Odysseus ist nach dem trojanischen Krieg und seiner Odyssee ein gebrochener Mann.
Handlung
Der trojanische Krieg ist vorbei, die Griechen haben gesiegt, doch eine schnelle Heimkehr ist Odysseus (Matt Damon) und seinen Männern nicht vergönnt. Genau genommen sind seine Männer schon alle tot, als er Kalypso (Charlize Theron) seine Leidensgeschichte erzählt. Einige wurden vom Zyklopen Polyphem (Bill Irwin) gefressen, andere von den Laistrygonen getötet, ein halbes Dutzend hat Skylla erwischt und der Rest ist zur Strafe für das Schlachten eines heiligen Stieres im Meer ertrunken. Dabei ist Odysseus noch zuvor von Teiresias (James Remar) genau davor gewarnt worden.
Odysseus selbst plagt sich mit seinem schlechten Gewissen, insbesondere gegenüber Sinon (Elliot Page), den er für seine List mit dem trojanischen Pferd geopfert hat und der ihm im Hades erschienen ist. Kalypso, die Odysseus mit Lotusblüten füttert, um ihn vergessen zu lassen, kann ihn jedoch nicht davon abbringen, seine Reise fortzusetzen. Zurück auf Ithaka muss er seine Frau Penelope (Anne Hathaway) vor den gierigen Freiern retten. Allen voran vor Antinoos (Robert Pattinson), den er zwanzig Jahre zuvor nicht mit nach Troja nehmen wollte und statt seiner Sinon mitgenommen hat.
Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) hat derweil nicht an der Rückkehr seines Vaters gezweifelt und ihn überall in Griechenland gesucht. Zuletzt beim spartanischen König Menelaos (Jon Bernthal), dessen Bruder Agamemnon (Benny Safdie) zwischenzeitlich von seiner Ehefrau Klytaimnestra (Lupita Nyong’o) ermordet wurde. Doch niemand hat Odysseus seit dem Abzug aus Troja gesehen. Auf Ithaka ahnt auch noch niemand, wer der alte Bettler ist, der plötzlich auf der Insel auftaucht, bis er sich Telemachos zu erkennen gibt.
Schlussendlich offenbart sich Odysseus allen Freiern, als er den Bogentest seiner Frau besteht und einen Pfeil durch 12 gekreuzte Äxte schießt. Es bricht Chaos aus und gemeinsam mit seinem Sohn muss sich der Kriegsheld gegen die Freier wehren. Als die Widerwärtigsten besiegt sind, lässt er die anderen ziehen. Da er das Massaker nicht vor den Angehörigen der Opfer verantworten kann, geht Odysseus mit Penelope ins Exil, während er Telemachos den Thron überlässt.
Es geht drunter und drüber
Die von Christopher Nolan gewählte Erzählweise ist etwas anstrengend, sodass es schwer fällt, der Handlung zu folgen. Der Film beginnt in der Gegenwart auf Ithaka, springt dann ans Ende des trojanischen Krieges und erst dann schildert Odysseus seine Reise rückblickend Kalypso. Zwar hat Homer die Geschichte ebenfalls rückblickend von Odysseus erzählen lassen, allerdings am Hof des Königs der Phaiaken – der letzten Station seiner Reise. Diese fehlt in der neusten Filmadaption komplett. Außerdem hatte Kalypso bei Homer keine Lotusblüten im Angebot. Die gab es auf der Insel der Lotophagen, was übersetzt so viel wie „Lotusesser“ bedeutet.
Nun muss die epische Handlung der Odyssee zwar auf Filmlänge zusammengekürzt werden, aber hier ergibt einiges überhaupt keinen Sinn oder ist gar sinnentstellend. So hat Odysseus selbst gar keine Lotusblüten gefuttert, sondern musste seine Männer vor deren Wirkung retten. Kalypso war hingegen eher eine Geliebte, was im Film jedoch viel zu kurz kommt. Man nimmt ihr einfach nicht ab, dass sie etwas für Odysseus empfindet, dazu fehlt nicht nur die Zeit, sondern dem Charakter jeglicher Tiefgang.
Immerhin die Stationen der Reise sind größtenteils chronologisch, wenn man einmal davon absieht, dass einige wie das Treffen mit dem Windgott Aiolos fehlen. Dafür gibt es eine überflüssige Rückblende, in der Odysseus Sinon anstelle von Antinoos in den Krieg schickt. Außerdem ersetzt Sinon im Hades die Begegnung mit Achilles. Dieser Plot ist komplett hinzugedichtet. Sinon kam bei Homer überhaupt nicht vor, sondern wurde erst viel später von Vergil (70–19 v. Z.) in dessen Epos Aeneis erwähnt. Im Film entsteht zudem der Eindruck, als sei Odysseus selbst schuld daran, dass Antinoos ihm später seine Frau ausspannen will. Diese persönliche Vorgeschichte gab es bei Homer jedoch nicht und in der Originalvorlage hatte der heimgekehrte König daher auch keine Skrupel, Antinoos als Ersten zu töten, wohingegen dieser im Film als Letzter stirbt und das durch ein Schwert statt durch einen Pfeil.
Die Waffen, die Odysseus und seine Getreuen zuvor aus dem Festsaal entfernt haben, kommen bei Nolan teils doch noch zum Einsatz, da Melanthios (Logan Marshall-Green) in die Waffenkammer eindringt, ein Loch in den Boden hackt und sie den Freiern zuwirft. Melanthios wird schließlich von Telemachos getötet. Allerdings wird das Gemetzel nicht zu Ende geführt, womit es Zeugen gibt. So muss Odysseus anschließend abdanken und ins Exil gehen, was ebenfalls nicht vorgesehen ist. Immerhin die Rückblenden in die Schlacht von Troja passen dann wieder und transportieren eine Antikriegsbotschaft.
Die Odyssee als Antikriegsfilm
Während die Abenteuerreise eher oberflächlich erzählt wird, setzt Christopher Nolan eine Botschaft gegen den Krieg ins Zentrum. Das ist an und für sich nicht verkehrt, da die Reise des Odysseus auch im Original von dessen Sehnsucht nach Frieden in der Heimat handelt. Die Eroberung von Troja wird als brutaler Akt der Barbarei dargestellt, der an Odysseus‘ Seele nagt. Verkörpert wird dieses Trauma durch die Göttin Athene (Zendaya), welche ihm in Gestalt einer ermordeten trojanischen Priesterin erscheint. Dabei bleibt offen, ob es sich wirklich um eine göttliche Erscheinung oder die Verkörperung seines Kriegstraumas handelt.
Auf der ersten Station ihrer Heimreise brandschatzen Odysseus‘ Männer sogleich bei den Kikonen weiter, was hier natürlich verkürzt dargestellt wird. Immerhin für die Botschaft reicht es. Hinzu kommt seine Schuld gegenüber Sinon, der eigentlich gar nicht in den Krieg hätte ziehen sollen. Wobei das, wie bereits erwähnt, bei Homer gar nicht der Fall war. Das Wiedersehen im Hades funktioniert für sich genommen zwar, doch warum ausgerechnet Achilles dafür gestrichen wurde, ist nicht zu begreifen. Wenn man aus der Odyssee schon ein Antikriegsdrama macht, wäre doch nichts besser dafür geeignet als die Erkenntnis des Helden von Troja: „Lieber wäre ich ein einfacher Viehhirte und am Leben als ein glorreicher Held im Reich der Toten!“
Pferde-Merde
Verkürzungen, Hinzugedichtetes und unnötige Austausche sind jedoch nicht das größte Problem von Nolans Neuinterpretation der Odyssee. Der Film krankt vor allem an komplett hanebüchenen Logikfehlern wie das Design des trojanischen Pferdes. Im Gegensatz zu Wolfgang Petersens Version sieht dieses nicht so aus, als wäre es eilig aus den Planken griechischer Schiffswracks gezimmert worden. Lediglich der Körper sieht zumindest etwas nach Schiffsplanken aus, ist allerdings glatt poliert. Kopf und Hufe sind derweil kunstvoll geschnitzt worden, als hätten die Griechen nichts Besseres zu tun gehabt.
Damit aber nicht genug, steht das Pferd nicht auf allen Vieren, wie es bereits die antiken Griechen auf Vasen und Reliefs dargestellt haben. Nein, es steht auf den Hinterbeinen, was komplett bescheuert ist! Bei dieser Form können die griechischen Soldaten nämlich nicht nebeneinander hocken, sondern purzeln wild übereinander. Und es wird noch beknackter! Das Pferd ist nämlich am Strand halb im Sand vergraben worden, sodass durch die Flut die Hälfte der Männer darin ertrinken. Das ist so unfassbar dämlich, dass man schreien und sich die Haare raufen möchte! Zumal es völlig unnötig ist, denn so hat Homer es überhaupt nicht beschrieben und so hätten es die alten Griechen auch in der Realität niemals gemacht.
Immerhin hat Christopher Nolan auf Homers Logikfehler verzichtet und keine Bresche in Trojas Mauer geschlagen. Das Pferd passt durch das Stadttor, welches des Nachts von den Infiltratoren geöffnet wird. An der Spitze des nun eindringenden griechischen Heeres steht Agamemnon in einer schwarzen Rüstung, die stark an Darth Vader erinnert und wenig praktikabel wirkt. Wie beim dunklen Sith-Lord kann kein Geschoss den König treffen, was aber nicht daran liegt, dass er die Pfeile mit der Macht ablenken würde. Die Trojaner sind einfach genauso schlechte Schützen wie die Sturmtruppen des Imperiums. Was dann noch die alberne vergoldete Wirbelsäule an Agememnons Helm soll – man weiß es nicht. Das Kinoplakat wirkt damit jedenfalls nicht ansprechender, sondern irritiert einfach nur.
Weitere künstlerische Freiheiten
Christopher Nolan hat sich noch einige weitere Freiheiten bei seiner Interpretation der Odyssee herausgenommen, die nicht immer zum Besten der Geschichte sind. So ist die missgebildete Darstellung von Polyphem zwar durchaus noch akzeptabel, doch scheint er der einzige Zyklop auf der Insel zu sein und der gesprochenen Sprache nicht mächtig. Odysseus‘ Trick, sich als „Niemand“ vorzustellen, ist damit hinfällig, wodurch die listige Charakterisierung des Helden verloren geht. Kurz vor der Flucht nuschelt der Riese dann doch ein paar Worte, womit er wohl alles verstanden hat, was die menschlichen Eindringlinge geredet haben. Nur spielt das keinerlei Rolle. Im Prinzip hätte sich Nolan das also sparen können.
Verzeihlich ist dagegen, dass sich die Griechen mit Heu als Schafe tarnen, statt sich unten an die Schafe zu hängen. Letzteres wäre nur schwer zu realisieren und nicht gerade glaubwürdig gewesen. Ebenso verzeihlich ist die futuristische Darstellung der Laistrygonen, die in metallenen Rüstungen daher kommen. Diese sehen allemal interessanter aus und lassen die Angreifer weitaus bedrohlicher wirken, als wenn sie einfach nur als Riesen dargestellt worden wären und sich nur durch zwei Augen von Zyklopen unterschieden hätten.
Bei den Sirenen hat Nolan dann wieder komplett daneben gelangt und sie als Meerjungfrauen dargestellt. Der griechischen Mythologie zufolge handelt es sich jedoch um Vogelwesen mit Frauenoberkörpern. Immerhin die Skylla ist wieder recht furchterregend und es sei dem Regisseur verziehen, dass sie keine Hundeköpfe an ihren Tentakeln hat. Das hätte mit Sicherheit absurd ausgesehen. Mit der CGI-Umsetzung hätte man sich allerdings dennoch mehr Mühe geben können.
Die Begegnung mit Kirke (Samantha Morton) ist wieder stark verkürzt, die sexuelle Beziehung mit Odysseus entfällt und er bleibt mit seinen Männern auch nicht ein ganzes Jahr auf der Insel. Die Verwandlung seiner Mannschaft in Schweine wird sehr drastisch dargestellt und grenzt schon an Body Horror. Nolan nutzt diese Szene als Kritik an der Gier der Männer und lässt die Verwandlung damit wie eine Lehre erscheinen. Außerdem spiegelt es Odysseus‘ eigene Sicht auf seine Männer und deren Verhalten im Krieg wider.
Die Götter bleiben bei alledem im Hintergrund bzw. treten mit einer Ausnahme überhaupt nicht in Erscheinung. Und bei Athene ist wie erwähnt auch nicht ganz klar, ob sie wirklich eine göttliche Manifestation oder nur eine Halluzination des von Gewissensbissen geplagten Odysseus ist.
Erzwungene Diversität
Ein Teil der Besetzung funktioniert ganz gut, darunter die Hauptcharaktere Odysseus und Telemachos. Matt Damon und Tom Holland gehen in ihren Rollen voll auf, wobei es nicht die Schuld der Darsteller ist, dass ihre Charaktere teils hart an der homerschen Vorlage vorbei gehen. Während die familiäre Beziehung noch überzeugen kann, hat jene von Odysseus zu seinen Männern keinerlei emotionalen Tiefgang. Das mag daran liegen, dass die meisten nur wie Statisten wirken und nicht wirklich etwas zur Handlung beitragen.
Gleiches gilt für Zendaya und Charlize Theron, die aufgrund der Oberflächlichkeit ihrer Rollen weitgehend blass bleiben. Samantha Morton wirkt derweil als Kirke viel zu alt, um irgendwen glaubhaft bezirzen zu können. Die Rolle als Feministin anzulegen mag zwar seinen Reiz haben, entspricht jedoch nicht Homers Text. Komplett daran vorbei geht schlussendlich die Rolle des Sinon, aus der Elliot Page zumindest versucht, das Beste herauszuholen, obwohl er für einen Soldaten etwas zu schwächlich wirkt. Dies lässt Odysseus‘ Entscheidung, ihn gegen Antinoos auszutauschen, umso unverantwortlicher erscheinen.
Die Zwischenüberschrift bezieht sich übrigens nicht auf diese Besetzung, denn es fällt überhaupt nicht auf, dass Elliot Page einmal Ellen hieß. Das Casting von Transpersonen sollte heute niemanden mehr stören und tatsächlich gab es diesbezüglich auch wenig Kritik.
Eine komplette Fehlbesetzung ist dagegen Lupita Nyong’o in der Doppelrolle als Agamemnons Frau Klytaimnestra und als Menelaos‘ Frau Helena. Zwar ist Lupita ohne Zweifel überaus attraktiv, nur sieht sie nicht im Mindesten wie eine Griechin aus. Schon bei der Besetzung von Helena mit Diane Kruger in Wolfgang Petersens Troja (2004) störten sich einige an den für Griechinnen eher untypischen blonden Haaren, aber eine Kenianerin war die historische Helena nun wirklich nicht. Es wäre z. B. völlig okay gewesen, die Rolle von Kirke oder Kalypso an Nyong’o zu vergeben, da Odysseus‘ Reise einen Großteil des Mittelmeeres umfasst und das grenzt bekanntlich an Afrika. Warum also ausgerechnet Helena?
Damit aber nicht genug, finden sich in Odysseus‘ Crew weiterhin ein nigerianischstämmiger Brite (Jovan Adepo), ein Latino (Jesse Garcia) und sogar ein Koreaner (Will Yun Lee), deren Rollen im Film alle von sich behaupten, waschechte Griechen zu sein. Die einzige Nationalität, die bei den griechischen Rollen fehlt, sind ausgerechnet Griechen. Ist das eigentlich schon kulturelle Aneignung? Nicht einmal Odysseus‘ Segelschiff ist eine griechische Triere, sondern der Nachbau eines Wikingerschiffs, welches eine Leihgabe aus Schweden war.
Mit Rassismus hat diese Kritik übrigens nicht das Geringste zu tun! Man würde ja auch nicht Nelson Mandela mit einem weißen Europäer besetzen. Diversität ist super, aber sie muss halt zum Thema passen und darf nicht den historischen Kontext ignorieren. Andernfalls wirkt sie erzwungen, was der eigentlichen Intention eher abträglich ist. Und wenn dann auch noch Odysseus‘ Hund Argos vom Welpen zum ausgewachsenen Tier die Rasse wechselt, wirkt das nicht gerade gut durchdacht.
Fazit zu Die Odyssee: Halbgare Neuinterpretation
Literaturverfilmungen halten sich selten zu 100% ans Original. Das geht auch gar nicht, denn vieles würde einfach den Rahmen sprengen. Mit einigen Veränderungen kann man daher leben, andere verfälschen jedoch die Odyssee fast bis zur Unkenntlichkeit. Dem eigenen Anspruch, sich möglichst nah und akkurat an Homers Vorlage zu halten, hat Christopher Nolan damit verfehlt. Der gravierendste Fauxpas ist bei alledem die Szene mit dem trojanischen Pferd am Strand, die Zweifel an Nolans Zurechnungsfähigkeit aufkommen lässt. Was bleibt, ist ein Film mit klarer Antikriegsaussage, der durchaus seine Momente hat, aber als originalgetreue Umsetzung der Odyssee auf weiter Strecke versagt.
Nicht einmal als entmythologisiertes Epos funktioniert das Werk, da sich Nolan sogar noch weniger Mühe gibt, das antike Griechenland historisch korrekt darzustellen. Man denke diesbezüglich nur an Wolfgang Petersens Troja, welches ebenfalls ohne Götter auskam, aber eben auch ohne Monster und Zauberei. Dass Petersen in seinem Film Melenaos und Agamemnon in der Schlacht hat sterben lassen, mag dabei gleichermaßen nicht Kanon sein, kann aber aus dramaturgischer Sicht noch eher verziehen werden. Nolans Odyssee ist hingegen meilenweit von diesem Meisterwerk der Filmgeschichte entfernt!
Info
Originaltitel: The Odyssey
Drehbuch & Regie: Christopher Nolan
Musik: Ludwig Göransson
Kamera: Hoyte van Hoytema
Schnitt: Jennifer Lame
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