Wie weit würde man gehen, um Gerechtigkeit zu erhalten? Welche Prinzipien wären es wert einzuhalten? Und welche nicht?

Historische Parallelen
Nach den enttäuschenden Ereignissen im Winter ist sich Miss B. unsicher, ob sie wirklich die geeignete Anführerin für die Tiere im Schloss ist. Doch dann formuliert sie mit einigen von ihnen Forderungen, die sie dem Stier Silvio übergeben will. Natürlich weiß sie, dass dieser nur darauf wartet, sie alleine zu erwischen. Allerdings ist sie selten allein.
Doch der Kampf gegen das Regime erfordert Opfer. Sie muss ihre beiden Kinder vernachlässigen, ebenso wie sie regelmäßig ihre Gesundheit aufs Spiel setzt. Doch am Ende ist das große Ziel wichtiger.
Gewaltlosigkeit über alles
Beim Lesen von Die Nacht der Gerechten kamen mir mehrere Parallelen zu dem legendären indischen Freiheitskampf unter Ghandi auf. Da wie dort ging es um Gewaltlosigkeit, dem Gegner keine Blöße zu zeigen und mit zivilen Mitteln sein Ziel zu erreichen. Ich denke, diese Parallelen sind beabsichtigt.
Wenn man genau hinschaut, dann sieht die weise Ratte Azelar auch ähnlich wie der berühmte Friedensnobelpreisträger aus. Womit also die Weisheiten, die er vor allem an Miss B. weitergibt, auf seinen eigenen Lebenserfahrungen beruhen. Was einiges erklären würde.
Miss B. wäre damit auch die perfekte Schülerin. Sie hat sich sein Ethos, seine Lehre der Gewaltlosigkeit zu Herzen genommen. Und zwar in jedem nur erdenklichen Aspekt. Sie verurteilt ihre Mittiere, weil diese mitgeholfen hatten, Hund Nummer 1 zu töten. Und sie schafft es trotzdem, dass ihre Mitstreiter gemeinsam an einem Strang ziehen, dass sie zusammen eine Liste an Forderungen erstellen, die schließlich an Silvio übergeben werden sollen.
Der zeigt sich in dieser Ausgabe wieder einmal von seiner ganz skrupellosen Seite. Kaum liegt der tote Hund Nummer 1 im Grab und hat sich der Großteil der Hundemeute zurückgezogen, befiehlt er Hund Nummer 2, den Leichnam in die Kühlkammer zu tragen, wo bereits all die anderen toten Körper hängen. Daran sieht man, dass auf seiner Prioritätenliste sein eigenes Vergnügen höher angesiedelt ist als das seiner Untergebenen. Sogar das seiner direkten Leute.
Auch Antagonisten haben eine Vergangenheit
Und doch ist er nicht nur ein reiner Antagonist. Gemeint ist, dass das Kreativteam zu Beginn eine Rückblende einbaut, in der man ihn als jungen Erwachsenen kennenlernt. Damals hat er sich unter dem Vorgängerregime kaputtgearbeitet. Und er hat sogar seine Mutter verloren, als er eines Tages nicht die komplette geforderte Arbeitsleistung vollbrachte.
Das ist insofern interessant, als dass dieses Regime zumindest nominell anscheinend eine Art Demokratie war. Aber so, wie man es anhand dieser wenigen paar Seiten erfährt, muss es eher eine Art Fake-Demokratie gewesen sein.
In jedem Fall erklärt es ganz gut, wieso Silvio sich so verhält, wie er es tut. Es ist eine Erklärung, aber keine Rechtfertigung. In einer anderen kleinen Szene sieht man, wie er versucht, seinen Nachwuchs abzuhärten. Die Wahl seiner Mittel dazu sind … zweifelhaft.
Keine faire Zukunft
Dabei wird er in dieser Ausgabe wiederholt in eine Ecke gedrängt. Der gewaltlose Widerstand von Miss B., die Tatsache, dass die anderen Tiere sich nicht einschüchtern lassen, dass sie alle das Essen verweigern – es lässt ihn nicht gut aussehen. Weshalb er am Ende ja auch nachgibt und eine der wichtigsten Forderungen erfüllen will. Wobei das letzte Panel andeutet, dass er nicht bereit ist, fair zu spielen.
Es ist genauso wie die Vorgänger wieder grandiose Unterhaltung.
Info
Autoren: Xavier Dorison
Zeichnungen: Félix Delep
Farben: Félix Delep und Jessica Bodard
Verlag: Splitter
Sonstige Infos: Produktseite
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