Review: Daredevil (2003)

Lesezeit circa: 13 Minuten

Mit Daredevil wurde 2003 Marvels bodenständigster Superheld verfilmt.

Es rollt!

Es scheint so, als ob etwas ins Rollen geraten ist. Seit Blade damals 1998 verfilmt worden ist, sind immer mehr Comics des Marvel Verlags adaptiert worden. Und das Jahr 2003 ist das erste, wo gleich mehrere dieser Adaptionen herauskamen. Den Beginn machte Daredevil.

Bei dem Namen handelt es sich um das Alter Ego des blinden Anwalts Matt Murdock, der in seiner Kindheit durch einen Unfall mit radioaktivem Material seine Sehkraft verlor. Doch im Gegenzug erhielt er einen Radarsinn, derweil alle seine anderen Sinne deutlich geschärft wurden, so dass er beispielsweise die Buchstaben einer Zeitung ertasten kann. Ebenso zeichnet ihn die Fähigkeit aus, ohne Furcht agieren zu können, was zu seinem Spitznamen „Mann ohne Furcht“ führt. Die Comicreihe war bei Marvel selten einer der Megaseller, wie es zum Beispiel die X-Men waren und auch sind. Doch im Laufe der Zeit arbeiteten viele angesehene Comickreative mit der von Stan Lee und Bill Everett erfundenen Figur. Vor allem Frank Miller drückte dem Teufel von Hell’s Kitchen seinen Stempel auf und erschuf die Grundlagen, auf denen der Film basiert. Diese Teufelsküche ist übrigens auch der Ort, wo der Held überwiegend aktiv ist.

Und anders als viele der vorherigen Kinofilme verlief die Produktionsphase dieses Mal fast reibungslos. Was auch mit daran liegen mag, dass es anders als beispielsweise bei Spider-Man, keine lange Vorgeschichte mit diversen verschiedenen Drehbüchern gab. Die Verfilmung war bereits seit 1997 geplant gewesen, als damals 20th Century Fox die Filmrechte von Marvel kaufte und Chris Columbus Regie führen sollte. Dann ging der Comicverlag pleite, Fox ließ die Rechte verfallen und nach ein klein wenig hin und her landeten diese schließlich bei New Regency, wobei Fox am Ende den Vertrieb übernahm.

Daredevil

Ein interessantes Ensemble

Auf den Regiestuhl setzte sich dann Mark Steven Johnson, der zuvor Regie bei Simon Birch (1998) führte und ansonsten die Drehbücher für Ein verrücktes Paar und Jack Frost schrieb. Auch für Daredevil verfasste er das Skript. Es gab noch ein kleines Hin und Her, wo die Dreharbeiten stattfinden sollten. Fox bevorzugte als Drehort das billigere Kanada, derweil sich der Regisseur für Los Angeles einsetzte. Sein Argument war, dass die Stadt das Aussehen von Hell’s Kitchen, dem Handlungsort, perfekt wiedergeben würde. Am Ende setzte er sich durch.

Ben Affleck, damals durch Good Will Hunting bekannt und bekennender Comicfan, wurde der Hauptdarsteller des Films, Matt Murdock. Seine spätere Ehefrau Jennifer Garner, die zur jenen Zeit als Hauptdarstellerin der Serie Alias für Aufsehen sorgte, wurde Elektra Natchios. Michael Clarke Duncan (The Green Mile) wurde der Kingpin. Dieses Casting verursachte in einigen Fankreisen Kontroversen, da die Figur in den Comics ein weißer Mann ist, derweil Duncan dunkelhäutig ist. Der Ire Colin Farrell, bekannt durch Der Rekrut, wurde zum Auftragsmörder Bullseye, der sein Ziel niemals verfehlt. Jon Favreu (Rocky Marciano) wurde zu Matt Murdocks Kanzleikollegen Foggy Nelson. Joe Pantoliano (Die Goonies) übernahm den Part des Reporters Ben Urich, derweil Leland Orser (Alien – Die Wiedergeburt) als rechte Hand des Kingpins Wesley Owen Welch und Erick Avari (Die Mumie) als Elektras Vater das Ensemble abrundeten.

Vorab: Rezensiert wird die Kinoversion des Films. Der Directors Cut, der im Vergleich große Unterschiede beinhaltet, wird Gegenstand einer eigenen Rezension.

Tod trifft auf Liebe

Matt Murdock ist der Sohn eines abgehalfterten Boxers, der alles daran setzt, dass dieser nicht in seine Fußstapfen tritt. Eines Tages beobachtet Matt, wie sein Vater Schutzgeld erpresst und hat deshalb einen Unfall, der ihn das Augenlicht kostet. Doch dann entdeckt er, dass seine Sinne enorm geschärft worden sind. Sein Vater feiert derweil ein Comeback, das allerdings von einem der lokalen Gangsterbosse gesteuert wurde. Und als sich Jack Murdock weigert, den letzten Kampf zu verlieren, wird er zur Strafe nach seinem Sieg umgebracht. Matt kriegt den Mord mit, findet jedoch nur den toten Körper und rote Rosen an diesem vor.

Jahre später ist aus Matt ein Rechtsanwalt geworden, der sich gemeinsam mit seinem Partner Foggy Nelson für die Belange der Armen und Schwachen einsetzt. Als Daredevil verfolgt er die Kriminellen, die dem Arm der Justiz entkommen sind und sorgt für ihren Tod. Eines Tages lernt er die wunderschöne Elektra Natchios kennen und lieben. Es ist eine Beziehung auf Gegenseitigkeit, die allerdings tragisch endet. Denn Elektras Vater, Nikolas Natchios, hat für den Kingpin gearbeitet und will sein Arbeitsverhältnis mit diesem beenden.

Der ist damit nicht einverstanden und setzt den Auftragskiller Bullseye auf ihn an, der noch nie sein Ziel verfehlt hat. Und in der Tat kann der Killer die Natchios aufspüren und angreifen. Daredevil versucht zwar das Attentat zu verhindern, doch auf Grund eines Missgeschicks kann Bullseye Nikolas mit dem Stock des Heldens umbringen.

Daredevil

Die Zutaten stehen bereit

Elektra schwört darauf dem Mann ohne Furcht Rache und trainiert dafür. Bewaffnet mit Sai Dolchen greift sie ihn später an und kann ihn auch verwunden. Doch als sie entdeckt, dass Daredevil in Wahrheit ihre Liebe Matt Murdock ist, ist sie entsetzt. Und als Bullseye die beiden im Auftrag des Kingpins angreift, versucht sie den verletzten Helden zu verteidigen, bezahlt dafür aber mit dem Leben.

Der trauernde Daredevil liefert sich daraufhin mit Bullseye ein Duell in einer Kirche, dass er gewinnen kann. Der Auftragskiller überlebt schwerverletzt. Daredevil macht sich dann daran, den Kingpin auszuschalten, was ihm nach einer heftigen Auseinandersetzung gelingt. Das kriminelle Oberhaupt wird verhaftet und der Mann ohne Furcht setzt seinen Kampf gegen die Ungerechtigkeit fort.

Von allen Superhelden, die von Marvel in den letzten Jahren verfilmt wurden, ist Daredevil der bodenständigste. Seine Feinde sind eher Gangster und Ganoven, sein Beruf Rechtsanwalt. Im Prinzip alles Zutaten für einen gelungenen Film, der ohne großartige Special Effects auskommen müsste. Hinzu kommen dann auch noch die zahllosen legendären Geschichten aus den Comics, bei denen sich ebenfalls bedient wurde. Und natürlich kommt ein Hauptdarsteller hinzu, der sich zur Vorbereitung durch alle Daredevilcomics gearbeitet hatte, die es damals gab. Also im Prinzip beste Zutaten für einen gelungenen Comicfilm, oder?

Es kommt vieles zu kurz

Doch leider ist der Film, trotz großer Nähe an die Vorlage, eine der mittelmäßigsten Comicverfilmungen bislang. Er ist kein kompletter Reinfall, was man vor allem der überzeugenden Darstellungsleistungen von Ben Affleck und Michael Clarke Duncan zu verdanken hat. Aber selbst die beiden können nicht verhindern, dass der Gesamteindruck eher enttäuschend ausfällt.

Zunächst natürlich das Positive. Ben Affleck stellt, wenn das Material ihn lässt, einen überzeugenden Daredevil dar. Sein Held ist ein leidender, von Selbstzweifeln zerfressender, und gleichzeitig auch getriebener. Dessen Liebe zu Elektra für ihn im wahrsten Sinne des Wortes ein neuer Eindruck ist, was ihn sogar dazu treibt, ein geschehendes Verbrechen zu ignorieren, um stattdessen ein Schäferstündchen mit seiner Holden zu haben.

Schade ist nur, dass der Film sich zu sehr auf die Superheldenseite seines Charakters fokussiert. Die Anwaltsseite, die Interaktion mit Foggy Nelson, der ja in den Comics ein guter Freund von ihm ist, so wie die Blindheit der Figur kommen zu kurz. Es reicht eben nicht, dass Ben Affleck mit milchigen Kontaktlinsen sich in ein paar Szenen durch das Geschehen tastet. Da hätte mehr gezeigt werden müssen!

Daredevil

Dominanz

Kommen wir zum Kingpin. In den Comics ist er eine dominierende Gestalt, ein immer wiederkehrender Dorn in der Seite des Mannes ohne Furcht. Die Dominanz, die absolute Kontrolle über sein Imperium, darüber wer lebt oder stirbt, wird auch in Daredevil gezeigt. Michael Clarke Duncan stellt dabei seinen Charakter als ruhig und kaltblütig dar. Als jemanden, der erst dann die Contenance verliert, als sein Gegenspieler ihn konfrontiert.

Was man sich hier gewünscht hätte, wäre mehr Szenen gewesen, in denen auch die physische Seite des Kingpins gezeigt werden würde. Dass man ihn trainieren sieht, seinen Körper stählen sieht. Damit das finale Duell gegen Daredevil besser aufgebaut worden wäre und glaubwürdiger gewirkt hätte.

Wobei der Film sowieso ein extremes Pacing-Problem hat. In einem unglaublich hohen Tempo wird durch die Story gehetzt und viele Plots nur angerissen. Man sieht den Ursprung des Helden, sieht wie er Elektra trifft und sich in sie verliebt, nur um dann den Tod ihres Vaters zu erleben und wie sie zur Rächerin wird. Das alles innerhalb einer Stunde. Und das rächt sich.

Übertrieben gut

Denn je weniger bedeutsam für die Handlung, desto weniger werden die jeweiligen Charaktere ausgebaut. Und nicht immer wird dies durch eine gute Leistung der Schauspieler aufgefangen. Vor allem Jennifer Garner kann als Elektra nicht überzeugen. Sie ist eben nur Eye-Candy, die die meiste Zeit mit tief ausgeschnittener Kleidung präsentiert wird. Die Chemie zwischen ihr und Ben Affleck ist nicht existent, was insofern ironisch ist, als dass die beiden einige Jahre nach Daredevil für eine Zeitlang miteinander verheiratet waren.

Von den anderen Schauspielern kann noch am ehesten Colin Farrell überzeugen, der Bullseye komplett übertrieben darstellt. Doch diese Charakterisierungsweise passt zu der Figur und lässt sie aus dem Figurenensemble hervorstechen. Er wirkt, ausgerechnet, von allen Charakteren am glaubwürdigsten. Man kauf ihm ab, dass er quasi in seinem Job aufgeht und wieviel er sich darauf einbildet, sein Ziel niemals zu verlieren. Und wie sehr es ihn wurmt, dass Daredevil, gerade der blinde Heroe, seinen Angriffen scheinbar mühelos ausweichen kann.

Doch der Rest? Ist existent. Man merkt einfach, dass die anderen Figuren nur bestimmte Zwecke erfüllen müssen, mehr aber auch nicht. Vor allem bei dem Charakter Ben Urich macht sich dies bemerkbar. In den Comics ist der Reporter eine Stimme der Wahrheit, der trotz vieler Schicksalsschläge über Verbrechen und Korruption berichtet und gleichzeitig für Daredevil eine wichtige Unterstützung ist. Im Film taucht er einfach nur ab und an auf, nervt, baut aber ansonsten keine nennenswerte Verbindung mit dem restlichen Cast oder dem Mann ohne Furcht auf. Die stärkste Szene hat er am Ende, als er einen Artikel, in dem er die wahre Identität des Heldens wieder löscht. Dieser Moment hätte deutlich besser gewirkt, wenn er mehr mit dem Heroen interagiert hätte und ihm gegenüber auch angedeutet hätte, dass er weiß, wer hinter der Maske steckt.

Löcher zum Reinfallen

Immerhin bekennt sich der Film gleich mehrere Male seiner Wurzeln. Neben einem Cameoauftritt von Stan Lee, der, vertieft in seine Zeitung, von einem jungen Matt Murdock vor einem Unglück aufgehalten wird, gibt es mehrere Namedrops und auch Szenen, die direkt der Vorlage entlehnt sind. So stellt der berühmte Filmemacher Kevin Smith, der einige Jahre zuvor die Comicabenteuer des Teufelskerls geschrieben hatte, einen Gerichtsmediziner mit dem Namen Jack Kirby dar. Kein Zufall, da der legendäre „King“ ebenfalls mit beim Ursprung des Heroen involviert war.

Ein weiteres Problem, dass der Film hat, ist, dass er gleich zwei Mal ein enormes Plotloch aufweist. Das erste Mal ist die Szene, in der Matt Murdock und Elektra Natchos auf einem Kinderspielplatz spaßeshalber gegeneinander kämpfen. Zum einen irritiert, wie offen der Anwalt seine besonderen Fähigkeiten zeigt. Und zum anderen, dass das von mehreren Kindern beobachtet wird, es also quasi vor allen Augen passiert. Es verwundert, dass dieses offensichtliche Darstellen der speziellen Begabung des Anwalts keine Konsequenzen hervorgerufen hat.

Das nächste große Problem geschieht am Ende des Films. Daredevil wurde von Elektra eine Schulter durchbohrt, weshalb er den entsprechend Arm auch zunächst nicht nutzen kann. Doch davon ist bei der Auseinandersetzung gegen Bullseye nicht mehr die Rede. Hier kann der Held problemlos agieren, obwohl seit der Verletzung allerhöchstens Stunden vergangen sind. Und es wurde im Film nicht angedeutet, dass er Schnellheilkräfte besitzt, was er in den Comics sowieso nicht hat.

Daredevil

(Leider) nur Leder

Noch ein paar Worte zu den Kostümen. Hier führt der Film das fort, was auch schon bei Blade und den X-Men gemacht wurde: Lederkostüme. Während bei Daredevil selbst wenigstens noch halbwegs versucht wurde, einen Look zu treffen, der den Comics entspricht, ist dies bei Elektra und Bullseye nicht der Fall. Bei letzterem wurde stattdessen auf eine zielscheibenförmige Narbe auf der Stirn gesetzt, um etwas Ähnlichkeit mit dem Comic-Bullseye zu erzeugen. Es ist einerseits schade, dass hier nicht wie bei Spider-Man versucht wurde, einen mehr comicgerechten Look zu erhalten. Aber andererseits muss man auch berücksichtigen, dass Daredevil mit 78 Millionen Dollar im Vergleich zu den 139 Millionen Dollar des Spinnenmanns ein deutlich geringeres Budget hatte.

Und da wurde sich wohl entsprechend entschieden, das Geld lieber in die Darstellung der besonderen Sinne von Daredevil zu stecken. Was für den Film genau die richtige Entscheidung war. Denn bis auf zwei Szenen wurden diese alle komplett am Computer erstellt und sehen beeindruckend aus. Genauso hat man sich in der Realität immer vorgestellt, dass der Mann ohne Furcht seine Umgebung wahrnimmt.

Ebenso gelungen war der Soundtrack. Der Score ist unglaublich und die begleitenden Lieder gut ausgesucht. Vor allem das Bring me to Life von Evanascene und Paul McCoy verursacht bei mir persönlich selbst heute noch Gänsehaut, mehrere Jahre nachdem ich es gehört habe.

Fortsetzung kommt?

Trotz aller Schwächen war Daredevil ein finanzieller Erfolg, was auch dazu führte, dass der Charakter Elektra 2005 einen eigene Kinofilm erhielt. Ebenso sollte 2004 ein Director’s Cut des Films herauskommen, der nicht nur deutlich länger war, sondern ebenfalls viele der Kritikpunkte beheben sollte. Ob dem der Fall ist, wird dann die entsprechende Rezension zeigen.

Es sollte übrigens nicht die letzte Adaption des Heldens sein. Denn von 2015 bis 2018 lief auf Netflix für drei Staffeln eine Serienadaption.

Am Ende muss man einfach sagen, dass die Kinofassung von Daredevil nicht wirklich überzeugen konnte.

Daredevil (2003) on IMDb


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Götz Piesbergen
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