Das Ende der Welt – vom Ende der Welt
Eine kleine Perle
Bevor der Neuseeländer Peter Jackson mit der Verfilmung von Tolkiens Der Herr der Ringe Trilogie spektakuläre Erfolge feierte, wussten viele wahrscheinlich noch gar nicht, dass es am anderen Ende der Welt überhaupt eine nennenswerte Filmindustrie gab.
Aber schon im Jahr 1985 inszenierte Jacksons Landsmann Geoff Murphy mit dem ungewöhnlichen Science-Fiction Thriller Quiet Earth – Das letzte Experiment eine kleine Perle des fantastischen Films, die einen Blick wert ist und mit der er zeigte, dass auch weit jenseits von Hollywood originelles Kino entstehen kann. Ganz ohne den Einsatz aufwändiger Computereffekte stellte er das Ende der Menschheit eindrucksvoll dar und brachte den Zuschauer gleichzeitig zum Nachdenken.
Inhalt
Der Wissenschaftler Zac Hobson (Bruno Lawrence) wacht eines scheinbar ganz normalen Morgens auf und macht sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, einem unterirdischen Labor, bei dem es sich um eine Zweigstelle des amerikanischen Forschungsprojekts „Flashlight“ handelt. Dessen Ziel besteht darin ein unsichtbares Energienetz um den gesamten Erdball zu spannen, was Flugkörpern ermöglichen würde ununterbrochen in der Luft zu bleiben ohne nachtanken zu müssen.
Als Zac durch die Straßen von Auckland fährt muss er zu seiner Verwirrung feststellen, dass die ganze Stadt völlig menschenleer ist, als hätten sich sämtliche Einwohner von einer Sekunde auf die nächste in Luft aufgelöst. Im Labor findet er heraus, dass das Projekt „Flashlight“ bereits wie geplant stattgefunden hat und dabei offensichtlich etwas auf entsetzliche Weise schiefging. Nach tagelanger und letztlich erfolgloser Suche kommt Zac zu dem Schluss, dass er tatsächlich der einzige noch lebende Mensch auf den ganzen Planeten ist.
Anfangs genießt er noch die vielfältigen Freiheiten und Möglichkeiten, die sich aus seiner Situation ergeben. Doch angesichts seiner extremen Einsamkeit verschlechtert sich sein Geisteszustand nach und nach rapide. Nach einem Selbstmordversuch, den er im letzten Augenblick abbricht, versucht er aber schließlich das Beste aus seiner Lage zu machen. Nach zwei Wochen des Alleinseins trifft er jedoch auf eine weitere Überlebende, der jungen Joanne (Allison Routledge) woraufhin sein Lebensmut wieder zurückkehrt. Kurz darauf treffen die beiden auch noch auf den Maori Api (Pete Smith).
Die drei entdecken, dass sie sich zu dem Zeitpunkt als alle anderen Menschen verschwanden jeweils an der Grenze zum Tod befanden. Api wurde bei einem Kampf von einem Mann ertränkt, Joanne erlitt einen elektrischen Schlag und Zac selbst versuchte sich mit Schlaftabletten umzubringen, da er seine Bedenken über die Sicherheit des Projektes „Flashlight“ für sich behielt und sich daher schuldig fühlte.
Nach einiger Zeit macht Zac schließlich eine beunruhigende Entdeckung: Das Experiment läuft noch immer weiter und er befürchtet, dass sich der Effekt, welcher die Erde leer fegte nun mit unabsehbaren Folgen wiederholen könnte…
Viele von uns mögen sich vielleicht schon einmal vorgestellt haben wie es wohl wäre der einzige Mensch auf der Erde zu sein und damit plötzlich die Freiheit zu besitzen alles tun zu können, was man schon immer wollte. Doch „Quiet Earth“ zeigt, dass eine solche Lage mit einem Aufenthalt in der Hölle vergleichbar ist.
Der zunächst noch so rationale Wissenschaftler Zac beginnt sich in Folge seiner Isolation immer sonderbarer zu verhalten. Mit jedem Tag, der vergeht, gleitet er mehr und mehr in einen psychotischen Zustand ab. Er ruft sich zum „König der leeren Welt“ aus und versucht Gott dazu zu zwingen sich ihm zu zeigen indem er in einer Kirche auf die Jesusfigur schießt.
Meinung
Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung, die hier von Hauptdarsteller Bruno Lawrence absolut glaubwürdig dargestellt wird: Im Zustand des totalen Alleinseins wandelt er sich vom angepassten Zivilisationsmenschen zuerst in einen halb Wahnsinnigen, der zunächst beginnt sich selbst für Gott zu halten, um anschließend zum Berserker zu mutieren, der sich in einer sinnlosen Zerstörungsorgie ergeht, um sich von seiner Frustration abzulenken. Am Beginn dieses Prozesses liegt bezeichnenderweise eine ebenso sinnlose Konsumorgie: Zac quartiert sich in nun leerstehende Luxusvillen ein, kleidet sich in teure Anzüge und deckt sich in Einkaufszentren mit allen möglichen Krempel ein.
Doch was nützen all diese Dinge wenn es niemanden gibt, mit dem man sie teilen kann? Regisseur Murphy macht auf metaphorische Weise deutlich wie wenig hilfreich hemmungsloses Konsumieren für den einzelnen Menschen letztlich ist, wenn es darum geht seine innere Leere zu füllen. Die katastrophalen Folgen des durch das „Flashlight“ verursachten Effektes stehen sinnbildlich für diese innere Leere, die so manch Angehöriger der Überflussgesellschaft auf bewusster oder unbewusster Ebene wahrnimmt, und von der wir uns abzulenken versuchen indem wir uns verschwenderischen Ausflügen in Kaufhäuser und Onlineshops hingeben. Ebenso wie so mancher Zeitgenosse in den westlichen Industrienationen glaubt auch Zac Hobson seine Einsamkeit durch die Anhäufung aller möglichen materiellen Besitztümer kompensieren zu können, was ihn jedoch nicht davor schützt beinahe seinen Verstand zu verlieren. Indem er uns diesen Irrweg so drastisch vor Augen führt übt Murphy deutliche Zivilisationskritik.
Diese wird noch durch die subversive Ironie verstärkt, dass ausgerechnet das „Flashlight“ Projekt, welches der Menschheit eine unerschöpfliche Energiequelle bescheren sollte zu deren Auslöschung führte. Quiet Earth fügt sich damit in die lange Reihe von SF-Geschichten ein, die sich als Warnung vor allzu naiven Fortschrittsglauben verstehen.
Doch selbst nach der totalen Auslöschung der Menschheit kommen unter den einzigen Überlebenden die alten Konflikte um Macht und Status zum Vorschein. Die anfängliche Harmonie in der kleinen Gemeinschaft der Drei beginnt nämlich ernsthaft zu bröckeln als es zwischen den beiden Männern Zac und Api zum Streit um die Führung des Trios kommt. Erst unter Androhung von Waffengewalt gelingt es Joanne die beiden Streithähne daran zu hindern sich gegenseitig umzubringen. Auch hier hält uns der Film wieder den Spiegel vor: Es ist der Widerstreit von Vernunft und Impulsivität, der im Konflikt zwischen den Kopfmenschen Zac und den maskulinen Api zum Ausdruck kommt.
Quiet Earth ist voll von solch kultur- und zivilisationskritischen Facetten, was diesen kleinen Film vom Ende der Welt weit über den Durchschnitt inhaltsleerer Endzeitepen wie zum Beispiel Roland Emmerichs 2012 hebt.
Die Effekte und Kulissen wirken aus heutigen Sicht natürlich recht angestaubt und können keinen Vergleich mit vergleichbaren Streifen wie I am Legend standhalten. Aber gerade aus dieser Not macht der Streifen eine Tugend: Das Ende unserer Zivilisation kommt nicht mit biblischer Gewalt, über den Planeten, sondern ebenso unvermittelt wie unspektakulär.
Das Ende dürfte bei manchen Zuschauer für Unverständnis sorgen, da es zu den unterschiedlichsten Interpretationen einlädt, was sicher nicht jedermanns Sache ist. Doch wem es schon immer gestört hat wen ein Filmende alle Fragen, welche die Geschichte aufgeworfen hat restlos beantwortet und stattdessen lieber seine eigene Fantasie von einem rätselhaften Schluss anregen lassen möchte wird damit sicherlich keine Probleme haben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte übrigens auch die intensive Filmmusik von John Charles, die sich einem sofort ins Gedächtnis brennt. Zusammen mit einigen surrealen Soundeffekten, die die Seltsamkeit der Situation noch unterstreichen erschafft sie eine bedrückende Stimmung, der man sich kaum entziehen kann.
Info
Regie: Geoff Murphy
Drehbuch: Bill Baer, Bruno Lawrence, Sam Pillsbury nach dem Roman von Craig Harrison
Produktion: Sam Pillsbury, Don Reynolds
Musik: John Charles
Kamera: James Bartle
Schnitt: Michael Horton
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