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Mit Captain America: The First Avenger wurde der patriotischste Superheld überhaupt fürs Kino adaptiert.

Eine Figur, so ikonisch wie Amerika selbst

Es gibt nur wenige Superhelden, die so untrennbar für Amerika und seine Ideale stehen wie Captain America. Die Figur ist ikonisch, nicht zuletzt dank dem unvergesslichen Cover seines Erstauftritts aus dem Jahr 1940, auf dem man sieht, wie der Charakter einem gewissen deutschen Diktator einen Kinnhaken verpasst, der sich gewaschen hat. Und das zu einer Zeit, die deutlich vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg liegt.

Doch auch wenn der Charakter berühmt ist, seine Popularität stand lange Zeit hinter Marvel-Figuren wie Spider-Man oder dem Hulk zurück. Zwar hatte er ebenfalls durchaus seine Filmabenteuer. Diese hielten sich jedoch nicht sonderlich nah an die Vorlage und waren teilweise, wie die Fernsehfilmadaptionen von 1979, nicht so berauschend wie später Captain America: The First Avenger.

Doch mit dem Erfolg der modernen Superhelden-Verfilmungen sollte auch die Stunde für Captain America schlagen. Bereits im April 1997 verhandelte Marvel mit den Produzenten Mark Gordon und Gary Levinssohn bezüglich einer Produktion. Und im Mai 2000 tat man sich mit Artisan Entertainment zusammen, um das Unternehmen zu finanzieren.

Die Suche nach einem Regisseur

Doch das Vorhaben wurde auf Eis gelegt, als Joe Simon Marvel wegen des Copyrights an Captain America verklagte. Der legendäre Comicautor war gemeinsam mit Jack Kirby derjenige, der die Figur 1940 überhaupt erst erschuf und den Erstauftritt produzierte. Der Disput zwischen dem Verlag und dem Erfinder wurde schließlich im September 2003 beigelegt und das Vorhaben, den Superhelden fürs Kino in Form von Captain America: The First Avenger zu adaptieren, nahm wieder Fahrt auf.

Ursprünglich stand auf dem Plan, die Produktionsrechte an Warner Bros. zu lizensieren. Doch dann schlug Produzent David Meisel stattdessen vor, dass das Unternehmen selbst die Produktion machen sollte. Die Idee traf auf fruchtbaren Boden, und dank eines 525-Millionen-Dollar-Investments der Bank Merrill Lynch konnte Marvel die nächsten zehn Filme unabhängig produzieren. Gleichzeitig schloss man mit Paramount Pictures einen Vertrag ab, die diese Produktionen in die Kinos vertreiben würde.

Geplant war ursprünglich ein Stand-Alone-Filmabenteuer, bei dem Produzent Kevin Feige meinte, dass die erste Hälfte während des Zweiten Weltkriegs spielen würde, und die zweite in der Moderne. Diese Pläne änderten sich selbstverständlich. Doch zunächst wurde 2006 noch gehofft, dass Captain America: The First Avenger 2008 in die Kinos kommen würde, womit die Suche nach einem Regisseur losging. Produzent Avi Arad trat an Jon Favreau heran, ob dieser den Film als Komödie drehen würde. Doch der entschied sich stattdessen für Iron Man. In der Zwischenzeit wurde im April 2006 David Self als Drehbuchautor angeheuert, derweil Regisseur Joe Johnston sich mit Marvel für erste Gespräche traf, um sich ggf. auf den Regiestuhl zu setzen.

Eine Flamme wird zum Supersoldaten

Die Produktion musste schließlich pausiert werden, als vom 5. November 2007 bis 12. Februar 2008 die Writers Guild of America streikte. Marvel konnte allerdings im Januar 2008 eine Ausnahmegenehmigung mit der Gewerkschaft erreichen, wodurch die Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten. Und am 5. Mai verkündete Marvel, dass Captain America: The First Avenger, wie der Film von nun an hieß, am 6. Mai 2011 in die Kinos käme. Der Termin sollte sich allerdings noch etwas verzögern, genauer gesagt auf den 22. Juli.

Auch ein Regisseur wurde gefunden. Joe Johnston schloss erfolgreich die Gespräche ab und erhielt den Posten. Er ist ein erfahrener Filmemacher, vor allem was Special Effectslastige Filme anging, da er unter anderem schon bei The Rocketeer und Jurassic Park III Regie geführt hatte. Des Weiteren hatte er in seinen jungen Jahren für die Special Effects bei Lucasfilm gearbeitet, was er in seiner späteren Karriere nutzte. Er selbst heuerte außerdem noch Christopher Markus und Stephen McFeely für die Überarbeitung des Drehbuchs von Captain America: The First Avenger an.

Für die Titelrolle wurde Chris Evans gecastet. Der Darsteller hatte bereits Erfahrungen mit Superheldenverfilmungen, da er in den Fantastic Four-Adaptionen aus den Jahren 2005 und 2007 Johnny Storm darstellte und dabei einer der wenigen Lichtblicke war. Auf der Gegenseite wurde als Johann Schmidt aka Red Skull Hugo Weaving gecastet. Der Schauspieler ist unter anderem aus Herr der Ringe, wo er Elrond war, sowie V for Vendetta, wo er die Titelfigur zum Leben erweckte, bekannt. Als weibliche Hauptdarstellerin wurde die Britin Hayley Atwell als Agentin Peggy Carter angeheuert. Sie selbst ist unter anderem für Die Säulen der Erde berühmt.

Die Vergangenheit wird wieder entdeckt

Zu den weiteren wichtigen Darstellern von Captain America: The First Avenger zählten Sebastian Stan als James Buchanan „Bucky“ Barnes, Dominic Cooper als Howard Stark, Toby Jones als der Biochemiker Arnim Zola, Neal McDonough als Timothy „Dum Dum“ Dugan, Derek Luke als Gabe Jones und Stanley Tucci als Abraham Erskine. Hollywoodlegende Tommy Lee Jones rundete den Cast als Colonel Chester Phillips ab, der dem amerikanischen Superheldenprogramm vorsteht.

Wissenschaftler finden in der Arktis die Überreste eines alten, abgestürzten Flugzeugs. In seinem Inneren entdecken sie einen eingefrorenen Mann, der einen runden Schild bei sich trägt. Einen, der in den Farben Amerikas angemalt ist.

1942 entdeckt der Nazi Lieutenant General Johann Schmidt ein Artefakt, dass er den Tesserakt nennt. Mit seiner Hilfe und der des Wissenschaftlers Arnim Zolas löst er seine eigene Organisation, genannt Hydra, aus den Nazis und überzieht die Welt mit Angst und Schrecken.

Charakterisierungen nahe an der Vorlage

Parallel dazu versucht der idealistische, aber sehr schmächtige Steve Rogers irgendwie der US-Armee beizutreten. Doch er scheitert jedes Mal, bis der Wissenschaftler Abraham Erskine auf ihn aufmerksam wird und ihn als Subjekt seines Experiments auswählt, einen Supersoldaten zu erschaffen, der Amerika im Kampf gegen Hydra unterstützen soll. Das Experiment gelingt, doch bezahlt Erskine den Erfolg mit seinem Leben. Und Amerika hat einen Supersoldaten, mit dem es erstmal nichts anzufangen weiß. Was eine denkbar schlechte Situation ist, da die amerikanischen Soldaten beim Kampf gegen die Organisation immer mehr ins Hintertreffen geraten.

Es ist unklar, was Marvel dazu bewogen hat, bei Captain America: The First Avenger die Nazis gegen Hydra auszutauschen. Vermutlich, weil das Studio international Erfolg haben wollte, und es durchaus Länder gibt, in denen alles, was mit den Nationalsozialisten zu tun hat, kritisch beäugt wird. Doch was auch immer die Gründe waren, die Auswechslung der einen rechtsradikalen Organisation gegen die andere tut der Qualität des Films keinen Abbruch.

Dabei hält sich dieser, was die Charakterisierungen angeht, sehr nahe an die Vorlage. Der Hauptheld und der Hauptschurke haben erdenklich einfache Motivationen. Captain America will gegen das Böse kämpfen und andere beschützen, egal zu welchem Preis. Der Red Skull will hingegen die Welt beherrschen, mit allen möglichen Mitteln.

Ein Spiel der Gegensätze

Es ist dabei auch in Captain America: The First Avenger ein Spiel der Gegensätze: Hier der von sich selbst als auserwählt überzeugte Red Skull, der bereits für seinen Hochmut einen horrenden Preis gezahlt hat, ohne daraus zu lernen. Dort der eigentliche Auserwählte, der für seine Aufopferung belohnt wird. Böse gegen Gut, sowohl von der Charakterisierung als auch vom Aussehen her einfach zu unterscheiden.

Und diese simple Darstellung funktioniert. Es ist egal, ob die Geschichte der jeweiligen Figuren allerhöchstens nur angedeutet wird. Es ist egal, dass die Figurenzeichnungen vorlagenbedingt simpel sind. Die Schauspieler machen es mehr als nur wett.

Und so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Chris Evans Captain America ist! Er schauspielt ihn nicht nur, er lebt ihn in Captain America: The First Avenger förmlich auf der Leinwand aus. Es ist diese interessante Kombination aus Naivität, vor allem was den Umgang mit Frauen angeht, und dem Bedürfnis das Richtige zu tun, was die Figur auszeichnet. Er hat eine Art inneren moralischen Kompass, der ihn über kurz oder lang dazu bringt, genau das Richtige zu machen. Der nie zurücksteckt, egal, wie viel Schläge er einkassiert. Was sowohl wörtlich als auch sprichwörtlich zu verstehen ist.

Eine ebenbürtige Darstellung

Denn bereits bevor er Supersoldat wurde, zeichnete sein Steve Rogers die Gabe aus, niemals aufzugeben. Egal wie oft er zusammengeschlagen wird, egal wie sehr er im Hintertreffen ist. Man kann also deshalb auch verstehen, wieso Abraham Erskine ihn als Supersoldaten auserkoren hat. Eben weil er niemals aufgibt und von dem Wunsch beseelt ist, für andere zu kämpfen.

Als Kontrast hat man in Captain America: The First Avenger den Red Skull, der von Hugo Weaving wirklich sehr gut dargestellt wird. Man hat es mit einem Egomanen zu tun. Der andere dazu antreibt, für seine Vision zu arbeiten. Allerdings nicht nur durch seinen Bereitschaft, sich selbst zu opfern, sondern wegen dem Terror, den er anrichtet. Ein Narziss, sozusagen, der sein verunstaltetes Gesicht schön findet, auch wenn er es zu Beginn des Films noch unter einer Maske versteckt.

Dieser Red Skull ist von der Darstellung her Captain America ebenbürtig. Er ist sein dunkles Spiegelbild, das, was Steve Rogers hätte werden können, wenn er genauso egozentrisch veranlagt wäre wie dieser Hydra-Anführer, was der Held natürlich nicht ist.

Eine passende Chemie

Captain America: The First Avenger wäre schon allein durch das Duell zwischen diesen beiden Antipoden gut gefüllt gewesen. Doch wäre das auf Dauer langweilig geworden. Stattdessen wurde der Kinofilm mit vielen interessanten Nebenfiguren bereichert.

Vor allem Peggy Carter als potentielles Love Interest für Steve Rogers wird von Hayle Atwell wunderbar zum Leben erweckt. Dabei wird sie selbstbewusst dargestellt. In einer Zeit, in der die Rolle der Frau häufig eher am Herd oder an der Schreibmaschine gesehen wurde, sticht sie hervor. Sie ist intelligent, schön und weiß, was sie will. Wobei sie allerdings auch, und das verheimlicht der Film nicht, um ihre besondere Position stets kämpfen muss.

Die Chemie zwischen den beiden Figuren in Captain America: The First Avenger passt auf Anhieb. Was daran liegt, dass sie nicht den Supersoldaten liebt, sondern den Menschen Steve Rogers. So findet sie die passenden Worte, um ihn zu trösten, als er bei einer Mission seinen besten Freund Bucky Barnes verloren hat. Das macht sie umso mehr zu einer wichtigen Figur. Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass die Figur später eine eigene Serie erhielt und die Darstellerin noch immer mit Marvel verbunden ist.

Tommy Lee Jones überzeugt

Doch auch der Rest des Casts macht einen großartigen Job. Sebastian Stan als Bucky Barnes gibt einen glaubwürdigen besten Freund des Superheldens ab, dessen Tod bei einem Einsatz eine spürbare Lücke hinterlässt. Stanley Tuccis Abraham Erskine ist ein Mensch, der an die gleichen Ideale wie Steve Rogers glaubt und ihm in der kurzen gemeinsamen Zeit ein väterlicher Freund ist. Dominic Coopers Howard Stark ist, wenn auch nicht so stark wie sein späterer Sohn, ein ebenso genialer Erfinder wie ein kleiner Schürzenheld. Und das „Howling Commando“, das im Film nicht so genannt wird, erhält genügend Screentime, um zu verhindern, dass die jeweiligen Mitglieder der Mannschaft austauschbar wirken.

Zwei Nebenschauspieler von Captain America: The First Avenger müssen gesondert erwähnt werden. Toby Jones Arnim Zola wird als ein Wissenschaftler dargestellt, der sich nur deswegen Hydra anschließt, weil er dort seine Experimente machen und Apparate bauen kann. Er ist skrupellos, denkt zuerst an sich selbst und seine Arbeit und erst dann an die Ideologie Hydras oder das Schicksal anderer. Sehr schön ist übrigens das Easteregg zu Beginn seiner ersten Szene, wo auf sein Comicaussehen angespielt wird, dass aus einem massiven Körper mit einem Bildschirm in seinem Bauch besteht, auf dem sein Gesicht zu sehen ist.

Und Tommy Lee Jones als Colonel Chester Phillips stiehlt gefühlt allen die Show. Es ist gefühlt seine Paraderolle, die eines bärbeißigen Veteranen, der sich auf keinen Bullshit einlässt und starke Präferenzen hat, was seine Soldaten angeht. Der allerdings auch gleichzeitig einsieht, wo er falsch liegt und dann hilft, das Richtige zu tun. In den Szenen, in denen er auftritt, spielt er gefühlt alle anderen Charaktere an die Wand.

Schwache Special Effects

Captain America: The First Avenger hat die richtige Mischung aus ruhigen und actionreichen Momenten. Er lässt sich Zeit, etwa um den schwachen, aber bereits schon sehr willensstarken Steve Rogers zu präsentieren, der unbedingt zur Armee möchte. Ebenso, wie auch gezeigt wird, wie die US-Armee ihn nach dem Tod von Abraham Erskine zunächst nur als bessere PR-Figur einsetzt. Nur um dann Fahrt aufzunehmen und ihn als Captain America quasi von der Leine lässt. Zwar hakt es ab und an bei einigen Übergängen, doch kann man das insgesamt verschmerzen.

Allerdings prägen den Film bei den Special Effects Licht und Schatten. All die Szenen, die den schmächtigen Steve Rogers zeigen, sind visuell beeindruckend. Auch das wahre Aussehen des Red Skulls ist fantastisch umgesetzt. In diesen persönlichen Momenten hinterlässt der Film einen prägenden Eindruck. Doch bei den großen Szenen, vor allem am Ende schwächeln die Special Effects. Das Megaflugzeug, mit dem Red Skull flieht, wirkt künstlich und es gibt so manchen Moment, in dem man unter anderem merkt, dass die Armee an Hydra-Soldaten im Prinzip alles Copy-Paste ist.

Dennoch macht Captain America: The First Avenger Spaß. Vor allem auch wegen der Post-Credit-Szene, die auf den Avengers-Film hinarbeitet, was dann Höhepunkt und Abschluss der ersten MCU-Phase sein sollte.

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