[TOS 060] Die fremde Materie

Lesezeit circa: 8 Minuten

Botschafter Kollos reist mithilfe der Enterprise zurück zu seinem Heimatplaneten. Unterwegs passieren Dinge, die in einer Beinah-Katastrophe münden.

Staffel 3, Folge 5 – Sternzeit 5630,7 – 5630,8
„Die fremde Materie“ – „Is There in Truth no Beauty?“

Die Handlung

Botschafter Kollos gehört dem Volk der Medusen an und möchte zu seinem Heimatplaneten zurückreisen. Die Enterprise bekommt den Auftrag, ihn dorthin zu bringen. Kollos wird begleitet von Miranda Jones. Der Auftrag ist nicht ungefährlich, denn die Medusen treiben unfreiwillig jeden in den Wahnsinn, der sie ungeschützt anschaut.

Das Besatzungsmitglied Mavrick verliebt sich in Jones. Doch diese weist ihn zurück. Mavrick macht Kollos dafür verantwortlich und will ihn töten. Dabei erblickt er den Botschafter und verliert den Verstand. Er reißt die Schiffssteuerung an sich und bringt die Enterprise in die Energiebarriere, welche die Milchstraße umschließt.

Um das Schiff zu retten, geht Spock (Leonard Nimoy) mit Kollos eine telepathische Verbindung ein. Kollos‘ navigatorisches Talent soll helfen, das Schiff zurück zu steuern. Als er die telepathische Verbindung lösen will, vergisst er seine Schutzbrille und wird auf der Stelle wahnsinnig.

Nur Miranda Jones, selbst Telepathin, kann ihm jetzt noch helfen.

Die fremde Materie

Rezension von Die fremde Materie

Materie! Ich muss doch sehr bitten. Den Botschafter der Medusen als „Materie“ zu bezeichnen, empfinde ich schon als sehr respektlos. Schließlich ist Kollos ein hoch entwickeltes, intelligentes, freundliches Wesen. Zwar mutet er im Vergleich zu humanoiden Völkern sicherlich sehr fremdartig an, aber er ist gleichwohl gleichwertig und gleichberechtigt zu betrachten.

Medusen

Wieder hat die Enterprise mit einem hoch entwickelten Wesen zu tun. Allerdings ist es hier anders. Der Botschafter der Medusen greift niemanden an, noch will sein Volk jemanden erobern, zurechtweisen, verfolgen, vernichten, belehren oder als Spielzeug benutzen. Neben all den Begegnungen mit übermächtigen Aliens ist Die fremde Materie diesbezüglich eine nette Abwechslung.

Die Bezeichnung „Medusen“ ist der griechischen Mythologie entlehnt. Medusa, eine der berühmten Gorgonen, ist bekannt für ihr abstoßendes Aussehen. Mit ihren Schlangenhaaren, Echsenschuppen, mächtigen Hauern und der heraushängenden Zunge würde sie sicherlich keinen modernen Schönheitswettbewerb gewinnen. Wer die Medusa anschaut, wird augenblicklich zu Stein.

Die fremde Materie

In Star Trek sind Medusen Wesen aus reiner Strahlung. Ob das physikalisch möglich ist, sei dahin gestellt. Strahlung wird emittiert, muss also einen Ursprung haben, in welcher Form auch immer. Wie Kollos aussieht, erfahren die Zuschauer nicht. Zwar erstarrt man beim Anblick nicht zu Stein, dafür macht der Anblick jeden auf der Stelle wahnsinnig. Grund dafür soll die Strahlung sein. Dabei durchdringt Strahlung je nach Art des Zerfalls diverse Stoffe. Bereits Alphastrahlung kann in die oberen Hautschichten eindringen, schädigt sie im Gegensatz zur Betastrahlung nicht. Diese kann bereits ordentliche Verbrennungen anrichten, lässt sich jedoch mit einer mehrere Millimeter dicken Abschirmung abhalten. Gammastrahlung hingegen schädigt biologisches Leben nachhaltig. Auch Röntgenstrahlung ist nicht harmlos.

Ich möchte mich hier nicht weiter groß auslassen. Fakt ist, dass Strahlung sich nicht allein durch eine Schutzbrille abhalten lässt. Zwar mögen die Augen geschützt sein, aber der restliche Körper ist es nicht und wird somit von der Strahlung durchdrungen. Da die Emissionen Kollos‘ den Geist angreift, wird es mit Sicherheit keine harmlose Strahlung sein. Somit ist der Sinn der Schutzbrille einfach nicht vorhanden. Das Ganze erscheint erst halbwegs logisch, wenn man weiß, dass im englischen Original keineswegs von Strahlung die Rede ist, sondern von der abgrundtiefen Hässlichkeit der Medusen. Offenbar beinhalten die Brillen einen Schönheitsfilter.

Einzig Spock und Kollos‘ Begleiterin Miranda Jones können dem Anblick mithilfe der Brille standhalten. Apropos Anblick, Miranda Jones ist blind. Natürlich kann sie Kollos „ertragen“, was sie zur perfekten Begleiterin macht. Sie bräuchte nicht einmal diese neckische rote Schutzbrille. Und doch trägt sie eine, um ihre Blindheit zu verbergen. Interessant ist ihr Hilfsmittel, mit dem sie sich mühelos zurechtfinden kann: Ihr Überwurf besteht aus vielen kleinen Sensoren, mit denen sie ihre Umgebung wahrnehmen kann. So fällt ihre Sehbehinderung nicht auf.

Hier findet sich zum ersten Mal in Star Trek ein futuristisches Hilfsmittel für eine körperliche Behinderung. Zwar sitzt Captain Pike in Talos IV Tabu 1 und 2 in einem Rollstuhl, aber das ist etwas, was wir in unserer Zeit längst kennen. Das Augenlicht durch Sensoren zu ersetzen, ist jedoch noch Science-Fiction. Die Idee, Behinderungen durch Technik auszugleichen, findet sich in Star Trek – The Next Generation ebenfalls wieder: Lt. Geordie LaForge (LeVar Burton), blind seit Geburt, trägt den berühmten Visor.

Die fremde Materie

IDIC / UMUK

In Die fremde Materie wird eines der wichtigsten Themen in Star Trek thematisiert. Die vulkanische Philosophie basiert unter anderem auf der Lehre Suraks über die Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination (UMUK), im Englischen: Infinite Diversity in Infinite Combination (IDIC). IDIC bedeutet Offenheit gegenüber anderen Völkern, Kulturen, Ideen und Weltanschauungen. Symbolisiert wird es durch einen Kreis und ein Dreieck, auf dessen Spitze eine Art Perle steckt. Dieses Gebilde versinnbildlicht die Vereinigung zweier völlig unterschiedlicher Formen.

IDIC ist Tischthema des Abends zwischen Kirk (William Shatner), Spock, McCoy (DeForest Kelley) und Jones. Spock trägt das IDIC-Zeichen an seiner Uniform, um Jones zu ehren. Leider versteht diese erst sehr viel später, was IDIC wirklich bedeutet.

Das vulkanische Prinzip IDIC ist eine bemerkenswerte Erfindung Gene Roddenberrys. Zum einen passt es wunderbar zu dem friedlichen vulkanischen Volk, welches sich der reinen Logik verschrieben hat. Zum anderen sind Dinge wie IDIC ein Teil der Seele Star Treks. Gerade die vielen Unterschiede der Völker und Kulturen sind es, die das Leben bereichern. Anders zu sein ist nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil, denn gerade so ist Neues erkennbar, kann auch Neues entstehen, wenn man Dinge einfach miteinander kombiniert.

IDIC kann, soll sogar, als Vorbild in unserer heutigen Zeit gelten, in der trotz aller angeblichen Fortschritte die Andersartigkeit immer noch nicht gesellschaftlich erwünscht ist. Und da ist es egal, ob es um Erkrankungen geht, um Weltanschauungen, um die Liebe. Es wird zu oft nicht akzeptiert, dass die gegenüberstehende Person einfach anders ist und gleichzeitig ein genauso wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist, wie alle anderen auch.

Fazit

Die fremde Materie ist nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste Folge. Hier stehen charakterliche Beziehungen im Vordergrund, sodass weniger Action zu sehen ist. Einige Ungereimtheiten schmälern den Genuss: Wie genau schützen die roten Brillen vor Kollos und warum werden sie nicht konsequent genutzt? Müssen sie nur getragen werden, wenn Kollos Köfferchen offen steht? Warum trägt Spock sie beim Beamen und nimmt sie dann plötzlich ab? Anschließend trägt er sie, als er und Jones Kollos zu dessen Quartier bringen. Irgendwie ist die Einweisung in die Benutzung der Brillen nicht ganz vollständig gewesen.

Weiter: Wie ist die Enterprise nun in die Energiebarriere gekommen bzw. wie hat Mavrick das gemacht? Warum steckt sie dort fest? Kirk müsste eigentlich wissen, wie er damit zurechtkommen kann. Die Enterprise war bereits in Die Spitze des Eisberges und in Stein und Staub dort gewesen. Hier ist klar, dass die Serie aus aneinander gereihten Geschichten besteht und kein sie durchziehender roter Faden erkennbar ist. Die fremde Materie punktet dafür mit dem sehr interessanten Charakter „Miranda Jones“ sowie mit der geheimnisvollen Fremdartigkeit der Medusen (wobei die Darstellung durch flackerndes gleißendes Licht nicht wirklich gelungen ist) und der Einführung des IDIC-Prinzipes.

Fun Facts

  • Diana Muldaur ist eine wiederkehrende Schauspielerin in Star Trek. Ihren ersten Auftritt hatte sie in Geist sucht Körper. In Star Trek – The Next Generation kehrt sie als Dr. Katherine Pulaski zurück.

Der deutsche Titel

Die fremde Materie bezieht sich auf Kollos, wobei der Titel eigentlich unsinnig ist. Kollos ist nicht einfach bloß fremde Materie. Is There in Truth no Beauty?, ist etwas poetischer als Titel. Tatsächlich hat er seinen Ursprung in dem Gedicht Jordan von George Herbert. Gibt es in Wahrheit keine Schönheit?, fragt er dort. In der Star Trek-Folge rund um Kollos bezieht sich der Titel auf die Hässlichkeit der Medusen (was in der deutschen Fassung völlig untergeht) und auf das IDIC-Prinzip, welches die Schönheit durch die Unterschiedlichkeiten und deren Kombination miteinander sieht.

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Kirsten Pevestorf
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Kirsten Pevestorf

Kirsten ist Jahrgang 80 und ein totaler TOS-Fan, kein Wunder, dass sie sich bei und auch hauptsächlich darum kümmert. Wenn das nicht reicht, vertritt sie Marco in der Chefredaktion.

2 thoughts on “[TOS 060] Die fremde Materie

  • 19. Juli 2020 um 10:51
    Permalink

    Mal ein kritischer Kommentar: Das IDIC wurde von Leonard Nimoy abgelehnt, weil deutlich war, dass Roddenberry es nur erfand, um Merchandise zu verkaufen. Quelle: I Am Spock, Seite 66-67

  • 3. August 2020 um 13:58
    Permalink

    Tach.
    Jetzt erst gelesen. Tolle Rezension, die vielen interessanten Aspekte in mittelmäßiger Folge lesenswert diskutiert.

    @UMUK/IDIC: So sehr mit der Sentenz die Essenz der vulkanischen Philosophie auf den Punkt gebracht wäre, so wenig scheint SELBST BEI DEN VULKANIERN(!) dieses DENK-Prinzip in gelebte Praxis umgemünzt zu sein.
    Wenn die „unendliche Mannigfaltigkeit“ de facto und nicht nur philo-theoretisch anerkannt wäre, müsste bspw. Spock doch WESENTLICH besser mit menschlicher Emotionalität klarkommen. (erst recht aufgrund eigener, jedoch ja lange verdrängter Anteile) Doch er stolpert immer wieder über Kirks und McCoys lebhafte Art, statt dass er sich (zumindest lange Zeit) daran gewöhnen kann oder es gerade aufgrund von UMUK als EINE weitere Kombination des Möglichen an-/erkennt.
    Gleiches bei nahezu allen gezeigten Vulkaniern quer durch die Serien (v.a. Voyager und Enterprise) , die für philosophisch tiefgründige Einsicht dann doch in der Praxis bisweilen etwas „naiv“ an den real gebotenen Möglichkeitskombinationen scheitern.
    Anders gesagt: die gedanklich anerkannte einsichtige Erkenntnis wandeln sie auffallend selten in situationspassendes Verhalten um. So bleibt UMUK doch zu oft bloß graue Theorie, bei der sich die Vulkanier letztlich dann doch nur auf IHRE EIGENE EINE Logik selbst verkürzen…

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