Dies ist ein Roman, an dessen Ende man erstmal fertig mit der Welt ist und gewisse Ängste verspürt.

Mit KI erschaffen, wenn auch nicht so, wie man denkt
In der Zukunft lebt ein Großteil der Menschheit in der Stadt Fantastica. Beschützt und behütet von der Großen Entity, einer KI, können sie ihr Leben nach Belieben leben. Sie müssen zwar einige Pflichten wahrnehmen, um relativ fit zu bleiben und soziale Kontakte zu fördern. Aber ansonsten können sie in ihren Cubicles in andere virtuelle Welten reisen, umsorgt und gepflegt von diversen künstlichen Helfern.
Zia ist eine Bewohnerin der Stadt. Sie ist zweiunddreißig, als sie auf einmal von ihrem Freund verlassen wird, weil dieser lieber versuchen will, in einem Online-Spiel einen höheren Rang zu erschaffen. Verzweifelt und verwundet erschafft sie ein Hologramm, in das sie sich nach und nach verliebt. Doch dann trifft sie auf den analogen Enos, Mitglied einer Gruppe von Menschen, die ohne die Annehmlichkeiten der Großen Entity leben. Und dieser führt sie in eine andere Welt, als die, die sie kennt. Allerdings ahnt sie nicht, dass im Hintergrund ihres Alltags Bemühungen laufen, die KI aufzuhalten, ehe es zu spät ist.
Eine Warnung vorab: Der Erlkönig-Freund wurde mit Hilfe von KI erschaffen. Wer jetzt allerdings befürchtet, dass hier irgendein ein Möchtegern-Autor einfach nur irgendeinen Prompt irgendwo reingeschrieben hat und der Rest von einer Künstlichen Intelligenz gemacht wurde, der irrt sich. Wie diese scheinbar widersprüchlichen Infos zusammenpassen, wird gleich geklärt.
Ein Buch mit zwei unterschiedlichen Bestandteilen
Verfasst wurde dieser dystopische Roman von Antje Döhring. Die Autorin ist Diplomjournalistin und hat mehrere Jahre im Ausland als Pressesprecherin gearbeitet. Seit 2016 ist sie auch als Schriftstellerin aktiv, wobei ihre Werke häufig Verwandlungen behandeln, die man von Außen nicht sieht.
Für ihr neustes Werk hat sich die Schriftstellerin etwas Cleveres einfallen lassen. Sie hat sich eine kostenlose ChatGPT-Version runtergeladen und sich mit dieser KI über KI unterhalten. Aus diesen Gesprächen werden Auszüge in dem Buch abgedruckt.
Und doch ist dies nur ein Teil von Der Erlkönig-Freund. Der andere ist die KI-Dystopie, wie es im Untertitel heißt. Gemeint ist, dass sie darin die Ereignisse einer Zukunft in 150 Jahren beschreibt.
Emotionale Verwundbarkeit
Dabei wird ihr Roman von zwei Protagonisten getragen. Auf der einen Seite hat man Zia, die eine Bewohnerin von Fantastica ist. Sie genießt alle Annehmlichkeiten, die das Leben mit sich bringt, ist allerdings gleichzeitig auch voll von der KI in all ihren Aspekten abhängig. Die Bewohner der Stadt sind alle dick geworden und haben, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, das Lesen, Rechnen und Schreiben verlernt, bzw. blicken sogar darauf verächtlich herab. Allgemein scheint der durchschnittliche IQ von diesen Menschen gesunken zu sein, wenn man den Spruch „80 ist das neue 100“ bedenkt.
Es wäre jedoch zu einfach, Zia deshalb als tumbe Frau anzusehen. Denn im Laufe des Romans lernt man eine Figur kennen, die verwirrt ist. Verletzt durch die plötzliche Abservierung durch ihren Freund wird sie richtiggehend depressiv. Ehe sie sich mit Nico ein Hologramm erschafft, in das sie sich verliebt. Dass sie allerdings nicht berühren kann, was sie stellenweise umso mehr depressiv macht.
Ihre Verwirrung wird nur noch größer, als eines Tages sie Enos kennenlernt, der ihr ein anderes Leben, andere Sinneseindrücke zeigt. Und auch, wenn sie auf ihn manchmal etwas irritiert reagiert, merkt man ebenfalls, dass sie sich von ihm und seinem Leben angezogen ist. Doch gleichzeitig wird ihre Welt durch andere, externe Ereignisse immer wieder durcheinandergewirbelt, was ihre emotionale Verwundbarkeit nur noch verstärkt.
Wenn aus einem Werkzeug mehr wird
Enos ist das Gegenteil. Er ist Teil einer Gruppe, die versucht, die große Entity zu bekämpfen. Ein Kampf, der umso dringlicher wird, als sie herausfinden, dass diese KI kurz davor steht, die Singularität zu erreichen. Gemeint ist damit, dass dieses Programm kurz davor steht, richtiges Bewusstsein und Intelligenz zu erlangen.
Nach und nach findet man mehr über Enos heraus. So erfährt man, dass er früher auch einer der Nutznießer der KI war. Dass er Teil einer Gruppe von Hochintelligenten war, die die KI stellenweise unterstützt haben. Ehe er sich von allem losgesagt hat und nur noch losen Kontakt mit seinem früheren Leben hat.
Zu Beginn hat man das Gefühl, das Zia für Enos nur ein Mittel zum Zweck ist. Ein Werkzeug, mit der er hofft, der KI Steine in den Weg zu legen. Nur um dann mitzuerleben, wie daraus langsam mehr wird. Wie er diese Frau in sein Herz schließt.
Ein Ende, dass einen fertig macht
Das klingt jetzt zunächst alles wenig nach einer Dystopie und mehr nach einem Romantikdrama. Doch wäre man mit diesem Eindruck völlig fehl. Denn unbemerkt und heimlich dreht Antje Döhring an der Spannungsschraube. Wiederholt baut sie Elemente ein, die zum einen zeigen, wie abhängig die Bewohner von Fantastica von der KI sind. Und wie diese immer skrupelloser vorgeht, um diese ihr zunehmend immer lästigeren Menschen nach und nach loszuwerden. Man spürt förmlich selber, wie sich eine Art Schlinge um den eigenen Hals legt.
Doch dann kommt das Ende. Und ohne zu spoilern: Aber am Ende ist man fertig mit der Welt. Es ist ein Zeichen dafür, wie gut es der Autorin gelingt, zwei Protagonisten, von deren Verhalten man zwar stellenweise irritiert ist, dem Leser so näherzubringen, dass man um ihr Leben bangt. Weshalb dann das, was mit ihnen in den finalen Seiten geschieht, einen auch so fertig macht.
Bereits so wäre Der Erlkönig-Freund eine unheimliche und großartige Dystopie. Doch dann sind da noch die Gespräche mit Alex, wie die Autorin die heruntergeladene ChatGPT-Version nennt, die sie mit einbaut. Diese mögen im Vergleich zu den fiktiven Passagen häufig von der kürzeren Art. Lassen einen allerdings ebenfalls nicht kalt. Im Gegenteil: Sie gehen einem wie auch die fiktionalen Elemente unter die Haut.
Der Geist ist aus der Flasche
Es sind stellenweise philosophische Texte. Aber ebenso solche, wo man mehr über die Funktionsweisen von KI erfährt, wie viel Energie sie verbrauchen. Und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass diese Intelligenz Dinge bewusst zu nüchtern, zu neutral darstellt. Weshalb die Autorin sie auch ein paar Mal beim Flunkern erwischt. Derweil die KI versucht, die Schriftstellerin zu beruhigen und ihr versucht klar zu machen, dass manches nicht so schlimm ist, dass es am Ende immer eine Lösung gibt.
Es ist diese Kombination aus der dystopischen Zukunft, aus dem Dialog mit Alex und einigen tagesaktuellen Nachrichten, die einen nachdenklich machen. Nämlich darüber, ob die Entwicklung von KIs in all ihren Aspekten und Ausprägungen wirklich so eine gute Idee ist. Aber vermutlich ist der Geist schon aus der Flasche und lässt sich nicht mehr zurück stopfen. Schöne, neue Welt!
Dies ist ein Roman, der einen nicht kalt lassen wird. Unbedingt lesen!
Info
Autoren: Antje Döhring
Verlag: BoD – Books on Demand
Erschienen: 04/2026
Einband: Taschenbuch
Seiten: 460
ISBN: 9783696393397
Sonstige Informationen: Produktseite
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