[Kolumne] Gucky – 1962 bis 2020 – oder: Wie mancher Leser überreagiert

Lesezeit circa: 4 Minuten

Gucky. Plofre. Der Ilt. Ikone und Wiedererkennungszeichen Nummer Eins für Perry Rhodan.

Trifft man auf ehemalige Leser, ist eine der ersten Fragen: »Lebt Gucky noch?«

Der Ilt ist ergo sehr beliebt oder zumindest sehr bekannt. Ambivalenz ihm gegenüber zeichnet das Fandom aus. Seit Beginn gab es die Fans und die, die den Ilt gerne als Leiche oder zumindest auf dem literarischen Abstellgleis sehen wollten. Viele der Gegner sind eigentlich so in dem Sinne ja keine Gegner, sondern haben ihre Probleme mit der Darstellung des Mausbibers. Gerade in den frühen Serienzeiten war er ja nach Autor kindisch bis zur Nervigkeit, nur um einige Seiten weiter gnadenlos und manchmal schon sadistisch den Gegnern gegenüber zu sein.

Unbreakable

Entsprechend gab es auch immer wieder Versuche, ihn „loszuwerden“, zumindest temporär. Die auch oft schön gelungen waren und am Ende dem Char zusätzliche Tiefe verliehen haben. Und jede dieser Veränderungen haben das Fandom gespalten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde aus einer „nervigen Ratte“ eine tragische Figur, die ihre Einsamkeit und die Last der Unsterblichkeit hinter kindischen Scherzen zu verstecken wusste. So wie stark depressive Menschen oft diejenigen sind, die uns am meisten zum Lachen bringen können.

2020 scheint wohl das Jahr zu sein, in dem es Gucky tatsächlich erwischt hat. So zumindest legt es Heft 3072 Der Ilt muss sterben! nahe. Wobei das letzte Wort selbstverständlich noch lange nicht gesprochen ist. Cliffhanger, egal ob gut oder schlecht, gehören zu Perry Rhodan. Und manchmal ist selbst ein billiger Versuch, Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken, besser als wie wo kein Versuch. (Anmerkung deiner Korrektorin: Mario, was willst du uns eigentlich sagen?) Da kann auch mal ein „Scheiß die Wand an“-Moment dabei sein. (Noch mal ich: Weder Gucky noch ich werden jetzt diese Wand reinigen!) So wie in Heft 3072. Plofre eine blutige Masse, Splatterfilm-Fans werden es lieben.

Wie immer: Eine Story kann man nie komplett beurteilen, bevor sie zu Ende erzählt ist. Und sie ist es noch nicht. So viel wissen wir als Fans.

Gucky
©Pabel-Moewig Verlag KG

Wo ist nun das Problem?

Es sind die Leser. Den Ilt auf fiese Art sterben zu lassen, genau zu Walter Ernstings 100. Geburtstag, mag man geschmacklos finden. Selbst wenn er am Ende doch auf irgendeine Art überlebt haben sollte. Es ist ein Spiel mit den Gefühlen der Leser. Speziell denen der ersten Stunde. Dass diese bis auf wenige Ausnahmen nicht erfreut sein würden, wusste man im Verlag sicher vorher. Dennoch hat man den Mut gehabt, die Kontroverse auf sich zu nehmen. Leo Lukas hat mit seinem Heft ganz besonders Mut bewiesen, denn ihn trifft an erster Stelle der Hass einiger Fanatiker. Doch wie ich ihn kenne, kann er damit umgehen.

Das Problem ist tatsächlich ein recht kleiner Teil der Leser. Der wie immer so lautstark mit den Säbeln rasselt, dass man sie als relevant erachten möchte.
Damit meine ich nicht einmal diejenigen, die nach 20, 30 und mehr Jahren jetzt ihr Abo kündigen oder drohen, mit der Serie aufhören zu wollen. Diese Reaktionen sind emotional verständlich. Und oft auch härter und schneller gesagt denn tatsächlich umgesetzt. Der Durchschnittsleser, der die Serie seit Jahren verfolgt, lächelt dabei und wartet erst einmal das Ende der Story ab.

Toxisch

Nein, das Problem sind wie immer – speziell im galaktischen Forum des Verlages – die extremen Fans, die Gift und Galle spucken und sich im Tonfall komplett vergreifen. Harte Worte für weiche braune Masse sind dabei noch die absolut harmlosesten Schimpfworte. Details möchte ich gar nicht erwähnen. Und dabei zum Lachobjekt der breiten Masse avancieren. Die man als normaler Fan sogar absichtlich ein wenig triggert. Weil sie niedlich sind, wenn sie wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen herumfluchen. Weil man sie nicht ernst nehmen kann und vor allem auch nicht darf.

Die wenigen toxischen und vielen harten, aber noch gerade halbwegs fairen Reaktionen zeigen eines: Gucky ist nicht auserzählt, nicht verzichtbar, nicht austauschbar. Und genau deswegen sollte man, nein, MUSS man die kommenden zwei Hefte abwarten. Und auch wenn der Roman derzeit im Forum die Wutnote 6 geradezu magisch anzieht, muss man das Fazit erst dann ziehen, wenn die Story endet. Mit oder ohne Gucky.

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Mario Staas
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Mario Staas

Mario ist Jahrgang 1974 und seit Ewigkeiten Perry-Rhodan-Leser. Er liest die komplette Reihe gerade zum dritten Mal und lässt uns daran teilhaben.

4 thoughts on “[Kolumne] Gucky – 1962 bis 2020 – oder: Wie mancher Leser überreagiert

  • 6. Juli 2020 um 12:26
    Permalink

    Sehr schön getroffen. Ich glaube tatsächlich, die Leserschaft verhindert, dass wirklich einmal etwas Neues passiert. Das teilt PR mittlerweile mit Star Trek und Star Wars, die seit Jahrzehnten auch nur noch in der Stagnation festhängen.

  • 6. Juli 2020 um 15:11
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    Exakt, lieber Christian. Und diese Erstarrung verhindert am Ende neue Leser. Man muss nicht radikal alles über den Haufen werfen, mitnichten, aber eine kontinuierliche Erneuerung ist notwendig. Leider gab es die bei PR nur selten: Als Scheer krank wurde, als Voltz und Feldhoff starben. Wäre Scheer damals zu Beginn der 400er nicht krank geworden und würde es nach einem Teil der Leserschaft gehen, würden wir noch heute Landser im Weltall lesen (müssen)

  • 6. Juli 2020 um 15:57
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    Es ist zwar nicht die Aufgabe der Redaktion, der Expokraten oder der Autoren, sich um die Leser zu kümmern, aber sie sollten zumindest wissen, wie ihre Fans gestrickt sind. Und viele der Altleser und Superfans sind nun mal ganz nah am Aspie-Spektrum.
    Von den 4 PR Lesern, die ich noch kenne, sind 3 starke Aspies und kommen mit Veränderungen überhaupt nicht gut zurecht. Und 2 der 3 haben jahrelang mehrere Exemplare pro Woche gekauft, weil sie Angst hatten, dass ihre liebe Serie womöglich nicht genug Leser hat.

    Es ist m.E. kein Wunder, dass z.B. im Linguidenzyklus, wo ES sich nicht nachvollziehbar aufgeführt hat, ein Auflagenkollaps stattfand.

    Mist, ich habe es gerade geschafft, einen langen Abschnitt über Altleser, Fandom, Ebooks und interessante neue Figuren, zu löschen.

    Mein Punkt in dem Abschnitt war, dass ich es für nicht fair halte, Leser zu kritisieren, die „überreagieren“ (natürlich nicht Leute, die aggressiv und beleidigend werden).. Es gibt so viele Kommentare auf Facebook und im Galaktischen Forum, die emotional berührte Leser mit Sprüchen wie „Get a life!“, „Nicht alles so ernst nehmen!“, „Ist doch nur eine Ratte!“ abkanzeln wollen. Nicht okay. Es ist deren (unsere) Wirklichkeit, dass etwas Schlimmes passiert ist und das sollte man nicht ins Lächerliche ziehen.

    Egal, ich werde wohl wie zwischen 2099 und 2800 wieder nur die 50er und 100er Bände kaufen, auch wenn ich fürchte, dass es vielleicht keinen Band 3150 als gedrucktes Heft geben wird.

  • 6. Juli 2020 um 21:58
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    Elder, exakt erkannt, die Redaktion kann nicht auf jede Befindlichkeit Rücksicht nehmen.

    Überreagierende Fans kann und darf man kritisieren, diese kritisiere ich jedoch weitestgehend mit Respekt. Angriffe meinerseits findest Du gegen die aggressiven Vertreter dieser Art. Weil ich das einfach nicht gutheissen kann.
    Wenn Karl Otto sagt: „Ich bin enttäuscht, ich kündige“, dann ist das absolut ok.
    Es geht um das WIE mancher. Speziell die, die das Heft nicht gelesen haben oder seit Jahren nur Spoiler lesen. Man urteilt nicht über eine Geschichte, bis nicht die ganze Story vor einem liegt 🙂
    Richtig ist allerdings, dass Get a life auch nicht ok ist. Ein „Nicht so schlimm“ ist schon okay an sich, denn… Es starb EIN gucky, nicht aber DER Gucky, was auch im Heft für mich sehr klar rüberkommt

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