Es ist kein gutes Zeichen, wenn ausgerechnet ein Nebenplot die spannendste Handlung der gesamten Folge ist.
Wenn der Moment nicht genutzt wird
Sallinger (Jeremy Bobb) hat Erik (Benjamin Walker) in seiner Gewalt und foltert ihn, damit er gesteht, dass er „betrogen“ habe. Dabei findet er heraus, dass sein Gefangener ein Empath ist. Der in seiner direkten Nähe anfängt zu bluten. Was der Serienmörder für seine Folter weidlich ausnutzt.
Derweil versucht Jessica Jones (Krysten Ritter), herauszufinden, wo sich ihr Freund befindet. Die Polizei kann ihr da nur bedingt helfen, der sind die Hände gebunden. Solange kein eindeutiger Beweis vorhanden ist, dass Sallinger wirklich der Mörder ist, können sie nichts machen. Weshalb die Privatdetektivin gemeinsam mit ihrer Schwester die Sache selbst in die Hand nimmt. Wobei sie gleichzeitig auch versuchen will, Trish (Rachael Taylor) vom Dasein als Vigilantin abzubringen, was allerdings nach hinten los geht.
Eigentlich hätte dies der Moment sein müssen. Der Augenblick, in dem Sallinger endlich zu dem charismatischen Gegenspieler wird, den die dritte Staffel aktuell so dringend braucht. Doch dieser Moment verstreicht in A.K.A. Trauriges Gesicht ereignislos. Womit klar ist, dass die Season ein Problem hat.
Es fehlt etwas essenzielles
Wenn man auf die vorherigen beiden Staffeln zurückblickt, dann sieht man, dass diese stark von den jeweiligen Antagonisten profitierten, die noch dazu eine persönliche Verbindung zur Titelheldin hatten. Killgrave hatte sie über lange Jahre hinweg mental und körperlich missbraucht, derweil ihre Mutter ein Opfer ihrer eigenen Kräfte war. Das fehlt bei Sallinger. Es fehlt die direkte Verbindung. Und es reicht leider nicht aus, dass der Erik in seiner Gewalt hat und ihn foltert.
Das Problem ist auch, dass Jeremy Bobb sich zwar redlich bemüht, seiner Figur etwas Eigenes abzugewinnen. Aber es fehlt ihm das gewisse Etwas. Das, was dazu beiträgt, dass sein Charakter eigenständig wirkt. Aktuell wirkt er noch wie ein klischeehafter, psychopathischer Serienmörder. Und das ist schlicht und ergreifend zu wenig!
Es fehlt also an einem großartigen Antagonisten. Und das wirkt sich auch auf nahezu alle anderen Plots aus. Die überwiegend wie gehemmt wirken, so als ob es hier noch den einen Moment, die eine zündende Idee braucht, damit sie sich frei entfalten können.
Begeisterung?
Besonders merkt man dies bei Trishs langsamen und unaufhaltsamen Einstieg in die Welt der Vigilanten. Man merkt ja, wie sehr sie es genießt, mit ihrer Ziehschwester zusammenzuarbeiten. Aber so recht hat man das Gefühl, dass das Endziel fehlt. Es scheint so, als ob sie sich von ihrer Arbeit als Fernsehmoderatorin trennen will. Wozu dann auch der durch Jessica provozierte Bruch mit ihrer Mutter zählt, der allerdings nicht die gewünschte Konsequenz hat.
Das Problem hieran ist einfach, dass der Plot sich gefühlt mit der Geschwindigkeit eines Gletschers weiterentwickelt. Es gibt hier und da kleinere Akzente, die dafür sorgen, dass die Handlung sozusagen Lebenszeichen aufweist. Aber es fehlt hier das große Aha-Erlebnis, der Moment, wo sie endlich richtig Fahrt aufnimmt.
Auch Malcolms Leben kann nicht begeistern. Hier ist es vor allem die Tatsache, dass er am Ende der Folge klischeehaft seiner Freundin und Geliebten untreu wird. Das ist etwas Unnötiges und Nerviges und lässt den Charakter, der sich eigentlich von seinen Anfängen als Drogenabhängiger sehr gut weiterentwickelt hat, in seiner Entwicklung rückfällig werden lassen. Das schadet ihm mehr, als dass es ihm nützt.
Spannend und Exzellent
Wobei nicht alles schlecht ist. Die Handlung um Jeri Hogarth ist spannend und exzellent geworden. Weil sie wirklich den Fallout ihrer Taten direkt miterlebt.
Da ist zum einen der Moment, wo sie versucht sich mit Kith zu versöhnen, aber über ihren Sohn nicht hinauskommt. Und als dieser wegen seinem Vater weint, vergießt sie beim Weggehen ebenfalls Tränen. Wobei unklar ist, ob sie genau wie er über den Verstorbenen trauert. Oder dies aus Selbstmitleid geschieht.
Und dann verliert sie auch noch Klienten. Sie kann zwar dank einer kämpferischen Rede ihre Kanzlei zusammenhalten. Doch das ihre ehemalige Kanzlei ihr ausgerechnet Rand Enterprises abspenstig macht, muss besonders wehtun. Dabei ist es interessant zu hören, dass Danny Rand gerade wohl nicht da ist. Spielt die dritte Staffel vielleicht parallel zu dem Ende der zweiten Iron Fist-Season?
Es wäre schön, wenn man endlich eine Ahnung haben könnte, wo die Serie hinwill? Und ob Sallinger wirklich der Antagonist der Season sein soll? Falls ja, hat die Reihe ein Problem.
Info
Drehbuch: Jesse Harris
Showrunner: Melissa Rosenberg, Scott Reynolds
Regie: Tim Iacofano
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