Review: H.G. Wells Band 6/6 – Der Unsichtbare, Teil 2

Lesezeit circa: 5 Minuten

Der Unsichtbare offenbart seine Vorgeschichte, die so düster ist wie seine Pläne für die Zukunft.

Der UnsichtbareDie Handlung

Der zweite Teil knüpft nahtlos an den ersten an. Der Unsichtbare ist zu Gast bei Dr. Kemp, dem er erst einmal eine einschenkt, bevor er sich erklärt. Er braucht nicht nur medizinische Hilfe, sondern einen Zuhörer. Da er Dr. Kemp noch von der Universität kennt, gibt er sich ihm als der Albino Griffin zu erkennen. Er hatte ebenfalls Medizin studiert, sich dann jedoch der Physik zugewandt.

Heimlich entwickelte er seine Unsichtbarkeitsformel, doch nachdem er die Nachbarskatze verschwinden ließ, wurde ihm die Zwangsräumung angedroht. Dieser kam er zuvor, indem er sich selbst unsichtbar machte und seine Wohnung in die Luft jagte. Anschließend tauchte Griffin in einem Einkaufszentrum unter, wo er sich mit Kleidung und allem Notwendigen eindecken wollte. Dabei musste er jedoch erkennen, dass das nicht so einfach ist, wenn das Diebesgut nicht gleichermaßen unsichtbar wird.

Ebenso musste er feststellen, dass die Unsichtbarkeit ebenfalls ihre Tücken hat. Ständig umgerannt und angefahren zu werden, ist nicht sonderlich angenehm. Zudem machen ihn Regen, Schnee, Nebel und Schlamm durchaus wieder sichtbar. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als einen kleinen Laden auszurauben und sich mit der erbeuteten Kleidung eine neue Identität zu geben. So kam er schließlich nach Iping.

Nachdem Griffin dem Doktor seine Vorgeschichte erläutert hat, unterbreitet er ihm seine Zukunftspläne. Zunächst benötige er die Hilfe Kemps bei der Entwicklung eines Elixiers, das ihn wieder sichtbar machen soll. Danach wolle er ein Schreckensregime errichten. Davon entsetzt verrät Kemp ihn an die Polizei, was ihm der Unsichtbare nicht verzeiht. Fortan trachtet er ihm nach dem Leben, während im Gegenzug die Jagd auf ihn eröffnet wird. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Griffin glaubt, die Katze zu sein.

Rezension von Der Unsichtbare, Teil 2

Endlich erfahren die Leser, wie der Unsichtbare zu seiner Fähigkeit gelangt ist. Freilich erscheint die altertümliche Erklärung fantastisch und da heute niemand mehr an Äther und dergleichen glaubt, greifen moderne Adaptionen der Geschichte zu technischen Mitteln, die tatsächlich möglich sind. Die vorliegende Graphic Novel bleibt jedoch bei der Sichtweise von H.G. Wells und versetzt die Geschichte in die viktorianische Epoche. Das macht diese Reihe so erfrischend.

Erfreulich ist außerdem, dass der Antagonist endlich einen Namen erhält. Seine Hintergrundgeschichte offenbart einmal mehr, welch ein Psycho er ist. So bestiehlt er in der Not den eigenen Vater und treibt diesen so in den Suizid. Zur Beerdigung geht er nur anstandshalber, Mitgefühl oder gar Reue zeigt er nicht. Gleiches gilt für seine Raubzüge. Griffin ist einzig auf den eigenen Vorteil bedacht und denkt nicht an die Konsequenzen seines Handelns. Damit erfüllt er wirklich alle Charakteristika eines Psychopathen.

Darüber hinaus ist er obendrein größenwahnsinnig, glaubt er doch allen Ernstes, ein Schreckensregime errichten zu können. Zum eigentlichen Protagonisten der Geschichte avanciert derweil Dr. Kemp, der ihn mit allen Mitteln daran hindern will, seine geisteskranken Pläne umzusetzen. Dafür zahlt er jedoch einen hohen Preis, denn fortan muss er in permanenter Todesangst leben. Allerdings ist er nicht allein. Mit seinem Verhalten hat sich Griffin ganz Iping zum Feind gemacht und gemeinsam gelingt es den Menschen, den Irren zu stoppen.

Im Grunde treffen hier zwei klassische Erzählungen aufeinander. Die des verrückten Wissenschaftlers einerseits und der absoluten Macht, welche dieser zu haben glaubt und die ihn letztendlich komplett korrumpiert. Ein Psychopath ist Griffin allerdings schon vor seiner Fähigkeit der Unsichtbarkeit. Diese legt lediglich frei, was er längst ist, und beraubt ihn jeglicher Hemmungen. Die vereinte Abwehr der Gesellschaft gegen einen irren Tyrannen würde man sich derweil auch in der Realität wünschen.

Optisch setzt Teil 2 den Stil des ersten Teils fort. Das bedeutet, dass vor allem die Qualität der Umgebung stark schwankt. Dr. Kemps Haus und seine Wanduhr sind dabei sehr detailreich geworden, bei manch anderen Bildern wirkt der Hintergrund dagegen leicht unsauber. Wirklich lobenswert ist die Darstellung des Unsichtbaren, der teilweise sichtbar wird als z.B. seine Hand blutet oder er eine Zigarre raucht. Solche angedeuteten Umrisse zu zeichnen, ist sicherlich nicht einfach. Ein Easter Egg gibt es schlussendlich auch wieder. Das Kaufhaus, in dem sich Griffin versteckt, heißt nach dem Autor Dobbs Department Store.

Fazit

Der Abschluss dieser lesenswerten Reihe von H.G. Wells-Klassikern ist durchaus gelungen und stimmt wie die meisten seiner Geschichten nachdenklich. Eigentlich schade, dass nur vier seiner Werke als Graphic Novels adaptiert worden sind. Wells hat deutlich mehr geschrieben, darunter „Die ersten Menschen auf dem Mond“. Ebenso wäre es interessant, die herausragenden Meisterwerke seines französischen Gegenstücks Jules Verne in Comicform lesen zu können. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Bewertung: 12/15

Text: Dobbs
Zeichnungen: Chris Regnault
Farben: Andrea Meloni / Arancia Studio
Verlag: Splitter
Sonstige Informationen:

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