Kaum angekündigt, erlebte die letzte Marvel-Serie erheblichen Backlash im Netz. Gerechtfertigt oder nicht, die Kritik schoss weit über das erträgliche Maß hinaus. Doch es gibt mehr als einen Blickwinkel.

Schon bei Bekanntgabe, dass Tatiana Maslany die Titelrolle übernehmen wird, fingen die ersten Onlinediskussionen an. Die Serie, die als erste Produktion wirklich ständig die 4. Wand durchbrach, integrierte sogar reale Twitter-Beiträge regelmäßig in die einzelnen Folgen. Darauf folgten die ersten Trailer – mit angeblich so schlechten Effekten. Hier wurde nachgebessert und zumindest ich als weibliche Zielperson war am Ende zufrieden.

Im Gegensatz zu bisher bekannt gewordenen Superheld*innen, fällt es Jennifer Walters schwer, sich mit ihrer Rolle zu versöhnen oder diese gar anzunehmen. Am liebsten hätte sie gar den Inhibitor, den sich ihr Cousin Bruce für sich selbst nach jahrelanger Recherche und Tests zusammengebastelt hat. Doch so einfach ist das nicht. Wie sich im Laufe der Serie zeigt, kann sie ihr zusätzliches Ich aber auch nicht verdrängen oder ignorieren.

Im Retreat in Mexiko wird Bruce schnell klar: Jen kann anders mit dem grünen anderen Ich umgehen als er selbst. Entspricht es wirklich den Tatsachen, dass Jen mit unterdrückter und realer Wut, schlechten Gefühlen etc. besser umgehen kann als Bruce? Ja, es ist wahr. Oft sieht die Realität genauso aus. Vielleicht ist es überheblich zu sagen, als Frau kann Jen es besser, doch daran führt hier kein Weg vorbei.

Ein Wendepunkt in der Serie kam mit der Bonusszene, in der She-Hulk mit Megan-Thee-Stallion in ihrem Büro twerkt. Aber wirkliche Emanzipation bedeutet auch, dass man die Dinge tun kann, die man möchte, und nicht um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen oder anderen zu gefallen. Klar, das ist sehr sexy. Aber hey, warum nicht, wenn es Spaß macht? Jennifer möchte nur sie selbst sein, und da sie lange darauf hingearbeitet hat, als Anwältin vor Gericht tätig zu sein, möchte sie sich nicht durch so eine Lappalie wie Superkraft von ihrem Ziel abbringen lassen. Sie hat schließlich schon so viele Hürden überwunden.

Zudem möchte Jen einfach so akzeptiert werden, wie sie nun mal ist. Dazu braucht es kein Alter-Ego wie She-Hulk, auch im realen Leben ist es schwierig, mit unbearbeiteten Fotos auf Dating-Plattformen zu bestehen. She-Hulk ist besser, größer, stärker, sieht besser aus und hat auch noch eine ganz andere Frisur. Auch wenn viele es wohl für unwahrscheinlich halten, dass die echte Jennifer Walters nicht gedated wird, so ist es durchaus nachvollziehbar, dass beim schnellen Swipe nach rechts oder links die Entscheidungen schnell und impulsiv getroffen werden. Da reicht ein normales Business-Foto nunmal nicht aus.

Ein anderer Punkt, der geradezu oberflächlich daherkommt, ist, dass offensichtlich auch die gut proportionierte She-Hulk Schwierigkeiten hat, sich einzukleiden. Jede etwas größere oder auch kleinere Frau erlebt das selbst, außerhalb der Norm ist es immer schwierig. Daher ist Jennifer mehr als glücklich, als sie auf Luke Jakobson, den Superheld*innenschneider, aufmerksam gemacht wird. Zuerst etwas zurückhaltend, nimmt sie das Service-Angebot doch sehr schnell an. Der Schock, als sie gegen ihn klagen soll, ist groß. Aber sie darauf zu reduzieren, dass es auch She-Hulk nur um das Äußere und Kleider geht, ist hier nicht fair.

Als Anwältin und Frau, die einfach nur sie selbst sein will, eignet sich Jennifer Walters durchaus als Identifikationsfigur. Das sind die Probleme, mit denen jede berufstätige Frau kämpft, und die Selbstzweifel mit denen sie umgehen muss, sind echt. Mir gefällt vor allem, dass auch She-Hulk ihre Unsicherheiten behält. Das, was man über lange Jahre auch unfreiwillig gelernt hat, lässt sich nicht so einfach ablegen.

Der Kniff am Ende parodiert schließlich das MCU selbst. Ob Filme oder Serien, alles läuft nach derselben To-do-Liste ab. Da schon Usus in den Comics, steht She-Hulk auch auf Disney+ selbst für sich ein. K.E.V.I.N. – grandiose Umsetzung der fast schon messiasähnlichen Position des Kevin Feige – kann ihr hier nichts entgegensetzen. Ein Ausbruch aus der Norm, der wichtig ist und auch seine Fans findet. Endlich erreicht Jennifer bzw. She-Hulk, dass es anders läuft als geplant, nur um – typisch und wie im realen Leben – am Ende doch noch eingefangen zu werden. Natürlich bekommt der Smart-Hulk seinen Moment und präsentiert mit seinem Sohn einen Ausblick auf weitere Projekte. Und wir können uns auf die neue Daredevil-Serie freuen, höchstwahrscheinlich mit dem einen oder anderen Auftritt von She-Hulk. Wobei ich persönlich sagen muss, die ganzen Andeutungen, die von Anfang an fielen, waren mir am Ende doch etwas too much. Aber keine Marvel-Serie ohne Cameos, und Wong sticht da einfach positiv heraus. Es ist immer eine Freude, ihn zu sehen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es zumindest mir ganz gut gefällt, dass nicht alle Marvel-Projekte auf den ersten Blick zu einem großen Ganzen führen. Vielleicht ist es gar nicht nötig, sich alles anzuschauen, und man kann sich das herauspicken, was einem wirklich gefällt. Nun, die meisten werden sich trotzdem alles anschauen, genau wie ich. Es gibt mehr Superheld*innen als die Avengers und nicht immer muss es darum gehen, die Welt zu retten. Jen kämpft mit ihrem Alltag und She-Hulk genauso, aber zumindest kämpfen sie nicht gegeneinander, wie Bruce es einst tun musste. Mit sich selbst klarkommen, das ist die wirkliche Challenge.

Es wird immer Leute geben, die meckern, evtl. sogar, ohne sich vertieft mit der Materie beschäftigt zu haben. Bei manchen Kommentaren im Netz zur Serie hatte man auch den Eindruck, dass einfach alles schlecht gemacht wird. Man muss nichts anschauen, was einem nicht gefällt. Tipp: Einfach ausschalten ist eine gute Lösung und lasst uns unsere Freude, denn She-Hulk hat echt Spaß gemacht. Der Fall der Woche ist genau mein Fall.

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Melanie Frankl

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