfalls sehr nahe. Der Trailer war daher durchaus vielversprechend.

Leider hält er nicht, was er verspricht, und zuweilen wäre etwas künstlerische Freiheit ganz gut gewesen. Die unterirdische Anlage von Umbrella wirkt z. B. eher wie das heruntergekommene Geheimlabor eines verrückten Wissenschaftlers und nicht wie die hochmoderne Biowaffenfabrik eines globalen Megakonzerns. Da sah der Hive aus der ersten Filmreihe deutlich glaubwürdiger aus. Selbst die unterirdische Eisenbahn, die neben der Villa das einzige gemeinsame Element beider Verfilmungen ist, wirkt mehr als schrottreif.

Verpasste Chancen

Beim Handlungsablauf gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede. Im ersten Resident Evil wurde gleich zu Beginn gezeigt, wie das Virus freigesetzt wird, und später auch erklärt, warum. Nach Raccoon City gelangte es erst, als der Hive wieder geöffnet wurde, was die Basis für den zweiten Teil Resident Evil: Apocalypse war. Alles in allem war die Story in sich plausibel und nachvollziehbar.

Im Remake bricht das Virus dagegen völlig ohne Grund aus, obwohl Umbrella seine Labore längst geschlossen hat. Wer es warum freigesetzt hat, wird nicht erklärt. Dabei haben sich die meisten Einwohner schon längst in halbtote Mutanten verwandelt, weil der Konzern das Grundwasser über Jahre verseucht hat. Allerdings nicht mit Viren, sondern mit Chemikalien. Um das publik zu machen, ist Claire Redfield in ihre Heimat zurückgekehrt. Eine ähnliche Rolle spielte in der Erstverfilmung Dr. Lisa Addison, nur war die eine interne Whistleblowerin.

Wirklich zutage fördert Redfield jedoch nichts. Erst entdeckt sie ihren Informanten in einer Kellerzelle des Polizeireviers. Dessen Zellengenosse mutiert jedoch zum Zombie und da Leon Kennedy erst total kopflos mit der Pistole herum droht und dann mit dem Zellenschlüssel bummelt, lebt der Eingesperrte nicht lange genug, um seine Erkenntnisse mitzuteilen. Das ist dermaßen vorhersehbar und wird dann noch derart in die Länge gezogen, dass es einfach nur wehtut.

Die nächste Station ist das Waisenhaus, wo es einen Zugang zum unterirdischen Umbrella-Labor gibt. Hier gibt es erst mal einen Jumpscare mit Ankündigung, dem der Polizeichef zum Opfer fällt. Dieser Charakter ist allerdings so extrem unsympathisch, dass man kaum Mitleid hat und sich viel eher wünscht, Claire hätte ihn kurz zuvor nicht vor den Zombiehunden gerettet. Fraglich ist außerdem, woher der verdammte Licker kam, der den Chief platt gemacht hat. Im Waisenhaus gibt es zwar besagten Laborzugang, aber der ist noch versiegelt.

Den Schlüssel erhält Claire von der Mutantin, der sie schon als Kind begegnet ist. Warum der Licker sie verschont hat, ist genauso wenig nachvollziehbar wie Claires Entscheidung, ihre Freundin zurückzulassen. Im Wissen, dass die Stadt gerade zum Teufel geht, hätte sie darauf bestehen können, dass die Mutantin sie begleitet. So überlässt Redfield sie dem sicheren Tod. Dankbarkeit sieht anders aus.

Im Labor angekommen, entdeckt Claire die Wahrheit, die inzwischen jeder längst geahnt hat. Umbrella hat die Waisenkinder als Versuchskaninchen benutzt, was aus William Birkin eine Art modernen Dr. Mengele macht. Jetzt wäre es an der Zeit, die Beweise für seine abscheulichen Verbrechen zu sichern, um sie später publik zu machen. Stattdessen reißt Redfield jedoch eine Seite nach der anderen aus dessen Notizbuch und vernichtet die Beweise damit. Das ist so jenseits von jedem gesunden Menschenverstand, dass man spätestens hier die Lust an diesem Film verliert, sofern das nicht längst der Fall war.

Der Showdown besteht dann auch nur noch aus hohler Action. Nachdem sich Birkin das G-Virus injiziert hat, bleibt er im Gegensatz zu den T-Virus-Zombies zunächst bei Verstand, verliert diesen jedoch mit zunehmender Mutation. Dabei gefährdet er auch seine Tochter. In Resident Evil: Extinction war der Verlauf bei Dr. Isaacs nicht gar so krass. Im Prinzip nimmt Birkin die Position des Lickers aus dem ersten Resident Evil ein, was ziemlich einfallslos ist.

Zeitreise ohne Effekt

Um Raccoon City ist es am Ende nicht weiter schade, da die Stadt ohnehin total heruntergekommen war. Den Kleinstadtcharakter dürfte sie dabei schon gehabt haben, als Umbrella noch seinen Hauptsitz dort hatte. Unabhängig davon, welche Version näher am Spiel ist, war die Großstadt aus Resident Evil: Apokalypse als Zentrale eines Megakonzerns doch wesentlich glaubwürdiger. Außerdem verlief die Evakuierung dort erheblich logischer als im Remake. Dort wird gerade einmal William Birkin samt Familie vorgewarnt, der Rest wird schon vor dem Massenausbruch zum Abschuss freigegeben. Außer einer einzelnen Straßensperre bekommt man vom Lockdown durch Umbrella-Truppen aber ohnehin nix mit.

Völlig unerheblich ist bei dem Ganzen, dass die Handlung im Jahr 1998 spielt. Zwar hat man sich alle Mühe gegeben, die Ära des zweiten Teils der Computerspielreihe einzufangen, aber der Film hätte genauso gut im Hier und Heute angesiedelt sein können. So bekommt man halt ein wenig antiquierte Technik wie Kassettenrecorder und Pager zu sehen, wodurch sämtliches Product Placement ziemlich obsolet wird. Bei der Musikauswahl hat man auf wirklich gute Hits der 1990er verzichtet und offenbar nur das genommen, woran man zufällig noch die Rechte hatte. Wirkliche Nostalgie mag da nicht wirklich aufkommen.

„Blackwashing“?

In der ersten Filmreihe kamen zwar durchaus Charaktere aus dem Spiel vor, doch hatten diese meist nur einmalige Auftritte. Die Hauptrolle Alice wie auch die Red Queen und White Queen stammten derweil aus Alice im Wunderland und hatten rein gar nichts mit der Gamevorlage zu tun. Das sollte sich im Remake ändern, wo sämtliche wichtigen Spielcharaktere vorkommen.

Leider erkennt man viele davon überhaupt nicht wieder. Jill Valentine ist Afroamerikanerin und Leon Kennedy indischer Abstammung. Normalerweise wäre ethnische Vielfalt bei der Rollenvergabe ein positiver Kritikpunkt, doch hier ist es das nicht. Für einen Film, der den Anspruch erhebt, sich möglichst nah ans Original zu halten, wirken die Darsteller deutlich deplatziert. Eine andere Hautfarbe wäre dabei gar nicht mal so sehr das Problem, wenn man wenigstens halbwegs passende Gesichter gewählt und die Frisuren der Spielvorlage angepasst hätte.

Hannah John-Kamens Interpretation von Jill Valentine wirkt nicht annähernd so taff wie Sienna Guillory in Resident Evil: Apocalypse, auch wenn sie ihr Bestes gibt, wenigstens so zu tun. Obendrein sollten lange Locken in Actionszenen doch eher störend sein. In der Realität würde sich eine Polizistin die Haare im Einsatz wohl zusammenbinden.

Lange Haare hat auch Avan Jogias Interpretation von Leon Kennedy. Wobei das noch das geringste Problem ist. In den Spielen ist Kennedy ein erfahrener Actionheld, wohingegen er in der jüngsten Verfilmung ein naiver Grünschnabel ist, der allzu leicht den Kopf verliert. Obendrein tagträumt er vor sich hin, während draußen das Chaos ausbricht. Den herannahenden Truck hätte er dabei sogar mit Kopfhörern hören müssen.

Okay, für das schlechte Drehbuch können die Darsteller vielleicht nichts, aber sie holen auch nicht unbedingt das Beste heraus. Das gilt vor allem für Kaya Scodelarios sagenhaft dumme Darstellung von Claire Redfield. Beginnend damit, dass sie ins Haus ihres Bruders einbricht, statt anzuklopfen, und ihm dabei das teure Sicherheitsschloss zerstört. Wobei es nicht gerade glaubwürdig ist, dass ein Sicherheitsschloss innerhalb einer Sekunde geknackt werden kann, indem man einmal mit dem Messer drin rumstochert und umdreht. Chris Redfield sollte es dringend reklamieren.

Tom Hopper macht als Wesker noch die beste Figur, wobei sein Weg als treuer Umbrella-Vasall noch längst nicht abgeschlossen ist. Im Gegenteil spioniert er zunächst scheinbar für die Konkurrenz, wobei seine Auftraggeber sowie deren Motive im Dunkeln bleiben. Wie er seine schwere Verwundung sowie die Zerstörung Raccoon Citys überlebt hat, ist ebenfalls schleierhaft. Zumindest lässt seine Begegnung mit Ada Wong zum Ende Spielraum für eine Fortsetzung. Ob diese nach dem desaströsen Abschneiden des ersten Teils bei den Kritikern noch kommen wird, ist mehr als fraglich. An der Kinokasse dürfte Resident Evil: Welcome to Raccoon City jedenfalls nicht nur wegen Corona schlecht abschneiden.

Fazit

Der Film verschenkt unglaublich viel Potential, welches im Trailer durchaus noch erkennbar war. Die Handlung kommt erst ewig nicht in die Gänge, nur um sich dann in sinnloser Action zu verlieren. Die meisten Charaktere sind fehlbesetzt und hangeln sich an einem teils haarsträubenden Drehbuch entlang, was sie insgesamt unglaubwürdig macht. Da wünscht man sich direkt Milla Jovovich zurück, auch wenn ihr Charakter im Spiel überhaupt nicht vorkommt.

Das Remake wirkt eher wie eine TV-Produktion als wie ein großer Kinoblockbuster. Damit bleibt die alte Filmreihe, trotz erheblicher Abweichungen gegenüber dem Computerspiel, ungeschlagen. Allerdings waren davon auch nur die ersten drei Teile wirklich gut. Ab Resident Evil: Afterlife wurde dort ebenfalls Potential verschenkt und die Handlung immer abstruser. In Resident Evil: Final Chapter wurde der furiose Beginn der Reihe gar völlig über den Haufen geworfen und ad absurdum geführt.

Von daher war die Hoffnung auf einen gut strukturierten Neustart der Reihe, der sich obendrein näher an die Gamevorlage hält, durchaus berechtigt. Leider wird diese auf ganzer Linie enttäuscht. Das Potential für bessere Fortsetzungen wäre durchaus noch vorhanden, doch dazu bräuchte es schon ein plausibles Drehbuch, welches es den Charakteren ermöglichen müsste, ihre taffe Seite zu entdecken.

2/10
Total Score

Positiv

  • Einige Sets sowie die meisten Kreaturen sind 1:1 aus dem Spiel übernommen.

Negativ

  • Die Besetzung der Charaktere weicht zu stark vom Spiel ab.
  • Vom Umbrella-Konzern sind nur verlassene Einrichtungen und alte Werbetafeln übrig.
  • Der Ausbruch der Seuche wird nicht erklärt.
  • Die Charaktere handeln irrational, einige sterben durch zögerliches Handeln.
  • Die Stimmung ist selbst für das Franchise viel zu düster.

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Ein Kommentar

  1. Ich hatte mich auf diesen Film echt gefreut, konnte ihn aber erst jetzt ansehen.

    Und ja, das hat man vor die Wand gefahren. Ich kam aus dem entsetzten Staunen kaum raus, als ich diesen Film sah. Dabei hat man schon gesehen, dass man sich Mühe gegeben hat. Sets wurden übernommen, Einstellungen, teilweise ganze Szenen. Und trotzdem hat man den Charakteren und der Handlung nicht die gleiche Liebe gegeben.

    1. Warum musste man Teil 1 und 2 mischen, deren Handlung zwei Monate auseinander liegt? Teil 0 und 1 wären bessere Kandidaten gewesen und dann im zweiten Teil, eben 2 und 3 – diese Spiele spielen nämlich ungefähr zur gleichen Zeit.

    2. Wieso werden so ziemlich alle Charaktere komplett umgekrempelt? Warum ist Claire z.B. eine “Verschwörungstheoretikerin”, warum sind die Redfields Waisen aus dem Waisenhaus von Raccoon City und warum ist Lisa Trevor ebenso da und komplett anders?

    3. Was genau machen die Ashfords da? Wo sind die Hunter? Warum gibt es keinen Tyrant, sondern nur einen Witz von Birkin? Wieso hat man die Viren umgewandelt in der Wirkungsweise? Im Spiel weckt der T-Virus Tote wieder auf und macht sie zu Zombies, hier verwandelt er lebende Menschen in Zombies.

    Es mag ja sein, dass man sich dachte, wir packen möglichst viel Fanservice rein (deswegen sieht man auch mal kurz einen, der Hunk sein könnte), aber weniger wäre hier mehr gewesen.

    Das Remake, welches sich näher an den Spielen orientieren sollte, ist am Ende weiter entfernt als der erste Film von 2002. Mir ist klar, dass man bei einem Film Anpassungen gegenüber der Vorlage machen muss, aber wenn man sich damit rühmt, näher an der Vorlage zu sein, dann muss man das auch abliefern. Und die Nähe ist eben nur optisch.

    Ich habe btw kein Problem damit, dass man den eben überwiegend weißen Cast der Spiele angepasst hat. Sowas kann man machen und sollte man heutzutage sogar. Aber die Charaktere sollten ansonsten wiedererkennbar sein.

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