Der Erwartungshaltung, die auf Grund der Ausgangslage entsteht, wird im Laufe der Geschichte nicht entsprochen.

Keine bloße Kopie
Vor 100 Jahren tauchten die gigantischen Tetsa auf. Riesige Monster, die sich mit herkömmlichen Mitteln kaum aufhalten lassen. Deshalb hat sich die Menschheit hinter gigantische Mauern zurückgezogen und die Iron Kings gebaut: Riesige Kampfmaschinen, die gegen diese Wesen in die Schlacht zogen.
In der Gegenwart ist Anita Marr eine der besten Piloten dieser Mechs. Sie wurde auserwählt, um die neuste Maschine zu steuern, Dawnrunner. Doch als sie das erste Mal diesen steuert, geschieht etwas Außergewöhnliches. Auf ein Mal befindet sich ihr Geist in der Vergangenheit, wo sie auf einen Mann namens Ichiro Takeda trifft, der versucht, seine Familie zu retten und der sie hören kann. Wer ist er und was hat es mit ihm auf sich?
Zugegeben, der ganze erste Absatz liest sich so, als ob Dawnrunner eine bloße Kopie der Pacific Rim-Filme ist: Gigantische Monster, die Menschheit verbarrikadiert sich und ebenfalls gigantische Maschinen verteidigen sie. Und doch ist dieser Comic vieles, aber kein Abklatsch. Vielmehr hat man es hier mit einem Comicalbum zu tun, dass den Erwartungen nicht entspricht. Und das im positiven Sinne.
Nicht den Erwartungen entsprechend
Erdacht und geschrieben wurde das Album von dem US-Amerikanischen Autor Ram V, der unter anderem schon Detective Comics oder Justice League Dark geschrieben hat. Illustriert wurde die Story, die ursprünglich als sechsteilige Miniserie bei Dark Horse Comics herauskam, von David Cagle, der unter anderem auch New Gods gezeichnet hat. Die Kolorierung übernahmen Dave Stewart und Francesco Segala.
Die Story, die Ram V hier geschrieben hat, entspricht in vielerlei Hinsicht nicht den Erwartungen, die man zuvor hat. Nicht nur, wegen der Ausgangssituation. Sondern auch wegen einigen Elementen, die zu Beginn eingeführt werden. So hat man einen ehrgeizigen Piloten, der unbedingt besser werden möchte als Anita Marr. Wo man als jemand, der schon vieles gesehen und gelesen hat, der Auffassung ist, dass er sie dann früher oder später hintergehen wird, um so sein Ziel zu erreichen.
Doch wird es sehr schnell klar, dass die Story des Albums nicht ausgetretene Pfade nutzen wird. Es geht hier nicht um Monster-Keile oder großartige Intrigen. Stattdessen dominiert das Persönliche die Geschichte.
(K)ein Antagonist
Denn Anita Marr ist nicht irgendeine Pilotin. Man erfährt schon bald, dass sie eine Mutter ist, deren einziges Kind, eine Tochter, unter einen unheilsamen Virus leidet und deshalb wieder im Kryoschlaf liegt. Was dann natürlich für die Protagonistin eine zusätzliche Motivation ist.
Und auch die Monsterkeile ist hier anders als erwartet. Im Prinzip werden hier wiederholt einzelne Monster hinter die Mauer gelockt, wo sie dann von den Mechs in wahren Gladiatorenkämpfen niedergerungen werden. Der Kampf ums Überleben ist ein Kampf um die Quote geworden. Und alles, was dieses Bild stört, ist nicht willkommen und wird unter den Teppich gekehrt.
Maßgeblich hierfür verantwortlich und antreibend ist hierbei Anitas Arbeitgeber, Andro Lestern, der Eigentümer von Cordonware. Er ist eigentliche eine Art Antagonist und dann doch wieder nicht. Weil er zwar als jemand dargestellt wird, der nur an dem finanziellen Erfolg interessiert ist. Aber gleichzeitig nicht die Dinge macht, die man im Prinzip von einer solchen Figur erwarten würde.
Perfekt
Dawnrunner ist ein schon fast introspektiver Comic, wo es mehr um die Charaktere geht, vor allem um Anita und um Ichiro Takeda. Beide begegnen sich, sobald Anita Dawnrunner steuert. Wobei er vor langer Zeit gelebt hat und sie ihn quasi bei einem Teil seines Lebens begleitet, als er nämlich versucht, sich und seine Kinder in Sicherheit zu bringen. Dabei entwickelt sich die Story unvorhersehbar, mit vielen Twists und Wendungen.
Natürlich gibt es ebenso Action. Doch diese Kämpfe sind Nebengeräusche, die die Welt lebendiger wirken lassen. Ihnen wird zwar entsprechend Raum eingeräumt und sie werden auch großartig in Szene gesetzt. Doch im Fokus stehen die Figuren, die Charaktere, die Mysterien. Und vor allem im letzten Drittel dreht Dawnrunner erst so richtig auf und lässt einen dann erst recht nicht mehr los.
Dazu tragen auch die Illustrationen von David Cagle bei. Sie sind rauh und energiegeladen. Der Künstler weiß, wo er sich zurücknehmen muss, um die Charaktere sich entfalten zu lassen. Um dann zu eskalieren, wenn er auf einer Doppelseite zeigt, wie ein Tetsa und ein Iron King miteinander kollidieren. Auch das Design der diversen Figuren ist großartig geworden. Sein Andro Lestern ist ein charismatischer Mann, der gerne mal barfuß durch die Gegend läuft. Die Tetsa sind wahre Monstrositäten, die sich allerdings alle voneinander unterscheiden.
Es ist ein perfekter Comic.
Info
Skript: Ram V
Zeichnungen: Evan Ceagle
Farben: Dave Stewart, Francesco Segala
Verlag: Splitter
Sonstige Informationen: Produktseite
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