Russische Kolonisten bekommen es auf Adonaï mit brutalen Einheimischen zu tun. Doch wer ist der wahre Feind?
Das Szenario
Vor zwei Jahren haben russische Kolonisten eine Siedlung auf dem fremden Planeten Adonaï gegründet. Inzwischen ist Novaya Moskva zu einer Millionenstadt herangewachsen, die jedoch von hohen Mauern umgeben ist. Der dahinter liegende Dschungel ist nämlich alles andere als eine freundliche Umgebung. Erbarmungslos holt er sich jedes eroberte Gebiet binnen weniger Tage zurück. Und als wäre das noch nicht genug, gibt es Ärger mit intelligenten Ureinwohnern. Die meisten sind zwar friedlich, doch eine radikale Gruppe greift die menschlichen Eindringlinge immer wieder an.
Getarnt wie Chamäleons pirschen sie sich an den Trupp von Alexei Orlov heran und metzeln fast alle nieder. Nur Orlov und sein Kamerad Stigler können noch lebend mit einem Shuttle evakuiert werden. Noch im Krankenhaus erhält der Verwundete Besuch von einem Kommissar, der ihn zum Captain befördert und Stigler zum Corporal. Die beiden sollen ein neues Team zusammenstellen und sich dann auf die nächste Mission begeben.
Alexei, der vor der Invasion der Eroberer eigentlich Paläontologe werden wollte und sich nun seit acht Monaten durch den Dschungel von Adonaï kämpft, hat kaum eine andere Wahl. Die Partei herrscht mit eiserner Faust und duldet keinen Widerspruch. Also wählt er sechs Rekruten aus. Als erstes wäre da die Mongolin Najla Tsataan, die einen Bruder an die Chamäleons verloren hat. Der Mechaniker Pietr Volkov kennt sich nebenbei auch mit Sprengstoffen aus. Der Mafiosi Odin Kroutev saß schon wegen Mordes im Knast und der ehemalige Gardist Boris Volinski ist ein komplett durchgeknallter Soziopath. Abgerundet wird das Team von der Söldnerin Tchaika Tkatchenko, dem Scharfschützen Tokarev Vasnev und Juri. Schlussendlich stößt noch die Sanitäterin Mila Krajevski dazu, die Ärger mit der Polizei hat, weil sie einem aufdringlichen Arzt die Eier defibriliert hat.
Auf ihrer nächsten Dschungelexpedition stoßen sie auf ein unterirdisches Tunnelsystem, durch welches sich die Chamäleons schneller bewegen können als an der Oberfläche. So gelingt es ihnen, jedes Mal überraschend zuzuschlagen. Die Tunnel führen das Team in eine Stadt der Einheimischen, wo zwei Chamäleons Unterschlupf gesucht haben. Pietr und Odin machen die Gesuchten ausfindig und treiben sie aus einer Hütte. Einer kann fliehen und um ihn zu erledigen, feuert Boris mitten in die Menge, ohne Rücksicht auf Unbeteiligte. Das Massaker bringt das gesamte Dorf gegen die Eindringlinge auf, womit nur noch die Flucht bleibt.
Tokarev findet als erster den Tod, was von großem Nachteil ist, da er das einzige Funkgerät hatte. Ohne Verstärkung steht ein achttägiger Marsch zurück nach Novaya Moskva an und das bei strömendem Regen mit anschließender Hitze. Auf dem Weg treffen die Überlebenden auf einen Trupp Rotgardisten, die von Chamäleons angegriffen werden. In der Hoffnung, so nach Hause zu kommen, helfen Orlovs Leute ihnen. Alexei nimmt sogar Boris die Handschellen ab, da er jede Hilfe brauchen kann. Dennoch sterben zwei Teammitglieder.
Die Rotgardisten nehmen die Soldaten mit zu einem Außenposten, wo Kommissar Volk sich alles andere als erkenntlich zeigt, sondern sie gleich auf die nächste Mission mitnimmt. Sie sollen dabei die Nachhut bilden. Inmitten einer Kultstätte der Einheimischen werden sie jedoch nicht von Chamäleons angegriffen, sondern von einer Cyborgdame namens Loubna Andrej, deren Vater Alex ein führender Kopf der Revolutionspartei ist, welche das Regime der Kommissare stürzen will. Und dafür gibt es gute Gründe.
Die Mächtigen, die es sich in ihren Raumkreuzern im Orbit gutgehen lassen, haben längst aufgegeben, die wilde Natur von Adonaï zu zähmen. Sie wollen zum Planeten Vorana weiterziehen, doch nur eine Handvoll Raumschiffe kann die Weiterreise überstehen. Während die Kommissare Ressourcen für ihr Vorhaben zusammentragen, schicken sie möglichst viele Soldaten in sinnlose Einsätze gegen die Eingeborenen, um ihre eigene Bevölkerung zu schwächen. So wollen sie eine Revolution verhindern, die unweigerlich ausbrechen wird, sobald ihre Pläne bekannt werden.
Als die Rotgardisten, die gerade von Chamäleons dezimiert worden sind, zurückkehren, erschießt Boris Loubna. Diesmal nicht aus Boshaftigkeit, sondern um das eigene Team zu schützen. So kann Alexei behaupten, dass sie nichts von ihr erfahren hätten. Zunächst sind sie damit in Sicherheit. Doch zurück im Lager fangen einige Rotgardisten Streit mit Volinski an, der schnell eskaliert. Fast das gesamte Team von Orlov stirbt, auch wenn sie ihren Gegnern ebenso herbe Verluste beibringen können. Der schwerverwundete Boris kann einen Mech-Anzug kapern und damit den Kommissar töten, bevor er seinen eigenen Verletzungen erliegt. Stigler hat es ebenfalls übel erwischt, doch er kann noch die Wahrheit per Funk an die Einwohner von Novaya Moskva übertragen. Dort bricht ein Aufstand aus, der jedoch niedergeschlagen wird. Am Ende bleibt Alexei Orlov allein auf Adonaï zurück.
Rezension von Adonaï
Der Handlungsaufbau weist deutliche Parallelen zu Band 3 auf. Ähnlich wie auf Decornum ist die Menschheit schon vor einigen Jahren auf Adonaï angekommen, wo es ebenfalls eine aggressive Gruppierung innerhalb der sonst weitgehend friedlichen Ureinwohner gibt. Diese werden Chamäleons genannt, was nichts mit ihrem Äußeren zu tun hat, sondern auf ihre Fähigkeit anspielt, sich unbemerkt anzuschleichen. Dabei nutzen sie nicht nur die Fauna zur Tarnung, sondern bewegen sich wie die Vietcong durch ein Tunnelnetz.
Wie die Dominanten auf Decornum fügen die Chamäleons den Erdlingen erhebliche Verluste zu, wobei sie recht durchschlagskräftige Pfeile benutzen. Die Regierung wirft der oppositionellen Revolutionspartei vor, sie mit Waffen zu beliefern, was der Vorwand ist, sie zu bekämpfen. Wer hier die Bolschewiken sein sollen, ist dabei schwer zu sagen. Eigentlich müsste die Revolutionspartei diese Rolle einnehmen, immerhin vertritt sie die Interessen des einfachen Volkes. Auf der anderen Seite gibt es die Diktatur einer Einheitspartei, die wie zu Sowjetzeiten durch Kommissare vertreten wird und sich durch eine Rote Garde schützen lässt. Wobei die Rote Garde schon eher etwas von Imperator Palpatines rotgekleideter Leibwache hat.
Von der Roten Armee haben die Rotgardisten jedenfalls nichts, denn die reguläre Armee existiert parallel dazu und besteht aus einfachen Arbeitern. Die werden nicht etwa aus Not im Kampf gegen die Chamäleons verheizt, sondern ganz bewusst, um das eigene Volk zu schwächen. Denn die Kommissare haben längst entschieden, den Planeten aufzugeben und ohne den Pöbel weiterzuziehen. Ähnlich wie die Kanadier in Band 5 stehen ihnen dafür nur wenige Raumschiffe zur Verfügung, da die meisten eine weitere Reise nicht überstehen würden.
Warum sie die Welt ausgerechnet Adonaï getauft haben, gibt im Übrigen Rätsel auf, denn dies ist der Eigenname Gottes in der hebräischen Bibel. Zwar gibt es immer noch eine beachtliche Gemeinschaft osteuropäischer Juden, doch ist in der restlichen Bevölkerung sowie in den staatlichen Strukturen immer noch Antisemitismus verbreitet. Zusammen mit den intriganten Kommissaren entsteht hier der Eindruck einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörungserzählung. Das macht die Handlung zwar nicht weniger spannend, doch bleibt ein fader Beigeschmack.
Der Name der Siedlung ergibt da schon mehr Sinn. Novaya Moskva heißt übersetzt Neu Moskau. Kein wirklich schöner Ort, doch das war Russland auch schon nicht. Einige der Charaktere haben einen fürchterlichen Background. So musste Tchaika Tkatchenko für ihren Vater anschaffen gehen, bis sie ihn im Alter von 14 Jahren mit einem Baseballschläger erschlug. Danach ging sie zum Militär, doch nachdem ihr Ehemann vor der Landung auf Adonaï getötet wurde, bekam ihre Loyalität Risse und so kämpft sie nur für Geld.
Ähnlich sieht es bei den anderen aus. Vor allem bei Odin Kroutev, der ein vorbestrafter Mafiagangster ist, oder dem Soziopath Boris Volinski, der einst in der Roten Garde diente, bis er wegen Ungehorsams rausgeworfen wurde. Dagegen wirkt Mila Krajevski direkt sympathisch, immerhin hat sie nur deswegen Stress mit der Polizei, weil sie sich gegen einen sexuellen Übergriff durch einen Arzt gewehrt hat. Juri passt schlussendlich gar nicht in die Truppe, da er besser mit einer Geige umgehen kann als mit einem Gewehr.
Die Mission des bunt zusammengewürfelten Haufens endet in einer Katastrophe, doch rückblickend ergeben viele Ereignisse einen unfreiwilligen Sinn. So führt der Verlust des Funkgeräts im Dorf der Einheimischen zwar dazu, dass das Team keinen Bericht über das geheime Tunnelsystem der Chamäleons erstatten kann. Andererseits interessiert das aber ohnehin niemanden, denn die Chamäleons sind gar nicht der wahre Feind.
Alexei Orlovs Entscheidung, Boris wieder von der Leine zu lassen, obwohl er ihn eigentlich wegen des Massakers an den einheimischen Zivilisten vor Gericht stellen wollte, erweist sich derweil überraschend als richtig. Nicht nur, weil er ihn im Kampf braucht, sondern auch, weil nur er irre genug war, Loubna Andrej zu erschießen. Das fühlt sich zwar absolut falsch an, doch hätte er dies nicht getan, hätten die Rotgardisten das gesamte Einsatzteam sofort ausgelöscht. Nicht, dass das am Ende noch eine Rolle spielen würde, da kurz darauf ohnehin ein Streit eskaliert, bei fast alle sterben. Immerhin erhält Stigler dadurch die Gelegenheit, die Kolonisten vor den Plänen der Kommissare zu warnen, wobei er und Orlov abermals Rückendeckung von Boris erhalten. Erstaunlich, dass er nach einem Kopfschuss überhaupt noch mal aufstehen konnte.
Jedenfalls ist der Sieg nicht von Dauer, denn das Regime lässt den heraufbeschworenen Aufstand blutig niederschlagen und Neu Moskau schlussendlich aus dem Orbit bombardieren. Die Bösen gewinnen und können entkommen, ihr Völkermord bleibt ungesühnt. Einzig Alexei überlebt und blickt einer ungewissen Zukunft auf Adonaï entgegen. Mit diesem Finale ist Band 6 der bisher düsterste der gesamten Reihe, direkt nach Band 3, der mit der Vernichtung von Decornum endete und in dem der Ich-Erzähler Keito Abe ebenfalls allein auf dem Planeten zurückblieb.
Faszinierende Dschungelwelt
Der Zeichenstil ist überwiegend sehr detailliert, schwankt jedoch hin und wieder. Bei einigen Panels hatte es der Zeichner wohl etwas eiliger als bei anderen. Die Close-Ups der Charaktere sehen jedenfalls super aus, sie lassen sich sehr gut auseinander halten und haben ausdrucksstarke Gesichter. Einige Figuren haben Cyborg-Implantate, was unter den Russen nicht so verpönt zu sein scheint wie bei den Amerikanern auf Urania.
Die Einheimischen sehen derweil aus, als hätten sich Grey-Aliens mit Yautia gepaart. Sie sind klein, grau und haben übergroße dunkle Augen, aber statt einem kahlen Schädel haben sie tentakelige Dreadlocks. Ihr Planet ist eine faszinierende Dschungelwelt voller fremdartiger Kreaturen. Das Setting in diesem Comic kann sich also sehen lassen. Die Raumschiffe im Orbit, sowie die Fluggeräte auf dem Planeten haben ebenso interessante Designs und sind überwiegend sehr detailliert umgesetzt. Einzig die Abfangjäger der Roten Garde sind etwas schemenhaft und erinnern in ihrer Form obendrein zu sehr an die neuen Zylonenjäger aus Battlestar Galactica.
An der Farbgebung gibt es nichts zu bemängeln. Alles sieht sehr natürlich aus, insbesondere der Lichteinfall und Leuchteffekte, aber auch Regen und der Glanz in den Augen. Der Inhalt hält, was das Cover verspricht.
Fazit: Eine vollendete Dystopie
Trotz unübersehbarer Parallelen zu Decornum, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung ziehen, ist Adonaï spannend zu lesen. Eine weitere Ähnlichkeit gibt es mit dem Vorgängerband Enorus, denn abermals sind sich die Menschen selbst der größte Feind. Grafisch ist Band 6 hervorragend umgesetzt und einer der Höhepunkte der Reihe.
Info
Autor: Jean-Luc Istin & Nicolas Jarry
Zeichner: Bertrand Benoit
Farben: Oliver Héban
Verlag: Splitter
Sonstige Informationen: Produktseite
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Warpskala
Warpskala-
Story7/10
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Zeichenstil9/10
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Kolorierung10/10
- Conquest – 6 – Adonaï - 13. Oktober 2026
- Dr. McKoi in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar - 8. Oktober 2026
- Conquest – 5 – Enorus - 6. Oktober 2026

