Den eigenen Nachruf lesen – was das bedeutet, erfährt die berühmte Schauspielerin Livia Wegener in diesem Erstlingswerk von Autor Lennox Lethe am eigenen Leib.
Der Albtraum beginnt
Das Leben der berühmten deutschen Schauspielerin Livia Wegener liest sich wie in einer Glanzzeitschrift. Sie ist Oscar-Preisträgerin und ist nicht nur selbst ein Weltstar, sie ist auch mit einem verheiratet. Die deutsche Filmindustrie hat ein festes Standbein in Hollywood, eng verbunden mit dem Starregisseur Gernot Engelhardt. Er hatte Livia als junges Mädchen entdeckt und für den Jugendfilm Sturm der Zeit verpflichtet, der sie zum großen Star gemacht hat.
Die Dreharbeiten für Livias neuen Film Lifestyle, natürlich wieder unter der Regie von Gernot Engelhardt, laufen gut für Livia. Die Szenen in Marokko sind abgedreht nun geht es in einer ehemaligen Fabrikhalle weiter. Livia lässt sich nichts anmerken, die Veröffentlichung ihres Nekrologs in DER ZEIT soll keinen Einfluss auf sie und ihre Arbeit haben. Das redet sie sich zumindest ein. Wie gewohnt selbstbewusst und textsicher, stellt sie sich vor die Kamera. Doch mit einem Mal wird alles anders. Livia hört eine innere Stimme, eine Stimme, die sie verunsichert und beschimpft. Sie wird Diebin genannt und damit konfrontiert, eine Betrügerin zu sein, die nichts durch eigene Arbeit erreicht hat.
Zunächst schiebt sie alles von sich weg und will weitermachen wie bisher, doch das gelingt ihr nicht. Die verunsicherte Livia muss den Dreh abbrechen und wird von Gernot nach Hause geschickt. Weder ihr Ehemann, der Actionstar Majd Al Ferjani, noch ihre Mutter Caren, die als ihre Managerin fungiert, können sie beruhigen oder ihr diese undefinierte Angst nehmen.
Livia teilt sich ihren Körper mit einem Mal mit einer anderen Person. Nachts, wenn sie schläft, beginnt sie plötzlich zu schlafwandeln – es ist als ob jemand anders die Kontrolle übernommen hat. Doch das ist nicht alles. Als Livia am nächsten Tag aufwacht, hat sich ihre Realität komplett geändert. Sie ist mit einem Mal nicht mehr die Hauptdarstellerin in Gernots Film – er erkennt sie nicht einmal mehr. Erst als sie von Sturm der Zeit spricht, kann er sie wieder einordnen. Doch der Film wurde nie gedreht. Livia fliegt vom Drehort und kommt nicht mal mehr in ihr eigenes Haus hinein. Bei einem Einbruchsversuch wird sie sogar verhaftet. Immer weiter verwandelt sich ihr Leben in einen Albtraum, aus dem sie nicht mehr erwachen kann.
Happy End?
Nach und nach stellt sich heraus, wer Livias Körper besetzt. Es ist Denise Kupfer, eine Mitbewerberin um die Rolle der Sarah Sturm im Film Sturm der Zeit. Die behauptet, Livia hätte ihr die Rolle gestohlen, doch Livia ist sich hier keiner Schuld bewusst. Als Denise Livias Körper komplett übernehmen kann, ist Albtraum nicht mehr ausreichend, um zu beschreiben, was geschieht. Im Versuch, Gernot Engelhardt zu überzeugen, ihr, Denise, eine Rolle zu geben, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit blutigem und brutalem Ausgang. Livia kann durch ihre eigenen Augen nur tatenlos zusehen, wie geliebte Menschen mit ihren eigenen Händen zu Tode kommen. Denn nicht nur Gernot, sonder auch Madj, die liebe ihres Lebens verhalten sich nicht so, wie Denise es gerne hätte.
Livia wird auch klar, dass Denise keine erwachsene Frau sein kann. Sie ist ein vierzehnjähriges Mädchen, wie damals beim Casting zum Film. Gernot erinnert sich sogar an sie. Der Film wurde aber niemals gedreht. Livias Realität ist nun ganz eine andere. Ihr gelingt es schließlich, das Kommando wieder an sich zu reißen, als sie Denise mit Medikamenten betäubt. Nun ruft sie den einzigen Menschen an, der sie nicht vergessen haben kann – ihre Mutter.
Das ist jedoch nicht das Ende des Albtraums, denn entsetzt wird Livia Zeugin davon, dass sich ihre Mutter bestens mit dem Verstecken von Leichen auskennt. Und es wird gewiss: Livia hat die Rolle der Sarah Sturm nicht durch ihre Leistung ergattert. Gernot hat sie gewählt, weil Denise plötzlich verschwunden war. Caren Wegener hat sie aus dem Weg geschafft.
Der verzweifelten Livia ist bewusst, dass sie sich nicht lange gegen Denise behaupten kann. Sobald sie einschläft, wird Denise wieder da sein. Genauso kommt es und statt die Leichen von Gernot und Madj verschwinden zu lassen, fällt auch Caren Denises Rache zum Opfer. Nun dreht sich die Realität zu ihren Gunsten und sie bekommt das Happy End, das sie sich nach ihrer Ansicht auch verdient hat. Niemand kennt mehr eine Livia Wegener und Denise bekommt die Karriere, die sich ein vierzehnjähriges Mädchen nun mal erträumt.
Fazit
Das Buch fesselt und man kann es gut an einem entspannten freien Tag durchlesen. Es ist spannend und unterhaltsam und man will unbedingt wissen, was sich wie und warum zuträgt. Schon der Einstieg in die Story erscheint unwirklich. Das Leben von Livia Wegener ist traumhaft und schwer vorstellbar. Genauso verhält es sich mit dem Weg in ihren Albtraum und dem Happy End für Denise. Kann es überhaupt eine Realität geben, in der das alles Bestand hat?
Die Grundidee von Lennox Lethe basiert auf der wahren Tatsache, dass große Zeitungen und Medienanstalten Nekrologe für berühmte Personen sozusagen auf Lager haben. Beim ersten Lesen des Buches hatte ich zugegebenermaßen ein paar Probleme mit der Geschichte. Es ging nicht auf, es gibt keine Erklärungen. Als ich das Buch mit etwas Abstand das zweite Mal gelesen habe, hat mich das keine Rolle mehr gespielt. Es macht die Geschichte sogar noch interessanter. Da sie kurzweilig ist und wie gesagt schnell zu Ende gelesen, konnte ich mich nachhaltig mit ihr beschäftigen. Sie regt zum Nachdenken an. Was ist wirklich wahr? Hatte Livia überhaupt jemals eine Karriere oder hat sie sich das alles nur eingebildet? Kam sie ihrer Mutter irgendwann auf die Schliche? Wurde ihre Mutter gar überführt und verhaftet? Da der Film nie zustande kam, wurde Livia von Schuldgefühlen überrollt und hat langsam den Verstand verloren. Das ist natürlich nur eine Möglichkeit.
Die besten Mystery-Stories sind solche, die ohne große Erklärungen auskommen und den Leser fordern – das kann man natürlich auch auf das filmische Genre übertragen. Lennox Lethe zieht den Lesenden in die Geschichte hinein, was er mit stilistisch kurzen Sätzen und unverschachtelten Dialogen schafft. Die explizite Darstellung der Vorgänge lässt die Geschichte zum Horrorbuch werden. Ein furchtbarer Albtraum und Horror, den Livia erleben und in dem sie leben muss. Eine klare Empfehlung!
Über den Autor
Lennox Lethe liebt und schreibt Horror. Seine Kurzgeschichte X gewann den Vincent Preis 2025. Er ist Co-Host von Where is the Light? Der MillenniuM Podcast und schreibt als freier Redakteur für das Horror-Magazin Virus. Lennox trägt meistens eine Totenkopf-Maske und lebt in der Nähe von Köln. Treffen kann man ihn unter anderem bei der FedCon oder MagicCon. Für weitere Termine und Infos schaut Euch bitte seine Website an: https://lennoxlethe.de/. Untenstehend findet Ihr die Links zu seinen Social-Media-Kanälen.
Info
Autor: Lennox Lethe
Verlag: höllenwärts (tolino media GmbH & Co. KG)
Erschienen: 2022
Art: Taschenbuch
Seiten: 155
ISBN: 978-3-75465-022-6
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