Odysseus verirrt sich auf der Heimreise nach Ithaka.
Der Mythos
Nach zehn Jahren ist der trojanische Krieg vorbei und die Griechen reisen in ihre Heimat zurück. Odysseus‘ Flotte macht unterwegs auf der Insel der Kikonen Halt, gegen welche die Griechen ebenfalls schon eine verlustreiche Schlacht führten. So beschließen Odysseus‘ Leute, sich an den Einwohnern von Ismaros zu rächen. Nur die Priester des Apollon-Tempels werden verschont und schenken den Angreifern daher Wein. In der darauffolgenden Nacht greifen dann die Kikonen das Lager der Invasoren an und töten zahlreiche Ithaker, die von der Insel fliehen müssen.
Die Götter strafen Odysseus‘ Leute ebenfalls mit einem Sturm, der sie vom Kurs abbringt. Sie landen auf der Insel der Lotophagen, wo ihnen von den Einwohnern Beeren angeboten werden. Diese lassen die Konsumenten jedoch alles vergessen, sodass der König von Ithaka seine Leute zurück auf die Triere (Kampfgaleere) schleifen muss.
Als nächstes verschlägt es die Irrfahrer auf die Insel der Kyklopen, wo sie jede Menge Schafe finden, die sie als Proviant nutzen können. Allerdings haben sie die Rechnung ohne den Hirten gemacht und dann begehen sie auch noch den Fehler, ihr Nachtlager in dessen Höhle aufzuschlagen. Der Kyklop nutzt nun seinerseits die Menschen als Proviant. Der listige Odysseus und seine Männer machen ihn daraufhin mit dem Wein der Kikonenpriester betrunken und stechen dem Riesen in der Nacht das Auge aus. Als dieser am nächsten Tag seine Schafe aus der Höhle lässt, hängen sich die Ithaker an deren Bäuche. Blind kann der Kyklop sie nur abtasten und bemerkt daher nicht, wie die Menschen fliehen.
Die Reisenden sind zwar vorerst entkommen, doch war der Kyklop Polyphem kein Geringerer als der Sohn des Meeresgottes Poseidon, der Odysseus nun Rache schwört. Immerhin der Windgott Aiolos ist ihm noch gewogen und bietet ihm seine Gastfreundschaft an. In seinem Palast können die Seefahrer ihre Vorräte auffüllen und zum Abschied macht Aiolos ihrem König auch noch ein Geschenk. Er übergibt ihm einen Schlauch, der alle Winde enthält, die das Fortkommen der Flotte behindern. Odysseus‘ Männer können jedoch ihrer Neugier nicht widerstehen und öffnen den Schlauch, während ihr Kommandant schläft. Ein Sturm wird entfesselt, der sie zurückwirft.
Odysseus bittet Aiolos erneut um Hilfe, doch dieser lehnt nun ab. Auf der Insel der Laistrygonen bezahlen viele seiner Männer einen hohen Preis für ihre Neugier. Menschenfressende Riesen dezimieren die Griechen gründlich und zerstören alle Schiffe bis auf eine Triere, die in einer anderen Bucht versteckt liegt. Mit nur noch einer Schiffsbesatzung geht es weiter auf die Insel Aiaia, auf der Kirke Odysseus‘ Männer in Schweine verwandelt. Mit einem Trick kann er sie überzeugen, den Zauber rückgängig zu machen, doch besteht sie darauf, dass er bleibt.
Ein Jahr vergeht und letztendlich erhört Kirke Odysseus‘ Flehen, seine Reise fortsetzen zu dürfen. Zuvor soll er jedoch in den Hades reisen und Teiresias bezüglich seiner Zukunft konsultieren. In der Unterwelt laufen ihm seine ehemaligen Kampfgefährten Agamemnon, Achilleus und Ajax über den Weg, bis er endlich auf Teiresias trifft. Dieser kündigt ihm schwere Prüfungen sowie den Verlust all seiner Männer an und wenn er endlich heimkehrt, würden ihn weitere Prüfungen erwarten.
Als erstes treffen die übrigen Ithaker auf die Sirenen, welchen sie widerstehen, indem sie Wachs in ihre Ohren stopfen. Nur Odysseus lässt sich an den Mast seines Schiffes binden, um den verführerischen Gesängen zu lauschen. Die nächste Begegnung mit Skylla und Charybdis verläuft nicht so unproblematisch und wieder sterben Männer. Die Überlebenden schaffen es zur Insel Thrinakia, auf welcher der Sonnengott Helios seine heiligen Stiere hält. Theresias warnte den König von Ithaka, diese nicht zu berühren. Der Hunger treibt seine Leute jedoch des Nachts dazu, einen Stier zu grillen. Nach ihrer Abfahrt bestraft Helios sie mit einem Sturm, in dem die letzte Triere untergeht und alle bis auf Odysseus sterben.
Dieser wird an den Strand der Insel Ogygia gespült, wo die Nymphe Kalypso ihn aufnimmt. Sieben Jahre verbringt er bei der Nereide, bevor diese von Hermes die Botschaft der Olympier erhält, dass diese seine Heimkehr wünschen. Sie muss ihn ziehen lassen, doch sein Floß wird nach 17 Tagen erneut Opfer eines Sturms. Nur mit der Hilfe von Leukothea, der Beschützerin der Schiffbrüchigen, kann er dem Zorn Poseidons entkommen und landet auf der Insel der Phaiaken. Dort wird ihm von König Alkinoos die Hand von dessen Tochter Nausikaa angeboten. Odysseus lehnt jedoch ab, da er nach 20 Jahren endlich heimkehren möchte. Alkinoos lässt ihn mit einem Boot heimbringen, wobei Poseidon die Seefahrer zur Strafe versteinern lässt.
Die Heimkehr von Odysseus kann Poseidon jedoch nicht verhindern, da sein Bruder Zeus darauf besteht. Dessen Tochter Athene hilft Odysseus überdies, indem sie ihm das Erscheinungsbild eines alten Bettlers gibt, in dem er erst einmal die Lage sondieren kann. Zunächst gibt er sich nur seinem Sohn Telemachos zu erkennen, der ihn in den Palast einlädt, wo 100 Freier Odysseus‘ Frau Penelope bedrängen, einen der ihren zu heiraten und so zum neuen König von Ithaka zu machen.
Der wahre König kann seinen Sohn überzeugen, einen Wettbewerb stattfinden zu lassen, dessen Gewinner Penelope zur Frau bekommen soll. Die Anwärter müssen nur seinen Bogen spannen und einen Pfeil durch die Ringe von zwölf Äxten schießen. Ausnahmslos alle scheitern jedoch schon am Spannen des Bogens. Nur Odysseus selbst kann diese Prüfung bestehen und gibt sich nun allen als rechtmäßiger König Ithakas zu erkennen. Damit nicht genug, übt er mit seinem Sohn und einigen Getreuen blutige Rache an den Freiern sowie an allen Verrätern aus seinem Hofstaat. Danach ist Odysseus endlich wieder mit seiner Familie vereint.
Rezension von Die Odyssee
Mit über 190 Seiten ist die Odyssee noch etwas dicker als die Ilias und dabei sind einige Passagen schon deutlich verkürzt, wie die Begegnung mit Skylla und Charybdis. Die Ausmaße dieses Werkes, welches dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben wird, sind wahrhaft episch. Doch es steckt auch voller Wiederholungen und dummer Entscheidungen.
Die erste Fehlentscheidung der Ithaker ist es, die Bewohner der Stadt Ismaros niederzumetzeln, nur weil vor über zehn Jahren mal Krieg zwischen den Griechen und Kikonen herrschte. Was können denn Zivilisten dafür? Nachdem die Griechen schon Troja gebrandschatzt und ein Massaker veranstaltet haben, werden hier abermals Frauen vergewaltigt, Unschuldige ermordet und sogar Babys totgeschlagen. Die Verschonung der Priester Apollons täuscht nicht darüber hinweg, dass der trojanische Krieg die Männer von Odysseus komplett verroht hat. Nach zehn Jahren des Krieges haben sie sich scheinbar so sehr an die Barbarei gewöhnt, dass sie immer noch nicht genug davon haben. Die Strafe durch die Kikonen und die Götter ist wohlverdient, denn die vermeintlichen Helden sind in Wahrheit brutale Kriegsverbrecher!
Zumindest einige können ihre Taten auf der Insel der Lotophagen für eine Zeit lang vergessen. Deren Bewohner ernähren sich ausschließlich von verführerischen Früchten, die das Gedächtnis auslöschen. Wie sie es dennoch schaffen, ihre Zelte instand zu halten, sei einmal dahingestellt. Homer, sofern dieser überhaupt existierte, hat der Menschheit hiermit das erste literarische Statement gegen Drogenmissbrauch hinterlassen. Die Früchte knallen derart rein, dass Odysseus seine betroffenen Leute zurück auf die Boote zwingen muss, um die Reise fortzusetzen. Die eigentliche Kernaussage Homers ist allerdings der Kampf gegen das Vergessen, den Odysseus immer wieder führen muss.
Riesenprobleme
Eine unvergessliche Szene der Odyssee ist die Begegnung mit dem Zyklop Polyphem, bei welcher der König von Ithaka seinen Einfallsreichtum unter Beweis stellt. Als der Riese ihn nach seinem Namen fragt, stellt er sich als Niemand vor. Nachdem Odysseus und seine Leute den Einäugigen mit einem Holzpfahl das Augenlicht genommen haben, ruft Polyphem nach Hilfe. Doch als er die Frage der anderen Kyklopen, wer ihm das angetan habe, mit „niemand“ beantwortet, nehmen die ihn nicht für voll. Entkommen können die Ithaker schließlich, indem sie sich an die Schafe des Riesen klammern.
Weit weniger schlau ist es von Odysseus, Polyphem bei der Abreise seinen richtigen Namen hinterher zu rufen. Immerhin ist er der Sohn des Poseidon und so zieht sich Odysseus dessen Zorn zu. Wobei man sich schon fragen muss, wie die Götter ihre Kinder erziehen? Polyphem ist in jeder Hinsicht missraten. Er schlägt Menschen brutal tot und schlingt sie im Stück herunter als wären sie Partysnacks. Das ist schon ziemlich krank!
Und es soll nicht die einzige Begegnung dieser Art sein. Nach einem entspannten Aufenthalt bei Aiolos könnten die Ithaker problemlos nach Hause segeln, wenn nicht einige aus Neugier die Stürme entfesseln würden, die der Gott der Winde eingefangen und Odysseus überreicht hatte. Dabei kommen weitere Zweifel an der Gerissenheit des Königs auf, denn er hätte seine Leute einfach über den Inhalt des Weinschlauchs aufklären können. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum er ihnen das verschweigen sollte.
Das folgende Unheil, aus dem ihn Aiolos nicht mehr herauszuhelfen bereit ist, wäre in jeder Hinsicht vermeidbar gewesen. Statt direkt nach Ithaka zu gelangen, fahren die Griechen erst im Kreis und landen dann auf der Insel der Laistrygonen. Diese Riesen unterscheiden sich nur darin von den Kyklopen, dass sie sie zwei Augen besitzen. Davon abgesehen sind sie ebenso unzivilisierte Menschenfresser, die einen Großteil von Odysseus‘ Kriegern snacken und alle Boote bis auf eins zerstören. Das hätte man eigentlich schon auf der Insel der Kyklopen haben können. Hier hat Homer die Handlung mit einer Wiederholung unnötig in die Länge gezogen.
Männer sind Schweine
Die Überlebenden landen als nächstes auf der Insel Aiaia, wo sie auf zahme Löwen und Tiger treffen. Dahinter steckt ein Zauber der Kirke, die Odysseus‘ Männer in Schweine verwandelt. Damit nimmt die antike Erzählung einen Song der Ärzte um etwa 3.000 Jahre vorweg. Und fürwahr haben sich die Männer in Troja und Ismaros wie Schweine aufgeführt. Eigentlich hätten sie diese Strafe verdient, doch Odysseus kann Kirke überzeugen, den Zauber rückgängig zu machen. Er selbst kann diesem entgehen, da ihm Hermes vorab ein Gegengift für ihren Zaubertrank überreicht.
Dennoch „bezirzt“ sie ihn, ein Jahr auf der Insel zu verbringen. Dieses Wort für eine Überredung, bei der das Opfer mit Charme verzaubert wird, ist tatsächlich vom Namen der Tochter des Sonnengottes Helios abgeleitet. Diese wird im Comic jedoch nicht in der deutschen Schreibweise Zirze geschrieben, sondern in der altgriechischen Variante Kirke, wie das schon zuvor schon bei den Zyklopen der Fall war. Damit funktioniert die Ableitung natürlich nicht, denn „bekirken“ klingt eher nach etwas aus Star Trek. Wobei das ja durchaus als Synonym für die Verführung von Frauen durch einen Sternenflottencaptain stehen könnte.
Jedenfalls verfliegt der Charme der Kirke nach einem Jahr und Odysseus bittet sie, mit seinen Männern weiterreisen zu dürfen. Zuvor schickt ihn Kirke jedoch mit einem Blutopfer in die Unterwelt, welches er Teiresias geben soll, damit dieser ihm im Gegenzug die Zukunft weissagt. Warum die Geister der Toten alle so verrückt nach Blut sind, wissen nur die Götter. Als körperlose Seelen brauchen sie weder Nahrung noch Flüssigkeit. Außerdem müsste das Blut einfach durch Teiresias‘ Geist hindurch auf den Boden tropfen, so wie zuvor schon ein Geist durch Odysseus hindurch geglitten ist.
Während Teiresias etwas über die bevorstehenden Prüfungen und den Verlust all seiner Männer offenbart, hat der Geist von Odysseus‘ Mutter erfreulichere Nachrichten für ihn. Seine Frau Penelope ist ihm immer noch treu und sein Sohn Telemachos ist inzwischen ein Mann, wobei der eigentlich noch keine 18 Jahre alt sein kann. In der Antike galt man halt schon im Jugendalter als erwachsen. Unter den Verstorbenen tummeln sich weiterhin verstorbene Weggefährten aus dem trojanischen Krieg. Darunter König Agamemnon, der nach seiner Rückkehr von seiner Frau ermordet wurde, und Ajax, der Suizid begangen hat, weil Agamemnon die Waffen des Achilleus nicht ihm, sondern Odysseus überreicht hat. Wer würde sich wegen solcher Kleinlichkeiten nicht sofort das Leben nehmen?
Achilleus, der in diesem Comic in der altgriechischen Weise geschrieben wird und nicht wie in der Comicadaption der Ilias in der deutsche Variante Achill, streift ebenfalls durch die Unterwelt. Bei seiner Begegnung mit Odysseus wird es zur Abwechslung mal philosophisch. Achilleus musste nämlich erkennen, dass sein in der Schlacht erworbener Ruhm im Jenseits keinerlei Bedeutung hat. Reumütig sagt er zu Odysseus: „Lieber wäre ich ein einfacher Viehhirte und am Leben als ein glorreicher Held im Reich der Toten!“ Das liest sich schon fast wie eine Kritik am Krieg. Leider bleibt es nicht lange so tiefgründig und es folgt die nächste Monster-Action.
Ein Meer voller Monster
Nach der Abreise von der Insel Aiaia treffen die Ithaker auf die Insel der Sirenen, die Seefahrer mit ihren Gesängen ins Verderben locken. Der Gesang der Wesen, welche die Köpfe von Frauen auf den Körpern von Vögeln haben, hat nicht viel mit dem Geheul heutiger Sirenen zu tun. Obgleich sich deren Bezeichnung von ihnen ableitet, hat sich die Bedeutung umgekehrt, denn Sirenen warnen uns heute vor Gefahr, sodass wir uns in Sicherheit bringen können.
Odysseus hingegen bringt seine Männer in Sicherheit, indem er ihre Ohren mit Wachs verstopft. Er selbst lässt sich derweil an einen Mast binden, da er neugierig auf den Gesang der Sirenen ist. Dieser lässt ihn seine Männer anbetteln, sie mögen seine Fesseln lösen und umkehren. Zum Glück ignorieren sie seine Befehle und bringen die Triere aus der Gefahrenzone. Da die Sirenen versagt haben, stürzen sie sich ins Meer und ertrinken. Warum, wissen nur die Götter.
Die nächsten Monster sind Skylla und Charybdis, die wieder einmal missratene Kinder der Götter sind. Anhänger der Prä-Astronautik würden hier sicherlich Genexperimente von Außerirdischen vermuten, doch lauerten auf die Seefahrer in der Antike durchaus reale Gefahren, die hier mythologisiert worden sind. Allen voran Riffe, Strudel, Monsterwellen und gefräßige Meeresbewohner wie Haie. Während Skylla direkt als Sog dargestellt wird, der Schiffe verschlingt, war Homer bei Skylla etwas kreativer. Es handelt sich um eine Frauengestalt mit sechs Tentakeln, an deren Ende gefräßige Hundeköpfe sitzen. Ob das wohl als Inspiration für den Film Octalus – Der Tod aus der Tiefe (1998) diente, in dem die Tentakelenden eines Riesenkalmars menschenfressende Mäuler haben?
Jedenfalls gibt es keinen sicheren Weg zwischen den beiden Monstern hindurch, woraus sich die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ ableitet, die gleichbedeutend mit der „Wahl zwischen Pest und Cholera“ ist. Doch während Charybdis das gesamte Schiff zu verschlingen droht, kostet die Skylla nur sechs Männer das Leben, weshalb Odysseus die Triere an ihr vorbeisegeln lässt. Er opfert einige wenige, um den Rest seiner Mannschaft zu retten.
Das hätte er sich allerdings sparen können, denn auf der Insel des Sonnengottes Helios treibt der Hunger seine Leute dazu, einen von Helios‘ Stieren zu essen. Dabei hatte Teiresias ihn davor gewarnt, dass all seine Männer sterben würden, wenn auch nur einer Hand an einen der Stiere legen würde. Ein Detail, welches Odysseus seinem Gefolge wieder einmal verschwiegen hat. Also das Detail, dass alle sterben würden. Zumindest die Warnung, die Stiere nicht anzurühren, hat er ihnen mitgeteilt. Warum sie stattdessen nicht angeln gehen, obwohl einer der Männer bereits einen Fisch gefangen hat, ist nicht zu begreifen. Ebenso wie die Entscheidung, den Stier lebend über dem Feuer zu rösten, was unfassbar grausam ist.
Noch in der Nacht stehlen sich die Griechen von der Insel, bevor die Sonne aufgeht und damit Helios Zeuge der Tat werden kann. Es nutzt jedoch nichts, die Strafe der Götter folgt sofort und das letzte Schiff geht mit allen Männern unter. Nur Odysseus überlebt und wird an den Strand der Insel Ogygia gespült.
Sieben Jahre in Kalypsos Bett
Die Handlung macht mit dem dritten Kapitel einen gewaltigen Sprung nach vorn. Sieben Jahre sind vergangen und Odysseus wacht im Bett einer Fremden auf, bei der es sich um die Nymphe Kalypso handelt. Während Odysseus wie jede Nacht von einem Felsen aus in Richtung Ithaka blickt, erhält sie Besuch von Hermes, der sie im Auftrag der Olympier darum bittet, Odysseus heimkehren zu lassen. Als sie ihm die Botschaft überbringt, dreht er geschickt die Tatsachen um, indem er sie fragt, ob sie seiner nach sieben Jahren überdrüssig sei, obwohl er es ist, der endlich nach Hause will.
Kalypsos Angebot der Unsterblichkeit und ewigen Jugend, welches Odysseus ausschlägt, fehlt im Comic. Sie überreicht ihm lediglich eine Axt, damit er sich ein Floß zusammenzimmern kann. Mit dem geht er abermals unter, wird aber von Leukothea und Athene gerettet. Das rettende Tuch von Leukothea kann er trotz des Sturms halten, während er seine Kleidung verliert, was schon ein echtes Kunststück ist. Odysseus wird nackt an den Strand einer Insel gespült, welche zum Glück von Menschen bevölkert wird. Athene bringt die Königstochter Nausikaa durch nächtliches Einflüstern dazu, dort am nächsten Tag mit ihren Zofen baden zu gehen, sodass sie auf den Schiffbrüchigen trifft.
Nausikaa, die ungleich hübscher als ein Naukiaaner ist, bringt Odysseus in den Palast ihres Vaters Alkinoos, der dem Fremden sogleich die Hand seiner Tochter anbietet. Welcher Vater würde das nicht tun? Der Gestrandete lehnt das Angebot jedoch dankend ab, denn er ist nur noch an seiner Heimkehr interessiert. Alkinoos gewährt ihm die nötige Hilfe, nichtsahnend, dass der rachsüchtige Poseidon seine Seeleute dafür versteinern wird. Warum dieser damit bis zu deren Rückfahrt wartet und nicht schon auf der Hinfahrt nach Ithaka Odysseus gleich mit erledigt? Wahrscheinlich, weil dies das Happy End verhagelt hätte.
Einmal Rache, kalt serviert
Zurück in seiner Heimat wird der König von Athene in einen alten Mann verwandelt, um nicht sofort erkannt zu werden. Er sucht den getreuen Hirten Eumaios auf, dem er sich zunächst nicht zu erkennen gibt. Nur Telemachos, der gerade von der Suche nach seinem Vater zurückkehrt, offenbart er sich, um mit ihm seine Rache zu planen. In seiner Abwesenheit haben sich nämlich 100 Freier in seinem Palast niedergelassen, die Penelope umwerben. Diese hat sich bisher damit herausgeredet, dass sie erst noch ein Leichentuch für ihren verstorbenen Schwiegervater Laertes fertig weben wolle, welches sie in jeder Nacht wieder aufknüpfte, bis eine Dienerin sie verraten hat. Odysseus‘ Frau ist also ähnlich listenreich wie er selbst.
Doch für seine Rache braucht er noch eine größere List. Zunächst sieht er sich in der Stadt um und bettelt sein Volk an. Jene, die ihm die Almosen verweigern und ihn überdies noch treten, werden sogleich Teil seiner Rachepläne. Zunächst erkennt ihn nur sein alter Hund Argos, der einen Moment später zu seinen Füßen stirbt. Wie der Hund überhaupt deutlich älter als 20 Jahre werden konnte, bleibt ein Rätsel. Weiter geht es in den Palast, wo sich Odysseus einen Platz unter den Freiern erkämpfen muss. Da Athene ihm nur die Gestalt eines alten Greises gegeben, ihm aber seine Stärke gelassen hat, stellt das kein Problem dar.
Dennoch wird er von den Freiern weiterhin gedemütigt und misshandelt. Nur seine Frau nimmt ihn als vermeintlichen Bettler wohlwollend im Palast auf und lässt ihn sogar von einer Dienerin waschen. Diese erkennt ihn anhand einer alten Narbe und nennt ihm die Namen aller Dienerinnen, die Penelope an die Freier verraten haben. Nun kann Odysseus‘ Rache beginnen.
In einer der Nächte zuvor hat er gemeinsam mit Telemachos bereits alle Waffen aus dem Festsaal entfernt, damit die Freier wehrlos sind. Diese sollen nun seinen Bogen spannen und einen Pfeil durch die Ringe an den Griffen von zwölf Äxten schießen. Dem Gewinner winkt die Braut und damit auch der Thron. Sie alle versagen aber bereits am Bogen, darunter Telemachos, der seine Mutter natürlich nicht heiraten, sondern vor den Freiern bewahren will. Dem scheinbaren Bettler gelingt das Unmögliche, woraufhin er sich zu erkennen gibt und dem aufdringlichsten Freier Antinoos einen Pfeil durch den Hals jagt.
Der Rest versucht zu fliehen, doch Odysseus‘ Leute versperren den Eingang. Obwohl die Freier um Gnade winseln, schlachtet der König sie alle ab. Eigentlich sollte die Odyssee eine Reise vom Krieg zum erlösenden Frieden sein, doch das Finale gleicht eher einem Film von Quentin Tarantino. Als Odysseus endlich fertig ist, sieht es in seinem Thronsaal aus wie nach der Blood Spraying Party in Kill Bill – Volume 1 (2003). Im Hof baumeln derweil die verräterischen Zofen am Galgen. Die alten Griechen hatten eine wahrlich seltsame Auffassung von einem Happy End.
Obendrein offenbart dieses blutige Gemetzel das patriarchale Denken der Griechen. Wie ein Löwe tötet Odysseus alle Konkurrenten, um das allein für sich allein zu haben. Antinoos drohte seinerseits, nach der Thronbesteigung Telemachos zu töten, so wie Löwenmännchen fremde Junge töten, um ihre Gene durchzusetzen. Allein das zeigt schon, wie primitiv das Denken in der Antike noch war und bei einigen zuweilen bis heute noch ist. Natürlich war Odysseus‘ Frau Penelope ihm 20 Jahre lang treu, worauf mehrfach großer Wert gelegt wird. Odysseus hingegen sehnt sich zwar nach seiner Frau zurück, hat aber kein Problem damit, Kirke und Kalypso zu vögeln. Seine Männer sind gar noch schlimmer, wie sie unter Beweis stellen, indem sie vergewaltigend durch die Straßen von Ismaros marodieren.
Man sollte die Antike nicht romantisch verklären, denn trotz aller zivilisatorischen Fortschritte des alten Griechenlands, war die Menschheit noch weit davon entfernt, sich „zivilisiert“ nennen zu dürfen. Traurigerweise hat sich das in den letzten 3.000 Jahren nicht wirklich geändert. Zumindest blickt die Mehrheit heute anders auf das antike Geschlechterverhältnis, auch wenn eine laute Minderheit gerne dorthin zurück möchte.
Episch sieht anders aus
Der Zeichenstil ist (wie zuvor schon bei der Ilias) kein episches Meisterwerk, welches der Odyssee gerecht werden könnte. Der Detailgrad ist vor allem im Hintergrund sehr oberflächlich. Während Personen in Close Ups noch recht gut aussehen, verlieren sie mit zunehmender Verkleinerung schnell ihr Gesicht. Zumindest verkommen sie nicht ganz zu Strichmännchen wie die Heere in der Ilias. Städte wie Ismaros hingegen schon – da sind am Horizont nur zusammenhangslose Linien zu erkennen, die nicht einmal ansatzweise Gebäude erahnen lassen. Bei der Innenarchitektur wäre ebenfalls mehr möglich gewesen, aber es ist gerade noch okay.
Bei der Natur gibt es derweil positive wie auch negative Entwicklungen gegenüber dem Ilias-Comic. Das neue Zeichnerteam hat auf jeden Fall ein Händchen für Tiere, die weitaus besser aussehen. Vor allem Pferde und Schafe können überzeugen. Die Monster sehen hingegen zuweilen etwas grotesk aus und dürften niemanden erschrecken. Die Wälder im Hintergrund bestehen schlussendlich aus gezackten Linien.
Die Schiffe sehen meist nur von Nahem gut aus und wirken aus der Ferne oft skizzenhaft. Hinzu kommt, dass sich die Anzahl der Trieren ständig ändert. Auf der ersten Seite besteht Odysseus‘ Flotte noch aus acht Booten, in der Bucht zwei Seiten weiter landen jedoch nur noch vier Stück an. Später sind es dann mal bis zu zwölf Schiffe. Erst die Zerstörung der Flotte durch die Laistrygonen bringt Klarheit über deren Größe.
Über die Größe von Odysseus‘ Gemächt lässt der Comic die Leserschaft glücklicherweise im Unklaren, denn in den Nacktszenen ist dankbarerweise immer ein Strauch gerade richtig platziert. Bei Erwachsenen gibt es maximal etwas weibliche Oberweite zu sehen. Umso unverständlicher ist es, dass Telemachos als Kind komplett nackt zu sehen ist. Die Franzosen haben eine seltsame Auffassung davon, was man zeigen darf und was besser nicht. Ebenso unfassbar ist es, dass in der deutschen Ausgabe keine schwarzen Zensurbalken darüber gelegt worden sind. Und überhaupt ist der ganze Rückblick in die Zeit vor Odysseus‘ Abreise vor 20 Jahren zu Beginn des vierten Kapitels erzählerisch komplett überflüssig.
Die Kolorierung des Comics ist wie der Zeichenstil eher schlicht geraten. Die Farbpalette ist zwar durchaus passend gewählt, doch sorgen scharfe Abgrenzungen bis hin zu vollflächigem Auftragen für einen altbackenen Look. Farbverläufe gibt es nur im Hintergrund, zum Beispiel am Himmel. Hinzu kommen Oberflächenfilter auf Gebäuden, die sehr zweidimensional wirken und damit den Eindruck von Tiefe zerstören. Glanzeffekte gibt es keine, aber immerhin der Schattenwurf ist meist stimmig. Der Inhalt kann einmal mehr nicht mit den Covergestaltungen mithalten, die wie Gemälde aussehen.
Umfangreiches Bonusmaterial
Wie gewohnt gibt es im Anhang zahlreiche Artikel von Autor Luc Ferry, die mit passenden Gemälden und Fotos von antiken Artefakten aus allen Epochen garniert sind. Satte 32 Seiten sind es diesmal! Wobei sich der erste Artikel, in dem es um den Zankapfel der Göttin Iris geht, eigentlich auf die Ilias bezieht und nur bedingt mit der Odyssee zu tun hat. In den weiteren Artikeln werden die einzelnen Akte der Odyssee nacherzählt, in ihrer Bedeutung aufgeschlüsselt und philosophisch betrachtet.
Außerdem gibt es jede Menge kleinerer Texte zu einzelnen Figuren des Epos, in denen auch die aus ihnen abgeleiteten Begriffe und Sprichwörter erklärt werden. Angefangen beim „homerischen Gelächter“ und dem Götterboten Hermes, dessen römische Version Merkur Namensgeber für zahlreiche Zeitungen ist. Logisch, denn auch die Presse übermittelt Nachrichten. Darüber hinaus entwickelte sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts die philosophische Disziplin der „Hermeneutik“, die sich mit der Auslegung von Texten befasst,
Der Begriff „Nostalgie“ ist ebenfalls dem Altgriechischen entlehnt, setzt sich aus den Wörtern „nostos“ („zurückkehren“) sowie „algos“ („Schmerz“) zusammen und beschreibt die schmerzliche Sehnsucht nach etwas Zurückliegendem. Obwohl dieses Gefühl ein Kernelement der Odyssee ist, war den Griechen der Antike das zusammengesetzte Wort „Nostalgie“ jedoch völlig unbekannt, es tauchte erst im 19. Jahrhundert auf. Ebenso interessant ist schlussendlich, dass sich der moderne Begriff des „Mentors“ aus dem Namen des Lehrers von Telemachos ableitet, der Odysseus‘ Sohn in dessen Abwesenheit erzogen hat.
Fazit: Eine irre Irrfahrt
Die Odyssee ist ohne Zweifel ein literarischer Klassiker, der bis heute weltweit einen hohen Bekanntheitsgrad innehat. Das epische Werk wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2026 von Christopher Nolan. Zudem inspirierte es sogar die Science Fiction, die unter anderem die Zeichentrickserie Odysseus 31 (1981) hervorbrachte, welche den Mythos in ein futuristisches Setting versetzte.
Die Comicadaption arbeitet alle wichtigen Stationen der Irrfahrt ab, wenn auch zuweilen etwas verkürzt und mit wenigstens einem gewaltigen Handlungssprung, welcher die Beziehung zwischen Odysseus und Kalypso nicht nachvollziehbar erscheinen lässt. Grafisch bewegt sich alles im Mittelfeld. Der Zeichenstil ist okay, aber nicht herausragend. Von einem Klassiker der Weltliteratur hätte man definitiv mehr erwartet. Dafür ist das üppige Bonusmaterial sehr interessant. Aufgrund der Dicke ist der Band mit 45 € nichts für den kleinen Geldbeutel.
Info
Autoren: Luc Ferry & Clotilde Bruneau (nach der Erzählung von Homer)
Zeichner: Giovanni Lorusso & Giuseppe Baiguera
Farben: Scarlett Smulkowski
Cover: Fred Vignaux
Verlag: Splitter
Sonstige Informationen: Produktseite
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Warpskala
Warpskala-
Story7/10
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Zeichenstil6/10
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Kolorierung6/10

