Mit diesem Film geht das noch recht junge DC Extended Universe ein großes Experiment ein.
Was kommt als Nächstes?
Das DC Universum, welches von James Gunn und Peter Safran geleitet wird, durchläuft seit seiner Entstehung eine wahre Achterbahnfahrt. Zuletzt ging es mit dem Supergirl-Film ziemlich bergab, nur um dann mit der hochgelobten Lanterns-Serie wieder aufzugehen. Da stellt sich natürlich die Frage, was als Nächstes kommt?
Als nächstes kam Clayface. Und mit diesem Film ging das Studio ein großes Risiko ein. Denn nicht nur wurde hier der Ursprung eines bekannten Schurken erzählt. Ebenso sollte das ein Horror-Film sein, der hierzulande eine Freigabe ab 16 erhielt. Ob dieses Experiment aufging?
Die Idee zum Film ging auf den Filmemacher Mike Flannigan (Doctor Sleep) zurück. Dieser war ein großer Fan der Figur, vor allem der Interpretation der Zeichentrickserie, die damals von Ron Perlman gesprochen wurde. Als er 2021 in einem Gespräch mit dem damaligen Produzenten der DC Filme John Berg seine Idee vorstellte, hatte er danach das Gefühl, dass das Studio seinen Ideen zugeneigt wäre. Dennoch wollte er weiter dran bleiben.
Wenn eine Fusion Pläne verändert
Ein Jahr darauf sollten Discovery, Inc. und WarnerMedia zu dem neuen Megakonzern Warner Bros. Discovery verschmelzen. In diesem Zug kam es auch dazu, dass der bisherige Ansatz, ein DC-Kinouniversum zu erschaffen, mangels Misserfolg eingestellt wurde. Stattdessen wurde ein neuer Anlauf unternommen, dieses Mal unter der Leitung von James Gunn und Peter Safran.
Parallel dazu sollte Matt Reeves, basierend auf dem Erfolg seines The Batman-Films, versuchen, diverse Spinoffs zu erschaffen. Diese sollten auf der Schurkengallerie des dunklen Ritters basieren. Auch Clayface war eine Zeit lang hierfür im Gespräch, wobei unklar war, ob die Verfilmung Teil der sogenannten Elseworld, wo die Matt Reeves Projekte Teil von waren, oder Bestandteil des neuen DC-Universums sein würden. Mike Flannigan lehnte jeden Kommentar dazu ab und meinte, dass kein Film in Entwicklung sei.
Letzten Endes mussten dann doch Dinge in Bewegung geraten sein. Die Figur tauchte in der ersten Staffel von Creature Commandos auf, damals gesprochen von Alan Tudyk. Und schließlich wurde 2024 bekannt, dass der Clayface-Film endlich grünes Licht erhalten hatte und er Teil des DCUs werden würde. Dabei sollte das Projekt ein deutlich niedrigeres Budget von 40 Millionen US Dollar haben, wobei Gerüchte besagen, dass die zur Verfügung gestellte Summe in Wahrheit sogar nur 30 Millionen US Dollar betragen würde.
Wenn der ursprüngliche Initiator nicht mehr zur Verfügung steht
Leider stand schon zu Beginn der Produktion fest, dass Mike Flannigan auf Grund anderer Verpflichtungen nicht als Regisseur zur Verfügung stand. Nach längerer Suche fiel die Wahl auf James Watkins (Eden Lake), derweil James Gunn öffentlich betonte, dass der Film chronologisch vor Superman spielen sollte und die Geschichte zwar für sich alleine stehen würde. Aber gleichzeitig auch mit der projektübergreifenden Story verbunden sei.
Die Dreharbeiten sollten im Oktober 2025 starten. Und dafür musste das Drehbuch noch mal überarbeitet werden. Zu diesem Zweck wurde der Brite Hossein Amini (Wings of the Dove – die Flügel der Taube) angeheuert, der gemeinsam mit James Watkins sich dann an die Arbeit machte. Gedreht wurde in den Warner Bros. Studios Leavesden in England.
Was die Titelrolle anging, stand von vorneherein fest, dass Alan Tudyk sie nicht spielen würde. Das war ein kleiner Bruch des Versprechens, welches James Gunn bei der Vorstellung seiner Pläne für das DC-Universum abgab, das nämlich die Schauspieler, die eine Figur in einer Trickserie sprachen, sie auch in den Realverfilmungen darstellen würde. Aber er gab eine gute Begründung dafür ab, denn diese Rolle war nicht die eigentliche des Darsteller.
Vom Höhepunkt zum Niederfall
Am Ende fiel die Wahl auf den walisischen Schauspieler Tom Rhys Harries, für den dies die erste große internationale Rolle sein sollte. Er spielte den Schauspieler Matt Hagen. Als die Wissenschaftlerin Dr. Caitlyn Corr, die für die „Heilung“ Hagens verantwortlich war, wurde Naomi Ackie (The Rise of Skywalker) gecastet, derweil der Gangsterboss Markos Szabo durch David Dencik (James Bond 007: No Time to Die) zum Leben erweckt wurde. Als den Gothamer Polizisten John Borrelli, der mit Caitlyn Corr verlobt war, wurde Max Minghella (Spiral) an Land gezogen. Und Eddie Marsan (Happy-Go-Lucky) war als der Manager von Matt, Frank Fitzpatrick, zu sehen.
Matt Hagen ist auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Er wurde für einen Oscar nominiert und feiert dies mit einem wilden Wochenende mit seinem besten Freund Corey Bowery. Dann lernt er in einer Disco die schöne Schauspielerin Markos Szabo kennen und schläft mit ihr, trotz der Warnungen seines Kumpels, dass sie die Geliebte des Verbrecherbosses Markos Szabo ist. Als Matt am nächsten Tag wieder aufwacht, wartet dieser mit seinen Leuten auf ihn. Und als Strafe dafür, dass Matt mit dessen Geliebten geschlafen hat, zerschneidet der Gangster ihm sein Gesicht.
Verzweifelt versucht der Schauspieler in der darauffolgenden Zeit, sein Gesicht wieder herrichten zu lassen und Szabo vor Gericht zu zerren. Doch am Ende steht er vor dem Nichts, weil sein Manager Frank Fitzpatrick ihn betrogen hat und sein ganzes Vermögen veruntreut hat. In einer schäbigen Bleibe liest der Darsteller dann von der Wissenschaftlerin Dr. Caitlyn Corr, die an einer experimentellen Heilmethode arbeitet. Er kann sie überzeugen, diese an ihm zu testen. Und zunächst sieht alles nach einem großen Erfolg aus. Bis dann auf ein Mal ungeahnte Nebenwirkungen auftreten, die nach und nach das ganze Leben von Matt zerstören.
Der berühmteste aller Clayfaces
In der Welt der Comics gab und gibt es viele verschiedene Clayfaces. Der Allererste war ein Schauspieler, der sich ein Kostüm überzog. Der zweite war ein Schatzjäger, der auf einen radioaktiven Pool mit Protoplasma stieß, der ihn verwandelte. Und zuletzt war es ein Feuerwehrmann, der durch die Explosion einer Chemieanlage sein bisheriges Leben verlor.
Doch von allen Inkarnationen ist die von Matt Hagen die berühmteste. Er war der Schatzjäger, der auch in den Weiten der anderen Medienadaptionen Batmans wiederholt auftauchte. Am bekanntesten ist natürlich die aus der Animated Series, wo er von Ron Perlman gesprochen wurde.
Doch allen Auftritten ist gemein, dass am Ende immer irgendwie Batman involviert war. Dass der dunkle Ritter auftreten würde, um gegen den Schurken anzutreten. Was in diesem Kinofilm nicht geschieht, so viel sei jetzt schon mal verraten.
Sympathien fürs Ungeheuer
Stattdessen fokussiert sich dieser Film einzig und allein auf Matt Hagen, um zu zeigen, wie er am Ende zu Clayface wurde. Dabei musste der Film es schaffen, sowohl Sympathien für ihn zu erzeugen, aber ebenso am Ende klar zu machen, dass er dann doch ein Ungeheuer ist. Was ihm auch über weite Teile gelingt.
Dabei verliert der Leinwandstreifen keine Zeit damit, die Ursache für die Transformation Matt Hagens herbeizuführen. In wenigen Minuten sieht man, wie er auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere ankommt und diese dann sehr schnell verliert. Dabei wird deutlich gemacht, welche Macht Markos Szabo hat, dass er es wirklich schafft, aus jeder Situation problemlos rauszukommen.
Und man entwickelt Sympathien mit Matt Hagen. Weil die Story darauf verzichtet, ihn als ein narzisstisches Arschloch darzustellen, wie es ja häufig in etwaigen Horrorfilmen der Fall ist, wo Gesichter zerstört werden. Er leidet und man leidet als Zuschauer mit ihm durch alle Höhen und Tiefen. Von denen es einige gibt.
Eine Achterbahn der Gefühle
Denn natürlich muss der Kinofilm einer emotionalen Achterbahn gleichen. Die noch dazu einen nicht kalt lässt. Der Film versteht sich wunderbar darauf, mit dem Gefühlen des Zuschauers zu spielen und lange Zeit Sympathien für Matt Hagen zu erwecken. Nur um irgendwann langsam und behutsam dieses nach und nach zu erschüttern.
Die Ursache für diese Erschütterung ist der Moment, wo er sich unter Schmerzen bewusst eine Überdosis der nannten, zufügt, die von Dr. Corr entwickelt wurden. Dann sieht man, wie sich seine Fähigkeiten nach und nach entwickeln. Wie er zunächst unbewusst und anschließend später bewusst das Aussehen anderer Personen imitiert. Wie er am Ende sogar Kleidung nachahmen kann.
Derweil seine Psyche nach und nach abbaut. Das ist schön zu sehen, als er ein Selbstgespräch mit sich in einem zerschmetterten Spiegel führt, wobei sein anderes ich die Gestalt eines Talkshowhost annimmt. Ein beunruhigender Moment, der einen nicht kalt lässt.
Wer ist der wahre Matt Hagen?
Und der perfekt zum Film passt. Denn von Anfang geht es um die Frage, was ist das wahre Gesicht, die wahre Persönlichkeit von Matt Hagen. Dabei wird nicht sonderlich subtil vorgegangen. Es wird zu Beginn in seinem Gesicht herumgeknetet und ihm eine künstliche Narbe verpasst. Derweil er bei der Talkshow, wo er zu Gast ist, die Frage nach seinem wahren ich beantworten muss. Und darauf baut das weitere Geschehen auf. Denn je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verliert sich Matt Hagen in sich selber. Was sinnbildlich dadurch zu sehen ist, dass er irgendwann die Kontrolle verliert, sein Körper auf sein Unterbewusstsein reagiert, er also auch sprichwörtlich zu einem Monster wird. Und ab dem Moment, wo er anfängt zu morden, ist klar, dass er endgültig die Kontrolle über sich verloren hat.
Zeugin dieses ganzen Prozesses ist Dr. Corr. Die genauso wie er schlechte Erfahrungen mit anderen gemacht hat. Gleichzeitig aber ebenfalls beweisen möchte, dass ihr Heilmittel funktioniert. An ihr hält sich Matt Hagen sozusagen psychisch fest. Er verliebt sich in sie und es wird angedeutet, dass sie seine Gefühle auch erwidern möchte. Wenn sie nicht mit dem Polizisten John Borelli verlobt wäre. Und so wird sie unfreiwillig Zeugin, wie er sich immer mehr verwandelt, ohne wirklich zu ahnen, wie tiefgehend diese Transformation ist, ehe es zu spät ist.
Gleichzeitig ist sie auch diejenige, die unbewusst, dafür sorgt, dass er noch über lange Zeit sein eigentliches Ich behalten kann. Eben weil er in sie verliebt ist, eben weil er weiß, dass sie insgeheim seine Gefühle erwidern möchte. Und dann ist ausgerechnet dies der letzte Anstupser, den er braucht, um sich endgültig zu verlieren.
Um diese Zwei geht es
Im Prinzip sind diese beiden die Hauptfiguren. Um sie herum ist der Film aufgebaut. Die anderen sind die Nebencharaktere, die Impulse reinbringen, damit die Handlung sich weiterentwickelt. Und mit Szabo hat Matt Hagen über lange Zeit ein Ziel, einen Schurken, den er bestrafen will.
Szabo wird übrigens von David Dencik richtig diabolisch dargestellt. Man hat hier jemanden, der zu jeder Zeit die Kontrolle hat. Der sein eigenes Recht mit harter Hand und jeder Menge Gewalt ausübt. Und dem andere Menschen egal sind, solange sie nicht ihm gehören. Und über lange Zeit funktioniert dies ja auch. Bis eben Matt Hagen beginnt, seinen Rachefeldzug zu intensivieren.
Dabei schont der Film einen nicht. Er ist blutig und brutal. Man sieht detailliert, wie Szabo Hagen das Gesicht zerschneidet. Oder wie ein Gangster, den der Schauspieler zuvor den Kopf zu Brei geschlagen hat, aussieht. Oder als sich Matt selber das Gesicht zerschneidet und feststellt, dass er sich regeneriert. Oder allgemein wenn man sieht, wie der Körper von Matt immer mehr und mehr zu dem namensgebenden Lehm wird.
Horror auch in stillen Momenten
Und doch entsteht der Horror nicht nur aus diesen Momenten. Er kommt auch aus vergleichsweise ruhigen Momenten, hat also psychologische Ursachen. Die Szene, in der Dr. Corr Matt Hagen im Schlaf beobachtet und zuerst sieht, wie er sich in sie verwandelt und liebkost, nur um dann im Umdrehen sich in Fitzpatrick zu verwandeln ist ein gut gelungener Jumpscare.
Auch in Sachen Special Effects kann sich der Film sehen lassen. Er inszeniert die Verwandlung Hagens in Clayface behutsam. Er baut an den genau richtigen Szenen die Momente ein, wo die Verwandlung weiter fortschreitet. Er arbeitet subtil, stellt es nicht großartig in den Vordergrund, wie man es bei Marvel-Filmen erwarten würde. Sondern lässt den Darstellern immer noch den Raum, zu arbeiten.
Dass der Film am Ende dann doch kein Klassiker ist, hat dabei diverse Ursachen. Eine davon sind die finalen Minuten. Über lange Zeit wurde Matt Hagen eher als eine Art Anti-Held dargestellt, aber noch nicht so sehr als der Schurke, der er später wird. Und es ist klar, dass nach dem Tod von Szabo genau diese Wandlung noch kommen muss. Als das dann geschieht, fühlt es sich wie eine plötzliche 180 Grad Wendung an, die schon fast Genickstarre verursacht. Man hätte dies besser früher und besser vorbereiten müssen.
Das wurde nie so richtig aufgebaut
Was auch für die Schwäche von Clayface angeht. Dass er empfindlich auf Elektroschocks reagiert, wird einmal zu Beginn des Films erwähnt und danach nie wieder. Ehe es dann am Ende wichtig wird. Und dabei lähmt es ihn nur zeitweise.
Doch das größte Manko ist, dass angedeutet wird, dass er eine tragische Kindheit hatte. Dies aber nie wirklich ausgebaut wird. Es wird bei Andeutungen gelassen, was frustrierend ist. Da das die Persönlichkeit von Matt Hagen noch ein wenig mehr definiert hätte.
Es war übrigens eine bewusste Entscheidung der Verantwortlichen, den Film für sich stehen zu lassen. Das heißt, bis auf das Setting und einige Namen gibt es keinerlei Verknüpfungen zu dem großen DC Universum. Man kann sich darüber streiten, ob dies eine gute oder eine schlechte Entscheidung war. Meiner Meinung nach hätte ein Fingerzeig auf die große Kontinuität nicht geschadet. Und sei es auch nur ein Cameoauftritt einer Figur aus einem der anderen Projekte dieses Multimediauniversums.
Doch am Ende ist das immer noch ein guter Film. Er ist kein Reinfall wie Supergirl. Bleibt nur zu hoffen, dass sich dies auch an den Kinokassen ausdrückt.
Info
Regie: James Watkins
Drehbuch: Mike Flanagan, Hossein Amini
Story: Mike Flanagan
Produktion: Matt Reeves, Lynn Harris, James Gunn, Peter Safran
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: Rob Hardy
Schnitt: Jon Harris
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