Review: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003)

Lesezeit circa: 12 Minuten

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ist die Verfilmung einer gleichnamigen Comicreihe.

Ein Meisterwerk von einem Meisterautor

Es gibt im Comicbereich nur wenig Namen, bei deren Nennung wirklich jeder Comicfan hellhörig wird. Alan Moore ist so einer. Der Brite hat im Laufe seiner Jahre als Comicautor viele außergewöhnliche Comicserien und Geschichten verfasst. Sei es die Story Anatomy Lesson in Swamp Thing, die Miniserie Watchmen, die sich kritisch mit Superhelden auseinandersetzt, oder From Hell, in dem er sich mit den Jack-the-Ripper-Morden beschäftigte. Gleichzeitig ist er allerdings auch ein Mann von festen Prinzipien, der mit den modernen Comics nur noch wenig anzufangen weiß und der Welt der bunten Bilder auf Grund vieler bitterer Erfahrungen den Rücken gekehrt hat.

Allerdings nicht, bevor er 2019 sein Magnum Opus fertigstellte. The League of Extraordinary Gentlemen Volume IV: Tempest kam heraus. Und es war der Abschluss einer Reihe von Miniserien, die er 1999 mit dem allerersten The League of Extraordinary Gentlemen anfing. Und eben jene letztgenannte Minireihe bildete die Grundlage für die 2003er-Verfilmung, die hierzulande als Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen bekannt ist.

Das Grundprinzip des Comics war einfach wie bestechend. Alan Moore schrieb eine Art Justice League, so der Name von DCs Vorzeigesuperheldenteam, deren Mitglieder allerdings berühmte literarische Charaktere des viktorianischen Zeitalters waren, in dem die Serie stattfand. So gehörte zu der ersten Inkarnation des Teams Mina Harkness (bekannt aus Bram Stokers Dracula) oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die Figuren aus Robert Louis Stevensons Roman.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Ein Coup mit Konsequenzen

Ein interessantes Prinzip, weshalb es auch nachvollziehbar ist, wieso der Comic schon bald verfilmt wurde. Und in der Tat wurde eine Produktion des Films von 20th Century Fox gestartet, die relativ reibungslos verlief. Für die Regie wurde Stephen Norrington angeheuert, der bereits mit Blade bewies, dass er Comicverfilmungen konnte. Das Drehbuch verfasste der bekannte Comicautor James Dale Robinson.

Beim Casting gelang ein echter Coup, als für die Rolle des Allan Quatermain niemand Geringeres als Sean Connery gecastet wurde, der dafür allerdings auch 17 Millionen Dollar an Gage kassierte. Was bei einem Budget von 78 Millionen Dollar nicht mehr viel Spielraum für andere große namenhafte Darsteller ließ. Und so wurde der Cast zwar nicht mit No-Names aufgefüllt, aber in Sachen weltweitem Ruhm kam keiner an Sean Connery ran.

Der indische Schauspieler Naseeruddin Shah (Monsoon Wedding) wurde zu Captain Nemo. Das australische Model und Schauspielerin Peta Wilson (La Femme Nikita) übernahm den Part von Mina Harkness, derweil der Schotte Tony Curran, den man bereits in Blade II in der Rolle des Priest sah, zu Rodney Skinner wurde, dem Unsichtbaren. Er war nicht der aus der Literatur bekannte unsichtbare Mann, da es Fox nicht gelang, sich die Namensrechte an der H.G. Wells-Figur zu sichern. Der Ire Stuart Townsend (Königin der Verdammten) stellte Dorian Grey dar, derweil der Amerikaner Shane West (Dracula 2000) zu Tom Sawyer wurde. Sein Charakter wurde auf Bitte des Studios eingefügt, damit der Film noch mehr das amerikanische und vor allem junge Publikum ansprechen würde. Jason Flemyng (Snatch) als Doktor Jekyll und Mr. Hyde, sowie Richard Roxburgh (Moulin Rouge) als „M“ rundeten die Hauptdarstellerriege ab. Bei den Nebendarstellern wurde Max Ryan (Kiss of the Dragon) zu Dante, Tom Goodman-Hill (The One and Only) zu Sanderson Reed, David Hemmings (Gladiator) zu Nigel und Terry O’Neill (Gangs of New York) zu Ishmael.

“Leichte” Probleme beim Dreh

Ursprünglich sollte auch noch eine weibliche Figur namens Eva Draper mit im Film auftauchen. Doch abgesehen von Promomaterial war sie nirgends im finalen Produkt zu sehen. Womit Peta Wilson die einzige Frau in dem Ensemble war.

Gefilmt wurde Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen in Ungarn, Malta und der Tschechischen Republik. Und es gab einige Probleme. So übte das Studio Druck aus, damit der Film noch vor dem damaligen Blockbuster Master und Commander in die Kinos kam. Doch es gab Verspätungen, als ein Special-Effects-Set nicht wie geplant funktionierte und deshalb nach Ersatz gesucht werden musste.

Auch gab es Reibereien zwischen Sean Connery und Regisseur Stephen Norrington. Letzterer fühlte sich mit der Überwachung des Studios sowie der großen Crew nicht wohl. Und dann gab es ebenfalls noch die Klage der Drehbuchautoren Larry Cohen und Martin Poll, die 20th Century Fox vorwarfen, dass das Skript des Films von ihren Ideen abgekupfert worden sei und der Comic nur ein vorgeschobener Grund sei. Letzten Endes wurde das Verfahren außergerichtlich beigesetzt, was aber wiederum Alan Moore, dem Autoren des Comics nicht gefiel, der sich dadurch um die Möglichkeit geraubt sah, sich von den Anschuldigungen, dass die Story abgekupfert worden sei, zu entlasten. Allgemein beklagte er, dass er bei diesem Prozess wenig bis gar keine Unterstützung sowohl durch das Studio als auch durch den Verlag DC Comics erhielt. Was am Ende mit dazu führte, dass er die Serie mit Volume III bei einem anderen US-Publisher fortführte.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Eine Bedrohung für die Welt

Der Film kam am 11. Juli 2003 in die Kinos. Und die Resonanz war… durchwachsen? Zunächst einmal spielte der Kinofilm bei einem Budget von 78 Millionen Dollar „nur“ 179,3 Millionen ein. Doch die Kritik war vernichtend. Und sorgte am Ende dafür, dass sich Sean Connery aus dem Filmgeschäft zurückzog und Stephen Norrington bis zum heutigen Tag zwar diverse Male in Film- und Fernsehproduktionen involviert war, aber davon keine einzige realisiert wurde. Außerdem hat er nach Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen nie wieder Regie geführt.

Im Jahr 1899 terrorisiert eine Terrorgruppe unter der Führung des Phantoms die Welt und treibt die Staaten der Welt langsam in einen Krieg gegeneinander. Um dies zu verhindern, trommelt das britische Empire die neuste Inkarnation seiner Liga der außergewöhnlichen Gentlemen zusammen.

Unter der Führung des alten Jägers Allan Quatermain (Sean Connery) besteht die Gruppe aus Mina Harkness (Peta Wilson), die durch ihre Begegnung mit einer blutdürstigen Kreatur über vampirische Fähigkeiten verfügt, dem Uboot-Captain Nemo (Naseeruddin Shah), dem Unsichtbaren Rodney Skinner (Tony Curran), dem Unsterblichen Dorian Grey (Stuart Townsend) und dem jungen Amerikaner Tom Sawyer (Shane West). Das letzte Mitglied ist Doktor Jekyll (Jason Flemyng), der sich durch die Einnahme eines Serums in den monströsen Mr. Hyde verwandelt.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Komplette Ignoranz

Doch schnell wird klar, dass das Phantom ihnen immer einen Schritt voraus ist und dass sich anscheinend ein Verräter in ihren Reihen befindet. Das heißt, wenn es der Gruppe nicht gelingt, zusammenzuarbeiten, hat sie so gut wie verloren.

Als Fan von Superheldenverfilmungen ist man ja schon gewohnt, dass diese sich nur selten exakt an die Vorlage halten. Sogar bei den X-Men war es so, dass die Macher nur einige nötige Erkennungsmerkmale übernahmen und ansonsten ihr eigenes Ding machten. Doch bei Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen merkt man in jeder Sekunde, dass die Verantwortlichen sich nur oberflächlich mit der Vorlage beschäftigt haben und sich mit den Schöpfern Alan Moore und Kevin O’Neill nicht berieten. Wo der Comic eine düstere, stellenweise schockierende Story schilderte, die mit vielen Anspielungen auf die viktorianische Literatur begeistern konnte, ist der Film ein 08/15-Actionfilm. Einer, der die Vorlage komplett ignoriert und gleichzeitig zwar passende, aber in der ursprünglichen Story nicht vorkommende Figuren (Dorian Grey und Tom Sawyer) einführt. Und einer, der so viele Probleme hat, dass man nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören soll!

Man merkt dem Film an, dass Sean Connery der unbestrittene Hauptdarsteller ist. Von allen Darstellern ist er noch der überzeugendste, dessen Allan Quatermain ein alter Jäger ist, der in dem jungen Tom Sawyer eine Art Ersatzsohn sieht, nachdem sein richtiger Sohn vor Jahren in Afrika verstorben ist. Das Ableben seiner Figur am Ende gerät dann sogar schon fast emotional mitziehend, auch wenn es im Gesamtbild des Films vorhersehbar und mit Problemen behaftet war.

Massive Probleme überall

Um es erneut zu betonen: Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen hat massive Probleme! Es gibt kaum einen Aspekt des Films, der nicht enttäuscht. Charaktere, Story und Special Effects wirken mitunter lächerlich!

Ein großes Problem, das der Film hat, ist, dass die Entwicklung der Figuren nicht aus sich heraus passiert, sondern sie bestimmte Entwicklungsstadien besitzen müssen, weil es gerade die Geschichte verlangt. Auf einmal erwähnt Dr. Jekyll, dass er sich zu Mina Harkness hingezogen fühlt und wird von seinem Alter Ego Mr. Hyde dazu verführt, dass er zu eben diesem werden soll. Diese Emotion wird ein einziges Mal erwähnt und hat auch nur den Zweck, dass der Doktor entdeckt, dass ihm einer seiner Tränke, die die Verwandlung in Hyde auslösen, gestohlen wurde. Nachdem das geschehen ist, wird die potentielle Zuneigung zu Mina Harkness nicht wieder aufgegriffen.

Auch die Tatsache, dass gewisse Plottwists nicht aufgebaut wurden, stört. Dass es einen Verräter in der Mitte der Gentlemen gibt? Geschenkt. Das ist nichts Neues, sondern ein Indiz dafür, dass Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen alles andere als innovativ ist. Aber was dann die wahre Identität des großen Gegenspielers angeht, so wird diese Enthüllung nicht entwickelt, sondern einfach so im Finale erwähnt, da es exakt in diesem und auch nur in diesem Moment die Geschichte verlangt!

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Gut geschützte, dank Plot-Armor!

Darunter leidet auch die Arbeit der Schauspieler. Sie alle stehen zum einen im Schatten von Sean Connery, der alle Szenen schlicht und ergreifend dominiert. Und zum anderen schaffen sie es nicht, mit ihrer Darstellungsleistung die Schwächen der Story zu überspielen. Zwar bemühen sich die Darsteller, doch was einem im Kopf hängen bleibt, ist nicht die Leistung einer Peta Wilson oder eines Naseeruddin Shah, sondern die Tatsache, dass die Charaktere blass und ungefähr bleiben, Opfer einer schwachen und mit Problemen behafteten Story.

Was außerdem stört, ist der extreme Plot-Armor der Figuren. Sie überstehen jede Katastrophe, jeden Kampf nahezu ungeschoren. Die Gentlemen treffen sich in der Bibliothek von Dorian Gray, einem kleinen, überschaubaren Raum und werden dann überraschend von den Soldaten des Phantoms angegriffen, die in der Mehrzahl und mit Maschinengewehren ausgestattet sind. Trotzdem werden die Heroen kein einziges Mal getroffen, sondern können rechtzeitig Deckung aufsuchen und die Gegner einen nach dem anderen erledigen. Oder Tom Sawyer baut mit dem Wagen von Captain Nemo bei einer waghalsigen Rettungsaktion einen Unfall und ein Gebäude bricht über ihm zusammen. Kurze Zeit später zeigt sich, dass er quicklebendig ist und alles ohne sichtbare Schäden überstanden hat.

Dieser extreme Plot-Armor stört mindestens ebenso wie die erstaunliche Blutarmut des Films. Der rote Lebenssaft ist zwar ein paar Mal zu sehen, aber nie, um zu zeigen, dass die Figuren irgendwie verletzt sind. Geschweige denn, dass sie großartig schwitzen oder dreckig sind, um zu symbolisieren, dass sie sich anstrengen oder leiden. Dies untergräbt auch den Tod von Allan Quatermain, da er nirgends blutet, sondern im sauberen Hemd dasitzt und einfach so stirbt. Was sein Ableben ziemlich lächerlich wirken lässt.

War das eben nicht anders?

Auch hat der Film mehrere Anschlussfehler. Mina Harkness hat in einer Szene auf einmal lange, rote, lockige Haare, um dann bei ihrem nächsten Auftauchen wieder glatte zu haben. Dorian Gray wird das Hemd aufgerissen, damit man sehen kann, wie er sich von (natürlich blutleeren) Schusswunden in seiner Brust regeneriert und beim nächsten Auftreten ist das Kleidungsstück wieder heile! So etwas fällt auf!

Und noch schlimmer sind die Special Effects. Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen hat ein paar gute Effekte, aber eben auch jede Menge lächerliche und nicht überzeugende. Schon allein beim Aussehen von Mr. Hyde merkt man, dass im Prinzip Jason Flemyng nur eine übergroße Prothese gesteckt wurde. Ebenso wie das Gebäude, in das zu Beginn des Films ein Panzer reinfährt, anscheinend aus angemaltem Styropor besteht. Computereffekte sind zwar auch eingesetzt worden, doch die wirken einfach nur lächerlich!

Betreiben wir keine Schönfärberei: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen scheitert an viel zu vielen Fronten! Der Film wird der Vorlage überhaupt nicht gerecht und kann selbst als Actionfilm nicht überzeugen. Besser einen Bogen um dieses Werk machen!

The League of Extraordinary Gentlemen (2003) on IMDb


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Götz Piesbergen
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