Kann der Söldner mit dem losen Mundwerk den Erfolg seines ersten Filmauftritts wiederholen?
Vertrauen auf Bekannte
Der allererste Deadpool-Film war eine Sensation. Denn zu jener Zeit glaube niemand so recht daran, dass ein R-Rated Superhelden-Film überhaupt so ein Erfolg sein könnte. Die Erwartungshaltung war eben noch immer, dass diese Comicadaptionen familienfreundlich sein mussten, damit auch wirklich nicht nur die Erwachsenen, sondern ebenso Jugendliche und Kinder was von dem Erlebnis haben konnten.
Seitens 20th Century Fox war man von dem Erfolg so begeistert, dass man gleich eine Fortsetzung ankündigte. Bei der dieselben Verantwortlichen wieder zurückkehren sollten. Also Ryan Reynolds als Produzent und Hauptdarsteller, Regisseur Tim Miller und die Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick. Erste Ideen, was die Fortsetzung behandeln sollte oder welche Figuren auftauchen sollten, wurden ebenfalls durch den Raum geworfen. So spielte man mit dem Gedanken, die Charaktere Cable und Domino mit in die Story einzubauen.
Doch während die Drehbuchautoren sofort den neuen Vertrag unterschrieben und sich ans Werk machten, sollte es bei Ryan Reynolds und Tim Miller Komplikationen geben. Denn der Hauptdarsteller verlangte für sich mehr Einfluss auf den Film. Und er wollte erneut einen rotzigen, blutigen und frechen Kinofilm machen, da dies ja auch mit Teil der Ursache des Erfolgs des ersten Teils war.
Eine überraschende Trennung
Tim Miller hatte allerdings andere Visionen. Die sich natürlich mit denen von Reynolds bissen. Weshalb er am Ende des Tages schließlich die Reißleine zog und sich aufgrund von gegenseitigen kreativen Differenzen vom Projekt zurückzog. Angeblich soll es wohl zu einer Art Streit gekommen sein, bei dem sich 20th Century Fox, das Film Studio, das den Kinofilm finanzierte, hier dem Hauptdarsteller und Produzenten stellte. Offiziell wurde dies jedoch bestritten und stattdessen betonte Reynolds, dass er den Abgang von Miller schade fand.
Womit natürlich im Raum stand, wer die Nachfolge antreten sollte? Fox hatte verschiedene Filmemacher im Visier. Und am Ende erhielt David Leitch, Regisseur von John Wick, den Zuschlag. Etwas, worüber sich Ryan Reynolds sehr freute, da er ein großer Fan des Films war.
Das Drehbuch brauchte diverse Anläufe, bis es das Studio zufriedenstellte. Von Anfang war klar, dass wirklich Cable und Domino auftauchen sollte. Ebenso sollte auch X-Force auftreten und eine größere Rolle spielen, genauso wie die Figuren Black Tom Cassidy und Sluggo. Die diversen Gefangenen in dem Gefängnis Ice Box sollten ebenfalls näher untersucht werden. Doch dies und viele andere Ideen wurden zusammengestrichen, weil es entweder nicht passte oder man schon zu viel andere Schurken hatte. Was auch für viele Gags galt. Ryan Reynolds wollte viele Witze als Anspielungen auf gewisse Sachen einbauen. Dass diese vielleicht nicht von allen verstanden werden würden, nahm er in Kauf. Vor allem auf Disney, die während der Produktion anfingen, 20th Century Fox aufzukaufen, wurden durch den Kakao gezogen. Wobei am Ende auf einen bestimmten Witz verzichtet wurde.
Jede Menge alte Bekannte, aber auch viele neue Gesichter
Beim Cast selbst sollten Ryan Reynolds, Stefan Kapičić, Brianna Hildebrand, Karan Soni, Leslie Uggams und Morena Baccarin ihre jeweilige Rolle aus dem ersten Deadpool-Film wieder aufnehmen. Neu hinzu kam Josh Brolin als Cable. Letzteres war eine Überraschung, da für die Rolle unter anderem Dolph Lundgren und Pierce Brosnan im Gespräch waren. Dass der Schauspieler parallel bei Marvel als Thanos agierte, gab dem Casting eine zusätzliche Würze. Im Drehbuch stand die Figur als reiner Actioncharakter und erst durch Brolins Darstellung erhielt er die nötige charakterliche Tiefe. Julian Dennison kriegte den Zuschlag für die Rolle des Russell Collins aka Firefist. Ryan Reynolds setzte sich für den Darsteller ein, nachdem er ihn in Wo die wilden Menschen jagen sah. Zazie Beetz (Atlanta) als Domino rundete den Maincast ab. Die Deutschamerikanerin trainierte jeden Tag und entschloss sich, für die Rolle nicht die Haare in den Achseln zu rasieren. Übrigens hatte die Figur in den Comics eine bleiche Hautfarbe, mit einem schwarzen Fleck über einem ihrer Augen. Für den Film wurde das quasi umgedreht.
Deadpool genießt das Leben. Er tötet böse Burschen und will mit seiner angebeteten Vanessa eine Familie töten. Bis eines Tages einer dieser Leute ihm entwischt und ihm dann zu Hause auflauert. Bei dem anschließenden Kampf wird Vanessa getötet, was Deadpool in eine schlimme Depression stürzt. Doch seine Versuche, sich selber zu töten, schlagen fehl. Dank seiner starken Selbstheilungsfähigkeiten überlebt er sogar, wenn er sich in Stücke sprengt.
Colossus hat genug gesehen und nimmt ihn mit in die X-Mansion, um ihn für die X-Men zu rekrutieren. Deadpool willigt widerwillig ein. Doch bereits seine erste Mission hat enorme Auswirkungen. Der junge Mutant Russell Collins will ein Waisenheim, dass der Essex Corporation gehört, niederbrennen. Als Wade realisiert, dass der Junge missbraucht wurde, tötet er einen der Angestellten des Waisenheims und wird dafür verhaftet. Gemeinsam mit dem Jungen landet er in der Ice Box, einem Hochsicherheitsgefängnis für gefährliche Mutanten. Derweil er sich um Russell kümmert, kommt eine andere Gefahr heran. Cable reist aus der Zukunft in die Gegenwart, um den jungen Mutanten zu töten. Denn in seiner Zeit ist er zu einem gefährlichen Kriminellen geworden, der die Familie von Cable getötet hat.

In jederlei Hinsicht den Vorgänger übertreffen
Manchmal wirkt Deadpool 2 wie ein Versuch, den ersten Deadpool-Film in jederlei Hinsicht zu toppen. Stellenweise wirkt es so, als ob er noch krasser, noch gewalttätiger, noch brutaler, aber auch noch emotionaler und humorvoller, als der Vorgänger sein will. Was leider nicht immer aufgeht.
Dabei überrascht der Film dadurch, wie gut es ihm gelingt, die vielen verschiedenen Figuren einzubauen. Weil es eben nicht nur bei den zuvor genannten Charakteren geblieben ist. Sondern ebenso noch einige Nebenfiguren wichtige Rollen übernehmen. So wird extra ein separates Team eingeführt, auch wenn es dann am Ende nur für einen einzigen Zweck genutzt wird.
Klar ist, dass der Verlust von Vanessa für Deadpool eine enorme Motivation ist, auch wenn ihr das bekannte Phänomen „Women in a Refridgerator“ angewandt wird. Gemeint ist, dass lange Zeit in den Comics weibliche Figuren gerne mal markant getötet wurden, um dann den männlichen Charakteren einen besonderen Grund zu geben, um aktiv zu sein. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob dies in der Moderne immer noch nötig ist. Aber immerhin wird sie im Film auch nach ihrem Ableben gut eingesetzt. Denn wann immer Deadpool stirbt, sieht er sie, kann allerdings nicht zu ihr gelangen. Weshalb er über weite Teile des Films so selbstmörderisch unterwegs ist.
Die Kehrseiten einer Medaille
Doch gleichzeitig hat er ebenfalls in Form von Russel eine Motivation, am Leben zu bleiben. Man merkt, dass er den Jungen mag. Weshalb er auch so zahlreiche Anstrengungen unternimmt, um ihn zu beschützen oder zu retten. Selbst dann, als der Bursche durch eine unbedachte Äußerung von Wade auf die schiefe Bahn gerät.
Und hier muss man den Film loben. Weil Julian Dennison als Russell Collins eine wahre Show ist. Er spielt den Jungen sehr emotional verwundbar. Er ist sich unsicher, gleichzeitig aber auch voller Zorn. Lange Zeit ist es unklar, ob er böse werden wird, um Cables Zeit auszulösen, oder gut bleibt, wegen Deadpools Bemühungen. Dabei ist dieser für ihn, wie man in der Ice Box sieht, eine Art Ersatzvater, dessen Lob er haben möchte. Um dann umso enttäuschter zu sein, als dieser sich quasi von ihm abwendet. Weshalb er ja auch am Ende so durchdreht und alles daran setzt, sich zu rächen.
Doch wo Russell Collins sich zum Schurkendasein wendet, ist es bei Cable umgekehrt. Josh Brolins spielt gelungen einen alten Krieger, der vom Verlust seiner Familie gekennzeichnet ist und das deshalb auch verhindern möchte. Er ist der perfekte Gegenpart zu Deadpool. Längst nicht so durchgedreht, sondern ruhig, fokussiert und in der Lage auf jede Situation eine passende Antwort zu finden. Zu Beginn wirkt er wie ein Antagonist, weil er so verbissen Russell Collins jagt. Doch das ändert sich dann im Laufe der Story, bis er irgendwann eindeutig auf der Seite der Helden agiert.
Ein unnötiger Gag
Über weite Teile funktioniert der Humor des Films. Angefangen von der Introsequenz, die wie eine Parodie auf die James Bond-Intros wirkt. Über Deadpools Versuche, sich umzubringen oder den lustigen Cameoauftritt der James McAvoy-X-Men. Auch viele Sprüche sind genial. Und doch gibt es einen Moment, wo man nicht lachen kann!
Deadpool, der, weil er jemanden getötet hat, aus den X-Men verstoßen wurde, baut sich ein eigenes Team zusammen, dass er X-Force nennt. Diese werden prominent eingeführt. Sterben allerdings bis auf eine Ausnahme alle auf eine recht drastische Art und Weise. Mal werden sie von einer Elektroleitung gegrillt, ein anderes Mal von einem Häcksler sehr eindeutig zu Fleischsalat verarbeitet oder landen gar in Front eines fahrenden Busses. Das alles wird witzig inszeniert. Doch insgesamt kann man hier einfach nicht lachen, weil hier Charakterentwicklung zu Gunsten eines fahlen, zynischen Gags geopfert wird.
Immerhin gibt es einen Charakter, der davon unbetroffen ist. Zazie Beets Domino ist das Highlight des Films. Wie sie unbekümmert durch die Gegend läuft, darauf vertrauend, dass ihre Mutantenfähigkeit sie schon rettet, ist herrlich. Vor allem auch deswegen, weil viele sagen, Glück sei keine Mutantengabe. Was sie dann aber im Laufe des Films immer wieder zeigt, dass das nicht stimmt. Vor allem deshalb, da es so clever umgesetzt worden ist.
Eine Ohrfeige von Postcredit-Szenen
Eigentlich hätte das, bis auf diesen einen zynischen Gag, ein guter Film werden können. Doch das Ende reißt dies alles ein.
Es ist schade, dass die Fortsetzung auf diese Weise nicht das Niveau des Vorgängers erreicht. Wobei der Film erfolgreich genug war, um eine Fortsetzung zu erhalten. Die dann allerdings wegen der Verschmelzung von Disney und 20th Century Fox in Frage gestellt wurde, ehe die Figur sich eindeutig mit Deadpool & Wolverine zurückmeldete.
Info
Regie: David Leitch
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds
Produktion: Simon Kinberg, Ryan Reynolds, Lauren Shuler Donner
Musik: Tyler Bates
Kamera: Jonathan Sela
Schnitt: Dirk Westervelt, Craig Alpert, Elísabet Ronaldsdóttir
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