Aces in Space – Ein Interview mit den Macher*innen des brandneuen Science Fiction-Rollenspiels

Lesezeit circa: 9 Minuten

Ein Pen&Paper im Weltraum? Wo gibt es denn sowas? Na, bei Aces in Space, dem neuen deutschen RPG. Michael hat sich mit den Machern getroffen, um mehr zu erfahren.

Judith & Christian Vogt haben sich sowohl mit mehreren erfolgreichen Büchern und Projekten einen Namen unter Rollenspieler*innen als auch in der Fantasy- und Science-Fiction-Szene gemacht. Nun haben sie gemeinsam mit Harald Eckmüller vom Rollenspiel-Podcast 3W6 ein vielversprechendes neues Science-Fiction-Rollenspiel namens „Aces in Space“ entwickelt. Michael Kleu hat sich mit ihnen über das neue Spiel unterhalten.

Michael: Ihr habt gerade erfolgreich eine Kickstarter-Kampagne für euer neues Rollenspiel „Aces in Space“ durchgeführt. Um was genau geht es in diesem Rollenspiel?

Christian: „Aces in Space“ ist ein Rollenspiel über eine Gang von Raumjägerpilot*innen und fühlt sich an wie eine Mischung aus „Battlestar Galactica“ und „Sons of Anarchy“. Man spielt Chopper-Jockeys, die Bandits und Bogeys im tollkühnen Kurvenkampf besiegen müssen, Coups gegen übermächtige Mega-Konzerne durchführen und all das auf Social Media teilen, um Ruhm und Likes zu erlangen. Es geht auch um das Spannungsfeld von toxischem Einzelgängertum und Teamwork.

Michael: Was ist das für eine Welt, in der diese Raumjägerpilot*innen ihre Abenteuer erleben? Handelt es sich um eine Zukunft unserer heutigen Welt?

Judith: Ja, grundsätzlich ist das eine ferne Zukunft, in der die Erde unbewohnbar ist. Die Menschen haben im All keine Lebensformen gefunden, haben Asteroiden, Monde und Planeten besiedelt sowie Raumstationen errichtet. Terraforming hat Planeten teils bewohnbar gemacht, oft gibt es auch einfach hermetische Kuppelstädte.

Michael: Ist die Welt von „Aces in Space“ eine reine Science-Fiction-Welt oder habt ihr auch Fantasy-Elemente eingebaut?

Christian: Reine Science-Fiction. Keine Magie, noch nicht mal Aliens. Allerdings haben wir ein paar Elemente eingebaut (wie einen Virus, der Hightech zerstört), damit sich die Konflikte im Weltall anfühlen wie Fliegerduelle im Ersten und Zweiten Weltkrieg (wie es z.B. auch bei „Star Wars“ und „Battlestar Galactica“ der Fall ist), und weniger, wie man sie sich heute physikalisch-realistisch vorstellt (wie z.B. in „The Expanse“).

Michael: Ich habe eben ein paar Begriffe nicht verstanden. Chopper-Jockeys sind die eigene Gruppe, während Bandits und Bogeys die Gegner sind? Könnt ihr diese Gruppen ein wenig ausführlicher beschreiben?

Judith: Hihi, Bogeys und Bandits sind einfach Begriffe aus der militärischen Luftfahrt. Bogey ist ein unbekanntes Flugobjekt, Bandit ein identifizierter Feind. Das heißt, das sind keine festen, beschriebenen „Gegnerfraktionen“ bei „Aces in Space“. Es ist ja grundsätzlich ein recht freies Spiel: Die Gangs befinden sich im unabhängigen Teil des besiedelten Weltalls, dem Free-Turf, während ein großer Teil von Mega-Konzernen beherrscht wird – der Corp-Turf. Natürlich ist es möglich, Raubzüge oder Sabotageakte auf Konzerne zu verüben, genauso gut kann es aber auch um Gang-Rivalität oder Stuntflug-Wettbewerbe gehen.

Michael: Die Idee, alles auf Social Media zu teilen, finde ich sehr interessant. Ist das mit einer Form von Medienkritik verbunden?

Christian: Ich denke, die Verbindung von Toxizität und der Jagd nach Likes ist offensichtlich. Aber es werden auch die positiven Aspekte von Social Media hervorgehoben, wie die Unterstützung von Followern, die einer Jockey beispielsweise den entschiedenen Hinweis über die Position eines Bandits durchgeben, weil sie dessen Stream gehackt haben. Heutzutage ist Social Media ein Werkzeug, mit dem sich Randgruppen Gehör verschaffen können und das gleichzeitig wiederum andere Leute zu schrecklichen Dingen radikalisiert. In der Welt von „Aces in Space“ ist es genauso nur ein Werkzeug und dadurch eine wunderbare Möglichkeit, eine Zukunft zu zeichnen, die sich trotzdem vertraut anfühlt. Ob das dann eine Medienkritik ist, muss im Rollenspiel jede*r für sich selbst beantworten.

Aces in Space

Michael: Was das Spannungsfeld von toxischem Einzelgängertum und Teamwork angeht: Können Spieler*innen einzelgängerisch bestehen oder ist man auf Teamwork angewiesen?

Christian: Die Werte der einzelnen wählbaren Spielbücher (eine Art Charakterklasse) sind so designet, dass man eigentlich nur mit Teamwork weiterkommt. Außerdem erhält man sowohl Erfahrungspunkte und andere Spielressourcen, wenn man sein toxisches Einzelgängertum auslebt, als auch, wenn man im Team arbeitet. Dadurch bauen wir ein Spannungsfeld auf.

Michael: Die Welt von „Aces in Space“ ist also eine sehr raue Welt. Auf den Illustrationen, mit denen ihr das Spiel versehen habt, werbt ihr mit einer Pilotenstaffel, die sich – wenn ich das richtig erkenne – aus drei Frauen, drei Männern und einem Roboter zusammensetzt. Hinzu kommt, dass die sechs menschlichen Charaktere deutlich unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen angehören. Könnte man also sagen, dass es sich bei der Welt von „Aces in Space“ zwar um eine brutale Welt handelt, diese aber in mancherlei Hinsicht wesentlich weiter ist als unsere Welt?

Judith: Ich würde sagen, es sind drei Frauen, zwei Männer, eine nonbinäre Person und eine Person, die als „Phantom“ keinem Geschlecht zuzuordnen ist. Die Illustrationen sind im Prinzip „Archetypen“, es ist also keine fertige Pilotenstaffel. Mit den Illustrationen der Archetypen möchten wir darstellen, wie die Gesellschaft in „Aces in Space“ aussieht – und natürlich auch, wie eine Gang aussehen kann.

Ja, genau das, was du sagst, ist unsere Absicht: „Aces in Space“ dreht sich zwar unter anderem um das Spannungsfeld „Teamwork vs. toxisches Verhalten“, aber grundsätzlich wäre es schön, wenn wir vermitteln könnten, dass Diskriminierungsformen wegen geschlechtlicher Identität, Religionen oder Ethnie in der Vergangenheit liegen. Das Darüber-Nachdenken, was das impliziert, ist dann den Spielenden überlassen. Wir hoffen, dass wir im Buch und mit den Archetypen einige Anregungen geben können.

Michael: Beim Jockey-Slang, den ihr für das Spiel entworfen habt, musste ich spontan an die Belter aus „The Expanse“ denken. Welche Science-Fiction-Erzählungen haben euch bei der Erschaffung eurer Welt am meisten inspiriert?

Harald: Jede Subkultur versucht sich durch ihre eigene Sprache abzugrenzen. Auch Rollenspiele tun das seit der ersten Stunde. Vor D&D ist der Begriff „Feuerball” wohl wirklich selten im Vokabular von Leuten vorgekommen. Einen starken Einfluss hatten hier Spiele wie „Shadowrun“ (und Cyberpunk im Allgemeinen), aber auch Spiele wie „Vampire“ und „Werwolf“, und ganz banal die gegenwärtige Jugend- und Gamerkultur.

Auf jeden Fall war es uns bei „Aces in Space“ wichtig, genauso wie in „The Expanse“, Sprache als bewusstes Stilmittel zu verwenden. Ob künstlich erschaffene Slangs funktionieren, ist aber immer so eine Glückssache. Wie die Community um das Kickstarter-Projekt gezeigt hat, scheint es in unserem Fall geklappt zu haben. Es gibt schon wirklich viel „Fan Fiction“ zum „Aces in Space“-Universum, und alle Autor*innen hatten wirklich viel Spaß mit dem Slang, den wir uns da ausgedacht haben — was uns natürlich riesig freut!

Michael: Handelt es sich bei „Aces in Space“ um ein reines Pen-&-Paper-Rollenspiel oder werden bei dem Spiel auch Figuren o.ä. verwendet?

Christian: Es handelt sich um ein Pen-&-Paper-Rollenspiel und man braucht erst mal keine Figuren, sondern nur einen Satz Fate-Würfel, einen Haufen Fatepunkte (z.B. kleine Steine), das Buch und die eigene Fantasie. Aber wir nutzen auch ein optionales Initiative-Systeme, das die abstrakte taktische Position des eigenen Jägers darstellt … und dafür bieten wir im Crowdfunding ein Pledge Level mit selbstentworfenen Lego-Modellen an! Oder man baut seine eigenen Designs …

Michael: Habt ihr ein völlig neues Regelsystem für das Spiel entwickelt? Welche Rollenspiele haben euch dabei inspiriert? Christian sprach gerade von Fate.

Judith: Nein, wir haben kein neues Regelsystem dafür entwickelt. Wir verwenden das Universalsystem Fate, für das wir (Christian und Judith) schon die beiden Settings „Eis&Dampf“ und „Scherbenland“ entwickelt haben. Fate ist sehr wandlungs- und anpassungsfähig, und dabei ein recht zugängliches Erzählsystem, bei dem alle in der Runde gleichermaßen zur Geschichte beitragen können. Uns gefällt es sehr gut, und es passt perfekt auf unsere Bedürfnisse, coole, neue Settings auszuprobieren, ohne uns dabei neue Regeln anlesen zu müssen.

Es funktioniert zudem komplett ohne Ausrüstungstabellen und Ähnliches, was man vielleicht von „Shadowrun“ kennt. Und auch das Vorbereiten des Abends durch die Spielleitung, die bei uns Game Queen heißt, hält sich in Grenzen oder kann sogar komplett mit der ganzen Gruppe improvisiert werden. Wir haben ein paar neue Aspekte zu Fate hinzugebracht, die an andere moderne Allround-Systeme wie „Powered by the Apocalypse“ und „Forged in The Dark“ erinnern. Aber man muss das alles gar nicht kennen, die Regeln sind alle noch mal in „Aces in Space“ enthalten.

Harald: Wie Judith schon erwähnte, haben wir uns von einer Vielzahl von anderen Rollenspielen inspirieren lassen. Da wir alle drei vor allem den erzählerischen Aspekt von Rollenspielen schätzen, sind da also auch viele Ideen dabei, die Regeln insbesondere für das gemeinsame Erzählen von Geschichten bieten. Aber damit nicht genug: Wir haben eine eigene Sektion im Buch, wie man andere Spiele nutzen kann, um die Welt von „Aces in Space“ noch auszubauen.

Wenn man z.B. mehr über die verbotene Liebe zwischen zwei Charakteren wissen will, warum nicht eine Runde „Star-Crossed“ spielen? Wir haben uns auch viele sogenannte Nano-Games ausgedacht. Das sind kurze, einfache Spiele die manchmal nur ein paar Minuten dauern und meistens Regeln haben, die in ein paar Absätze hineinpassen. Als Beispiel: Wir haben ein Nano-Spiel zum Armdrücken.

Man würfelt am Anfang aus, wer gewinnt, und dann wird das einfach ausgespielt. Mit viel Theater, hin und her, und schließlich gewinnt jemand. Das Ganze dauert vielleicht eine Minute, aber danach ist man in der richtigen Stimmung für „Aces in Space“, und hat auch gleich eine Meinung, ob man den anderen Charakter mag oder nicht.

Michael: Judith und Christian, ihr habt ja schon eine Reihe an Fantasy- und Science-Fiction-Romanen veröffentlicht. Werden wir auch die Welt von „Aces in Space“ bald in einem Roman näher kennenlernen dürfen?

Christian: Der Roman ist sogar gerade schon in der finalen Überarbeitung! Wir sind uns nur noch nicht ganz über den Veröffentlichungsweg im Klaren, aber der Roman wird zumindest nicht mehr ewig auf sich warten lassen. Und wir haben gerade boots Spaß dabei, gleichzeitig viel Input aus dem Netz zum Crowdfunding zu erhalten (Danke für die vielen Pilotengeschichten dazu auf Twitter!) und den Roman zu schreiben.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von der Aces in Space Website.

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Michael Kleu

Michael ist Jahrgang 1978 und Althistoriker. Er schreibt einen eigenen Blog über die Antikenrezeption in fantastischen Medien.
Michael Kleu

Michael Kleu

Michael ist Jahrgang 1978 und Althistoriker. Er schreibt einen eigenen Blog über die Antikenrezeption in fantastischen Medien.

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