Als Cousine von Superman muss man den Vergleich mit ihm aushalten. Auch wenn der nicht immer positiv ausfällt.
Wenn Pläne sich ändern
Supergirl war ein Film, auf den ich persönlich mit Spannung wartete. Denn es war das erste Projekt des neuen DC Extended Universums unter der Ägide von James Gunn, wo dieser nur als Produzent involviert war. Weder führte er dieses Mal Regie, noch war er für das Drehbuch verantwortlich. Weshalb es auch interessant war, zu sehen, wie diese Verfilmung sich im Vergleich zum letzten Superman-Film schlug.
Dort hatte Supergirl einen Auftritt in der finalen Szene, wo sie vollkommen betrunken auftrat, um ihren Hund Krypto abzuholen, der sich den gesamten Film über daneben benommen hatte. Klar war, dass dieser Auftritt ein Zeichen dafür war, dass dieses Supergirl anders war als alle vorherigen Interpretationen.
Denn Kara Zor-El hatte in den letzten Jahren deutlich mehr Auftritte als ihr berühmter Cousin. Sie hatte eine eigene Fernsehserie, die Teil des Arrowverse war und über sechs Staffeln lang lief. Und sie tauchte im The Flash-Film auf, wobei damals der Plan war, dass die damalige Darstellerin Sasha Calle die Rolle in einem eigenen Kinofilm wieder aufnehmen würde. Was sich dann aber mit dem Reboot des DC Kinouniversums erledigte, sehr zu ihrer Enttäuschung.
Neues aus der Gerüchteküche
Dieses neue Supergirl war also jemand, die sich betrank und ihrem Hund freie Bahn ließ, wenn sie ihn nicht gerade einfach bei ihrem Cousin ablud. Es war ein anderer Ansatz, anders als die Pfadfinderin mit Cheerleader-Optik, als die sie stellenweise in den Comics dargestellt wurde. Es war eine Szene, die Fragen aufwarf. Und auf die der Film hoffentlich Antworten liefern würde.
Doch zunächst sollte die Gerüchteküche brodeln. Denn es kam im Oktober 2023 das Gerücht auf, das Jason Momoa, der im alten DC-Filmuniversum Aquaman darstellte, mit den neuen Bossen im Gespräch war. Und zwar darüber, dass er in ihrem Universum niemand geringeres als den außerirdischen Kopfgeldjäger Lobo darstellen sollte. Und zwar entweder in einem Standalone-Film oder mit einem Auftritt in Superman.
Ein Monat später wurde verkündet, dass man einen Drehbuchautor gefunden hatte; Beziehungsweise eine Drehbuchautorin. Ana Nogueira kannte man zuvor als Schauspielerin unter anderem aus Vampire Diaries. Supergirl sollte ihr erstes Skript für einen abendfüllenden Film sein. Dabei basierte die Story auf dem Comic Supergirl: Woman of Tomorrow.
Die richtigen Prioritäten setzten
Im Januar 2024 ging das Casting los. Dabei priorisierte man das Finden einer Darstellerin von Supergirl über das Finden eines Regisseurs. Am Ende fiel die Wahl auf die Australierin Milly Alcock, die zuvor unter anderem in House of the Dragon eine junge Rhaenyra Targaryen gespielt hatte. Sie trainierte anschließend zwei Monate lang in den Warner Bros. Studios Leavesden die Stunts, die sie im Film durchführen sollte.
Im April 2024 wurde Craig Gillespie (Fright Night) als Regisseur angeheuert. Ihm gefiel von Anfang das Skript und die Arbeit mit Alcock. Er erhielt außerdem sehr viel kreative Freiheit, was das Filmen anging. Etwas, was für ihn wichtig war, um den Tonfall des Drehbuchs gut wiederzugeben.
Nach und nach setzte sich der restliche Cast zusammen. Der Belgier Matthias Schoenaerts (Bullethead) wurde zum Schurken des Films, Krem von den gelben Hügeln. Die Engländerin Eve Ridley (The Witcher) erhielt den Zuschlag für die Rolle von Ruthye Marye Knoll. Derweil man in Rückblenden David Krumholtz (Numb3rs) als Zor-El, Karas Vater, und Emily Beecham (Into the Badlands) als Karas Mutter Alura In-Ze bewundern. Das „Geheimnis“, dass Jason Momoa als Lobo auftreten würde, wurde schließlich offiziell bestätigt, während David Corenswet als Superman ein paar Gastauftritte hatte.
Der erste Stolperer
Kara Zor-El feiert ihren 23. Geburtstag, indem sie eine Sauftour über diverse Welten macht. Begleitet von ihrem Hund Krypto will sie so einfach nur vergessen und ihren Kummer über den Verlust ihrer Eltern und ihrer Heimat im Alkohol ertränken. Doch dann trifft sie auf einer Welt das junge Mädchen Ruthye Marye Knoll, deren Eltern von dem Brigantenanführer Krem von den gelben Hügeln ermordet worden waren. Sie will deren Tod rächen und sucht nach jemandem, der ihr dabei helfen kann.
Karal selbst hat zunächst nicht vor, ihr zu helfen. Doch dann stehlen die Briganten ihr Raumschiff und vergiften dazu auch noch ihren Hund Krypto. Ihr bleiben nur drei Tage, um ein Gegengift von den Gaunern zu kriegen. Also macht sie sich mit Ruthye auf, um rechtzeitig dies zu erlangen. Wobei sie unterwegs den Kopfgeldjäger Lobo treffen, der seine eigenen Pläne hat.
Mehr als nur eine Säuferin
Es fällt mir schwer, dies zu schreiben. Aber ich befürchte, mit Supergirl legt das neue DC Extend Universe seinen ersten Stolperer hin. Der Film macht vieles richtig, aber ebenso vieles falsch. Am Ende hat man das Gefühl, dass er zwar Möglichkeiten hat, die jedoch nicht wirklich wahrnimmt.
Doch zunächst das Positive: Das Casting von Supergirl stimmt. Milly Alcock schafft es wirklich, die Verwundbarkeit ihrer Figur nach und nach offen zu legen. Hat man zunächst das Gefühl, dass ihre Kara Zor-El einfach nur vergnügungssüchtig ist, zeigt sich nach und nach, dass man es hier mit einer jungen Frau hat, deren Seele Narben hat. Die immer noch unter dem Verlust ihrer Eltern und ihrer Heimatwelt leidet. Und darunter, dass sie auf der Erde nie so heimisch geworden ist wie ihr Cousin.
Höhepunkt ist dabei, als Supergirl, nachdem sie einen Streit mit Ruthe hatte und dadurch die Ermordung von Unschuldigen nicht verhindern konnte, ins All fliegt, um dort all ihre Frust, ihren Zorn und ihren Kummer rauszuschreien, derweil eine einzelne Träne davonschwebt. Das ist eine grandiose Szene.
Durch solche Momente erhält ihre Figur sehr viel Tiefe. Sie ist keine oberflächliche Säuferin, sie hat Traumata und versteckt diese unter einer rauen Oberfläche. Sie trägt fast die ganze Zeit zivile Klamotten, weil sie sich anscheinend nicht zutraut, die Erwartungen zu erfüllen, die das Tragen ihres Superheldenoutfits mit dem berühmten Emblem auslöst. Dementsprechend findet im Verlaufe des Films eine Wandlung statt, eine Reise zu dem Augenblick, wo sie es endlich anzieht und so beweist, dass sie seiner würdig ist.
Ein schwieriges Verhältnis
Interessant ist, dass ihre Heimat Argus anders ist, als das, was man von den Superman-Filmen kennt. Da war ja der große Plottwist, dass die Eltern von Kal-El wollten, dass er sich die Erde untertan macht und sich viele Frauen nimmt. Auf Letzteres gibt es einen kleinen Seitenhieb, der einen netten Schmunzler auslöst. Hier ist die Darstellung der Kryptonier anders. Sie sind nicht auf Eroberung aus. Und Kara wird mit viel Liebe großgezogen. Liebe ist es dann auch, mit der sie und Krypto losgeschickt werden, weil sie sonst Gefahr läuft, wie ihre Eltern an dem Kryptonit zu sterben, das im Boden der Stadt ist, die den Untergang von Krypton überlebt hat. Ihr Auftrag ist nicht, ihren Cousin zu finden, um sich mit ihm zu paaren, sondern zu leben, zu überleben. Was im Vergleich zu der wahren Botschaft von Supermans Eltern eine wohltuende Abwechslung ist.
Auch Jason Momoa als Lobo ist grandios. Es ist überraschend, wie gut er die Rolle des Main Mans, wie sich Lobo ebenfalls nennt, zum Leben erweckt. Das Design orientiert sich an dem beliebtesten Aussehen des Kopfgeldjägers aus den 1990er Jahren. Der Schauspieler stellt die Figur als einen raubeinigen Kerl dar, der vor allem sein eigenes Interesse verfolgt. Er kriegt einen Auftrag, er erfüllt ihn. Nicht mehr und nicht weniger. Seine Schnoddrigkeit, seine Attitüde, sie ist wirklich phänomenal. Er ist dann vor allem auch ein netter Kontrast zum Ernst der Handlung, weil er alles mit einer sarkastischen, zynischen Art sieht und kommentiert.
Eine Wendung, die nicht aufgebaut wird
Doch so gut diese Rollen auch sind: Sie helfen nicht, den Film zu retten, der vor allem an zwei Figuren und einigen Handlungsentscheidungen scheitert.
Eve Ridley als Ruthye Marye Knoll erhält einfach nicht genug Material, um sich zu entwickeln. Lange Zeit definiert sie sich einzig und allein über die Rache, die sie für den Tod ihrer Familie nehmen will. Das betont sie immer und immer wieder. Sie kommt dabei allerdings über die Funktion einer Damsel in Distress nicht hinaus. Ständig will sie Krem von den gelben Hügeln töten, wird davon jedoch immer von Supergirl abgehalten. Schon allein, weil sich wiederholt zeigt, dass sie zwar das letzte Schwert ihrer Familie mit sich trägt, aber anscheinend nicht weiß, wie sie es einsetzen kann.
Erst im letzten Akt erhält sie endlich die nötige Eigenständigkeit, die sie braucht. Erst dann gefällt sie einem. Nur zu schade, dass diese Entwicklung nicht wirklich aufgebaut wird. Der Fokus lag zuvor eher darauf, diese Entwicklung zu unterbinden, anstatt sie zu fördern. Entsprechend deutlich ist der Bruch in ihrer Darstellung zwischen dem zweiten und dritten Akt.
Er ist böse, weil … er böse ist
Wobei sie immer noch besser als der Antagonist ist. Es ist ein Mantra, das schon oft wiederholt wurde. Aber: Superheldenfilme stehen und fallen mit ihren Gegenspielern. Es kommt auf den passenden Antagonisten an, wie er dargestellt wird, was man über ihn erfährt, wie er tickt und was ggf. seine Schwachstelle sein kann.
Und da fällt Krem von den gelben Hügeln komplett durch. Er ist böse, weil er ein Brigant ist. Die wiederum junge Mädchen entführen, weil sie eine rein männliche Rasse sind und sie sich nur so fortpflanzen können. Doch ist das alles, was man erfährt. Er ist böse, er ist Brigant und er hat anscheinend Superstärke.
Letzteres sieht man allerdings nur einmal im Film und wird auch nicht wirklich erklärt. Ansonsten bleibt seine gesamte Persönlichkeit blank. Er hat im Grunde genommen keine. Er tötet gerne Leute, vor allem solche, die ihn reinlegen. Und ansonsten … ist da nichts! Kein grandioser Plan, nichts, woran die Protagonisten sich abarbeiten können, außer der Tatsache, dass er die Eltern von Ruthe getötet hat. Und das reicht einfach nicht.
Was soll das?
Was ebenso für die Briganten allgemein gilt. Bei einer Antagonistengruppe ist es wichtig, dass nicht nur der Anführer Profil erhält, sondern auch, zwei Nebencharaktere. Das ist hier nicht der Fall. Neben dem profillosen Krem ist da niemand, der auffällt. Alles sind Charaktere, die irgendwie viel gepierct sind und das war es dann. Dementsprechend ist diese Gruppe besseres Fallobst, das sich verprügeln lässt.
Immerhin, die Kampfszenen sind gut inszeniert. Wobei man im gesamten Film stellenweise das Gefühl hat, dass die CGI-Effekte oder die 3D-Konvertierung nicht gut geworden ist. Vor allem zu Beginn wirkte vieles schwammig und schwer nachvollziehbar.
Der Film ist kein kompletter Reinfall. Er hat durchaus einige positive Aspekte. Doch die wiegen die negativen Anteile nicht auf. Am Ende ist der Film mit gutem Willen mittelmäßig. Und das ist für dieses noch so junge DC-Filmeuniversum nicht gut.
Info
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Ana Nogueira
Produktion: Peter Safran, James Gunn
Musik: Claudia Sarne
Kamera: Rob Hardy
Schnitt: Tatiana S. Riegel, Fred Raskin
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