100 junge Männer begeben sich auf einen Marsch, doch nur einer wird überleben.
Ausscheiden bedeutet den Tod
Seit in den USA eine Miltiärjunta unter der Führung eines Majors die Macht übernommen hat, findet alljährlich ein Todesmarsch statt. Dieser ist keineswegs eine Strafe, sondern ein Wettbewerb, auf den sich Jungs im Alter zwischen 14 und 17 Jahren freiwillig bewerben. Dem Sieger winken als Belohnung nämlich finanzieller Wohlstand und die Erfüllung eines Wunsches. Allerdings hat die Sache einen Haken: Nur der Sieger überlebt! 99 der 100 Teilnehmer werden sterben. Wer unter das Tempo von 3 Meilen pro Stunde fällt, wird dreimal verwarnt und beim vierten Mal erschossen. Allerdings kann man die Verwarnungen auch wieder ablaufen, pro Stunde ohne weitere Verwarnung jeweils eine.
Raymond Garraty lässt sich von seiner Mutter bis zur Startlinie fahren, ab der es kein Zurück mehr gibt. Hier wäre die letzte Chance, die Teilnahme abzusagen, ohne erschossen zu werden. Doch das brächte Schande mit sich und Garraty tritt ausgerechnet für Maine an – den Bundesstaat, durch den sich der Großteil des Marsches zieht. Weder er noch einer der anderen kneift. Ein Teilnehmer bekommt allerdings direkt nach dem Start Panik und scheidet als Erster aus.
Noch vor dem Start freundet sich Ray mit Peter McVries und einigen anderen an, denn gemeinsam marschiert es sich angenehmer und man kann sich die Zeit mit Konversation vertreiben. Nur mit dem arroganten Gary Barkovitch will niemand mehr reden, nachdem er den Tod eines Mitstreiters provoziert hat. Und dann wäre da noch der schweigsame Billy Stebbins, der sich ganz nach hinten absetzt und nicht hetzen lässt. Seine Strategie, Distanz zu wahren, ist nicht die schlechteste, denn obwohl sich die anderen gegenseitig helfen, ist klar, dass ihre Freundschaft enden muss.
Warum tut man sich das freiwillig an?
Der Begriff „Todesmarsch“ hat eine grausame Geschichte. Gegen Ende des 2. Weltkriegs, als die Alliierten an allen Fronten näher rückten, mussten sich die Nazis zurückziehen. Dabei räumten sie einige der Konzentrationslager und nahmen die Häftlinge zu Fuß mit. Tausende starben an Kälte, Erschöpfung und durch die Gewalt der SS-Aufseher. In Stephen Kings Roman, den er 1979 unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte, erwartet die Teilnehmer ein ähnlich furchtbares Schicksal. Nur mit dem Unterschied, dass es sich um einen freiwilligen Wettbewerb handelt, mit dem das einfache Volk unterhalten werden soll, welches am Straßenrand steht und den Läufern zujubelt.
Eigentlich eine ziemlich kranke Idee, auch wenn das Buch im Original The Long Walk und nicht etwa Death March heißt und damit im Gegensatz zum deutschen Titel keine Parallele zum 3. Reich zieht. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Anreiz ein hoher Geldpreis bietet, wenn 99 % der Teilnehmer nicht nur nichts davon haben, sondern den Marsch nicht überleben. Auf der anderen Seite leben die Menschen in dieser düsteren Dystopie in bitterer Armut und werden hart ausgebeutet, wie Peter McVries schildert. Er hatte einst eine Freundin, mit der er in einer Pyjamafabrik in New Jersey arbeitete, doch er konnte die Quote nicht erfüllen, worüber auch seine Beziehung in die Brüche ging. Man bedenke, dass es sich um Teenager handelt, die eigentlich auf der High School sein sollten.
Der schwerfällige Scramm muss sich gar schon um seine schwangere Frau kümmern und glaubt, seine Familie mit dem Sieg beim Todesmarsch absichern zu können. Anfangs beweist er tatsächlich Durchhaltevermögen, doch nach einer verregneten Nacht fängt er sich eine Lungenentzündung ein und stirbt. Die meisten anderen Teilnehmer schwören, seiner Frau etwas von der Gewinnprämie abzugeben, wer auch immer diese kassieren mag. Doch am Ende sind das alles nicht mehr als gut gemeinte Gesten, denn die meisten werden selbst beim Marsch draufgehen.
Garratys Teilnahme gibt mit Abstand die meisten Rätsel auf, da sein Vater einst als Systemkritiker verhaftet wurde. Eigentlich müsste Ray wissen, dass der Marsch kein fairer Wettbewerb ist und der Major ein empathieloser Psychopath. Er redet zwar davon, dass er den Verlierern für ihre Tapferkeit Respekt zollen werde, doch wenn er wirklich Respekt vor den Jungs hätte, würde er sie gar nicht erst in eine solche Lage bringen.
Die Empathie unter den Teilnehmern lässt ebenfalls mit jedem Tag nach, da sie schlussendlich erkennen müssen, dass sie Konkurrenten in einem Kampf auf Leben und Tod sind. Die Freundschaft zwischen Ray und Peter hält dabei noch am längsten. Sie retten sich gleich mehrfach gegenseitig das Leben und riskieren dabei selbst Verwarnungen. Als der Marsch in Freeport ankommt, wo Rays Mutter sowie seine Freundin Janice auf ihn warten, möchte er am liebsten bei ihnen bleiben und muss von McVries weggezerrt werden. Beide kassieren dafür drei Verwarnungen.
Gegen Ende beschließen die letzten Überlebenden jedoch, dass keiner mehr den anderen hilft, damit die Tortur endlich ein Ende findet. Und das tut sie auch am darauffolgenden Morgen. Am Ende sind nur noch Garraty und McVries übrig. Als Letzterer stürzt und an Erschöpfung stirbt, bleibt Ray bei ihm. Da er der einzige Überlebende ist, riskiert er damit keine weitere Verwarnung. Er hat gewonnen. Doch dann ignoriert er den Major und setzt seinen Weg fort, auf eine dunkle Gestalt am Rande seiner Wahrnehmung zu.
Das Niveau tanzt Limbo und die Stange hängt tief
Die brutale Dystopie ist eine Sache, aber die plastischen Beschreibungen schießen teils übers Ziel hinaus. Wenn die Teilnehmer nicht stehenbleiben dürfen, ist es zwar logisch, dass sie im Gehen pinkeln müssen und fürs Kacken verwarnt werden, nur hätte das nicht so detailliert geschildert werden müssen. Am schlimmsten erwischt es Garraty, der sich mitten in einer Stadt vor Publikum erleichtern muss. Aber auch im Wald hätte er nicht mal eben so hinter einem Strauch verschwinden können, denn wer die Straße verlässt, wird ohne Vorwarnung erschossen.
Gleiches gilt für jene, die die Soldaten angreifen, darunter Hank Olson, der regelrecht von Kugeln zerfetzt wird. An Body-Horror mangelt es dem Roman also ebenfalls nicht. Dafür aber an Niveau. Nicht alle der Geschichten, welche sich die Jungs erzählen, sind interessant. Einige sind einfach nur vulgär. So tauschen sich einige der Jungs schon zu Beginn über ihre erste Begegnung mit einer Prostituierten, sexuelle Fantasien über ihre Mütter oder über Nekrophilie aus. McVries Lebensgeschichte wird ebenfalls durch Schilderungen abgewertet, dass beim Sex im Autokino ein Hauch von Kuhfladen in der Luft lag. So etwas will man einfach nicht wissen!
Mit zunehmender Erschöpfung wird der Umgangston immer rauer und gegen Ende wird sogar der schweigsame Stebbins gegenüber Ray abfällig. Immerhin offenbart er ihm aber, dass er ein uneheliches Kind des Majors sei. Der hat natürlich keine Skrupel, seinen eigenen Sohn nach der dritten Warnung erschießen zu lassen. Sogar bei Leichen geht man auf Nummer sicher und erschießt sie noch einmal. Es ist daher verständlich, dass die Geher dem Major nicht allzu viel Respekt entgegenbringen. Ihre Ausfälle sind jedoch mehr als kindisch.
Neben all den Kraftausdrücken und der Gossensprache, die das Lesen anstrengend machen, gibt es zudem noch einige Logikfehler. Die Kids laufen mehrere hundert Meilen und das 5 Tage und 5 Nächte lang, aber die Teilnehmerzahl nimmt nur sehr langsam ab. Egal wie fit die Jugendlichen am Anfang sind, aber das hält kein Mensch so lange durch! Und im Gehen zu schlafen, ohne von der Straße abzukommen, ist fast schon eine magische Leistung. Zum Schluss verliert Garraty zu allem Elend auch noch seine Schuhe, schafft es aber dennoch, im Regen eine weitere Nacht zu laufen, obwohl er schon vorher Blasen an den Füßen hatte.
Hinzu kommen Flüchtigkeitsfehler, bei denen der Autor offenbar vergessen hat, was er eine Seite zuvor geschrieben hat. Zu Beginn des 15. Kapitels bricht eine neblige Nacht an. Kurz darauf geht der Nebel in Regen über, doch dann ist plötzlich wieder von Nebel die Rede. Als wäre es ohnehin nicht schon schwer genug, der zähen Handlung zu folgen.
Die Verfilmung von 2025
Für einen Roman von Stephen King hat man sich recht lange Zeit für eine Filmadaption gelassen. Selbst für ein Werk, das unter seinem Pseudonym Richard Bachman erschienen ist, denn das 1982 veröffentlichte Buch Menschenjagd wurde bereits fünf Jahre später unter dem Titel Running Man (1987) verfilmt. Gewisse Parallelen zwischen beiden Werken sind dabei nicht zu leugnen. Todesmarsch, der 2025 auch in Deutschland unter dem weniger drastischen Titel The Long Walk auf die Kinoleinwand kam, ist allerdings der schwierigere Stoff. Zudem musste die Handlung deutlich eingedampft und abgeändert werden.
Das ist zuweilen aber ganz gut so, denn dadurch werden einige der Logikfehler ausgebügelt. So treten im Film nur 50 Läufer an – einer für jeden Bundesstaat der USA. Im Buch sind es doppelt so viele, doch keineswegs zwei pro Bundestaat, denn für Maine tritt nur Ray Garraty an. Da stellt sich schon die Frage, wie der Rest zusammengestellt worden ist. Ansonsten sind die Rahmenumstände gleich, die Strecke ist mit 300 Meilen ähnlich lang und wird von den Finalisten in fünf Tagen zurückgelegt. Zumindest sterben die Jungs aber schneller weg, da es weniger Teilnehmer sind, was es etwas glaubwürdiger macht.
Die zahlreichen vulgären Ausfälle der Geher sind derweil stark gekürzt worden, was erfreulich ist. Schlimm genug, dass man einem Teilnehmer beim Stuhlgang ohne Stuhl zusehen muss, aber wenigstens wird der Hauptdarsteller bei derartig unappetitlichen Details übergangen. Alles in allem hat der Film dennoch einen ähnlichen rauen Ton wie die Romanvorlage.
Die wichtigsten Charaktere sind alle dabei. Darunter Olson, der auch hier einen Bauchschuss kassiert, und Parker, der einem Soldaten das Gewehr abnimmt, sich allerdings damit selbst erschießt. Ebenso Baker, der durch innere Blutungen Nasenbluten bekommt. Stebbins ist auch hier ein unehelicher Sohn des Majors und stirbt an einer Erkältung, die er jedoch nicht von Scramm bekommen hat, da auf diese Nebenhandlung verzichtet wurde. Selbiges trifft auf Rays Geliebte zu, die er ohnehin nicht wiedersehen würde. Sein Kumpel McVries ist mit dem afroamerikanischen Darsteller David Jonsson besetzt worden, womit der Film etwas diverser ausfällt. Im Roman wird Peter lediglich als dunkelhaarig beschrieben, nicht als dunkelhäutig.
Die größte Abweichung ist jedoch das Finale, denn im Film stirbt der Hauptcharakter Ray Garraty, gespielt von Cooper Hoffman. Dafür bleibt Peter am Leben, geht aber nicht weiter, sondern wünscht sich vom Major ein Gewehr. Mit diesem erschießt er den Diktator, welcher von Star Wars-Legende Mark Hamill verkörpert wird. Das ist ein durchaus befriedigenderes Ende, da es den Gerechtigkeitssinn zufrieden stellt. Wobei das Ende im Roman ebenfalls seinen Reiz hat und zeigt, dass Raymond nicht nur physisch, sondern auch psychisch vom Marsch mitgenommen ist.
Fazit zu Todesmarsch: Ein langer Marsch auch für die Leserschaft
Todesmarsch gehört mit Sicherheit nicht zu Stephen Kings glanzvollsten Werken. Trotz einiger Gesellschaftskritik und spannenden Passagen, ist der Grundtenor ein ziemlich rauer. Bei manchen Diskussionen der Jungs kann man nur mit dem Kopf schütteln und hofft, dass die Unterhaltung bald zu Ende ist. Die Handlung ist zudem viel zu sehr in die Länge gezogen, was der Glaubwürdigkeit schadet. Fünf Tage ohne Pause durchzumarschieren dürfte kaum ein Mensch schaffen.
Info
Autor: Richard Bachmann (Stephen King)
Originaltitel: The Long Walk
Verlag: Heyne
Erschienen: 1979 (deutsche Erstausgabe 1987)
Seiten: 316
Format: Taschenbuch
ISBN: 9783453002395
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