Als Großbritannien in Not gerät, taucht Die Alte Garde auf.

Die Alte Garde
Cover © Heyne

Retter aus der Vergangenheit

Seit Jahrhunderten wachen die Ritter der Tafelrunde über Großbritannien. Sie sind unsterbliche und jedes Mal, wenn ihre Heimat in Gefahr ist, wachen sie unter besonderen Bäumen auf und machen sich auf den Weg, ihr Land zu retten. Doch als Sir Kay dieses Mal aufwacht, sind die Dinge anders.

Sein Land leidet unter der Erderwärmung, unter dem Ausverkauf an chinesische Investoren und allgemein darunter, dass Dinge den Bach runtergegangen ist. Dass dann noch bei einem Anschlag auf eine Fracking-Anlage ein Drache erscheint, wirkt da im Verhältnis wie das geringste aller Probleme. Und so versucht der Ritter herauszufinden, was geschehen ist und wie er die Katastrophe aufhalten kann. Kein einfaches Unterfangen, wenn auf der Gegenseite niemand geringeres als Lancelot auftaucht.

Die Alte Garde hat eine interessante Prämisse. Was wäre, wenn in der heutigen Zeit, wo gefühlt alles den Bach runtergeht, Helden der aus der Vergangenheit wieder auftauchen. Würde dann alles besser werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich Thomas D. Lee.

Ein herrlicher Tonfall

Der Autor war als Redakteur und Aushilfslehrer tätig, ehe 2019 sein Studium in kreativem Schreiben an der University of Manchester abschloss. Aktuell ist er damit beschäftigt, seinen Doktor zu machen und lebt mit seiner Yuccapalme Carlos in Manchester. Die Alte Garde ist sein Debütroman.

Von Anfang zieht Thomas D. Lee den Leser in den Bann. In einem schnoddrigkoddrigen Tonfall schildert er, wie Kay unter einem Baum erwacht, sich aufmacht und Mariam kennenlernt, die gerade einen Anschlag auf eine Fracking-Anlange durchführt. Der wiederum einen Drachen hervorruft, der für Unheil sorgt, womit das Chaos erst so richtig beginnt.

Dabei merkt man an Die Alte Garde, dass der Autor aktuelle Ereignisse genommen und quasi weiterentwickelt hat. Er nahm die Erderwärmung und Umweltverschmutzung ebenso als Grundlage, wie auch die Neigung der konservativen britischen Regierung, Dinge kaputtzusparen oder zu privatisieren. Das Ergebnis ist ein England, das in dem Roman in jederlei Hinsicht kaputt wirkt, weshalb es ebenfalls nicht wundert, dass Mariam versucht, mit dem Anschlag wenigstens ein Zeichen zu setzen.

(Selbst)Bestimmungen

Dabei wird schnell klar, dass diese idealistische Figur zu mehr berufen ist. Man erlebt eine ehemalige Krankenschwester, die mehr als einmal in Situationen gerät, wo die Realität mit ihren Idealen kollidiert. Es ist interessant zu sehen, wie sie in diesen scheinbar verzweifelt, dann aber doch zu innerer Stärke findet und daran wächst. Auch wenn sie oft mehr wie ein Spielball des Schicksals wirkt und weniger wie eine selbstbestimmte Figur. Wobei sie damit nicht die Einzige ist.

Mit Sir Kay lernt man in Die Alte Garde jemanden kennen, der mit vielen Sachen der Moderne nicht so recht klar kommt, der alten und verstorbenen Freunden und Verwandten nachtrauert und sich dabei immer noch von einem gewissen Ehrenkodex leiten lässt. Er ist von Anfang grundsympathisch, weil er bestrebt ist, das Richtige zu tun und sich nicht einfach so hinters Licht führen lässt. Er ist von den Veränderungen, die seine Heimat durchmacht hat, entsetzt und will Dinge richtig machen. Wofür er auf seine Erfahrungen zurückgreifen kann, die er im Laufe der Jahre gemacht hat.

Interessant ist, dass auf der Gegenseite ausgerechnet Lancelot platziert wird. Jener gilt ja in der Artussage als der Vorzeigeheld, bis er am Ende mit für den Untergang von König Artus sorgt. In diesem Roman wird er als jemand dargestellt, der kein Problem hat, sich der Moderne anzupassen, der das Leben genießt und gleichzeitig dem männlichen Geschlecht zugeneigt ist. Im Gegensatz zu Sir Kay ist er keine besonders helle Leuchte, weshalb er von den Antagonisten ausgenutzt und für ihre Zwecke eingespannt wird. Erst sehr langsam setzt ein Umdenken ein, für den Roman jedoch schon fast zu spät.

Ein Übermaß an Antagonisten

Man hat während des Lesens von Die Alte Garde das Gefühl, dass sich Thomas D. Lee bei der Handlung etwas verzettelt hat. Er will viele Dinge erzählen, hat viele interessante Ideen, gibt jedoch nur den wenigsten die Chance, sich auch zur Reife zu entwickeln. Am ausgereiftesten sind seine Protagonisten, am unausgereiftesten sind ausgerechnet die Antagonisten.

Es wird nie komplett klar, wer jetzt die Gegenspieler sind. Ist es der Drache? Die Chinesen? Die wahren Strippenzieher hinter Großbritanniens Untergang, die auch Lancelot manipulieren? So ganz scheint sich der Autor da nicht schlüssig, weshalb er mal hier, mal da zaghaft Sachen weiterentwickelt. Aber nicht genügend, um den Leser auch wirklich zufriedenzustellen.

Vor allem die Strippenzieher hätten eigentlich jede Menge Potential geboten. Doch abgesehen von einer Szene im ersten Drittel von Die Alte Garde, wo sie prominent eingeführt werden, geschieht da nichts weiter. Stattdessen fokussiert sich der Autor auf sein Protagonistentrio und führt irgendwann einen weiteren Gegenspieler ein, der allerdings ebenfalls manipuliert wird. Das ist ziemlich unbefriedigend.

Vollidioten überall

Was aber auch für die Tatsache ist, dass man nie erfährt, was mit den anderen Rittern der Tafelrunde geschehen ist. Man erfährt nur das Schicksal eines weiteren Vertreters, Galehaut, dessen Baum, unter dem er bis zu seiner Wiederkehr ruhen sollte, gefällt wurde. Ansonsten gibt es keine weiteren Infos, was auch nicht sonderlich zufriedenstellend ist.

Es mag sein, dass Thomas D. Lee in Die Alte Garde kein gutes Blatt an den diversen Organisationen lässt. Weder die vermeintlichen Gutmenschen werden von seiner überspitzen Darstellung verschont, noch die Gegenseite. Auch diverse mytische Vertreter, wie Niue, werden von ihm überspitzt dargestellt. Aber am Ende hat man das Gefühl, dass die Menschheit und mythischen Wesen allesamt kompetente Volltrottel sind, mit Ausnahme von Sir Kay und Miriam. Womit er deutlich übers Ziel hinausgeschossen ist.

Das erste Drittel des Buches ist fantastisch und unterhaltsam. Doch dann baut es ab, wird langweilig und öde. Es gibt hier und da vereinzelte Highlights. Aber nichts, was eine uneingeschränkte Kaufempfehlung rechtfertigt.

Infos:

Autor: Thomas D. Lee
Titel: Die Alte Garde
Originaltitel: Perilous Times
Übersetzer:  Bernhard Kempen
Verlag: Heyne
Erschienen: 02/2014
Einband: Taschenbuch
Seiten: 620
ISBN: 978-3-453-32229-5
Sonstige Informationen: Produktseite

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Götz Piesbergen
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