Von Göttern, Philosophen und Gladiatoren – Die Antike in Star Trek: The Original Series (TOS)

Die Antike wird in Star Trek immer wieder aufgegriffen. Wir schauen uns einmal die klassische Serie an. In den drei Staffeln von Star Trek: The Original Series (1966-1969) besucht die Enterprise immer wieder Planeten, die auf die ein oder andere Weise an Episoden aus der Geschichte unserer Erde erinnern. So treffen Kirk und Co in der Folge „The Paradise Syndrome“ (Der Obelisk) z.B. auf ein Volk, das an die irdischen American Natives angelehnt ist, während „The Return of the Archons“ (Landru und die Ewigkeit) in einer Welt spielt, die in vielerlei Hinsicht den USA im 19 Jh. entspricht. Berühmt ist diesbezüglich natürlich die Folge „Patterns of Force“ (Schablonen der Gewalt) aus dem Jahr 1968, die in Deutschland erst 1999 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, da sich die Besatzung der Enterprise hier mit einem Nazi-Regime konfrontiert sieht.

Andere Planeten, dieselben Leute?

Auf der einen Seite erscheint es ziemlich unrealistisch, wenn wir auf fremden Planeten American Natives oder Leute mit Nazi-Uniformen sehen, doch ermöglichen solche Begegnungen auf der anderen Seite spannende Möglichkeiten für (mehr oder weniger) kritische gesellschaftliche Vergleiche, zumal die Schöpfer der Serie in der Regel Szenarien wählten, die den Zuschauerinnen und Zuschauern halbwegs vertraut gewesen sein dürften. Jedenfalls wird auch eine „wissenschaftliche“ Erklärung für diese sonderbaren Parallelen geliefert: „Hodgkin’s Law of Parallel Planetary Development“. Dieses Gesetz besagt nämlich, dass Planeten, die einander hinsichtlich ihrer natürlichen Bedingungen und ihrer Bevölkerungen ähneln, dazu neigen, ähnliche biologische und soziologische Entwicklungen zu durchlaufen, was dementsprechend auch für Gesellschaftsformen etc. gilt.

Zur Reihe der TOS-Episoden, in denen die Besatzung der Enterprise auf Planeten stößt, die Parallelen zur irdischen Geschichte aufweisen, zählen auch Folgen, die sich auf die griechisch-römische Antike (etwa 1.200 v.Chr. bis ca. 700 n.Chr.) beziehen. Im Gegensatz zu den American Natives, dem 19. Jh. oder den Nazis, liegt die Antike natürlich sehr weit zurück, doch gibt es in der Science Fiction eine regelrechte Tradition, Elemente der antiken Welt aufzugreifen. Diese Tradition wurde spätestens 1951 begründet, als der große Isaac Asimov im Rahmen seines Foundation-Zyklus auf die Idee gekommen ist, das Römische Reich in Form eines galaktischen Imperiums in das Weltall zu verlegen, was später von George Lucas für Star Wars übernommen wurde, wodurch diese Idee zu einem festen Bestandteil der modernen Populärkultur geworden ist. Womöglich vermittelte das damalige US-amerikanische Bildungssystem auch noch mehr klassische Bildung als wir das heute gewohnt sind, sodass man vielleicht davon ausgehen konnte, dass zumindest ein Teil des Publikums mit den Grundzügen der griechisch-römischen Antike vertraut war. Wie wir im Folgenden sehen werden, kannten sich zumindest ein Teil der Drehbuchautoren der nun zu besprechenden Episoden ziemlich gut mit der Thematik aus.

Star Trek und die Antike (Photo: Michael Kleu)
Der Tempel des Apoll

Beginnen wir mit der Folge „Who Mourns for Adonais” (Der Tempel des Apoll), in der die Enterprise auf Pollux IV auf den Gott Apollon trifft. Wie sich herausstellt, hatte dieser vor 5.000 Jahren als außerirdischer Besucher die Erde erreicht, wo die Menschen ihn und seine Begleiter – genannt werden Zeus, Athene, Aphrodite, Artemis, Pan, Hermes und Hera – aufgrund ihrer technischen Überlegenheit für Götter hielten. Die Serie greift also Ideen der sogenannten Prä-Astronautik auf, die davon ausgehen, dass Außerirdische bereits unsere Erde besucht hatten, als die Menschheit technisch, kulturell etc. noch nicht sonderlich weit entwickelt war. So sollen Apollon und seine Mitreisenden sich dann einerseits von den frühen Griechen als Götter verehren haben lassen, wobei sie sich aber andererseits äußerst positiv auf die kulturelle Entwicklung dieser Menschen auswirkten und als olympische Götter in die Menschheitsgeschichte eingingen. Irgendwann hatten die Menschen sich jedoch zu weit fortentwickelt, um weiter Bedarf an Göttern zu haben, weshalb sich Apollo und seine Gefährtinnen und Gefährten nach Pollux IV begaben. Müde von ihrem sehr langen Leben entschieden sich die übrigen „Göttinnen“ und „Götter“, ihre körperliche Daseinsform aufzugeben und in eine andere Ebene der Existenz überzugehen. Einzig Apollon beschloss, auf Pollux IV auszuharren und darauf zu hoffen, dass seine „Kinder“ – also die Menschen – eines Tages die Raumfahrt erlernen und auf diesem Wege zu ihm zurückkehren würden. Dabei erweist es sich nun als Problem, dass Apollon sich nicht an die neuen Zeiten anpassen kann und wieder wie in der griechischen Antike von der Besatzung der Enterprise als Gott verehrt werden möchte, wofür er den Menschen im Gegenzug ein sorgenfreies Leben als Hirten anbietet. Als sich Kirk und Co dagegen entscheiden, versucht Apollon seinen Wunsch mit Gewalt durchzusetzen, wobei er außergewöhnliche Kräfte einsetzt. Nachdem die Enterprise-Crew die Energiequelle entdeckt hat, aus der Apollon seine große Macht speist, vernichtet sie diese, woraufhin der Gott sich entschließt, seinen alten Gefährten in ihre körperlose Daseinsform zu folgen. Am Ende wird es dann relativ versöhnlich, wenn es Kirk und McCoy ein wenig Leid tut, dass sie eine Person bekämpfen mussten, die soviel für die menschliche Kultur geleistet hat.

Wie schon das dritte clarkesche Gesetz besagt, ist eine weit fortgeschrittene Technologie kaum von Magie zu unterscheiden, weshalb es nicht unwahrscheinlich ist, dass Außerirdische antiken bzw. vorantiken Menschen sicherlich wie Götter vorgekommen wären. Insofern bietet „Who Mourns for Adonais“ ein interessantes Gedankenspiel, das nicht ungewöhnlich für das Star Trek-Universum ist, hatte Gene Roddenberry doch lange vergeblich versucht, eine ähnliche Geschichte mit dem christlich-jüdischen Gott zu produzieren (Star Trek: The God Thing), was sich aus naheliegenden Gründen in den USA der damaligen Zeit nicht realisieren ließ, in abgewandelter Form aber zu Star Trek I: The Motion Picture und Star Trek V: The Final Frontier führte. Abgesehen von dem für Science Fiction typischen Vorgehen, scheinbar Übernatürliches wissenschaftlich-rational zu erklären, steht hier aber etwas anderes im Vordergrund. Denn wie in mehreren anderen Episoden der Serie geht es auch in dieser Folge um das Phänomen, dass Macht korrumpiert. Verfügt ein Wesen über eine Macht, die es anderen weit überlegen macht, kann dies nur zu leicht dazu führen, dass dieses Wesen sich in der Folge nicht mehr an Recht und Moral gebunden fühlt, sondern handelt, wie es ihm beliebt. Und genau dies tut Apollon. Der Besatzung der Enterprise erscheint das von ihm angebotene sorgenfreie Idyll daher als eine Form von Sklaverei, sodass sie ein echtes Leben mitsamt seiner Schattenseiten wie Tod und Krankheit bevorzugt, was natürlich sehr dem amerikanischen Freiheitsideal entspricht.

Antike in Star Trek – auch optisch

Vom Bühnenbild her sollen Säulen, Statuen, Obstschalen, ein Marmortisch und eine Leier einen antiken Eindruck vermitteln. Der von Michael Forest gespielte Apollon selbst trägt goldene Sandalen und einen Lorbeerkranz, ist aber ansonsten relativ unbekleidet, was seinen guten Körperbau hervorhebt, der an eine griechische Statue erinnert. Aus seiner Zeit auf der Erde berichtet er hauptsächlich von Personen wie Agamemnon, Hektor und Odysseus, die dem trojanischen Sagenkreis angehören. An Gebäuden gibt es im Wesentlichen einen offenen Tempel, in dem der Gott auf einem Thron sitzt. In den Dialogen wird besonders durch Lieutenant Carolyn Palamas (Leslie Parrish), die als Offizierin für Anthropologie, Archäologie und antike Zivilisationen auf der Enterprise dient, Basiswissen über den Gott vermittelt. (Wenn man im Weltraum völlig überraschend auf einen griechischen Gott stößt, ist es natürlich richtig praktisch, eine solche Offizierin an Bord zu haben!) Natürlich kommt es zu einer Liebesbeziehung zwischen Apollon und Palamas, die jedoch zu einem gewissen Zeitpunkt in angedrohte Gewalt umschlägt, was mit der antiken Darstellung des Apollon übereinstimmt, der zwar als Gott der Weissagung, der Heilung etc. grundsätzlich eher positiv besetzt ist, gelegentlich allerdings auch als Vergewaltiger in Erscheinung tritt. Ursprünglich war vorgesehen, dass Palamas schwanger wird und ein Kind von Apollon empfängt, dem sie den Namen Athena gibt. Dieser Erzählstrang wurde letztlich zwar doch nicht in die Folge aufgenommen, findet allerdings dennoch seine Fortsetzung in Peter Davids Star Trek: New Frontier-Buchreihe sowie in Star Trek New Visions: Of Woman Born.

Die Drehbuchautoren Gilbert Ralston und Gene L. Coon greifen in der Folge also die griechische Götter- und Sagenwelt auf und „füttern“ das Publikum mit einer Reihe allgemein bekannter Namen, wobei es schön ist, wie die griechische Kultur als eine bedeutende Wurzel unserer heutigen Zivilisation zelebriert wird, wobei man allerdings kritisieren muss, dass in der Episode in diesem Zusammenhang ältere mesopotamische und ägyptische Kulturen ausgeklammert werden, also ein sehr eurozentrisches Weltbild vermittelt wird.

Antike in Star Trek
Bild: Araceli
Platons Stiefkinder

Thematisch bleiben wir im antiken Griechenland, wenn wir uns der Folge „Plato’s Stepchildren“ zuwenden. Auch hier treffen wir wieder auf mächtige außerirdische Wesen, die zur Zeit der griechischen Antike die Erde besucht haben, womit wir wieder bei der Prä-Astronautik wären. Allerdings gibt es nun einen ziemlich interessanten Clou, sind es doch diesmal nicht die technologisch überlegenen Außerirdischen, die den rückständigen Menschen etwas beibringen. Vielmehr treffen die 38 Besucher auf den griechischen Philosophen Platon, dessen Gedanken sie zutiefst beeinflussen und prägen. Nach dem Untergang der griechischen Zivilisation reisen die Außerirdischen zu einem anderen Planeten weiter, den sie in Anlehnung an ihren Lehrmeister Platonius nennen und wo sie aufgrund eines dort existierenden Elements, das sie über die Nahrung aufnehmen, enorme telekinetische Kräfte entwickeln. Ohnehin schon auf ihrem Heimatplaneten genetisch modifiziert, verfügen die Platonier daher wie Apollon über gewaltige Kräfte, die auch hier wieder zu einem moralischen Verfall führen, versuchen sie doch mit allen Mitteln, McCoy dazu zu zwingen, sich als Arzt auf ihrem Planeten niederzulassen, wobei sie sämtliche Grenzen überschreiten. Doch gelingt es auch hier der Enterprise-Crew natürlich letztlich, die mächtigen Tyrannen zu besiegen. In dieser Folge kommt es übrigens zum berühmten Kuss zwischen Kirk und Uhura, der ihnen allerdings durch die Kräfte der Platonier aufgezwungen wird.

Auch hier sollen wieder zahlreiche Säulen, Büsten, Statuen, Kratere (griechische Kruggefäße), eine Harfe, diverse Möbel und Obstschalen einen Eindruck griechischer Antike vermitteln, woran auch die Kleidung der Platonier angepasst wird, wobei auch Lorbeerkränze nicht fehlen dürfen. Anders als bei „Who Mourns for Adonais“ geht die Antikenrezeption in dieser Folge wesentlich tiefer, finden sich doch zahlreiche kleinere wie größere Anspielungen auf das antike Griechenland, die teilweise wohl nur von Fachleuten erkannt werden können, weshalb zu vermuten ist, dass Drehbuchautor Meyer Dolinsky sich recht tief mit der Thematik auseinandergesetzt haben muss.

Antike in Star Trek
Vielen Dank an Ariane (Nerd mit Nadel) für das tolle Bild!

Mit „Bread and Circuses“ liegt auch eine Folge vor, die die römische Antike betrifft. Hier treffen wir nicht auf Außerirdische, die irgendwann die Erde besucht haben, sondern auf eine Kultur, die sich entsprechend dem oben vorgestellten „Hodgkin’s Law of Parallel Planetary Development“ wie das irdische Imperium Roman entwickelt hat. Interessanterweise ist Rom auf diesem Planeten aber nicht untergegangen, sondern hat die Industrialisierung durchlaufen und das 20. Jh. erreicht, sodass wir z.B. klassische römische Legionäre mit Maschinengewehren sehen. Spannend ist auch, dass sich die Sklaven in dieser Welt ein Recht auf medizinische Versorgung etc. erkämpft haben. Anders als auf der Erde, beginnt sich das Christentum hier erst jetzt zu entwickeln. Die Räumlichkeiten sind auch hier wieder durch Säulen, Statuen, offene Feuer, Obstschalen, Wandteppiche und Möbel klar antikisierend gestaltet. Im Großen und Ganzen bleibt die Antikenrezeption hier jedoch recht oberflächlich und operiert fast ausschließlich mit Allerweltwissen über die Römer. Richtig witzig ist aber, dass die Gladiatorenspiele, die viele Menschen offensichtlich mit Rom verbinden, in einer in einem Fernsehstudio nachgebauten Arena stattfinden, in der ein Tontechniker Jubel und Buhrufe einspielt und Kameramänner und Moderatoren für eine gute Show sorgen, was mit einer flüchtigen Kritik am Fernsehen der 60er Jahre verbunden wird.

Daneben gibt es noch einige weitere Bezüge zur Antike, die sich zum Beispiel an den Raumschiff- und Planetennamen sowie am Volk der Romulaner aufzeigen ließe, das sich ja ebenfalls auf das Imperium Romanum bezieht. Auch könnte man sich noch viele Gedanken zu Parallelen zwischen Star Trek und der homerischen Odyssee machen, doch heben wir uns das lieber für ein anderes Mal auf.

Falls Euch meine Gedanken zur Darstellung der Antike in Star Trek gefallen haben, findet Ihr im Folgenden noch ein paar Hinweise auf vertiefende Literatur:

George Kovacs: Moral and Mortal in Star Trek: The Original Series, in: B.M. Rogers/B.E. Stevens (Hgg.): Classical Traditions in Science Fiction. Classical presences, Oxford/New York 2015, S. 199-216.

Meine Sammlung von aus der Antike stammenden Raumschiffnamen im Star Trek-Universum und der Science Fiction allgemein

Steady

Michael Kleu

Michael ist Jahrgang 1978 und Althistoriker. Er schreibt einen eigenen Blog über die Antikenrezeption in fantastischen Medien.
Michael Kleu

Michael Kleu

Michael ist Jahrgang 1978 und Althistoriker. Er schreibt einen eigenen Blog über die Antikenrezeption in fantastischen Medien.

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