Heutzutage gilt dieses Werk als Kultfilm. Ob zu Recht oder nicht, heißt es jetzt herauszufinden.
Nicht einfach
Der Mann, der vom Himmel fiel ist kein einfacher Film. Jetzt nicht, weil sein Inhalt irgendwie übermäßig brutal oder gewaltverherrlichend ausfällt. Sondern mehr, weil er von der Präsentation her nicht so einfach zu verdauen ist.
Aber der Reihe nach: Der Film kam heute vor 50 Jahren in die Kinos. Er basierte auf dem gleichlautenden Roman von Walter Tevis, der 1963 erschien. Seit dem Erscheinen gab es diverse Anläufe, das Buch zu verfilmen. Sei es, als Fernsehfilm oder als Pilotfilm für eine Fernsehserie.
Am Ende wurde der Roman dem Regisseur Nicolas Roeg (Walkabout) vorgelegt. Der daraufhin an der Verfilmung Interesse hatte, aber dafür Geldgeber und Produzenten brauchte. Michael Deeley (The Italian Job) brachte sich als Produzent ins Spiel und nutzte die Tatsache, das Paramount bereit war, die US-Vertriebsrechte für 1,5 Millionen US Dollar zu kaufen, um weiteres Geld aufzutreiben.
Dreharbeiten mit Problemen
In der Hauptrolle wurde der britische Musiker David Bowie gecastet. Der hatte zuvor schon Erfahrungen als Schauspieler sammeln können, wenn auch eher in kleineren Produktionen. Dies sollte seine erste Hauptrolle in einem abendfüllenden Film werden. Rip Torn (Cross Creek) erhielt die Rolle von Dr. Nathan Bryce, derweil Candy Clark (American Graffiti) als Mary-Lou zu sehen sein sollte. Den Abschluss des Maincasts sollte Buck Henry (Catch 22 – Der böse Trick) als Oliver V. Farnsworth bilden.
Die Dreharbeiten sollten überwiegend in New Mexico stattfinden und elf Wochen lang dauern. Allerdings stieß die Crew immer wieder auf neue Probleme. So war David Bowie für einige Tage nicht in der Lage, etwas zu drehen, nachdem er zuvor schlechtgewordene Milch getrunken hatte. Und für eine Szene, die in der Wüste gedreht wurde, musste die Crew sich mit einer Gruppe Hell’s Angels auseinandersetzen, die gerade da campten, wo die Dreharbeiten stattfinden sollten.
Überhaupt David Bowie: Der Filmstar gestand später, dass er an die Dreharbeiten kaum noch Erinnerungen hatte, weil er damals angeblich so voller Drogen war. Eine Aussage, die seine Co-Stars nicht bestätigten. Sie meinten, er sei während der Produktion clean gewesen sei und sich absolut nett, freundlich und professionell aufgeführt haben sollte. Wer jetzt recht hatte, lässt sich natürlich heutzutage nicht mehr beurteilen.
Gefährliche Suchten
Der Film kam am 4. Juli 1976 in die deutschen Kinos.
Eines Tages landet ein Außerirdischer auf der Erde. Er stammt von einer fremden Welt, die unter einer lebensbedrohlichen Dürre leidet. Dank diverser Patente auf außerirdische Technologien gründet er unter dem Namen Thomas Jerome Newton ein eigenes Unternehmen und wird sehr reich. Dabei arbeitet er daraufhin, dass er Wasser zurück nach Hause schicken kann.
Dann ändert sich jedoch alles für ihn. Als er eines Tages in einem Aufzug kollabiert, lernt er die junge Mary-Lou kennen. Durch sie lernt er den Alkohol und das Fernsehen kennen, beides Elemente, nach denen er schon bald süchtig ist. Er heiratet die junge Frau kurze Zeit darauf. Doch unbemerkt von ihm braut sich Unheil zusammen, als ein Dr. Nathan Bryce von seiner Firma angeheuert wird und diesem bald vieles merkwürdig vorkommt. Weshalb er beginnt, seinen Boss heimlich auszuforschen.
Ein Widerspruch zu den Standardsehgewohnheiten
Es gibt wirklich Filme, die einfacher zu besprechen sind, als „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Denn Letzterer ist ein konstanter Widerspruch gegen die Standardsehgewohnheiten. Er beschreibt, wie ein Mann versucht, seine Heimat zu retten. Nur um sich dann unwiderruflich selbst zu verlieren. Er präsentiert eine Story, die nicht glatt inszeniert worden ist. Es ist ein Film, der weitestgehend ohne Special Effects auskommt. Nur um anschließend, wenn diese auftauchen, sie wie einen Fiebertraum zu präsentieren.
Es ist ein Film, der mit nackten Tatsachen nicht geizt. Oft genug gibt es Szenen, in denen die Frauen oben ohne zu sehen sind, wo Sex präsentiert wird und es sogar zwei Mal den Penis von Männern zu sehen sind, der einmal sogar eindeutig voll sehr steif ist. Um dann als vollkommenen Kontrast einmal den nackten Alienkörper von David Bowies Thomas Jerome Newton zu zeigen, bei dem die Geschlechtsmerkmale maximal nur angedeutet sind.
Es ist ein Kinofilm, der vor allem von David Bowie selbst lebt. Zu jener Zeit hatte der Sänger seine Ziggy Stardust-Phase hinter sich gelassen und befand sich zu Beginn seiner Thin White Duke-Phase. Tatsächlich sollte der Film das Aussehen dieser Kunstfigur maßgeblich beeinflussen, auch wenn Thomas Jerome Newton rote Haare tragen sollte und nicht blonde. Aber der Dürre, schon fast ungesund magere Körper, in Kombination mit den immer mehr verloren wirkenden Agieren von seiner Figur, lässt ihn fremdartig und verwundbar wirken.
Anderssein durch bloße Existenz erreichen
In jedem Fall hat man das Gefühl, dass der Sänger sich für diese Rolle nicht verstellen musste. Er wirkt nicht nur wie ein Fremder, er ist ein Fremder. Der sein Anderssein nicht so sehr durch Mimiken oder Gestiken rüberbringt. Sondern allein durch seine Existenz, durch einzelne Momente.
So ist er zu Beginn des Films noch jemand, dem große Geschwindigkeit Angst macht, weshalb er anschließend auch in dem Aufzug kollabiert, in dem er Mary-Lou kennenlernt. Das ändert sich im Laufe des Films, weil er dann durch seine Süchte abgelenkt wird. Und es ist wirklich verstörend, wie er gemeinsam mit seiner Frau sich diverse Alkoholika hinter die Binde gießt, derweil er auch immer mehr und mehr Fernseher gleichzeitig guckt.
Es ist dieser Absturz der Figur, der einen so sehr fesselt. Es ist, als ob man einen Autounfall in Zeitlupe beobachtet. Als ob er zu Beginn des Films noch Herr seines eigenen Schicksals ist, dann aber immer mehr und mehr die Kontrolle darüber verliert. Weil er irgendwann nicht mehr ohne die Laster des Alltags, seine persönlichen Drogen, kann. Er steigert sich in seine Sucht immer mehr rein, ohne dass es für ihn oder den Zuschauer aus dieser Suchtspirale einen Ausweg gibt.
Es gibt keine Helden
Dabei kommt der Film ohne klar erkennbare Heldenfiguren aus. Thomas Jerome Newton ist zwar in „heiliger“ Mission unterwegs, weil er seine Heimatwelt retten will. Doch das rückt bei ihm immer mehr in den Hintergrund, zu Gunsten seiner Abhängigkeiten und der Tatsache, dass er immer mehr und mehr Kontrolle verliert und abgibt. Mary-Lou wird zu Beginn noch als patente Frau dargestellt, ist jedoch schon sehr bald genau wie er alkoholabhängig. Sie wird über den Laufe des Films immer bleicher, bis sie sich von ihm trennt, wonach sie scheinbar wieder aufblüht, auch wenn die Laster ihrer Vergangenheit sie sichtbar kennzeichnen.
Buck Henrys Oliver V. Farnsworth ist hingegen der typische Verwalter. Er wirkt „trocken“, in vielfacher Hinsicht und versucht seinen Chef so gut es geht zu unterstützen. Von allen Figuren des Maincasts ist er der Einzige, der nicht im eigenen Interesse handelt, sondern in dem von Thomas Jerome Newton. Was wohl auch mit Grund dafür ist, weshalb er zu Beginn des letzten Aktes umgebracht wird.
Wenn der Film so etwas wie einen Antagonisten hat, dann ist es Rip Torns Dr. Nathan Bryce. Er wirkt zu Beginn wie jemand, der ebenfalls seinen Lastern frönt. Weil er stets mit neuen schönen Studentinnen schläft. Nur um anschließend für die Firma von Thomas Jerome Newton zu arbeiten und dank seiner Neugierde dafür zu sorgen, dass dieser stürzt. Eine Tat, die er anscheinend nicht bereut, weil er so ja auch die Ehefrau von Newton ausspannt und mit der ein schönes Leben lebt. Wobei seine Taten nie bösartig waren.
Ein Surrealer Eindruck
Der Kontrast zwischen dem normalen Leben auf der Erde und den kurzen Eindrucken von der Heimatwelt von David Bowies Charakter prägen sich ein. Weil diese surreal wirken. Das Fahrzeug, mit dem er abreist, die „Raumanzüge“ der Familie von Thomas Jerome Newton oder der Sex (?) den er hat, alles wirkt merkwürdig, anders, schon fast unheimlich. Aber das dürfte beabsichtigt sein, um dadurch klar zu machen, wie sehr die Figur sich inzwischen „angepasst“ hat, ohne sich wirklich „anzupassen“.
Über weite Teile ist dies eigentlich ein interessanter, weil andersartiger Film. Der dann aber mit dem letzten Akt auseinanderfällt. Zu sehen, wie die Polizei und anscheinend eine rivalisierende Firma Thomas Jerome Newton und dessen Firma angreifen und dabei auch über Tote gehen ist schon schwer zu schlucken. Dann ist da der lange und verwirrende Geschlechtsakt zwischen David Bowies Figur und Mary-Lou, wo viel Alkohol und sogar eine Pistole mit Platzpatronen zum Einsatz kommt. Und die vielen verstörenden Sequenzen, in denen der Außerirdische von irdischen Ärzten „untersucht“ und an ihm experimentiert wird, was für ihn nicht folgenlos bleibt. Es ist viel, schon fast zu viel. Und es ist alles verstörend übertrieben und beißt sich mit dem, was die vorherigen Akte gekennzeichnet hat.
Immerhin endet der Film in einer interessanten Szene. Wo Thomas Jerome Newton endlich frei ist und sich noch einmal mit einem gealterten Nathan Bryce trifft, ehe er anschließend besoffen einschläft. Vorher meinte er noch verstehend zu dem Wissenschaftler, dass wenn dieser auf der Welt von Newton gelandet wäre, dasselbe mit ihm ebenfalls geschehen wäre. Und dann sein Rivale beim Anblick des Schlafenden meint, dass Bowies Figur genug hat, genug von allem.
Verwirrend anders
Es ist wie gesagt ein sehr verwirrender, weil anderer Film. Man kann verstehen, wieso er heute Kultstatus hat. Aber er ist kein Kinofilm, den man einfach so gucken kann. Das und vor allem der irritierende letzte Akt sorgen dafür, dass Der Mann, der vom Himmel fiel nicht so gut ist, wie man es eigentlich haben möchte.
Übrigens gab es Jahre später, genauer gesagt 1987, einen Fernsehfilm, der lose auf dem Roman basierte. David Bowie selbst produzierte 2015 ein Musical, wobei auch er von der Vorlage abwich. Und 2022 kam eine Fernsehserie heraus, die sowohl für das Buch, wie auch für den Kinofilm ein Sequel war.
Info
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Paul Mayersberg, Basiert auf The Man Who Fell to Earth von Walter Tevis
Produktion: Michael Deeley, Barry Spikings
Musik: John Phillips, Stomu Yamashta
Kamera: Anthony B. Richmond
Schnitt: Graeme Clifford
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