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Woodstock beugte sich über den Hut, der vor seinen Füßen auf dem Boden lag und spürte, dass heute etwas ganz Besonderes auf ihn wartete.

Nicht viel drin, dachte er. Dreißig und ein paar Gequetschte. Für einen ganzen Tag in der Innenstadt recht mager. Aber eine Currywurst und was zu trinken sollten schon drin sein heute.

„Guter Tag eigentlich!“, korrigierte er sich selbst. Und noch etwas fand er zwischen dem losen Kleingeld in seinem Hut: einen Flyer.

„Oh, schau mal hier, Snoopy!“ Der Hund wedelte mit dem Schwanz. Freudig erwartete er einen leckeren Snack und die Verwirrung war groß, als er stattdessen bloß einen bunten Fetzen Papier präsentiert bekam. Er hatte schon mal Papier gefressen. Es schmeckte ihm nicht.

„Nicht schlecht!“, dachte sich Woodstock. Es war ein schon ziemlich ramponierter Flyer für die alljährliche Sci-Fi Convention „Space Trek“. Er las die Aufmachung:

Universe Comic-Store präsentiert:

ZUM ERSTEN MAL IN DIESER STADT

Space Trek

Das Event für Sci-Fi-Fans im Plaza Hotel

Triff die Stars!

Stargäste/ Autogramme/ Foto-Sessions

Workshops/ Cosplay/ Vorträge uvm.

Tickets unter

www.space-trek.de

Woodstock suchte sein Smartphone.

„Das ist morgen! Mal sehen, ob ich noch Datenvolumen habe. Wir wollen wissen, wer da alles hin kommt, oder Snoopy?“ Der treue Hund bestätigte mit einem freudigen Bellen. Und weil Woodstock kein Datenvolumen mehr hatte, machte er sich auf den Weg, um sich vor den nächsten Burger-Laden zu setzen.

Woodstock war eine moderner Obdachloser. Einer mit Smartphone. Der Fortschritt war ja schließlich so weit fortgeschritten, dass er selbst vor Armut nicht mehr Halt machte. Aber bis auf das Smartphone und seine alte Gitarre lebte er sehr bescheiden. So bescheiden, wie man auf der Straße nun mal leben musste. Selbst an den Tagen, wenn es auf der der Straße zu kalt war und er in Teddys Gartenhütte wohnte, hielt er sich von Luxus fern. Sein ganzer Besitz beschränkte sich auf ein paar Schreibutensilien, einen klapprigen Campingtisch, auf dem eine Kerze stand, einen kleinen alten Röhrenfernseher mit integriertem VHS, eine Couch, einen Kühlschrank, ein Kiste mit Büchern und Videokassetten und eine Steckdose mit Strom, den er seiner Schwester und ihrer kleinen Familie abzapfen durfte. Für einen Aussteiger und alten Punk wie Woodstock lag die Inneneinrichtung seiner Laube schon fast an der Grenze zur Dekadenz.

Und genau aus diesem Grund verbrachte Woodstock auch die meiste Zeit des Jahres auf der Straße. Hier auf der Straße war er der Mensch, zu dem er es im Leben gebracht hatte. Ganz ehrlich und unverfälscht. Er zog umher und spielte seine Songs für ein kleines bisschen, ehrlich verdientes, steuerfreies Bargeld. Er spielte hier und dort. Er schlief an dem Ort, wo auch immer er am nächsten Morgen aufwachen sollte, und legte sich jede Nacht zum schlafen dort nieder, wo auch immer er seine letzten Songs spielte. An schlechten Tagen fiel er nass und kalt irgendwo in den Schlaf, an guten, waren sowohl Hut als auch Hund und Woodstock ausreichend voll und satt. Und da er auch ein sehr geselliger und sympathischer Kerl war, wurde Woodstock oft von Fremden zum Essen eingeladen. Noch bis vor ein paar Jahren hatte er wirklich keinen Grund gehabt, sich zu beschweren.

Aber die Zeiten änderten sich mit dem Alter. Die Auftritte auf der Straße waren zur Routine geworden und Routinen haben leider die Angewohnheit, sich nach einiger Zeit in Langeweile zu verwandeln. Und dann in Frust. Außerdem war er einsam und sehnte sich nach einem gleichgesinnten Menschen. Aber jemand, der so war wie er, war in dieser Stadt leider schwer zu finden. Woodstock stand sich selbst so nah, dass er irgendwann den gesamten Platz in seinem Herzen für sich selbst beansprucht hatte.

Deshalb fing er wohl auch irgendwann damit an, sich selbst jeden Tag ein Stückchen weniger zu mögen und bemerkte dabei nicht, dass er immer kälter wurde. Seine bedingungslose gute Laune wurde immer seltener. Die Nächte mit erholsamen Schlaf wurden weniger. Die Tage wurden kürzer. Woodstock wurde zum Opfer seiner eigenen, grenzenlosen Freiheit und sehnte sich insgeheim zwar nach Grenzen, war aber noch lange nicht bereit, solche zu akzeptieren. Das Dilemma begann mit 40 und schritt ganz langsam voran. Bis er 18 war, war er Thomas, dann wurde er Woodstock. Wer er jetzt war, wusste er nicht.

„Verdammte heilige Scheiße! Snoopy, schau dir das an!“ Snoopy war natürlich nicht in der Lage, auf das Display von Woodstocks Smartphone zu schauen, aber das musste er auch nicht. Woodstock erzählte ihm alles ausführlich.

„Mager Yorg ist in der Stadt! Meine Güte! Der Held meiner Kindheit und …“, er räusperte sich, „… selbstverständlich immer noch mein Held! Ich muss morgen zu dieser Convention, egal wie!“

Woodstock hatte es sich vor seinem Lieblings-Burger-Laden bequem gemacht. Das Wetter war gut. Beständig. Es würde eine warme Nacht werden. Ein wahrlich amüsanter Anblick war es: ein Obdachloser und sein treuer Hund. Beide auf einem Stück Pappe sitzend und in ihr Smartphone vertieft. Woodstock scrollte ein wenig hin und her, um sich auf der Website von Space Trek umzuschauen, als er auf die Preisliste stieß.

„Tickets ausschließlich in Verbindung mit Hotel-Reservierung möglich“, murmelt er unverständlich vor sich hin „Nur Wochenend-Tickets verfügbar … bla bla … Samstag Check-In … bla … Sonntag Check-Out, Essen, Trinken, Lunchpaket plus ein Autogramm ihrer Wahl inklusive: 499 Euro?!“, die letzten beiden Worte schrie er fragend.

Aus der Traum.

Murmelnd las er weiter: „Tagestickets 199,- Euro. Erhältlich bei Universe-Comics. Mein Gott, Snoopy“, wandte er sich an seinen treuen Co-Piloten: „Für fünf grüne Scheine müssen wir zwei Monate in der Fußgängerzone sitzen. Das wird nix bis morgen.“ Er starrte in die Luft, als ihn plötzlich ein ihm schon langsam fremd gewordenes Gefühl ereilte: Das Gefühl von Tatendrang:

„Aber zweihundert? Snoopy!“ er riss die Augen auf. Auf seinem Gesicht formte sich ein breites Grinsen. „Zweihundert schaffen wir! Los Snoopy, komm!“ Wie immer war Snoopy seiner Meinung. Er unterstrich dies mit zwei kurzen Kläffern, die zu sagen schiene: Ja! Los!

Und so machten sich Snoopy und Woodstock auf den Weg zur Comicbuch-Handlung Universe.

Schon der kleine Thomas liebte Star Trek, Star Wars, Babylon 5 und Akte X. Die schönsten Kindheitserinnerungen hatte Woodstock an die Zeiten vor dem Flimmerkasten. Wenn tagsüber die Wiederholungen im Fernseher liefen, zeichnete sein Vater die Folgen oft auf Video für ihn auf. Am Wochenende schauten er sie dann stundenlang am Stück und träumte sich in ferne Welten und fremde Galaxien. Picard, Data, Worf, Spock, Yoda, Scully, Mulder … waren seine Freunde. Freunde, die niemals gingen. In der Schule und der Nachbarschaft fand er diese Freunde nicht. Die anderen Kinder waren nicht wie er. Oder er war nicht wie die anderen Kinder. Er fühlte sich ständig als Außenseiter. Sowohl in seinem Denken als auch in seinem Handeln. Da war es nicht verwunderlich, dass er schnell damit anfing, sich mehr mit den Helden aus Star Trek zu identifizieren als mit anderen Kindern oder seinen Mitschülern.

Seine Lieblings-Serie allerdings, war Island One, eine eher unbekannte Sci-Fi-Serie aus der Mitte der Neunziger. Jede Folge ein absoluter Knaller und seiner Zeit weit voraus. Bei der Serie drehte sich alles um die interplanetarische Raumstation Island One und ihren Captain Gerald O´Neil. Klasse Typ und irre witzig. Aber Woodstocks Lieblings-Charakter der Sendung war nicht der Captain sondern der Barkeeper der Station, Mager Yorg, ein Alien. Sehr oft war der Erfolg einer Mission eher einem seiner weisen Ratschlägen zu verdanken als den mutigen Entscheidungen von Captain O´Neil. In vielen Folgen war Mager Yorg der eigentliche, stille Held im Hintergrund. Damit konnte sich Thomas sehr gut identifizieren. Und so wünschte er sich schon als Kind, einmal so zu sein wie sein Vorbild aus dieser Serie. Ein Held, der sich mit dem schützenden Mantel der Bescheidenheit bedeckt und dennoch an den kleinen Zahnrädern dreht, die diese Welt bewegen. Und als die Jahre vergingen, wurde Thomas genau dieser Held der Bescheidenheit. Und als er die Musik kennenlernte, wurde er zu Woodstock. Und was übrig blieb, waren alle Folgen von Island One auf VHS und ein seltenes Miniatur-Modell der Raumstation, welches ihm heute als Briefbeschwerer für seine Songtexte dient.

Woodstock und Snoopy kamen bei der Comic-Handlung an. Die Tür der Buchhandlung klingelte beim Öffnen, wie man es von ihr erwartete. Woodstock betrat den Laden. Snoopy nicht. „Wir müssen leider draußen bleiben!“, zeigte ein Schild an der Tür, auf dem ein Hund mit Mr.-Spock-Ohren zu sehen war. Aber das machte Snoopy nichts. Er war ein selbstständiger Hund und konnte gut allein sein. Solange er seinen kleinen roten Gummiball hatte, war Snoopys Welt in Ordnung.

Hinter der Verkaufstheke des Universe stand ein älter Mann mit grauem Bart. Er trug eine Uniform. Noch bevor Woodstock ihn begrüßen konnte, fiel es ihm auf. Der Verkäufer trug eine Uniform aus Island One! Schlagartig war Woodstock wieder zwölf.

„Hey! Mann, du trägst die Farben von One-Star!“ Er räusperte sich vornehm. „Im Namen der Sterne grüße ich dich …“

„… und die eins, die auch du bist!“, antwortete der namenlose Verkäufer. „Hallo mein Freund. Schön mal einen anderen Fan zu treffen. Ist selten geworden. Was kann ich für dich tun?“

„Ja, Mann! Beste Serie überhaupt. Ich liebe Island One.

Wie zwei, die in der selben Familie aufgewachsen waren, unterhielten sich Woodstock und der namenlose Verkäufer Namens Pete minutenlang über ihre gemeinsame Leidenschaft. Ein Fremder hätte bei dieser Unterhaltung sicherlich kein Wort verstanden. Dann fiel der Name Mager Yorg und die Unterhaltung nahm einen anderen Tonfall an. Es wurde leiser und ernster.

„Pass auf“, sagte Woodstock. „Also, ich muss dahin und ihn treffen, und ich bin ganz ehrlich, ich habe das Geld nicht.“

Petes Gesichtszüge wechselten von angeregter Begeisterung zu Mitleid. Ruhig sagte er: „Wie soll ich das machen, mein Freund?“ Die beiden brauchten kaum Worte, um ihr Gegenüber zu verstehen. Ein kurzer Moment der Stille entstand. Pete und Woodstock schauten sich durch einen unsichtbaren Duft von gebrauchten, alten Büchern an. Es waren vielleicht nur fünf Sekunden, aber in dieser kurzen Zeit entstand in diesem Raum eine Energie, wie sie heutzutage nur noch selten zwischen Menschen entsteht. Woodstock schüttet sein Herz aus, zum ersten Mal in seinem Leben. Und das gegenüber einem kleinen, dicklichen Verkäufer in Sci-Fi-Uniform.

„Ich bin obdachlos, in die Jahre gekommen und verdammt einsam. Und obwohl ich in meinem Leben nicht viel Glück hatte, habe ich immer mein Bestes gegeben, um andere Menschen glücklich zu machen. Mein Leben lang hab ich meine eigenen Träume und Wünsche hinten angestellt, bis ich letztendlich bin, wie ich heute bin. Ein traumloser und wunschloser Schatten der Gesellschaft. Ich bin wie …“

„Mager Yorg“, fiel Pete ihm ins Wort.

„Ja! Und aus diesem Grund muss ich ihn auf dieser Convention treffen. Um mich selbst zu treffen. Um wieder zu wissen, wer oder was ich eigentlich bin.“

„Hier geht es sich um weitaus mehr als ums Fan-Sein“, verstand Pete.

„Ja“, sagte Woodstock und hatte dem nichts mehr hinzuzufügen.

„Ich hab noch Tickets für Samstag“, sagte er leise und fokussierte Woodstock dabei reglos.

„Ich weiß“, sagte Woodstock.

„Wie viel Kohle haste denn?“

„Fünfunddreißig Euro und zweiundvierzig Cent.“

„Fünfunddreißig Euro und zweiundvierzig Cent ist zu wenig1“

Man konnte kaum glauben, dass sich dieselben Personen gegenüberstanden wie noch vor fünf Minuten. Jetzt war es High-Noon und beide standen sich wie die Cowboys gegenüber, die rechte Hand am Halfter, jederzeit bereit zu ziehen.

„Scheiße“, sagte Woodstock

„Was hast du noch?“

Woodstock überlegte. Sein Blick wanderte durch den Raum. Er sah hunderte, wenn nicht tausende von Comics in den Kisten stehen, fein sortiert. Er sah Action-Figuren in allen Farben und Formen, alle verpackt und bereit, es auch zu bleiben … für immer: Er sah DVDs, Blu-Rays und Bücher. Er sah Shirts und Poster, Schlüsselanhänger, Anstecker in allen Größen, Postkarten und er sah Modelle von Raumschiffen aus allen bekannten Filmen und Serien. Aus allen?

„Ein Modell von Island One hab ich noch! Kenner. 1995! Mit Gravur.“

Pete holte das Ticket aus einer Schublade und legte es auf den Verkaufstresen.

„Nicht doch, mein Freund. Ich glaube da kannst du noch ein paar Scheine drauf packen.“

Woodstock war definitiv derjenige, der den Colt zuerst zog und schoss. Und Woodstock war auch derjenige, dessen Leben sich an diesem Wochenende änderte. Mit erhobenem Haupt ging er relativ zügig zur Hütte seiner Schwester um das Modell der Raumstation zu holen. Ein sehr seltenes Stück, wie sich herausstellte. Pete händigte ihm nicht nur das Ticket für Samstag aus, sondern legte noch dreihundert Euro und ein Island One-T-Shirt drauf. Von dem Geld mieteten sich Woodstock und Snoopy ein Zimmer im Plaza, badeten ausgiebig und gönnten sich ein ausgiebiges Mahl und ein paar Drinks in der Hotel-Lobby. Heute, nur heute, wollte Woodstock ein dekadentes Leben führe. Vielleicht morgen auch noch.

Am anderen Tag begann die Convention. Wie aus der Wachmaschine, aufgehangen, getrocknet und gebügelt, schlenderte Woodstock durch die Räume des Hotels. Snoopy machte es sich in seinem Rucksack gemütlich. Beide waren bereit für den großen Moment. Woodstock fühlte sich gut. Ihm gefiel das Gefühl, das er in den letzten zwei Tagen gehabt hatte. Das Gefühl, wieder einen Traum und ein Ziel zu haben. Etwas zu haben, wofür es sich lohnt, zu leben und zu wachsen. Er schaute sich die Stände an, sprach mit anderen Fans und fühlte sich dabei wie der kleine Junge, der er mal gewesen war. Dann war es soweit: Die Autogrammstunde mit Mager Yorg stand auf dem Plan. Fast eine Stunde stand er in der Schlange und wartete nervös. Dann war er endlich dran.

Mager, der in Wirklichkeit der Schauspieler Jeffrey Combs war, schaute ihn freundlich an. Die beiden tauschten sogar ein paar Sätze aus. Alles ging sehr schnell.

„Welches Foto hättest du gerne für dein Autogramm?“, fragte der Schauspieler ihn.

„Ich nehme das hier“

„Ah, ein Island One-Fan“, freute sich Combs. Oftmals reduzierte man ihn lediglich auf seine kommerziell erfolgreichen Rollen. „Mager Yorg“, hielt er kurz inne und lächelte verträumt. „Ich hab es geliebt, diese Rolle zu spielen. Mal im Ernst, er war der wahre Held der Serie.“

„Ich weiß“ , antwortete Woodstock ihm. Beide begannen herzlich zu lachen.

„Was soll ich schreiben?“ Er deutete mit seinem Stift aus das Bild.

Woodstock hielt kurz inne. „Für Thomas!“

„Alles klar, Thomas. Du bist ein netter Typ. Ich wünsch dir alles Gute weiterhin. Mach was aus deinem Leben.“

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Samy Oeder
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