Kolumne: Discovery, oder wie man das Schlechteste aus Star Trek wiederholte

Lesezeit circa: 8 Minuten

»Das ist nicht mehr mein Star Trek!« So, oder so ähnlich, liest man seit Discovery das Hauptargument der, bleiben wir freundlich, eher kritischen Star Trek-Fans.

Was ist dran an diesem Argument?

Spoilerwarnung: In diesem Text nehme ich Bezug auf Ereignisse aller bisher erschienenen Staffeln!

Back to the trashy roots

Zugegeben, dieser erste Punkt fällt unter den breiten Schatten der Geschmackssache. Aber für die Trek-Fans, die mit The next Generation oder Deep Space Nine in das Franchise sozialisiert wurden, wirkt er sich bitter aus. Dieses neue Trek sieht zwar auf den ersten Blick nicht so aus, auf vielen Ebenen orientiert es sich aber viel stärker an der Original-Serie mit Kirk und Spock.
Damals, in den wilden 60ern, war es noch nicht so wichtig, Plots populärwissenschaftlich zu erklären. Viel von dem Tech-Gebabbel ergab keinen Sinn, wenn man genauer drüber nachdachte. Die Enterprise flog mit wenig genau definierter Geschwindigkeit durch ein ebenso wenig genau definiertes Universum und gefühlt alle zwei Folgen traf sie eine Entität mit gottgleichen Kräften.

Zugegeben, die gottgleichen Enitäten hat man in Discovery bisher nur gestreift. In der dritten Staffel trafen Burnham und Parallel-Georgiu nur kurz auf den Hüter der Ewigkeit. Was allerdings einen ähnlich trashigen Beigeschmack hat, ist der große Plot mit dem berühmt-berüchtigten Spiegeluniversum. Man denke an diese Filmbösewichte, deren einziger Fehler ist, dass sie böse sind. In diesem Paralleluniversum gibt es nur solche Leute. Ausnahmslos. Folgen rund um das Spiegeluniversum hatten daher klassischerweise meist einen eher parodistischen Ansatz. Spiegeluniversum, das war immer ein erfrischender Urlaub zum sonst so sauberen und biederen Star Trek. Ein Urlaub, der augenzwinkernd daher kam.

Leider ist in Discovery jedes Augenzwinkern weg. Das Spiegeluniversum ist dort nämlich in Staffel 1 mit dem Hauptplot verwoben. Ein Universum, bis oben angefüllt mit James-Bond-Superschurken. Wie soll man das jemals ernst nehmen?

Was dieses Spiegeluniversum-Desaster jedoch noch toppt, ist die Auflösung des Mainplots aus Staffel 3, rund um den Brand. Wir erinnern uns: Im 31. Jh. ist der Großteil des Dilithiums zerstört, der Warpflug ist ein seltenes Luxusgut geworden. Und woran lag’s? Ein psychisch labiles Kind hat das verursacht. Zumindest postuliert Doktor Culber diese These am Ende der Staffel in einem Halbsatz. Ja, das gab es früher auch schon. Aber früher musste man den Plot in 45 Minuten aufklären, nicht in 14,5 Stunden. Und ja, früher gab es auch schon Episoden, in welchen Phänomene oder Entitäten unerklärt blieben. In einer The next Generation-Episode namens Die Überlebenden von Rana IV tötet eine übermächtige Entität mal eben alle Angehörigen einer ganzen Spezies – wie genau wird zu keinem Zeitpunkt erklärt. Allerdings hat diese Folge es auch nicht nötig, weil es um ein ethisches Dilemma geht. Worum geht es in Discovery doch gleich noch?

Burnham, Burnham, Burnham

Star Trek war immer etwas für Teamplayer. Ja, es gibt in jeder Serie diesen einen Charakter, der gern die Regeln bricht, aber unterm Strich ist auch dieser immer nur ein Rädchen im Crewgetriebe. Sicher, in jeder der bisherigen Serien sind bestimmte Charaktere öfter im Fokus, als andere. Und nein, grundsätzlich ist eine Erzählstruktur, die das Geschehen vor allem aus dem Blickwinkel einer bestimmten Person beschreibt, auch kein Problem.

Aber eine unbesiegbare, unfehlbare, alles beherrschende Hauptfigur, die von Staffel 1 auf 2 auch noch vollkommen umgeschrieben wird, ist ein Problem.

Burnham steckt als Wissenschaftsoffizierin alle anderen locker in die Tasche, als Kampfkünstlerin ebenfalls, und für Tilly hat sie immer einen weisen Rat zur Hand. Burnham ist die Lösung aller Probleme, der sich die Discovery stellen muss. Dabei wurde ihre größte charakterliche Schwäche, nämlich ein Mangel an Sozialkompetenz, von Staffel 1 auf Staffel 2 einfach mal gelöscht.

Es ist kein Wunder, dass sich Sonequa Martin-Green ständig ins Overacting flüchtet – ihr Charakter ist ein widersprüchlicher Moloch. Zuerst kühle Logikerin, später absurd emotional, zuerst unsicher mit ihren Mitmenschen, später die Lösung für alle emotionalen Probleme anderer, sowohl an Bord der Discovery, als auch bei Außenmissionen. Selbst bei Handlungssträngen anderer Charaktere ist Burnham oft das Zünglein an der Waage.

Man hat den Eindruck, nichts schaffen die auf diesem Schiff allein. Der viel empathischere Doktor Culber schickt Burnham wiederholt als Hobby-Counselor vor. In der nächsten Szene boxt sie Aliens weg und löst mal eben ein wissenschaftliches Problem. Man hat den Eindruck, die Autor:innen der Serie ziehen von verschiedenen Seiten an der Figur. Und das schlägt sich in Martin-Greens schauspielerischer Leistung nieder. Ihr Charakter ist wenig stringent, kaum nachvollziehbar, nicht hin- und hergerissen, sondern hin- und hergeschrieben.

Und dann ist da noch …

Hat man bei Burnham offenbar wenig Mut, eine Figur mit erkennbaren Schwächen zu zeigen, so hat man in Staffel 3 zu Beginn … tja, genauso wenig Mut. Wie früher, in Voyager, wird die Crew der Discovery von ihrer Heimat getrennt. Wie früher scheint das für die Crew kaum eine Rolle zu spielen. In Voyager bekamen wir wenigstens mal Harry Kims zerknittertes Gesicht zu sehen, wenn die Voyager mal wieder an einem Fenster zur Heimat vorbeiflog. Discovery hingegen täuscht uns in Staffel 3. Zu Beginn der zweiten Episode begleiten wir Doktor Culber, der sich Sorgen um den Gemütszustand der Crew macht. Aber eigentlich geht es dabei nur darum, einen kleinen Nebenplot anzulegen. Pilotin Keyla Detmer hat nämlich eine Bruchlandung hingelegt und ihr Vertrauen in das eigene fliegerische Können verloren. Aber gut, dass Star Trek seit jeher die perfekte Lösung für solche Probleme hat!

Die Katharsisfolge!

Früher wurden die Probleme von Charakteren manchmal in einer, manchmal in mehreren Episoden angedeutet. Irgendwann gab es dann die Katharsisfolge, in welcher die Figur ihr Problem von gleich auf jetzt überwand.

Katharsis, das ist die Läuterung der Seele, das sich Befreien von psychischen Problemen. Und Katharsis funktioniert in der Realität nie in der kurzen Zeit, die eine Trek-Episode in der Regel abbildet.

Detmer muss einfach mit einem Mini-Schiff ein schwer bewaffnetes Riesenschiff ausschalten und dabei zeigen, wie toll sie doch fliegen kann. Und zack, geheilt.

Warum all diese Punkte ein Problem sind

Discovery ist nur der Optik nach im 21. Jh. angekommen. Was Erzählstruktur und Erklärmodelle anbelangt, orientiert man sich überdeutlich am alten Star Trek – an seinen schwächsten Momenten. Culbers Halbsatz-These am Ende der dritten Staffel erinnert sehr stark an Momente aus der Kirk-Ära, in welchen oberflächliche Erklärungen abgegeben wurden, um irgendwie die Handlung voranzutreiben. Wozu braucht Gott ein Raumschiff? Warum sieht das Kraftfeld aus wie eine Riesenhand? Und was ist das für ein komisches Volk, das Krieg durch Massenselbstmord imitiert? Und genügt ein Spiegeluniversum, damit die Guten alle so fürchterlich bööööhöööööse sind?

Und widersprüchliche Charaktere? Die gab es früher auch schon, auch das Umschreiben von Figuren von Staffel zu Staffel ist nicht ganz ungewöhnlich. So passierte es zum Beispiel mit Jadzia Dax und auch Patrick Stewarts Darstellung von Picard hat sich nach den ersten Staffeln stark verändert. Mit Burnham treibt man nur auf die Spitze, was vorher schon irritierend war.

Dazu dann noch die Angst, emotionale Belastung der Crew konsequent darzustellen. Seit Deep Space Nine traut sich das Star Trek kaum mehr, Voyager war da ein negativer Höhepunkt. Ausgebildet oder nicht, völlig abgeschnitten von der Heimat zu sein ist ein traumatisches Erlebnis. Aber wird das in Discovery mal thematisiert? Nein, bestenfalls wird es angedeutet.

Nein, Star Trek: Discovery macht nicht zu viel anders. Es macht viel mehr die Sachen schlecht, die Trek auch früher schon schlecht gemacht hat – und lässt viele Stärken des Franchise außen vor.


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David Hinder

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