Im All ist mein Zuhause

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Unser Weihnachtsgeschenk für euch. „Im All ist mein Zuhause“, eine Kurzgeschichte von Katharina Pomorski. 

Kalte Winterluft schlug ihr entgegen, als sie sich aus dem Fenster lehnte und hinauf in den sternenübersäten Himmel blickte. Rebeccas Herz schlug vor Aufregung schneller. Sie streckte ihre Arme aus, um den Mond zu berühren. „Bitte, hol mich zu dir!“

„Rebecca! Nicht schon wieder!“ Die strenge Stimme der Nachtschwester schlug ihr entgegen. Starke Hände zogen das Mädchen vom Fenster weg und schlossen es. Rebecca ließ sich entmutigt auf ihr Bett sinken und spürte, wie sich ihr Blick durch die aufsteigenden Tränen trübte. „Lass mich hinaussehen, er ist mein Freund!“

„Nein, du wirst dich erkälten und das wäre nicht gut für dich. Außerdem haben deine Mutter und die Ärzte es verboten.“
„Sie haben keine Ahnung“, flüsterte Rebecca. Sie hielt den Blick gesenkt und zerbrach beinahe an ihrem Schmerz. Nur der Mond und die Sterne hörten ihr zu. Sie trösteten sie, wenn sie einsam war. Ihre kleine Hand umklammerte das Armband mit den neun Planeten, während die Schwester sie zudeckte und ihre Hand noch einen Moment auf ihr ruhen ließ. Doch Rebecca nahm ihre Berührung kaum wahr. Sie hatte sich verschlossen vor jeglicher Nähe. Die Schwester schenkte ihr einen letzten mitfühlenden Blick und ließ sie dann allein. Rebecca schluchzte auf und zog sich die Decke über den Kopf. Nur ihr gebrochenes Herz zeigte ihr, dass sie noch lebte. Ihr gesamter Körper schmerzte, der Zugang in ihrem Arm war umringt von zahlreichen Flecken. Die Erwachsenen wollten, dass sie weiter kämpfte, aber Rebecca war müde. Sie wünschte sich, dass der Schmerz aufhörte. Sie wollte sich fort träumen und nicht mehr zurückkehren.

„Kommt Papa heute?“
„Nein, mein Schatz. Er schafft es nicht.“
Diesen Satz hörte Rebecca seit beinahe zwei Jahren. Ihre Mutter seufzte und strich ihr über das kurze Haar. „Er kommt vielleicht an Weihnachten nach Hause.“
„An Weihnachten werde ich fort sein“, wollte Rebecca antworten, traute sich aber nicht. Die dunklen Ringe unter den Augen ihrer Mutter zeigten ihr, dass diese gerade erst aus dem Büro gekommen war. Sie besuchte sie nur noch an den Wochenenden, aber selbst an diesen arbeitete sie bis weit in die Nacht hinein.

„Soll ich dir noch etwas vorlesen?“
Rebecca schüttelte den Kopf. „Musst du nicht, Mama. Ich möchte jetzt lieber schlafen.“
„Na schön. Ich komme morgen wieder.“ Ihre Mutter schloss leise die Tür hinter sich und ging langsam den Flur hinunter. Der Arzt ihrer Tochter erwartete sie bereits. Mit ernstem Gesicht deutete er auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich.“
„Danke.“ Die zierliche Frau rang um Worte. „Haben Sie Rebeccas Medikation verändert oder die Dosis erhöht?“ Ihr Gegenüber nickte. „Wir waren gezwungen, die Dosis zu erhöhen. Ist Rebecca in Ihren Augen verändert?“

„Sie wirkt so apathisch, flüchtet sich in Traumwelten und will nur noch schlafen. Doktor, tun wir hier noch das Richtige?“ Eine lange Pause entstand, in der die bedrückende Stille auf den Erwachsenen lastete. Schließlich brach der Arzt sein Schweigen. „Das ist allein Ihre Entscheidung. Niemand wird sie Ihnen abnehmen können.“

Erst als sie das Krankenhaus verlassen hatte, erwachte die Frau aus ihrer Starre. Ihr Blick streifte den Mond, der hoch am Himmel stand. Ihre Tränen fielen in den Schnee. Sie wusste, Rebecca sah denselben Mond und sehnte sich nach ihm. Nur er brachte ihr Erlösung. Er und die Sterne, die für sie so viel wertvoller als jede Behandlung dieser Welt waren.

Rebecca schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war sie zurück. Sie blickte an sich hinunter und lächelte, als sie ihre Uniform bemerkte. Noch etwas zaghaft berührte sie das Badge. „Hier spricht Rebecca. Wenn ihr könnt, erwartet mich auf der Brücke. Ich bin gleich bei euch.“

Niemand von ihnen kannte die genaue Ursache, aber durch sie waren sie an diesem Ort versammelt worden. Captain Picard und Captain Janeway tauschten einen kurzen Blick. Die Mitglieder ihrer Mannschaften hatten sich auf der Brücke der Enterprise D eingefunden. Als sich die Türen des Turbolifts öffneten, richteten sich die Blicke aller Anwesenden auf das zehnjährige Mädchen, das in der Lage war, Wurmlöcher zu öffnen und sie so zu vereinen. Rebecca lief zielstrebig auf Neelix und Counselor Troi zu und schloss sie nacheinander in die Arme. Dann nickte sie Picard und Janeway respektvoll zu. „Es tut mir leid, dass ihr wieder hier seid. Ich wollte euch noch einmal sehen.“

„Du verlässt uns bald, nicht wahr?“, sprach Captain Janeway und strich ihr über das schwarze Haar. Das Mädchen nickte. „Ich weiß, dass ich gesund aussehe, aber ich sterbe. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Können wir dir nicht helfen?“, fragte Dr. Crusher. Sie nahm ihren Tricorder, doch dieser blieb stumm in ihrer Hand. Rebecca versuchte, ihr ein Lächeln zu schenken. „Nein, Beverly. Ihr seid nur in meinem Kopf. So wie der Krebs. Auf der Erde des Jahres 2019 sind wir noch nicht soweit. Aber dank euch war ich in meinen letzten Tagen nicht allein. Alles, was mir jetzt noch fehlt, ist der Mut, die Erde zu verlassen.“

Captain Picard überlegte einen Moment. „Geh in die Bar. Dort ist jemand, der dir womöglich helfen kann.“

Guinan hörte ihr aufmerksam zu. Sie hatte viel erlebt, hatte Freud und Leid gesehen, und war durch die Zeit gereist, aber diesem Mädchen, welches in einer gerechten Welt noch sein ganzes Leben vor sich gehabt hätte, einen Rat zu geben, fiel ihr schwer. Rebecca war tapfer, selbst wenn sich die Angst vor dem Ungewissen in ihren Augen spiegelte. „Möchtest du diese Welt verlassen?“, fragte sie das Mädchen leise. Rebecca faltete die Hände und sah sie lange an. Mit einem Mal wirkte sie um so viele Jahre älter. Nur ihre Antwort verriet, wie jung sie noch war. „Nein. Aber ich wünsche mir, dass es aufhört, wehzutun.“

Guinan nahm sie bei der Hand und deutete hinaus in die unendlichen Weiten. „Dann musst du loslassen, meine Kleine. Hab keine Angst, die Sterne werden dich leiten.“

Sie spürte es, als der Abschied nahte. Sanft befreite sie sich aus Neelix‘ Griff und strich eine Träne aus seinem Gesicht. „Du musst stark sein Neelix, so wie ich. Ich werde immer bei dir sein.“ Der Talaxianer schluchzte auf, nickte dann aber. Rebecca wandte sich an Counselor Troi. „Deanna, du musst dafür sorgen, dass er nicht allein ist. Ihr alle sollt füreinander da sein.“

In Trois Augen glitzerten die Tränen. „Du hast mein Wort.“

Eine ungewohnte Zufriedenheit breitete sich in Rebecca aus. Sie durchströmte sie wie eine unsichtbare Macht und öffnete das Wurmloch zur Erde. Das Mädchen warf einen letzten Blick auf Captain Picard und Captain Janeway. „Es war mir eine Ehre, ein Teil dieser besonderen Crew zu sein. Wenn ihr mich in der Zukunft suchen solltet, werde ich da sein.“ Rebecca trat durch das Wurmloch. Hinter ihr verblasste die Enterprise, bis nur noch die Sterne um sie herum zu sehen waren. Guinan hatte recht gehabt. Sie würden sie leiten.

Die Glocken läuteten zum Mitternachtsgottesdienst. Auf dem Friedhof standen Rebeccas Eltern eng beieinander. Der Heilige Abend war beinahe vorüber, doch ein heller Stern beschien die letzten Worte ihrer Tochter, die sie bis an ihr Lebensende in ihren Herzen tragen würden:

Im All ist mein Zuhause.

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