Vesper träumt von einem besseren Leben in einer Zitadelle.
Eine Hoffnungslose Dystopie
Um die ökologische Krise zu bewältigen, hat die Menschheit auf Gentechnik gesetzt. Die ist außer Kontrolle geraten, sodass es nur noch gefährliche Pflanzenmutationen und kaum essbare Nahrung gibt. Während eine kleine Elite in sogenannten Zitadellen lebt, kämpft der Rest der Menschheit in der Wildnis ums Überleben.
Die 14-Jährige Vesper (Raffiella Chapman) hofft, mit ihren Kenntnissen der Gentechnik irgendwann in eine Zitadelle aufgenommen zu werden. Die Realität sieht jedoch anders aus. Sie muss ihren todkranken Vater (Richard Brake) pflegen, der nur über eine Roboterdrohne mit ihr kommunizieren kann. Als die Maschinen, die ihn am Leben halten, ausfallen, muss sie ihren Onkel Jonas (Eddie Marsan) um Hilfe bitten. Der ist jedoch nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht und will ihr Blut an die Zitadelle verkaufen.
Eines Tages stürzt eine Flugmaschine der nächstgelegenen Zitadelle ab. Vesper rettet die einzige Überlebende Camellia (Rosy McEwen) und versteckt sie bei sich zu Hause. Camellia ist nämlich auf der Flucht, weil sie mehrere Geheimnisse hat. Zunächst einmal ist sie ein Jug – ein gentechnisch veränderter Mensch. Die Jugs sind eigentlich kognitiv eingeschränkte Arbeitssklaven, die außerhalb der Zitadellen verachtet und getötet werden. Camellia ist jedoch ein Sonderfall, denn die Züchtung intelligenter Jugs ist eigentlich bei Strafe verboten.
Vesper findet zudem heraus, dass Camellias DNS den Code für Pflanzensamen enthält, welche die Nahrungsknappheit besiegen könnten. Sie kann den DNS-Code extrahieren, muss aber sogleich vor den heranrückenden Soldaten der Zitadelle fliehen. Ihr Vater opfert sich, um ihre Flucht zu decken. Als die Lage aussichtslos erscheint, sediert Camellia das Mädchen und ergibt sich den Soldaten. Vesper zieht daraufhin in den Süden und lässt die Samen von einem Turm einer Kolonie Ausgestoßener fliegen.
Ranzige Fantasy-Welt
Die Story klingt zwar interessant, hält jedoch einer näheren Betrachtung nicht stand. Warum sollten Gentechnikkonzerne ungenießbare Pflanzen mit tödlichen Waffen entwickeln? Das ergibt weder aus ökologischer noch aus ökonomischer Sicht einen Sinn. Obendrein mutet die im Film gezeigte Gentechnik eher wie Magie an. Vesper tropft etwas von Camellias DNS auf eine weiße Tafel, auf der sich geometrische Formen bilden, aus denen sie irgendetwas abzulesen glaubt. Ein paarmal über die Tafel gewischt und schon hat sie die Bausteine für Zauberbohnen. Wie das funktionieren soll, wird nicht erklärt. Ebenso wenig, woher Vesper in einer Welt ohne Schulbildung das nötige Fachwissen hat. Dafür ist alles hübsch bunt und kunstvoll animiert. Mit anderen Worten: Reine Fantasy!
Die Fantasy-Welt ist allerdings keineswegs nur blumig und bunt. Eigentlich ist alles eher dreckig und abgeranzt. Das gilt für Vespers Holzhütte, in der ihr Vater im eigenen Dreck dahinsiecht, ebenso wie für die heruntergekommene Farm, auf der ihr Onkel lebt. Dort wird ein Jug von den versammelten Bewohnern grausam zu Tode gequält. Angeblich seien Jugs nicht empfindungsfähig, doch eher scheinen die Menschen nicht empathiefähig, denn die Kreatur schreit vor Schmerzen, was niemanden kümmert.

Um das dystopische Ambiente abzurunden, gibt es noch jede Menge Body Horror. Allen voran bei der abgestürzten Camellia. Bei der gibt es nicht nur einige grässliche Wunden in Nahaufnahme, sondern auch eine schlitzförmige Öffnung im Nacken, die sie als Jug ausweist. Warum die Jugs so etwas haben und wozu das gut sein soll? Das wird genauso wenig erklärt wie alles andere. Die Soldaten der Zitadelle haben derweil Totenköpfe, was noch weniger Sinn macht. Wie können die ohne Augen sehen, geschweige denn ohne schützende Haut auf dem Schädel überleben?
Vesper Chronicles tut zwar so, als sei er ein Science-Fiction-Film, doch im Prinzip ist es eben Fantasy. Und das einzig Interessante daran sind ein paar der genetisch veränderten Pflanzen, die mittels physischer Tricktechnik zum Leben erweckt werden. Die CGI-Effekte können sich ebenfalls sehen lassen, aber das war’s dann auch schon. Es überwiegen unschöne bis ätzende Szenen, die obendrein auch noch langatmig inszeniert sind.
Fazit zu Vesper Chronicles: Spezialeffekte sind nicht alles
An diesem Film gibt es wenig Positives. Er präsentiert eine grausame Dystopie in überwiegend erdigen Farben. Eine völlig verrohte Menschheit lebt im eigenen Dreck und verdient es mitnichten, von einem 14-jährigen Wunderkind auf magische Art und Weise erlöst zu werden. Die Handlung zieht sich dabei unnötig in die Länge und ist von vorne bis hinten konfus. Erschienen ist diese frankobelgische Produktion, die in Litauen gedreht wurde, u. a. als schickes 4K-Steelbook, das zwar außen hui, aber innen pfui ist.
Info
Originaltitel: Vesper
Drehbuch: Brian Clark & Kristina Buožytė
Regie: Kristina Buožytė
Musik: Dan Levy
Kamera: Feliksas Abrukauskas
Schnitt: Suzanne Fenn & Justin MacKenzie Peers
Lust, in unserem Team mitzumischen? Dann schaut doch mal auf unsere MITMACHEN Seite.
Warpskala
Warpskala- Vesper Chronicles (2022) - 7. Juli 2026
- Disclosure Day – Tag der Wahrheit (2026) (Zweitrezension) - 2. Juli 2026
- Flucht in die Zukunft (1979) - 30. Juni 2026

