Es ist unerklärlich, wieso dieser Film damals an den Kinokassen so durchfiel.
Der Wille, das eigene Werk verfilmt zu sehen
Heutzutage ist es keine Seltenheit mehr, dass Comics verfilmt werden. Während Marvel und DC am laufenden Band Filme und Serien herausbringen, die auf ihren Geschichten basieren, werden auch immer mal wieder Independent-Comics adaptiert. Man denke nur an Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt oder Kick-Ass. Doch in den 1980er und 1990er Jahren war dies noch nicht so selbstverständlich. Zwar wurden in dieser Zeit auch die Teenage Mutant Ninja Turtles-Realverfilmungen gedreht. Doch parallel dazu lief bereits die berühmte Zeichentrickserie im Fernsehen, weshalb die Produzenten sich des Erfolgs der Kinoadaptionen sicher sein konnten.
Rocketeer hatte keine solche Serie im Rücken. Als der Film heute vor 35 Jahren in die Kinos kam, war das einzige, was für ihn sprach, der Erfolg der Comicvorlage. Und der unbedingte Wille seines Schöpfers Dave Stevens, sein Werk zu verfilmen.
Die Vorlage war bereits 1982 erhältlich. Und von Anfang wusste er, dass sich daraus perfekt ein Film machen lassen könnte. Weshalb er zunächst 1983 die Filmrechte an Steven Miner (Freitag der 13. Teil 2) verkaufte. Doch da dieser bei seiner Adaption sehr weit von der Vorlage abwich, holte sich Stevens die Rechte wieder zurück.
Disney ändert (mal wieder) die Meinung
1985 wurde ein neuer Versuch gestartet. Dieses Mal gab der Comicbuchautor Dave Stevens die Filmrechte gratis an die Drehbuchautoren Danny Bilson und Paul De Meo. Ihm gefielen die Ideen, die die beiden für eine potenzielle Filmadaption hatten, darunter auch, dass sie die Story wirklich in den 1930er Jahren platzieren wollten.
Als Trio hatten sie die Idee den Comic als Low Budget-Film komplett in Schwarz/Weiß zu drehen. Doch dann sprachen sie den Regisseur William Dear (Harry und die Hendersons) an, ob er nicht Regie führen wollte? Er sagte zu und die ursprüngliche Pläne wurden wieder gekippt. William Dear sollte ebenfalls aufs Drehbuch Einfluss nehmen und so beispielsweise dafür sorgen, dass das Finale des Films nicht in einem Unterseeboot stattfinden sollte, sondern in einem Zeppelin. Ebenso wurden durch ihn auch Nazis in die Story eingebaut.
Nunmehr als Quartett begannen sie 1986 den Film bei den größeren Filmstudios von Hollywood vorzustellen. Doch da dies einige Jahre vor dem Tim Burton Batman-Film war, waren diese eher zögerlich, diese Marke zu nehmen. Dann sagte jedoch Disney zu. Sie sahen in dem Film vor allem eine Möglichkeit, jede Menge Spielzeug zu verkaufen. Ursprünglich wollten sie ihn über ihre Marke Touchstone Pictures herausbringen. Doch dann entschied sich der damalige Firmenchef Jeffrey Katzenberg um. Jetzt sollte Walt Disney Studios für den Release sorgen. Was auch Auswirkungen auf die Story hatte. Denn, so Dave Stevens, im Nu wurden alle eher erwachsene Elemente des Films aus der Geschichte entfernt.
Nicht mit, gegen Disney arbeiten
Allgemein war die Produktionsphase mit Disney nicht eben einfach. Danny Bilson und Paul De Meo wurden im Laufe von fünf Jahren drei Mal gefeuert und wieder angeheuert. Es war klar, dass Disney einen anderen Ansatz im Sinn hatte, doch die Drehbuchautoren, die jeweils als Ersatz angeheuert wurden, konnten diesen nicht erfüllen. All diese Überarbeitungen, diese Turbulenzen und entsprechenden Verzögerungen führten am Ende dazu, dass William Dear aus dem Projekt ausstieg. Sein Nachfolger sollte Joe Johnston (Captain America – The First Avenger) werden, der ein Fan des Comics war. Das und die dritte Überarbeitung des Drehbuchs sollte am Ende dazu führen, dass der Film endlich gedreht werden konnte. Disney gab grünes Licht!
Wobei selbst dann nicht alles glatt lief. Die Dreharbeiten dauerten länger als geplant, da unter anderem auch das Wetter nicht mitspielte. Dave Stevens war sehr in den Filmprozess involviert und verbündete sich mit Joe Johnston und dem Produktionsmanager Ian Bryce gemeinsam gegen Disney. Denn er wollte die künstlerische Kontrolle behalten, etwas, was dem Konzern nicht unbedingt behagte. Doch dass er sich einbrachte, sollte für den Film von Vorteil sein, weil er so mit dazu beitragen konnte, dass das Ergebnis auf der Leinwand wirklich möglichst nahe an seinem Comic lag. Was man auch an dem ikonischen Helm der Filmfigur merkte. Disney Präsident Michael Eisner wollte ursprünglich einen Helm haben, wie ihn die NASA-Astronauten trugen. Doch erst nachdem Joe Johnston drohte, die Produktion zu verlassen, gab der Konzern nach.
Immerhin: Am Ende war man dann doch mit den Dreharbeiten zufrieden. Sogar so sehr, dass man das ursprüngliche Budget von 25 auf 35 Millionen US Dollar erhöht wurde. Was auch daran lag, dass das Geld gut angelegt wurde und man das dem Film ansah.
Auf das richtige Casting kommt es an
Ein weiteres Problem sollte dann beim Casting auftauchen. Es war schwer, die Hauptrolle des Clifford „Cliff“ Secord zu besetzen. Jede Menge prominente Schauspieler wie Kevin Costner oder Bill Paxton sprachen vor. Bill Paxton stand auch wohl kurz davor, den Zuschlag zu kriegen. Musste dann aber absagen. Am Ende sollte Billy Campbell (Der Denver-Clan) den Zuschlag kriegen. Was bei Disney nicht auf Freude stieß, da sie einen A-List-Darsteller wollten. Doch der Konzern konnte überzeugt werden. Billy Campbell stieg wirklich tief in die Rolle ein. Er bekämpfte sogar seine Flugangst dafür und hörte sich Musik der 1940er Jahre an.
Auch die Suche nach der weiblichen Hauptdarstellerin von Jenny Blake war nicht einfach, ehe dann Jennifer Connelly (Es war einmal in Amerika) den Zuschlag erhielt. Zwischen ihr und Billy Campbell sollten sich romantische Gefühle entwickeln, was man auch im Film merkte. Und für die Rolle des väterlichen Freundes von Cliff Secord, A. „Peevy“ Peabody, wurde am Ende Alan Arkin (Catch-22) gecastet.
Für die Rolle des Gangsters Eddy Valentine wurde Paul Sorvino (Das Modell und der Schnüffler) angeheuert, derweil Howard Hughes von Terry O’Quinn (Lost) dargestellt werden sollte. Timothy Dalton (James Bond 007 – Lizenz zum Töten) sollte als der von Errol Flynn inspirierte Neville Sinclair den Maincast abrunden.
Die Frage nach dem „Warum“?
Im Jahr 1938 stiehlt eine Gruppe von Gangstern einen Raketenrucksackprototypen von dem Luftfahrtmagnaten Howard Hughes. Sie liefern sich eine wilde Verfolgungsjagd und Schießerei mit der Polizei, in derem Verlauf einer der beiden Gauner getötet wird. Der andere, der Fluchtfahrer, hält kurz bei einem privaten Flugplatz und deponiert die Ware in einem der Flugzeuge, eher weiter flieht. Bei diesen ganzen Ereignissen wird auch der Flugakrobat Cliff Secord in Mitleidenschaft gezogen. Denn seine Maschine fängt sich im Flug einige Kugeln ein und baut eine Bruchlandung. Womit für für ihn und seine Crew alle Hoffnungen auf die Teilnahme an einem Luftwettbewerb sich in Luft aufgelöst hat. Kurz darauf findet er den Raketenrucksack und testet ihn mit seinem väterlichen Freund Peevy.
Er versucht die Enttäuschung zu verarbeiten und beschließt, mit seiner Freundin, der angehenden Schauspielerin Jenny Blake auszugehen. Was allerdings für ihn enttäuschend endet. Was er nicht ahnt, ist, dass der berühmte Schauspieler Neville Sinclair ihn heimlich belauscht hat und so von der Existen des Rucksacks erfährt. Er beschließt, diesen sich anzueignen und beginnt deshalb die Freundin von Cliff zu bezirzen. Wobei seine Motive nicht nur egoistischer Natur sind. Denn er hat ein düsteres Geheimnis.
Es gibt Filme, bei denen man weiß, dass sie gescheitert sind. Nur um sich dann direkt nach dem ersten Schauen zu fragen, wieso? Wieso ist beispielsweise Rocketeer gescheitert? Denn bei einem Budget von maximal 40 Millionen US Dollar hat er nur 46 Millionen US Dollar eingespielt. Woran lag das?
Man merkt das Herzblut
Denn der Film hat unbestreitbar Charme. Man merkt von Anfang, dass alle Beteiligten mit Herzblut bei der Sache waren. Sie erschufen so eine wunderbare Hommage an eine augenscheinlich einfachere Zeit. Wo die Welt noch nicht so technologisch hochentwickelt war. Und wo noch deutlicher Pioniergeist herrschte.
Man merkt in jeder Minute, wie viel Liebe in dem Projekt steckt. Nicht nur von den Schauspielern. Auch das Design, wie die 1930er Jahre wieder zum Leben erweckt werden, die Musik, einfach alles gefällt. Und diese Arbeit wurde an den Kinokassen nicht honoriert? Wieso?
Zugegebenermaßen ist Rocketeer nicht perfekt. Er hat seine deutlichen Schwächen. Teilweise vermutlich gewollt, teilweise eher nicht.
Die Konsequenz einer bewussten Entscheidung
Mit gewollt ist gemeint, dass die Charaktere eher simpler Natur sind. Dass sie nicht sonderlich komplex sind und man häufig ihre Entwicklungen vorher ahnen kann. Cliff Secord ist der typische Held, mit einem Herz aus Gold. Der per Zufall über etwas stolpert, dass es ihm ermöglicht, mehr zu sein, als ein Luftakrobat. Der allerdings gleichzeitig noch seinen Platz im Leben sozusagen finden muss. Derweil seine Freundin Jenny Blake stellenweise zu naiv wirkt, ein wenig zu sehr wie eine Damsel in Distress, ehe sie im Finale über sich hinauswächst.
Dann hat man auch noch die Gangster, die überwiegend wie Comedy Relief wirken. Und ihren Boss Eddy Valentine häufig genug mit ihrem Misserfolg nerven. Derweil der wahre Antagonist Neville Sinclair ist, der sich anschließend als Nazispion entpuppt, was den ganzen Film über sehr deutlich angedeutet wird.
Ich denke, dass diese einfacheren Darstellungen, diese eher geringe Charaktertiefe eine Konsequenz davon sind, dass der Film nicht nur vom Aussehen her in den 1930er Jahren spielt. Sondern er auch eine bewusste Hommage an jene Zeit darstellt, vor allem an die Movie Serials, die damals in den Kinos liefen. Und die von der Story und Figurenzeichnungen nicht eben oskarverdächtig waren.
Sitzfleisch ist nötig
Womit man sich ehrlich gesagt selber ein Bein gestellt hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, bei den Charakterisierungen mehr in die Tiefe zu gehen. Aber andererseits hätte dies auch irgendwo den Charme des Films zerstört.
Denn das hat Rocketeer in Masse: Charme. Und zwar jede Menge davon! Was eben eine Konsequenz des vielen Herzblutes ist, dass hier reingesteckt worden ist. Denn trotz der ganzen Fehler, die er unbestreitbar hat, fasziniert er den Zuschauer ebenfalls. Er ist spannend, auch wenn man vorhersehen kann, wie sich die Geschichte entwickelt! Aber die Tricktechnik und das Ambiente machen letzteres mehr als nur wett.
Wobei es nicht ausreicht, um den Hauptkritikpunkt auszugleichen. Der Film braucht, um in die Gänge zu kommen. Er lässt sich Zeit, die Handlungszeit, den Handlungsort und seine Handlungsfiguren einzuführen. Leider etwas zu viel, da dadurch das Interesse des Zuschauers leidet.
Und dennoch: Es ist unverständlich, wieso der Film damals scheiterte. Weil all diese Mankos nicht verhindern, dass man beim Zuschauen sehr viel Spaß ist. Und deshalb ist der Flop für mich auch so unverständlich. Meiner Meinung nach hätte er besseres verdient.
Info
Regie:Joe Johnston
Drehbuch: Danny Bilson, Paul De Meo
Story: Danny Bilson, Paul De Meo, William Dear
Produktion: Charles Gordon, Lawrence Gordon, Lloyd Levin
Musik: James Horner
Kamera: Hiro Narita
Schnitt: Michael A. Stevenson, Arthur Schmidt
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