Kolumne: Wenn der Mandalorianer in der falschen Disco tanzt

Lesezeit circa: 6 Minuten

So manches Mal sind mir in den letzten Monaten Texte untergekommen, die The Mandalorian mit Star Trek: Discovery verglichen haben.
Die Argumentationsstruktur ist dabei immer ein durchwachsenes Mischmasch aus Loreliebe und Handlungsbogen mit folgendem Fazit: The Mandalorian sei besser, weil man dort Liebe zum Franchise beweisen würde.

Der Vergleich hinkt nicht nur. Ihm sind die Beine weggephasert worden (Star Wars Fans dürfen hier selbstverständlich „gelasert“ einsetzen).

Aber der Reihe nach: würde man lediglich Handlungsbogen und Charaktere vergleichen, wäre The Mandalorian klar die bessere Serie. Der Spannungsbogen ist angemessen, die Charaktere glaubwürdig. Jede Figur trägt einen Konflikt mit sich herum, den sie nicht mal eben in einer Katharsis-Folge los wird. Der Hauptcharakter ist zwar überaus fähig, aber kein überkompetentes Wunder und er ist auch nicht immer die Lösung für alle Probleme in der Welt.
Man könnte Disco – wie die Fans Star Trek: Discovery mal mehr, mal weniger liebevoll nennen – auf dieser Ebene so ziemlich mit jeder anderen Serie vergleichen. Breaking Bad hat auch die besseren Charaktere, The Leftovers hat mit Abstand die anspruchsvollere Erzählung, The Witcher (was ich persönlich sehr mag) hat leider einen viel kruderen Erzählstil – man könnte diese Liste endlos fortführen.

Dass gerade Mando (beliebte Abkürzung für The Mandalorian) mit Disco verglichen wird, hat selbstverständlich eine lange Liste von Gründen, die wir uns nachfolgend anschauen werden:

– in beiden Serien kommen Raumschiffe vor

Ja, das war die lange Liste.

Wenig Gemeinsamkeiten

Mal ehrlich, liebe Leute, Star Wars und Star Trek waren schon immer zwei vollends unterschiedliche Franchises, bis tief in ihre Kernidentitäten hinein. Bei Star Wars galt schon immer Style over Substance, bei Star Trek ist es umgekehrt. Ausnahmen bestätigen in beiden Fällen die Regel. In Star Wars spielt die Funktionsweise von Technologie selten eine Rolle, in Star Trek nahezu immer. In Star Wars dreht sich alles um eine ominöse Zauberkraft, in Star Trek werden solche Fähigkeiten immer zumindest rudimentär erklärt. Und wir sollten niemals vergessen, dass Star Wars das Franchise ist, in dem eine Hand voll Plüschbären mehrere schwer gepanzerte Militärfahrzeuge mittels Stöcken und Steinen besiegen konnten.
Bevor man meinen etwas sarkastischen Ton missversteht: der Charme von Star Wars begründet sich eben genau wegen dieser Eigenheiten. Star Wars erzählt uns nun seit über 40 Jahren wieder und wieder die klassische Heldenreise, und Star Wars kann es nur deshalb so erfolgreich, weil man eben nicht all zu sehr Wert auf ein logisches Universum legt. Dass eine ganze Galaxis irgendwie bereisbar ist, weil man einen Hyperantrieb hat, dass Luke (Mark Hamill) den Zielcomputer ausschaltet und die Luke (hehe, Wortspiel) nur mit Hilfe der Macht trifft, dass die Ewoks die AT-STs mit Guerilla-Tricks und ein paar Tauen ausschalten können, all das geht nur deshalb, weil das Star Wars-Universum Style over Substance stellt.
Und das ist auch gut so. Aber eben nicht für Star Trek.

Die Formel von Star Trek funktioniert genau umgekehrt. Selbstverständlich beugt sich auch hier immer mal wieder die reale Logik der Handlungslogik, aber dass Teddys einen Panzerzug besiegen, werden wir wohl in Star Trek niemals sehen.
Erst seit Picard und Discovery versucht man sich in Star Trek auch an der klassischen Heldenreise – mit durchwachsenem Erfolg. Aber das genügt immer noch nicht, um diesen Direktvergleich zwischen Mando und Disco zu rechtfertigen, zumindest dann nicht, wenn die Konklusion lautet, dass die Macher des einen ihr Franchise lieben, während die Macher des anderen, schlimmer als die gemeinsten Orion-Sklavenjäger, das Franchise nur ausbeuten wollen würden. Man bedenke: Eine Geschichte in einem Universum zu erzählen, in dem Style over Substance steht, ist vergleichsweise einfach. Autor*innen müssen sich weniger Gedanken dazu machen, ob die Razor Crest diese Strecke wirklich in der kurzen Zeit zurücklegen kann, ob die Sprengkraft des Droiden wirklich reicht, ob – es tut mir leid, ich kann es mir nicht verkneifen – Plüschbären wirklich imperiale Kampfläufer ausschalten könnten. Das hat auch mit der Fanbase zu tun, die sich so ein altes Franchise über Jahre aufgebaut hat. Sicher, auch in Star Wars findet man vereinzelt Fans, die dir vorrechnen, dass der Milennium Falcon Strecke X niemals mit anderthalbfacher Lichtgeschwindigkeit würde bewältigen können – aber der Mehrheit genügt es, wenn der Antrieb als Metapher für die Fortbewegung, der Blaster als Metapher für die Wehrhaftigkeit dient. Der Antrieb trägt von A nach B, der Blaster macht Peng. Details sind nebensächlich und für die Handlung praktisch nie relevant.
Anders in Star Trek. Dort ist Technik oft die Lösung des Problems. Entsprechend viel Wert legt man auf (relativ) detaillierte Erklärungen, auch, weil Fans dort gerne mal nachhaken. Wie funktioniert das eigentlich mit dem Warpantrieb? Wie viel kann ein Musterpuffer speichern? Wie viele Einstellungen hat so ein Phaser? In Star Wars sind Droiden weniger weit entwickelt, als es Roboter in unserer Welt sind, in Star Wars haben Armaturen noch Kippschalter, Computer arbeiten mit schwarz-weiß-3D-Modellen, die in den 70ern der letzte Schrei gewesen wären usw. Diese optische Konsistenz funktioniert nur, weil Star Wars keinerlei technische Vision verkörpert. In Star Trek wäre das kaum denkbar. Auch, wenn eine Hand voll Fans gern die Brücke der 66er-Enterprise reproduziert sehen möchte, es wäre der technischen Vision von Star Trek abträglich. Welche großartige Zukunftstechnologie soll das bitte sein, wenn die Brücke ausschaut, wie die erste Mondlandefähre? Nein, Star Trek kann sich diese Style over Substance-Politik nicht leisten. Star Trek benötigt eine gewisse logische Kohäsion, um funktionieren zu können.
Und daher sind Geschichten im Trek-Universum auch immer schwieriger zu erzählen, insbesondere, seit man in neueren Produktionen doch die Heldenreise für sich entdeckt hat. Ohne übergeordnete Erklärung kannst du nicht mal eben die Enterprise von der Erde zur Heimatwelt der Kazon schicken.

Ist es nun so, dass die Macher von Star Wars ihr Produkt einfach mehr schätzen? Vielleicht. Aber ganz sicher ist es so, dass Geschichten mit der Star Wars-Formel sehr viel einfacher zu erzählen sind.

Und genau deshalb ist der Vergleich zwischen Mando und Disco, der Vergleich zwischen Star Wars und Star Trek, unredlich. In dieser Disco kann der Mandalorianer nicht tanzen.


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David Hinder

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