In diesem Film ist einiges aufs Allernötigste reduziert. Was vermutlich der Grund für seinen Erfolg sein dürfte.
Nach langer Zeit endlich eine Verfilmung
Die 1980er Jahren waren eine Zeit von großen Action-Helden. Figuren, die oft größer als das Leben waren, muskelbepackte Einzelgänger, die ihre Gegenspieler mit einem lässigen Spruch auf den Lippen und aufgepumpten Bizeps eliminierten. Weshalb dann ein Snake Plissken im Vergleich zu diesen schon fast schmächtig wirkte. Obwohl er nicht weniger cool war.
Snake Plissken war der Protagonist von Die Klapperschlange, der heute vor 45 Jahren in die deutschen Kinos kamen. Der Film war eine Idee von Regisseur John Carpenter, der die grundlegende Story 1976 nach dem Watergate-Skandal niederschrieb. Doch in jenen Tagen wollte kein Studio das Drehbuch kaufen und adaptieren, weshalb es erst mal wieder in der Schreibtischschublade verschwand.
Parallel dazu hatte John Carpenter sowieso ein Problem. Er fand als Filmemacher, nach dem er Dark Star gedreht hatte, keine Arbeit. Stattdessen versuchte er sich als Drehbuchautor. Erst Halloween sollte 1978 für ihn eine Wende bringen. Auf Grund des Erfolgs wurden er und die Produzentin Debra Hill von Avco-Embassy unter einem Vertrag für zwei Filme genommen. Das erste Ergebnis von diesem war The Fog – Nebel des Grauens im Jahr 1980.
Wo soll gedreht werden?
Doch als es darum ging, was der Filmemacher als Nächstes produzieren sollte, war man sich nicht ganz einig. Ursprünglich sollte es Das Philadelphia Experiment werden, doch auf Grund von Problemen beim Schreiben des Drehbuchs lehnte John Carpenter dies ab. Stattdessen wollte er Die Klapperschlange verfilmen.
Auch wenn er mit der Geschichte noch nicht ganz zufrieden war. Ihm fehlte es an Humor, weshalb er sich an seinen Universitätsfreund Nick Castle wandte, der in Halloween Michael Meyers darstellte. Dieser baute die Figur von Cabbie in die Story ein und veränderte das Ende des Films.
Womit nur das Problem war, wo der Kinofilm genau gedreht werden sollte. Die Story verlangte eine heruntergekommene Stadt, die New York in jenen Jahren nicht war. Die Idee Carpenters, in einem Studio zu drehen, wurde abgelehnt. Weshalb Barry Bernardi, Location Manager und Associate Producer losgeschickt wurde, um den gewünschten Ort zu finden. Was er dann auch bald tat. Seine Wahl fiel auf East St. Louis, Illinois, das stark an New York erinnerte und auf Grund eines Feuers einige Jahre zuvor desolat aussah.
Ausbruch aus bekannten Rollenschablonen
Gleichzeitig wurden Teile des Kinofilm allerdings auch in Los Angeles, Atlanta und in New York gedreht. Es gelang dem Film sogar Zugang zur Freiheitsstatue zu kriegen, obwohl die auf Grund eines Bombenanschlags drei Monat zuvor alles andere als einfach war.
Was die Hauptrolle anging, so wollte das Studio einen erfahrenen Schauspieler wie Charles Bronson haben. Doch John Carpenter lehnte mit der Begründung ab, dass der Darsteller für die Rolle zu alt sei. Ebenso, wie die Tatsache, dass er insgeheim befürchtete, dass ein erfahrener Darsteller ihm die Kontrolle über den Film entreißen würde.
Stattdessen fiel die Wahl auf Kurt Russell, der über die Rolle glücklich war. Denn nachdem die Jahre zuvor eher als Mann für Disneykomödien bekannt war, wollte er etwas anderes, er wollte aus dem Rollentypus ausbrechen. Und Die Klapperschlange sollte ihm dabei helfen. Er kam ebenfalls mit der Idee daher, dass die Figur eine Augenklappe tragen sollte. Er blieb auch außerhalb der Dreharbeiten in der Rolle, wobei er allerdings auf die Klappe verzichten musste, da er dadurch Probleme mit den Augen kriegte.
Lauter bekannte Namen
Der restliche Cast setzte sich aus einigen prominenten Namen zusammen. Lee Van Cleef (Die Glorreichen Sieben) übernahm den Part von Comissioner Bob Hauk, derweil Hollywood-Tausendsassa Ernest Borgine (Airwolf) den Part des Comedy Relief Cabby kriegen sollte. Als der Präsident wurde Donald Pleasence (James Bond 007 – Man lebt nur zweimal) gecastet und Isaac Hayes (Detektiv Rockford – Anruf genügt) als der Duke, der Anführer des abgeschotteten Manhattans. Der unverwechselbare Harry Dean Stanton (Alien) konnte man als Harold „Brain“ Hellman sehen, dessen Begleiterin und bessere Hälfte Maggie von James Camerons damaliger Ehefrau Adrienne Barbeau (Maude) übernommen wurde.
Nachdem im Jahr 1988 die Anzahl an Verbrechen um 400% zunahm, wurde Manhatten in ein abgeschottetes Hochsicherheitsgefängnis verwandelt. Wer ein Mal dort drin war, kam nicht mehr raus. Doch dann wird im Jahr 1997 Airforce One von Terroristen übernommen und der Präsident mit einem wichtigen Koffer landet in einer Fluchtkapsel ausgerechnet dort.
In seiner Not wendet sich Bob Hauk an Snake Plissken, einen Kriegsveteranen, der zum Verbrecher geworden ist. Im Austausch für eine vollständige Amnestie soll er nach Manhattan gehen und dort den abgeschossenen Präsidenten finden. Die Zeit drängt, denn eine internationale Konferenz, auf der der Präsident sprechen sollte, findet bald statt. Und um Plissken den Druck ebenfalls klar zu machen, werden ihm zwei Sprengkapseln in die Arterien im Hals injiziert. Im bleiben nur 23 Stunden, um sein Ziel zu finden. Erst wenn dies geschehen ist, werden die Kapseln in seinem Hals neutralisiert. Und so unter Druck gesetzt macht sich Snake Plissken ins heruntergekommene Manhattan auf. Ohne zu wissen, was ihn dort erwarten wird.
Minimalistisch
Die Klapperschlange ist ein verhältnismäßig düsterer Film. Ein Großteil der Handlung findet nachts statt, das Tageslicht selbst kriegt man nur selten zu sehen. Es gibt keine Helden hier, stattdessen haben nahezu alle Figuren vor allem ihre eigenen Interessen im Sinn. Und über allem schwebt die Dringlichkeit, mit der Snake erfolgreich sein muss, weil er sonst stirbt.
Roger Corman schafft es, aus diesen Umständen einen packenden Kinofilm zu machen. Er geht dabei verhältnismäßig minimalistisch vor. Er betreibt keinen großen sichtbaren Aufwand, um ein dystopisches Manhattan umzusetzen. Ein Großteil der Bewohner der Stadt wirken sowieso schon so, als ob sie Teil irgendeiner Gang wäre, die in den 1980er Jahren, als in New York das Verbrechen florierte, weit verbreitet waren.
Den Minimalismus merkt man aber auch bei den Dialogen. Vor allem Snake Plissken ist sehr wortkarg. Er ist niemand, der sich in die Karten schauen lässt. Der alles und jedem misstraut. Und das sogar zu Recht, da er, wie man im Laufe der Handlung erfährt, oft genug reingelegt worden ist. Er ist introvertiert, sarkastisch und neigt nicht dazu, Autoritäten blindlings zu folgen, es sei denn, er wird hierzu genötigt.
Wenn man sich nur noch auf eine Person verlassen kann
Dabei wird er zu Beginn des Films noch sehr stark von der Polizei unterstützt, die außerhalb der Gefängnismauern die Stadt bewacht. Doch nach und nach verliert er jegliche Unterstützung. Sogar seine Waffe verliert er und am Ende sogar seine eigene Gesundheit. Womit er sich umso mehr nur noch auf eine Person verlassen kann: Sich selbst!
Und hier kann Kurt Russell wirklich glänzen. Er spielt Snake Plissken im Laufe des Films immer verbissener. Je mehr Zeit vergeht, je näher sein drohender Tod rückt, umso mehr agiert er getriebener, schon fast gehetzt.
Eigentlich ist dies niemand, der in der Stadt Unterstützung finden kann. Denn wie gesagt, hier denkt jeder an sich selbst. Das merkt man vor allem an Harry Dean Stantons Harol „Brain“ Hellman, der im Laufe der Story wiederholt vorgibt, für die jeweils andere Seite zu sein. Derweil er in Wahrheit nur darauf aus ist, gemeinsam mit seiner Geliebten Maggie, aus der Stadt zu fliehen. Er versucht die Kontrolle zu behalten und verliert am Ende sein Leben, weil er in einem Moment der Unachtsamkeit nicht kontrolliert, wo er hinläuft.

Ein tragischer Tod
Maggie ist dabei mehr als nur das hübsche Anhängsel. Auch wenn Adrienne Barbeau ein Kostüm mit einem besonders tiefen Dekoltee trägt, wird von Anfang an klar gemacht, dass sie in Wahrheit mehr seine Leibwächterin ist. Eine Frau, die man nicht unterschätzen darf, die ihm zwar brav folgt. Aber gleichzeitig immer ein Auge auf ihre Umgebung hat, jederzeit bereit, aktiv zu werden.
Diese beiden werden zu Snakes Helfern wider Willen. Sie sind nur darauf aus, aus der Höllenstadt zu entfliehen. Und scheitern auf den letzten Metern, weil Anweisungen nicht befolgt werden. Ihr Ableben tut weh, doch nicht so sehr, wie das von Cabby.
Ernest Borgine spielt den Taxifahrer, der Snake Plissken wie einen Helden verehrt, als stets gut gelaunt. Als jemanden, der mit offenen Augen und einem steten Grinsen gute Laune verbreitet. Wodurch er in dieser Stadt von Egoisten wie ein Fremdkörper wirkt, weil er eben keiner ist. Er will einfach nur helfen und eine gute Zeit haben. Weshalb dann sein tragischer Tod im Finale umso mehr ins Herz sticht, noch mehr, als bei Maggie und Harold.
(K)ein Duell auf Augenhöhe
Dabei ist der Film auch eine Art Duell zweier Anführer. Der Präsident ist ohne seine Leute, ohne seine eigene Umgebung hilflos und wird deshalb ebenfalls von Duke zum Spaß gefoltert. Duke hingegen ist ein Kind seiner Stadt. Hart, unnachgiebig und mit großen Plänen erfüllt. Jemand, der mit eiserner Hand agiert und diejenigen, die ihm dumm kommen oder seine Macht gefährden, bereit ist, gnadenlos zu töten. Auch er ist irgendwo ein Politiker, der die verschiedenen Fraktionen seiner Stadt kontrollieren muss. Nur, dass ihm dies scheinbar besser gelingt, als dem Präsidenten.
Der, als er in Sicherheit ist, als er Fuß in das Gebiet setzt, dass er kontrolliert, an Stärke gewinnt. Und diese dann sofort nutzt, um Duke zu töten, als dieser sich mit Snake einen Kampf liefert. Er ist stolz darauf, dass ihm das gelungen ist, und gewinnt dadurch jede Menge Selbstbewusstsein. Auch wenn man weiß, dass dies nicht gerechtfertigt ist. Denn er wurde ja im Prinzip die ganze Zeit von Snake oder anderen Leuten getragen.
Lee van Cleefs Bob Hauk ist dabei derjenige, der für die Zeit steht, die für Snake langsam abläuft. Er versucht das Geschehen zu kontrollieren oder nachvollziehen zu können. Doch all seine Technik, all seine überlegene Polizeimacht ist angesichts der Tatsache, dass der US-Präsident in Manhattan gefangen und eine Geisel ist, nutzlos. Das zeigt eine Szene besonders stark, wo er mit jeder Menge Leute ankommt, dann aber angesichts eines Ultimatums unverrichteter Dinge wieder abzieht. Im Prinzip merkt man hier seine Hilflosigkeit. Er will helfen, er will etwas erreichen. Ist anschließend allerdings doch zu sehr auf Snake Plissken angewiesen und darauf, dass er erfolgreich ist. Man merkt, dass das an ihm nagt. Gleichzeitig entwickelt er auch Respekt für den ehemaligen Soldaten, weshalb er ihm am Ende einen Job anbietet.
Ein grandioses Ende
Nicht unerwähnt bleiben muss der Soundtrack des Films. John Carpenter hat ihn selber komponiert. Und damit einmal mehr bewiesen, dass er nicht nur ein großartiger Regisseur und Drehbuchautor ist. Sondern ebenso ein phantastischer Musiker.
Die Klapperschlange ist ein verdammt guter Film. Definitiv ein Must-See für jeden SciFi-Fan.
Info
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
Produktion: Larry Franco, Debra Hill
Musik: John Carpenter, Alan Howarth
Kamera: Dean Cundey
Schnitt: Todd Ramsay
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