Kolumne: Marketing ist voller Trolle

Lesezeit circa: 7 Minuten

»Hey, Kinder! Wenn ihr über Content sprecht, nehmt doch Rücksicht auf Menschen, die ihn noch nicht gesehen haben und warnt, bevor ihr spoilert!«
– He-Man, Ende einer Episode, die es nie gab

Anders gesagt: Spoileralarm für Masters of the Universe: Revelation

Ich habe mir nun endlich die ersten fünf Folgen Masters of the Universe: Revelation angeschaut.

Ich gebe ja zu: In mir war da schon ein ziemlicher Kampf. Nach all der Kritik an der Serie, die im Netz überall zu finden ist, ging ich vom Schlimmsten aus, nicht weniger als einer völligen Zerstörung des Franchises. Das ist zwar nicht passiert, nichtsdestotrotz haben die Kritiker*innen in einigen Punkten recht. Genauso wie die Befürworter*innen der neuen Serie.

Was war passiert? Vor einigen Wochen ging ein Trailer zu der neuen Serie rund um He-Man und den Masters of the Universe rum. Das gesamte Marketing, Trailer, Poster, Social Media, hatte ein Versprechen gemacht: He-Man wird zurückkehren, er wird seine epische Schlacht gegen Skeletor fortsetzen, und es wird qualitativ hochwertig, besser als jemals zuvor.

Und dann stirbt He-Man. Direkt in Folge 1. Er opfert sich für Eternia. Noch schlimmer: Das Schwert der Macht wird entzweit, die Magie entschwindet aus der Welt.

Die Marketingabteilung, die für diese Serie zuständig war, hat uns hier ganz schön getrollt. Das muss man bis hierhin festhalten. Zudem: In den weiteren Folgen ist nicht He-Man die Hauptfigur, sondern Teela.

Betrachtet man das Ganze allerdings nach Gesichtspunkten, die für moderne Erzählungen einfach relevant sind, ist es logisch, He-Man sterben zu lassen. Diese Figur ist zu übermächtig, um eine spannende Erzählung zu gewährleisten. Zudem ist sie sich ihrer Stärke mehr als bewusst. Eine Heldenreise ist mit He-Man nicht möglich. Welche Entwicklung soll dieser Charakter noch machen, wenn man ihn nicht vollkommen umschreiben will? Und selbst, wenn er diese Entwicklung bekommt, welcher Gegenspieler wäre schon mächtig genug, um He-Man wirklich die Stirn bieten zu können? Der narzisstische Machiavellist Skeletor, dessen krude Pläne immer an seinem eigenen Ego scheitern, sicher nicht. Skeletor ist kein fieses Mastermind, sondern der Donald Trump Eternias. Seine Ambitionen sind zu groß, seine Untergebenen hält er nur mit Gewalt auf Linie und seine Neigung, große Reden vor dem Triumpf zu schwingen, bringt ihm ziemlich oft Dämpfer ein, meist in Form sehr physischer Gewalt seitens der Masters.

Versteht mich nicht falsch: Für eine Kinder- und Jugendserie war Skeletor ein großartiger Schurke, denn es hat hämisch Spaß gemacht, ihn die Dämpfer für sein Verhalten kassieren zu sehen. Aber in einer modernen Erzählung, die sich vor allem an Erwachsene, vielleicht noch an Jugendliche richtet, kann die Figur so nicht mehr funktionieren.

Also? Welche Erzählung hätte man denn auf dieser Basis machen können? Keine gute, so viel ist sicher.

Nun ist Masters of the Universe: Revelation aber auch nicht Das Piano im Nerduniversum. Die Geschichte selbst ist eine einfache Hatz auf das zweigeteilte magische Schwert, gepaart mit den Konflikten der Hauptfiguren. Das ist nichts, was wir nicht schon hundertfach gesehen hätten, für Mastes of the Universe, der Dauerwerbesendung für Actionfiguren, dem Inbegriff von Style over Substance, ist es aber ein erzählerischer Quantensprung. Auch wenn Teelas Heldenreise zumindest bis Folge Fünf auch nicht gerade der Ausbund an Kreativität ist. Der Trope, dass die Heldenfigur sich ihrer Kraft bewusst werden muss, ist nun nicht gerade neu und auch nicht ausgefallen. Aber solide. Auch Orko muss sein Selbstbewusstsein finden, Roboto findet zu seiner Menschlichkeit.

Und diese beiden sterben.

Was als emotionale Achterban konzipiert ist und erzählerisch auch Sinn ergibt, wenn man eine erwachsene Geschichte erzählen will, in der Handlungen auch Konsequenzen haben, in der Opfer nötig sind, um das Richtige zu tun, ist für Fans des Franchise ein harter Schlag in die Magengrube. Und ich kann diesen Standpunkt verstehen.

Und dann stirbt He-Man auch noch ein weiteres Mal.

Laut Dürrenmat ist eine Geschichte erst auserzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung erfahren hat. Und die schlimmstmögliche Wendung ist nicht, dass He-Man tot und das Schwert der Macht zerstört ist, sondern dass He-Man tot ist und Skeletor das Schwert und damit The Power hat. Genauso endet dieser erste Teil dann auch. Ein großartiger, wenn auch – wie ich fand – erwartbarer Cliffhanger, aber für Fans eine Erfahrung, die wahrhaft bitter schmeckt. Da tröstet es auch nur wenig, dass Fan-Liebling Man-at-Arms seinen Heldenmoment bekommt, als er in der Mitte der Serie Mer-man samt seiner Schergen im Alleingang niedermacht.

Absurd wird es aber auf Seiten der kritischen Fans, wenn es um die Figur Andra geht. Angeblich habe sie eine lesbische Beziehung mit Teela, und weil diese eigentlich unbedeutende Nebenfigur in den Comics weiß war und nun eine Poc ist, wittert man wieder mal die große, progressive Verschwörung.

Wo die Fans diese lesbische Beziehung ausgemacht haben wollen, ist mir zwar entgangen (und auch allen anderen, mit denen ich darüber gesprochen habe), aber die veränderte Hautfarbe kann man natürlich nicht übersehen. Was daran problematisch sein soll, verstehe ich trotzdem nicht. Das überwiegend weiße Masters of the Universe-Franchise kann etwas mehr Repräsentanz anderer Gruppen gut vertragen, ohne dass es dadurch gleich in sich zusammenfällt. In anderen Franchises, zum Beispiel in großen Comicuniversen, ist es schon Tradition, dass regelmäßig Reboots stattfinden, mit denen auch Aussehen, Geschlecht und Charakter von Figuren verändert werden. Warum sollte das für Masters of the Universe nicht gelten?

Wer eine tiefe emotionale Wertbindung zum alten Masters of the Universe hat, dessen Enttäuschung kann ich verstehen. Allerdings frage ich mich, was diese enttäuschten Fans erwartet haben. Hatte man wirklich gedacht, man würde nun über zehn Folgen Katz und Maus zwischen He-Man und Skeletor bekommen, bei dem Skeletor wieder mal einen lächerlichen Plan ausheckt, die Masters inkompetent versagen und He-Man in Minute Sieben von Folge Zehn den Tag rettet? Ist man sich dort so wenig der aktuellen Erwartungshaltung an Erzählungen bewusst?

Und was das Marketing angeht: Ja, das war schändlich. Aber moralische Ansprüche an eine amoralische Branche zu stellen, ist wenig sinnvoll. Denn es ist deren Selbstverständnis ihres Jobs, schändlich zu sein. Schlussendlich haben sie Aufmerksamkeit erzeugt, und nur das zählt für diese Leute unterm Strich. Moralische Empörung wird daran nichts ändern. Viel mehr unterfüttert sie deren Annahmen, dass jede Form von Aufmerksamkeit gut Aufmerksamkeit sei

Wie gesagt, ich verstehe die emotionale Angefasstheit der Fans. Objektiv betrachtet ist Masters of the Universe: Revelation aber bisher das Beste, was jemals aus diesem Franchise auf die Bildschirme kam. Und das ist für ein Franchise, das so wenig Konsistenz bietet, schon beachtlich.


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David Hinder

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