Kolumne: Mass Effect und die Frauen

Lesezeit circa: 8 Minuten

Bald ist es so weit: Mass Effect, eine der beliebtesten Videospielreihen aller Zeiten, bekommt ein Remaster.


Am 14.05.2021 soll die Legendary Edition erscheinen.

Ich freue mich bereits darauf. Trotzdem ist es eine gute Gelegenheit, mal das Frauenbild der Reihe zu beleuchten. Opfert Mass Effect glaubwürdige weibliche Charaktere für den Masseneffekt des Erfolgs?

Die Normandy, Commander Shepards persönliches Schiff, fliegt gemächlich durch den Weltraum. An Bord findet sich eine bunte Gemeinschaft von Spezialist:innen, alle hoch individuell, typisch für Spiele aus dem Hause Bioware.

Unter diesen verschiedenen Crewmitgliedern sind auch viele Frauen. In Teilen absurd dargestellte Frauen.
Handeln wir erst mal das Offensichtliche ab: In Mass Effect, besonders in Teil 2, steht man offenbar auf enge Einteiler. Charaktere wie Tali, Kasumi oder Miranda tragen alle enge Jumpsuits, die der Fantasie nicht mehr viel zum Fantasieren lassen. Jede davon hat eine andere Erklärung, die diese Outfits irgendwie rechtfertigen soll: Talis Spezies kann nur in einem Druckanzug überleben, Kasumi ist eine Diebin und braucht ein „bewegliches“ Outfit und Miranda… tja, Miranda ist eine genetisch optimierte Superfrau. Deswegen hat sie auch 90-60-90 und trägt immer High Heels – auch auf fremden Planeten. Wie ich von gut unterrichteten weiblichen Quellen weiß, gibt es wahrhaftig nichts Schöneres, als über Stock und Stein mit Pfennigabsätzen zu wandern.

Mass Effect
Miranda

Wenn Miranda gerade mal nicht grazil auf ihren Absätzen von Felsen zu Felsen schwebt, ist sie für Dialoge auf der Normandy verfügbar. Dort gibt es immer mal wieder Aufnahmen in welchen die Kamera ihr Hinterteil beleuchtet, welches sich in perfektem Abguss unter ihrem weißen Latex-Kostüm abzeichnet.
Ihr Gegenstück, sozusagen, ist Jack. Jack ist eine volltätowierte Frau mit tragischer Vergangenheit, die auf der Normandy unter dem Maschinenraum in einer Wartungsröhre wohnt. Jack trägt ausnahmsweise keinen Latex-Einteiler. Stattdessen trägt sie obenrum einfach mal nichts außer einem Gürtel, der gerade so das Nötigste verdeckt. Und ehe wir uns falsch verstehen: Nein, Jack ist keine Femen-Aktivistin. So wie Miranda die Idealfrau darstellt, schön, reich, perfekte Körpermaße, ist Jack das dunkle Gegenideal – allerdings auch mit Körpermaßen, die der Gesellschaftskonsens sicherlich als besonders attraktiv bezeichnen würde. Man will es sich ja nicht mit den Fans verscherzen.

Denn genau darum geht es. Um uns Fans. Mehrheitlich männlich sehen auch wir uns stetig einem Klischee ausgesetzt, nämlich dem des ewig notgeilen Computernerds, der im echten Leben in Liebesdingen kläglich versagt. Darum – so die Mär – sprechen wir gut auf diese perfekten digitalen Frauen an, die in Mass Effect auch noch für nahezu jeden Geschmack designt sind. Verliebt sich dein Shepard in die nette und niedliche Tali, die selbstbewusste Miranda oder die wütende Rebellin Jack?
Wie alles in solchen Spielen wird auch dieses Element vollends der Wahl der Spieler untergeordnet. Da tröstet es auch nicht, dass es für die weibliche Commander Shepard ähnliche Love Interests gibt. Inklusive der einen oder anderen lesbischen Begegnung. Übrigens ist es erst im dritten Teil möglich, eine homosexuelle Beziehung zwischen zwei Männern einzugehen. Die Reihe muss sich bis dahin gefallen lassen, mit den lesbischen Beziehungen keinen progressiven Anspruch zu erfüllen, sondern stumpf Sexualfantasien zu bedienen, seien sie nun die Fantasien der Entwickler:innen oder der Fans.

Mass Effect
Jack

Wenn einen das Ungleichgewicht der möglichen Romanzen nicht überzeugt, überzeugt vielleicht das galaktische Ungleichgewicht. Im Universum von Mass Effect gibt es die Asari, eine Spezies, die komplett weiblich ist. Diese blauen Frauen reisen durch die Galaxis, um sich in jungen Jahren als Stripperin oder Hostess ihr Geld zu verdienen (manche werden auch Söldnerinnen). Da es verpönt ist, sich mit einer anderen Asari zu paaren, suchen sie sich Lebensabschnittspartner:innen (Asari werden einige Hundert Jahre alt) einer anderen Spezies. Dabei können sie zwischen beiden Geschlechtern wählen. Hier ist sie also, die Spezies aller unterstellten männlichen Träume: die promiskuitive, rein weibliche, für alles offene Bi-Spezies! Herzlichen Glückwunsch!

Zwei dieser Asari darf man im Laufe der Trilogie zu seinen Begleiter:innen zählen: die – anfangs – eher schüchterne Liara und Samara (oder ihre Tochter Morinth). Während Liara – wie sollte es auch anders sein – Love Interest in allen drei Teilen sein kann, erfüllt die etwa eintausend Jahre alte Samara die Rolle der älteren, aber attraktiven Frau, die unnahbar bleibt. Damit Spieler das auch wirklich kapieren, hat man ihr passenderweise eine unheilbare Krankheit mitgegeben, denn „Nein“ heißt scheinbar auch im 22. Jahrhundert nicht einfach „Nein“.

Liara Sex Szene

Kommen wir aber nochmal zu Liara: Ihr Charakter wurde von Teil 1 auf Teil 2 einfach mal umgeschrieben. War sie in Teil 1 noch eine schüchterne, sozial etwas unbeholfene Wissenschaftlerin, ist sie ab Teil 2 eine toughe Geschäftsfrau, die auch gern mal im tiefsten Schlund der Unterwelt operiert. Der Grund für diesen Charakterwechsel ist simpel: Die Rolle der schüchternen, sozial unbeholfenen, weltoffenen und freundlichen Romanzenoption wird ab dem zweiten Teil nämlich von Tali übernommen. Es ist kein Platz für zwei vom selben Schlag in Shepards Team. Und erst recht nicht in der Vorstellung der Entwickler:innen, denn man will den Spielern ja Vielfalt bieten – die Vielfalt der Wahl.

Wie aus einem Bauchladen wählt sich der Spieler seine Traumfrau aus den verschiedenen Optionen. Dann muss er nur noch die richtigen Dialogoptionen anklicken, was so designt ist, dass es wirklich jeder versteht. Irgendwann kommt fast immer der Punkt, an dem die Charaktere von selbst überdeutlich durchscheinen lassen, dass sie in Shepard mehr sehen als nur den Commander. Eine fatale Mechanik, die den Wunsch in uns anspricht, dass es in Liebesdingen doch bitte etwas einfacher sein darf. Einfach die Frau seiner Träume wählen zu können, das wäre doch mal was, oder? Ja, das wäre mal was: nämlich toxisch. Der Mann, der sich die Frau seiner Träume einfach wählt, ist ein altes, patriarchales Narrativ, das immer ohne Nachfrage bei der zweiten wichtigen Instanz ausgekommen ist: der Frau.

Miranda Sex Szene

Auch innerhalb der Erzählung ist diese Mechanik wie ein Kraftfeld. Sie begrenzt die Möglichkeiten. Wenn jeder weibliche Charakter (und manch ein männlicher) so designt ist, dass er von vornherein vor allem als Love Interest dient oder zumindest von Spielern so gesehen werden kann, dann schränkt das die Wahl der möglichen Charakterkonzepte stark ein. Das zeigt sich bereits in der Darstellung. Warum muss Jack nur den Gürtel obenrum tragen (nur fair: im dritten Teil trägt sie eine Lederjacke)? Warum läuft Miranda mit High Heels durch Geröll? Warum muss Liara ab Teil 2 eine völlig andere Figur sein? All das wäre nicht nötig, wenn man auf die unselige Mechanik der Romanzen verzichten oder sie wenigstens von Grund auf anders konzeptionieren würde. Besonders die weiblichen Charaktere könnten so noch mehr an Tiefe gewinnen.

Mass Effect ist eine großartige Reihe, keine Frage. Aber man spürt schon an vielen Ecken der Normandy und darüber hinaus, dass dort das eigene Frauenbild beim Programmieren eher seltener hinterfragt wurde. Bioware hat angekündigt, dass wenigstens die Szenen, in denen wir kamerafüllend Mirandas Hinterteil betrachten mussten, herausgeschnitten werden. Wenigstens etwas.

Ein Wort zum Schluss: Dieser Autor fordert nicht, dass die Legendary Edition all die genannten Kritikpunkte aufgreift und aus dem Spiel schneidet. Dieser Autor fordert nur, dass Gamestudios in Zukunft daraus lernen.


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David Hinder

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