In der Anthologie Waypoint FiftyNine werden vor allem die Lachmuskeln des Lesers strapaziert.

Eine Huldigung der Popkultur

Kennst du Waypoint FiftyNine? Die berühmte Kaschemme, irgendwo am Ende der Milchstraße? Wo du den FiftyNiner genießen kannst, solange du vorher eine Unverbindlichkeitserklärung unterzeichnet hast? Nein? Dann wird es langsam Zeit, dies zu ändern.

Waypoint FiftyNine ist gleichzeitig auch der Titel einer Anthologie, die Günther Kienle und Jörg Fuchs Alemada zusammengestellt haben. Sie haben insgesamt 20 Autor*innen zusammengetrommelt und denen eine Aufgabe gestellt: eine lustige Geschichte zu der Geschichtensammlung beizusteuern.

Doch hat man es hier nicht mit einer bloßen Ansammlung an Erzählungen zu tun. Eingebettet sind diese Stories in eine Rahmenhandlung. Erzählt wird von den beiden Herausgebern, wie ihre Alter Egos zu dem Waypoint kommen und dort dann jeweils in ein herrlich absurdes Abenteuer verwickelt werden, in dem Anspielungen und Hommagen an die Popkultur Standard sind. Mit Major Tom und Ziggy Stardust wird beispielsweise der Musikgeschichte gehuldigt.

Man fühlt sich zu Hause

Das Besondere an dieser Handlung ist, dass die beiden Schriftsteller nicht nur ihren eigenen Handlungsfaden weben. Sie bauen ebenfalls Ende und Anfang der jeweiligen Anthologiebeiträge mit ein. Das klappt zwar nicht immer, ebenso wie auch einige Gags nicht richtig zünden wollen. Aber insgesamt ist die Leistung der beiden grandios!

Zentraler Handlungsort ist das titelgebende Waypoint Fiftynine. Eine Kneipe, die irgendwie die merkwürdigsten Figuren anzieht, die alle in dieses Etablissement kommen und von ihren Erlebnissen erzählen. Dabei hat diese Gaststätte ein interessantes Personal. Eine spezielle KI ist der Türwächter und sorgt dafür, dass keine Waffen reinkommen. Ihre Erfolgsquote beträgt 100 %. Oder die Zwillingsschwestern als Bedienung, von der die eine gerne mit den Gästen flirtet, nur damit diese bei ihrer Schwester abblitzen.

Allen Erzählungen gemein ist, dass man ein richtig gutes Gefühl für die Kneipe bekommt. Sie hat einerseits etwas Ranziges an sich, wenn man so liest, was da teilweise alles für Flüssigkeiten verschüttet werden. Doch gleichzeitig fühlt man sich wie zu Hause, weil man schnell diese Kneipe und ihre Eigenschaften zu schätzen weiß. Auch wenn es manchmal etwas turbulent ist.

Turbulent unterhaltsam

Wie gesagt erwarten den Leser 20 Geschichten, die die Vorgabe der Herausgeber auf eine jeweils spezielle Art und Weise interpretieren. Und bereits die erste Story McGintleroy trinkt von Dennis Frey ist ein Highlight. Man hat es hier mit einem etwas ungewöhnlichen Protagonisten zu tun, der vom Pech verfolgt wird und sichtbar Probleme hat. Was genau für Schwierigkeiten er hat, will ich an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Die Story kann vor allem dank ihres genialen Endes überzeugen und sorgt für einen ersten lustigen Höhepunkt.

Eine weitere Erzählung, die geradezu exemplarisch für die Waypoint-FiftyNine-Anthologie steht, ist die Geschichte Kleider machen Leute von Nele Sickel. Auch hier hat man es mit einem etwas unglücklichen Protagonisten zu tun, der auf Grund eines roten Hemdes allerlei Abenteuer erlebt. Wer jetzt bei der Hemdfarbe an Star Trek denkt, der liegt richtig. Es ist eine Story, in der man vor lauter Lachen kaum Luft kriegt, weil die Anspielungen auf eines der populärsten SciFi-Franchises wunderbar gelungen sind. Und es ist nicht die einzige derartige Geschichte. In anderen Stories werden ebenfalls solche Hommagen eingebaut, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg.

Auch Von Spookies, Spoylent Green und einer Interstellaren Kreuzfahrt von Veronika Lackerbauer ist grandios. Sie treibt es in ihrem Beitrag mit den popkulturellen Anspielungen förmlich auf die Spitze und präsentiert dabei eine Story, die jedes Mal aufs Neue überrascht. Stets geschieht das Unerwartete, was diese Erzählung so genial macht.

Enttäuschende Flops

Doch leider hat diese Anthologie auch einige schwache Geschichten. Es gibt Aussetzer, wie beispielsweise Das Schicksal einer Diebin von Jacqueline Mayerhofer, wo die eigentliche Erzählung – eine Diebin stiehlt wichtige Pläne und ist auf der Flucht – sehr ernst und ohne Humor rüberkommt. Weshalb darum eine Rahmenhandlung gestrickt wurde, die für Komik sorgen soll. Nur wirkt dieses Konstrukt nicht überzeugend. Und es ist leider auch kein Einzelfall, da bei einer späteren Story eine ähnliche narrative Konstruktion genutzt wird, die ebenfalls nicht überzeugend wirkt.

Und dann sind da noch Stories wie Kampfstern Rot Weiß, die nichts Halbes und nichts Ganzes sind. Autor Alvar Borgan schreibt hier zwar ziemlich viele Anspielungen auf berühmte SciFi-Franchises, darunter auch auf ein bekanntes Raketenheft. Doch die Story an sich dient nur als Vehikel für irgendwelche Gags, die außerdem nicht immer zünden.

Dennoch muss man betonen, dass – auch wenn Waypoint FiftyNine viele Stories hat, die nicht überzeugen können – es insgesamt eine gelungene Anthologie ist, die mit jeder Menge Charme, Witz und Herz glänzt. Man fühlt sich dazu ermutigt, mal zu gucken, was die jeweiligen Autoren sonst so verfasst haben. Genauso, wie man sich motiviert genug fühlt, mal diese Kneipe aufzusuchen. Aber hier eine Warnung von jemanden, der bereits da war: Der FiftyNiner hat es in sich!

Waypoint FiftyNine
Cover © Leseratte Verlag

Bewertung 10/15

Herausgeber: Günther Kienle, Jörg Fuchs Alameda
Titel: Waypoint FiftyNine
Verlag: Leseratte Verlag
Erschienen: 09/2020
Einband: eBook
Seiten: 446
ISBN: 978-3-945230-50-3
Sonstige Informationen:
Produktseite

 

 


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