Die Griechen führen Krieg gegen die Stadt Troja.
Der Mythos
Die Griechen führen bereits seit zehn Jahren einen verlustreichen Krieg gegen Troja. Anlass war die Entführung von Helena, der Frau des Spartanerkönigs Menelaos, durch Paris, einen der Söhne des trojanischen Königs Priamos. Seine große Liebe wurde ihm einst von der Göttin Aphrodite versprochen, da er sie zur schönsten unter den Göttinnen erklärte. Die Entscheidung fiel ihm zu, da Zeus es ablehnte, persönlich zwischen seiner Frau Hera, seiner Tochter Athene und seiner Tante Aphrodite zu entscheiden.
Während Aphrodite und Zeus neben anderen Göttern wie Apollon auf der Seite Trojas stehen, unterstützen Athene, Hera und Poseidon die Griechen, was auch im Olymp zu allerhand Intrigen führt. Hera lässt sogar ihren Mann von Hypnos in Schlaf versetzen, um den Griechen einen Vorteil zu verschaffen. Im Prinzip tragen die Menschen die Meinungsverschiedenheiten der Götter aus. Als sich ein Friedensschluss zwischen den Trojanern und Griechen anbahnt, da Priamos bereit ist, Helena herauszugeben, sorgt Athene dafür, dass der Trojaner Pandoros einen Pfeil auf Menelaos abschießt. Der Krieg entbrannt von Neuem und weitere Helden wie Diomedes werden zum Spielball der Götter.
Der griechische Held Achill weigert sich jedoch, weiter zu kämpfen und seiner Seite zum Sieg zu verhelfen, weil ihm König Agamemnon seine Geliebte Briseis genommen hat. Dieser tauschte sie zwischenzeitlich gegen Chryseis, deren Herausgabe an einen Priester Apollons die Götter milde stimmen und so die Pest beenden sollte, die im Lager der Griechen ausgebrochen war. Seither hat Achill eine persönliche Fehde mit Agamemnon.
Er erlaubt es jedoch seinem Vetter Patroklos, mit seiner Rüstung in die Schlacht zu ziehen. Er warnt ihn jedoch, dass er lediglich die Trojaner zurückschlagen und nicht übermütig werden solle. Doch Patroklos glaubt sich auf dem Weg zum Sieg, bis ihn seine eigene Hybris zu Fall bringt und er von Priamos ältestem Sohn Hektor getötet wird. Durch den Tod seines Vetters erzürnt, schließt sich Achill den Kämpfen wieder an und tötet seinerseits Hektor. Nun ist es wiederum an dessen jüngerem Bruder Paris, Rache an Achill zu üben, wobei Apollon ihm einen vergifteten Pfeil überreicht und diesen in Achills wunden Punkt an der Ferse lenkt.
Damit entsteht eine neue Pattsituation, bis Odysseus eine List einfällt. Er überzeugt Agamemnon und Menelaos, ihre Flotte zurückzuziehen und ein hölzernes Pferd zu bauen, was den Trojanern als Trophäe hinterlassen werden soll. Der schauspielerisch begabte Sinon soll König Priamos überzeugen, das Holzpferd nach Troja zu bringen. Einige Trojaner wittern jedoch eine Falle, darunter der Priester Laokoon. Poseidon greift zugunsten der Griechen ein und lässt Laokoon samt seiner zwei Söhne von Seeschlangen fressen. Die anderen werten das als Zeichen, sodass Priamos das Pferd doch in die Stadt bringen lässt. Da es zu groß für die Tore ist, sollen seine Truppen eine Bresche in die Stadtmauer schlagen.
Ein fataler Fehler, denn im Innern des Holzpferdes haben sich die besten Kämpfer der Griechen versteckt, die in der Nacht herauskommen und die feiernde Menge niedermetzeln. Durch das Loch in Trojas Mauer dringen weitere Griechen ein, sodass die Stadt schnell eingenommen ist. König Priamos wird von Achill‘ Sohn Pyrrhus ermordet, womit sich der Kreis der Rache schließt. Wer nicht getötet wird, landet in der Sklaverei.
Rezension von Die Ilias
Die Ilias ist eine antike Erzählung, welche dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben wird, der um 850 v. Z. gelebt haben soll. Genaue Lebensdaten sind nicht über ihn bekannt, wobei sich die Wissenschaft nicht einmal einig ist, ob er überhaupt existierte. Allerdings bezweifelte man ebenso die Existenz Trojas, bis der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann (1822–1890) die Entdeckung der Ruinen 1873 bekanntgab. Auf Griechisch heißt die Stadt übrigens Ilion, benannt nach dem mutmaßlichen Gründer Ilos, woraus sich wiederum der Titel Ilias ableitet.
Da die Existenz der Stadt wissenschaftlich gesichert ist, wird davon ausgegangen, dass der Krieg um Troja ebenso eine historische Grundlage hat. Doch fällt es aufgrund mangelnder Faktenlage schwer, zu differenzieren, was an der Ilias historisch korrekt und was Ausschmückung ist. Zumindest das Wirken der Götter dürfte rein fiktiv sein. Bisher hat sich nur Wolfgang Petersen (1941–2022) mit seinem epischen Film Troja (2004) an eine halbwegs realistische Darstellung herangewagt, die ohne Götter auskommt. Der Comic hält sich dagegen an den Mythos.
Dieser umfasst eigentlich nur die letzte Phase des trojanischen Krieges, der ganze zehn Jahre angedauert haben soll. In Rückblenden wird allerdings auch auf die Ursachen des Krieges eingegangen. Im Comic sind dies zwei Passagen, die nicht chronologisch angeordnet sind. So wird in der zweiten Rückblende gezeigt, dass König Priamos bereits vor der Geburt seines Sohnes Paris prophezeit wurde, dass dieser der Stadt die Zerstörung bringen werde. Schweren Herzens hat Priamos seinen neugeborenen Sohn daraufhin in der Wildnis ausgesetzt, wo er von einem Hirten gefunden und aufgezogen wurde.
Wie Paris dann nach Troja zurück gekommen ist, wo er wieder als anerkannter Sohn von Priamos lebt und diesem mit der Entführung der schönen Helena das angekündigte Unheil bringt, lässt der Comic aus. Dadurch entsteht eine gewaltige Logiklücke, die glücklicherweise im umfangreichen Anhang geschlossen wird. Dort erklärt der Autor Luc Ferry, dass Paris unter dem Namen Alexandros am Berg Ida aufwuchs, wo er Kühe und Stiere hütete. Im Comic sind allerdings Schafe zu sehen.
Als Priamos und seine Frau Hekabe einen Diener ausschicken, um einen Stier für ein Opfer zum Gedenken an ihren verlorenen Sohn auszuwählen, entscheidet sich dieser ausgerechnet für Alexandros‘ Lieblingsstier. Dieser folgt ihm nach Troja, wo er an Wettkämpfen teilnimmt, die er alle gewinnt. Erzürnt will Deiphobos ihn daraufhin töten, nicht wissend, dass es sich um seinen Bruder Paris handelt. Lediglich seine Schwester Kassandra erkennt die Wahrheit, doch aufgrund eines Fluches, den Apollon gegen sie verhängt hat, hört niemand auf sie. Erst ein Kleidungsstück kann Paris‘ Identität beweisen, woraufhin er wieder in das königliche Haus aufgenommen wird.
Das ist schon eine ganze Ecke, die in der Handlung fehlt. Da sie nichts zum Kriegsgeschehen beiträgt, ist die Kürzung einerseits verständlich, doch andererseits klafft dort halt besagte Logiklücke. Durch diese erscheint es etwas abwegig, dass Paris mit seiner aristokratischen Abstammung Schafe hütet, als er von den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite in einen Zwist gezogen wird, der in letzter Konsequenz zum Ausbruch des trojanischen Krieges führt.
Der Zankapfel
Die Wurzel allen Übels liegt in der Hochzeit der Göttin Thetis mit dem Sterblichen Peleus, deren Hintergrund wiederum im Anhang detailliert erklärt wird. Es hat einmal mehr mit einer Prophezeiung zu tun, die Zeus und seinen Bruder Poseidon dazu zwingt, ihre Geliebte Thetis mit einem Menschen zu verheiraten. Thetis und Peleus werden wiederum zu den Eltern von Achill, dem zentralen Held des trojanischen Krieges. Doch dazu später mehr.
Auf der Hochzeit seiner Eltern ist Iris von Zeus herzlich ausgeladen worden, da die Göttin der Zwietracht eben genau diese überall sät. Allerdings lädt sich Iris selbst ein und bringt einen goldenen Apfel mit, welcher der schönsten Göttin gebührt. Daraufhin entbrennt ein Streit zwischen Hera, Athene und Aphrodite, die alle Anspruch auf den Apfel erheben. Dies zeigt sehr deutlich, wie narzisstisch und kleinlich die Göttinnen doch sind. Sie besitzen bereits Gold und andere Reichtümer im Überfluss, streiten sich aber dennoch um einen Apfel, als hinge ihr Leben davon ab. Der Olymp ist der reinste Kindergarten!
Schlussendlich bitten die drei Zeus um eine Entscheidung. Der will sich jedoch nicht in die Nesseln netzten, indem er sich zwischen seiner Frau, seiner Tochter und seiner Tante entscheidet. Er schickt Hermes aus, einen armen Menschenwicht zu finden, der die Entscheidung fällen soll. Das Los fällt Paris zu, der sofort von den drei Göttinnen manipuliert wird. Hera verspricht ihm ein Königreich, Athene den Sieg in jeder Schlacht und Aphrodite die große Liebe. Paris entscheidet sich für Letztere, doch da Helena die Frau des Spartaners Menelaos ist, löst ihre Entführung den prophezeiten Krieg aus.
Der Streit um den goldenen Apfel, welcher der Ursprung des Begriffes „Zankapfel“ ist, legt schlussendlich auch fest, welche Göttinnen später im Krieg auf welcher Seite stehen. Aphrodite schützt Paris nach besten Kräften, während Hera und Athene Troja in Trümmern sehen wollen. Ziemlich nachtragend, diese höheren Wesen.
Die Achillesferse der Griechen
Neben dem Zankapfel gibt es noch einen weiteren Grund, warum die Götter einen Krieg zwischen den Sterblichen provozieren. Bereits in der Antike war Überbevölkerung ein Thema und da die Menschen der Erdgöttin Gaia zur Last fallen, soll die Menschheit dezimiert werden. Obendrein ist das Kriegsspektakel eine Unterhaltung für die gelangweilten Götter. Die Menschen sind für sie nur Schachfiguren, was diese jedoch nicht begreifen. In ihrer Hybris glauben sie gar, sie wären von irgendeiner Bedeutung für die höheren Wesen. So versucht jeder Krieger, in der Schlacht möglichst viel Ruhm zu erlangen, um wenigstens als Legende eine Unsterblichkeit zu erlangen, welche jener der Götter zumindest nahe kommt.
Die Ilias hat viele solcher „unterblichen“ Helden, darunter die griechischen Könige Menelaos und Agamemnon, Generäle wie Ajax und auf der Gegenseite Königssöhne wie Paris und Hektor. Im Zentrum der Handlung steht allerdings Achill (griech. Achilleus, röm. Achilles), der mit seinem Myrmidonen entscheidend für den Schlachtverlauf ist. Da kommt es nicht gerade gelegen, dass Agamemnon die Gunst von Achill verspielt hat, indem er dessen Kriegsbeute Briseis einkassiert hat.
Ja, zumindest die menschlichen Frauen kommen in dieser Erzählung nur als Gegenstände vor, über welche die Männer verfügen. Schon Helena gleicht mehr einer Trophäe, über die verhandelt wird. Die freie Entscheidung, mit welchem Mann sie leben möchte, wird ihr nicht zugestanden. Ebenso wie Briseis ist sie nur Staffage. Beide haben nichts zu sagen und ihre Bedeutung für die Handlung reicht nicht über Besitzansprüche der Männer hinaus.
Zumindest hat Achill echte Gefühle für Briseis, was seinen Unmut erklärt. Auf der anderen Seite stellt er dann wieder sein Ego über seine Liebe. Als der Krieg für die Griechen immer schlechter verläuft, bietet Agamemnon ihm nicht nur einen höheren Anteil an den Schätzen Trojas an, sondern auch die Freigabe von Briseis. Doch der Held lehnt aufgrund seines gekränkten Egos ab.
Erst als sein Vetter Patroklos seiner Selbstüberschätzung zum Opfer fällt, treibt die Rache Achill zurück aufs Schlachtfeld, wo er den Mörder seines Schützlings im Kampf tötet. Ein weiteres Beispiel dafür, dass das Leben der Männer höher eingeschätzt wird als das der Frauen. Sogar ihre Leichen sind noch mehr wert, denn Priamos wagt sich persönlich ins Lager der Griechen, um von Achill die Herausgabe von Hektors Leichnam zu erbitten. Zumindest den Anstand besitzt er und legt gleich noch einen zwölftägigen Waffenstillstand für die Trauerrituale oben drauf.
Wie bereits der erste Waffenstillstand ist auch dieser nicht von Dauer, wobei mitunter die Götter dafür sorgen. Und ja, tatsächlich auch die Göttinnen, denn immerhin im Olymp lassen sich die Frauen nicht komplett unterbuttern. Im Gegenteil manipuliert Hera sogar ihren eigenen Mann, um ihren Willen durchzusetzen. Dafür holt sie sich die Hilfe von Hypnos, welcher nicht von ungefähr den Wortstamm von „Hypnose“ bildet. Zuvor verführt Hera Zeus noch zum Beischlaf mitten neben dem Schlachtfeld. Die Szene ist zwar gerade noch jugendfrei, dennoch hofft man, dass die Menschen sie dabei nicht sehen können. Immerhin haben die Götter die Fähigkeit, die Wahrnehmung der Menschen zu manipulieren, sodass sie sich entweder offen zeigen oder nur selektiv von Einzelnen wahrgenommen werden können.
Achill kann Apollon wohl nicht wahrnehmen, als dieser den von Paris abgeschossenen Pfeils in dessen Ferse lenkt. Achill stirbt an der Verletzung, da sie seine einzige verwundbare Stelle ist. Wie im Anhang erklärt wird, gibt es dafür zwei unterschiedliche Erklärungen. Der ersten Version zufolge wurde Achill als Kind von seiner Mutter im Fluss Styx gebadet, was ihm übermenschliche Kräfte verliehen hat. Da sie ihn dabei am Fuß gepackt hat, blieb die Ferse vom Wasser unberührt. Daran angelehnt ist wohl auch die Unverwundbarkeit Siegfrieds in der Nibelungen-Sage, der sich mit dem Blut eines Drachen beschmierte und dadurch Unverwundbarkeit erlangte. Nur konnte er eine Stelle zwischen seinen Schultern nicht erreichen, die vom Zauber unberührt und daher verwundbar blieb.
Eine weniger geläufige Version der Geschichte erzählt, dass Thetis mehrere Söhne durch Feuer unsterblich machen wollte, womit sie diese jedoch umbrachte. Peleus rettete Achill aus den Flammen. Seine Ferse war allerdings bereits verbrannt, sodass ein Fußknochen ausgetauscht werden musste. Da dieser vom Skelett des Giganten Damysos stammte, wurde er zur Schwachstelle des Halbgottes.
Welche Variante man auch als Grundlage nimmt, in der Schlacht um Troja wird dem Helden die Ferse zum Verhängnis, woraus sich der Begriff „Achillesferse“ ableitet, der bis heute Synonym für eine Schwachstelle ist. Der Film Troja (2004) fügte noch eine dritte, realistischere Interpretation hinzu, der zufolge Achilles mehrere Pfeile kassierte. Diese konnte er sich alle wieder herausziehen, mit Ausnahme des Letzten, der in seiner Ferse steckte. Historisch belegt ist dies natürlich nicht und obendrein stirbt Achilles im Film während der Eroberung innerhalb Trojas, wohingegen er in der Ilias vor den Mauern der Stadt stirbt und ihre Eroberung nicht mehr miterlebt.
Das trojanische Pferd
Da der zentrale Held noch vor dem letzten Akt das Zeitliche segnet, obliegt die finale Auflösung des Konfliktes einem anderen. Die Rede ist von Odysseus und tatsächlich gehört der letzte Akt des Comics eigentlich gar nicht zur Ilias, sondern wird nur rückblickend in der Odyssee erwähnt. Allerdings wäre es seltsam gewesen, die Geschichte mit dem Tod Hektors enden zu lassen, was sich bereits Wolfgang Petersen bei seiner Verfilmung dachte. So enden beiden Adaptionen mit der Zerstörung Trojas.
Odysseus, der bis dahin nur als Nebenfigur in Erscheinung trat, schmiedet einen Plan, wie die Griechen in die Stadt gelangen können. Menelaos und Agamemnon sollen einen Rückzug vortäuschen und den Trojanern ein Geschenk überlassen – ein hölzernes Pferd, in dessen Innerem sich einige der größten Krieger verstecken. Tatsächlich wittern die Trojaner die Falle, weshalb Odysseus zusätzlich den Schauspieler Sinon schickt, der den Feinden Griechenlands die Geschichte vom Rückzug verkaufen soll.
Als der Priester Laokoon immer noch zweifelt und empfiehlt, den hölzernen Gaul einfach zu verbrennen, greifen ein letztes Mal die Götter ein. Wobei es schon ziemlich drastisch ist, dass nicht nur Laokoon von Poseidons Seeschlangen gesnackt wird, sondern auch dessen Kinder. Die Ilias macht vor wirklich nichts halt.
Letztendlich bringen die Trojaner das Pferd in ihre Stadt und da es zu groß für das Tor ist, schlagen sie den Griechen auch gleich noch eine Bresche in ihre Schutzmauer. Das war Wolfgang Petersen offensichtlich zu dumm, sodass in seiner Interpretation das Pferd doch durchs Tor passt, welches dann von den darin versteckten Soldaten von innen geöffnet wird. So oder so zahlen die Trojaner einen hohen Preis für ihren Fehler. Die Stadt wird niedergebrannt, ein Großteil der Bevölkerung, einschließlich der Kinder, getötet, die Frauen vergewaltigt und die wenigen Überlebenden versklavt.
Der Einzige, der hier noch etwas Empathie zeigt, ist Odysseus, der in Homers zweitem Werk noch ausreichend Gelegenheit haben wird, seine Schuld an dem Massaker zu bereuen. Aus Sicht der antiken Griechen mag die Ilias ein Heldenepos sein, der für sie mit einem Happy End ausgeht. Doch eigentlich mag man ihnen den Sieg nicht gönnen, angesichts der von ihnen verübten Grausamkeiten. Und überhaupt ist der ganze Krieg nur deshalb entbrannt, weil ein Spartaner es nicht ertragen konnte, dass seine Frau ihn für einen anderen verlassen hat. Immerhin hat Menelaos der Sage nach Helena vergeben und sie wieder in sein Bett gelassen. Doch häusliche Gewalt war damals üblich.
Das Schicksal der Trojaner ist derweil bis heute gegenwärtig. Wobei der eigentliche Mythos um das trojanische Pferd erst später vom römischen Dichter Vergil (70–19 v. Z.) sowie dem griechischen Dichter Quintus von Smyrna (3. Jahrhundert) zu seiner bekannten Form ausgeschmückt wurde. Welch hohen Stellenwert der Mythos nach wie vor hat, zeigt die Benennen von Schadsoftware, die in Computer eindringt, in Anlehnung an das trojanische Pferd. Wobei die Bezeichnung „Trojaner“ eigentlich falsch ist, denn die waren ja die Opfer. Das Pferd haben die Griechen gebaut, aber da Griechenland im Gegensatz zu Troja bis heute existiert, würde die Bezeichnung „Grieche“ für Schadsoftware wohl im Süden Europas als Beleidigung empfunden werden. Korrekt müssten aber eigentlich Firewalls trojanisch sein.
Im Anhang des Comics werden noch mehr Begriffe und Redewendungen erklärt, deren Ursprung die Ilias ist. Darunter ebenfalls mit Bezug auf das trojanische Pferd: „Ich fürchte die Danaer (Griechen), auch wenn sie Geschenke machen.“ Diese Redewendung fand leicht abgewandelt sogar Einzug in Star Trek. In Der Zorn des Khan (1982) meint Dr. McCoy beim Überreichen einer Flasche romulanischen Ales zu Admiral Kirk: „Hüte dich vor den Romulanern, wenn sie Geschenke überreichen.“
Auf die griechische Götterwelt wird in den Artikeln ebenfalls eingegangen, die nach heutigen Maßstäben ziemlich versaut war. So ist Hephaistos, Sohn des Zeus, mit dessen Tante Aphrodite verheiratet – also mit seiner Großtante. Göttlicher Inzest. Zeus und Poseidon können derweil nur durch eine Prophezeiung von Prometheus davon abgehalten werden, sich Thetis anzunähern. Fremdgegangen ist der Ehebrecher Zeus dennoch mit Dutzenden anderen.
Strichmännchen in erdigen Farben
Die grafische Umsetzung der Ilias ist leider kein großer Wurf und wird der Bedeutung dieses Epos kaum gerecht. Der Zeichenstil ist sehr grob, die Linienführung ungenau. Das fällt vor allem bei Strukturen wie Gebäuden und Treppen unangenehm auf, die nicht mit dem Lineal gezogen, sondern mit zittriger Hand ausgeführt worden sind. Ihnen fehlt daher die Geradlinigkeit, was einfach nur grauenvoll aussieht. Ganz zu schweigen von dem mehr als oberflächlichen Detailgrad. Bei dem wird immer wieder gespart. So ist der neue Schild, den Achill von den Göttern erhält, zunächst mit dem Kopf der Medusa verziert, kurz darauf aber schon wieder blank poliert.
Paris‘ Schafe können ebenfalls nicht überzeugen und auch die Darstellung der Pferde ist eher schemenhaft. Die menschlichen Charaktere sehen zumindest in Close-Ups einigermaßen gut aus. Je kleiner sie dargestellt sind, desto unförmiger werden sie jedoch. Zuerst verschwinden die Nasen und Münder, während die Augen bestenfalls noch als cartooneske Knöpfe vorhanden sind. Bei großen Menschenansammlungen verkommen die Armeen der Griechen und Trojaner schlussendlich zu Strichmännchen, die nicht mehr ernst genommen werden können. Episch sieht anders aus!
Hinzu kommen massive Darstellungen von brutaler Gewalt. Es gibt reihenweise Enthauptungen und durchbohrte Hälse, eingeschlagene Schädel und als Krönung noch Gedärme. Bei der Eroberung Trojas wird zudem eine Vergewaltigung gezeigt. Das ist nichts für sensible Nerven, auch wenn es dank des mäßigen Zeichenstils zum Glück nicht sonderlich realistisch aussieht.
Bei den Göttern sieht es ähnlich wie bei den Menschen aus. Die Nahansichten sind okay. Einige Details sind dabei recht bizarr. So besitzen Hermes und Hypnos Flügel am Kopf, wozu auch immer die gedacht sind. Zum Fliegen eignen sie sich jedenfalls nichts. Und während die Kopfflügel von Hermes wenigstens über den Ohren sitzen, ersetzen jene von Hypnos die Lauscher. Wie er damit hören kann – man weiß es nicht.
Die Farbpalette ist ebenfalls alles andere als natürlich und es dominieren erdige Töne. Statt sanften Verläufen gibt es deutliche Abstufungen und nur bei Gold hat man sich zumindest halbwegs um einen Anschein von Glanz bemüht. Leuchteffekte beschränken sich derweil auf göttliches Schimmern und Zeus Donnerkeil. Andere Comics der Reihe Antike Mythen sehen mit Abstand besser aus. Immerhin die Covergestaltungen von Fred Vignaux, die einigen Gemälden aus dem Anhang gleichen, können sich sehen lassen.
Fazit: Toxische Männlichkeit
Aus heutiger Sicht ist die Ilias ein brachiales Machwerk voll von toxischer Männlichkeit. Natürlich muss man zu Homers Ehrenrettung beachten, dass die Erzählung in einer patriarchalen Ära entstand, in der noch gänzlich andere Wertevorstellungen vorherrschten als heute. Wenn man sich schon auf diese Schlachtplatte einlässt, sollte wenigstens der Zeichenstil eines griechischen Epos würdig sein – ist er aber nicht!
Was den Kauf dieses 170 Seiten dicken Wälzers schlussendlich doch rechtfertigt, ist der 24-seitige Anhang voller Informationen rund um die Ilias mit jeder Menge Hintergrundinformationen und philosophischen Analysen über die Überwindung der Sterblichkeit durch unsterblichen Ruhm oder die Aussicht auf die Versöhnung mit dem Kosmos. Garniert sind die Artikel von Luc Ferry mit allerhand historischen Gemälden, welche Szenen aus der Ilias zeigen.
Info
Autoren: Luc Ferry & Clotilde Bruneau (nach der Erzählung von Homer)
Zeichner: Pierre Taranzano
Farben: Stambecco
Cover: Fred Vignaux
Verlag: Splitter
Sonstige Informationen: Produktseite
Lust, in unserem Team mitzumischen? Dann schaut doch mal auf unsere MITMACHEN Seite.
Warpskala
Warpskala-
Story6/10
-
Zeichenstil4/10
-
Kolorierung5/10
- Mythen der Antike – Die Ilias (Luc Ferry, Clotilde Bruneau) - 16. Juli 2026
- Real Steel (2011) - 14. Juli 2026
- Vesper Chronicles (2022) - 7. Juli 2026

