Faktencheck: Ist Star Trek (2009) ein Reboot?

Lesezeit circa: 10 Minuten

Die Fachpresse spricht fast einstimmig von Reboot, manche Fans sprechen von einer Fortsetzung. Aber was genau ist es nun? Dem gehen wir mal auf den Grund.

Bei einer solchen Frage kann man wunderbar mit Definitionen arbeiten. Wir bemühen also einmal Wikipedia.
Die Begriffserklärungsseite sagt: „den Neubeginn eines erzählerischen Werks auf Basis einer bereits veröffentlichten Erzählung“ und die Weiterleitung zur Definition für Fiktion sagt genauer: „Der Begriff Reboot wird für ein fiktionales Werk verwendet, das ein früheres fiktionales Werk wie etwa einen Film neu interpretiert, analog zum Remake, jedoch im Unterschied zu diesem die Gültigkeit des Vorgängerwerks oder der Vorgängerwerke nicht anerkennt. In einem Reboot gilt die bisher erzählte Kontinuität nicht mehr; vielmehr wird die Geschichte erneut von Anfang an und von einer anderen Position aus erzählt. Der Begriff wird oft für den Neubeginn eines Film-Franchises verwendet, also einer Reihe von Werken.

Hier wird auch der Begriff Remake ins Spiel gebracht – die Definition schauen wir uns auch einmal kurz an. „Der Begriff Neuverfilmung, oft auch Remake (verkürzt für englisch film remake), bezeichnet einen Film, der auf einem bereits veröffentlichten Film oder einer zuvor schon verfilmten Vorlage basiert.“ Okay, das scheidet aus. Bei Star Trek handelt es sich eindeutig um eine Reihe.

Also schauen wir uns noch die Definition für Fortsetzung an. „Eine Fortsetzung, englisch auch Sequel (Aussprache: [ˈsiːkwəl], von lat. sequi „folgen“), ist ein Film, der die Handlung eines Vorgängerfilms fortführt. Dabei muss die Fortsetzung nicht unbedingt an die Handlung des Originals direkt anschließen,[1] in jedem Fall nimmt sie jedoch Bezug auf dessen Figuren und Ereignisse.

So viele Definitionen. Reboot oder nicht?

Manche Leser werden sich da schon selbst ein Urteil gebildet haben, aber wir schauen uns das genauer an, denn wir wollen diese Frage ja klären. Und dafür müssen wir wirklich genau reinschauen. Remake hatten wir ausgeschlossen, hier wären gute Beispiele „Es“ (2017) oder auch „Dredd“ (2012).

Wikipedia listet in seiner Reboot Definition die Batman-Trilogie von Christopher Nolan als Beispiel auf. Ich möchte diese noch um die beiden „Amazing Spider-Man“ Filme erweitern, die die Trilogie mit Tobey Maguire rebootet haben. Auch die Star Trek Filme seit 2009 stehen dort, aber darauf wollen wir uns mal nicht verlassen.

Was für eine Fortsetzung spricht

Wichtig hier ist „der die Handlung eines Vorgängerfilms fortführt“ und „in jedem Fall nimmt sie jedoch Bezug auf dessen Figuren und Ereignisse“. Vorgängerfilm ist bei einem Franchise wie Star Trek relativ schwer – denn hier sind eigentlich 10 Filme und alle Serien zu betrachten. Wir haben hier einen Bezug zu Star Trek: The Next Generation mit Botschafter Spock (diesen Titel hält er erst in der Doppelfolge Wiedervereinigung) und Leonard Nimoy verkörpert ihn. Ein deutlicher Bezug, der gerade mit Nimoy super präsent ist. Am Ende von Star Trek: Beyond gibt es obendrein noch ein Foto von Nimoy-Spock mit seiner alten Crew.

Man kann nun diskutieren, ob ein über 50 Jahre altes Franchise genug Fortführung und Bezug hat, wenn man eine der Figuren rudimentär einbaut.
Zum Vergleich: Star Trek: Nemesis setzte nicht die Handlung vom Vorgänger direkt fort, nahm aber Bezug auf das gesamte Universum. Kathryn Janeway wurde nach dem Ende der Serie befördert, sie trugen die gleichen Uniformen wie im Film davor, waren auf dem gleichen Schiff und die Romulaner entsprachen denen, die wir schon zu TNG-Zeiten sahen, was Aussehen und Kultur angeht.

Was für einen Reboot spricht

Hier ist für uns wichtig „das ein früheres fiktionales Werk wie etwa einen Film neu interpretiert“ und „die Gültigkeit des Vorgängerwerks oder der Vorgängerwerke nicht anerkennt“ sowie „In einem Reboot gilt die bisher erzählte Kontinuität nicht mehr; vielmehr wird die Geschichte erneut von Anfang an und von einer anderen Position aus erzählt.“

Als Werk muss man hier natürlich wieder die Gesamtheit sehen. Im 2009er Star Trek Film wird die sogenannte Kelvin-Zeitlinie (stellenweise auch Kelvin-Universum oder JJ-Verse genannt) erschaffen, durch eine Zeitreise von Nimoy-Spock und dem Romulaner Nero und zwar zum Zeitpunkt von Jim Kirks Geburt (22.03.2233). Ab diesem Zeitpunkt löst sich der Film von dem, was wir kennen. Im sogenannten Prime-Universum ist Kirk mit der Hilfe von Mallory auf die Akademie gekommen, in der neuen Zeitlinie ist es Captain Pike (Bruce Greenwood), der Kirk dazu ermutigt, ebenfalls zur Sternenflotte zu gehen. Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass der Film bzw. die gesamte Reihe nicht einfach nur bereits vorhandene Geschichten neu erzählt, sondern sie größtenteils umschreibt.

Diese Änderung lässt sich natürlich gut mit dem Zeitsprung und dem Tod von Kirks Vater erklären, auch andere Änderungen kann man darauf zurückführen. Manche Details, wie das Ändern der Sexualität von Sulu, sind eine Verbeugung vor dem Original. (Der dies übrigens nicht mochte.) Das geänderte Sternzeit-System soll es wohl einfacher machen, das System zu verstehen.

Mehr?

Ebenso zu beachten: Der Film startet bereits in der Vergangenheit mit dem Angriff von Nero, die „Zukunft“ wird als Flashback gezeigt. Eine Fortsetzung spielt aber in der Zukunft – sonst wäre es ein Prequel.

Weitere Punkte für Reboot gehen an die Wahl des Titel. Fast jeder Reboot bekam einen sehr einfachen Titel, der aufs Wesentliche beschränkt ist. Das (Videospiel)-Reboot Tomb Raider ist auch schlicht so benannt, Batman wurde mit „Batman Begins“ in eine neue Trilogie geschickt und das zwar kleine, aber beliebte Ghostbusters-Franchise wurde mit dem Film Ghostbusters von 2016 neu gestartet – hier ruderte man dann schließlich zurück und bringt nun doch eine Fortsetzung. Die Spider-Man Trilogie wurde mit The Amazing Spider-Man neu gestartet. Man erkennt ein Muster: Der Titel ist immer sehr deutlich auf Neuanfang ausgerichtet.

Die Erschaffung einer alternativen Zeitlinie ist ein weiterer Punkt auf der Pro-Reboot-Liste. So konnte man sich einen riesigen Spielplatz schaffen und von vorn beginnen, ohne die gesamten anderen Geschichten aus den vorherigen 50 Jahren für non-existent zu erklären. Sowas hätte die Fangemeinde sicherlich kritisch aufgenommen. Wir verlassen diese Zeitlinie nämlich nicht mehr, wie wir es zum Beispiel in Star Trek IV oder den Spiegeluniversums-Folgen getan haben. Für das Kelvinuniversum gibt es keinen Picard, keine Schlacht bei Wolf 359, keinen Dominionkrieg und die Voyager geht nicht verloren – diese Geschichten sind Teil einer möglichen Zukunft, aber wenn man sie bringt, kann man sie komplett neu erzählen.

Der Haken mit Wikipedia

Artikel auf Wikipedia werden immer nur dann als korrekt angesehen, wenn sie das eigene Bild bestätigen. Deswegen ist es schwer, mit Definitionen von Wikipedia zu argumentieren, da immer irgendwer kommt mit „Da kann jeder was schreiben“. Wir haben aber leider nichts anderes, also muss uns dies reichen.

Was sagen die Produzenten?

Die Produzenten sagten in einem Interview:

We don’t accept the word reboot. Reboot does not actually describe the fact that this movie would not be possible without the 10 movies that came prior to it. The very events of the movie themselves are caused by Leonard Nimoy as Mr. Spock and his story, which picks up essentially after the last movie, Star Trek 10 [Nemesis]. … So our movie is both a prequel and a sequel. It’s a sequel if you’re a fan, and a prequel if you’re not.“

Gut, sowas war zu erwarten. Natürlich wollen die Produzenten den Film sowohl den alten Hasen als auch neuen Fans schmackhaft machen. Da spricht prinzipiell auch nichts gegen. Allerdings kann ein Film kein Prequel und Sequel gleichzeitig sein, selbst wenn verschiedene Zeitlinien im Spiel sind. Ja, die Geschichte vom Nimoy-Spock startet irgendwann nach Nemesis, aber sie nimmt keinerlei Bezug auf die Handlung dort. Und sie ist auch ein geringer Teil der Handlung des Films. Wie oben erwähnt, nur in eben diesem einen Punkt wird eine Verbindung zum alten Star Trek aufgebaut: Es gibt einen Botschafter Spock, dargestellt von Leonard Nimoy.

Natürlich wäre Star Trek 2009 nicht möglich gewesen, wenn es die Filme davor nicht gegeben hätte. Diese (und die Serien) haben ja überhaupt erst das Franchise erschaffen. Ein Reboot ist NIE möglich ohne die Werke, die davor waren – sonst wäre es ja weder ein Reboot noch eine Fortsetzung, sondern einfach nur ein Erstlingswerk.

Im oben verlinkten Interview sagte Kurtzman auch, dass man diese alternative Zeitlinie brauche, um Spannung rein zu bekommen, da man die Geschichte von Kirk und Co. ja bereits kenne.

Wie spielt Star Trek: Picard da mit rein?

Manche Fans bringen an, da die Serie Picard zeitlich nach der Zerstörung von Romulus spielt, dass das Kelvin-Universum eine Fortsetzung ist, da Prime ja nicht ausgelöscht wurde. Tja, nirgendwo steht geschrieben, dass die alten Werke dann aufhören zu existieren. Sie haben lediglich keine Relevanz mehr in den neuen Werken. Man muss Ghostbusters 1+2 nicht gesehen haben, um den Ghostbusters Film von 2016 zu verstehen.

Was ist mit dem Auftritt von Leonard Nimoy?

Stellt euch mal folgende Frage: Ihr habt die Lizenz Filme und nichts anderes zu einem riesigen Franchise zu machen, mit einer enormen Fangemeinde dahinter, die nicht unbedingt als einfach gilt (wie fast alle Fangemeinden). Ihr habt keinerlei Einfluss darauf, was der Rechteinhaber in diesem Universum machen will, die Fans würden aber größtenteils erwarten, dass die Kontinuität und der Kanon gewahrt bleiben. Man könnte einfach eine neue Besatzung auf einem neuen Schiff in einer weit entfernten Zukunft auf die Reise schicken. Neuerungen kamen aber noch nie gut an – egal in welchem Fandom. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Schwierig. Obendrein ist Star Trek sehr eng mit dem Namen Enterprise verbunden und Kirk und Co. gelten immer noch als die beliebteste Crew.

Ein Neustart würde Sinn machen, aber würden das die Fans akzeptieren? Man folgte also der Tradition, dass ein bekannter Charakter die Fackel an den Nachfolger übergibt und nahm dafür DEN Mister Spock Leonard Nimoy. Den Darsteller, der noch vor Shatner und Stewart als Aushängeschild von Star Trek gilt. Man konstruierte auch eine Handlung, die diesen Neustart sanft einleitete und die Existenz von zwei Mister Spocks erklärte. Dazu kommt noch ein Gastauftritt von Majel Barrett-Rodenberry, die erneut dem Computer ihre Stimme lieh. Eine wundervolle Verbeugung vor dem Franchise mit zwei Darstellern, die schon beim Pilotfilm „The Cage“ dabei waren.

Ob der Film auch erfolgreich gewesen wäre, wenn Leonard Nimoy nicht dabei gewesen wäre? Kann man nicht sagen. Das Risiko ist aber auf jeden Fall minimiert worden.

Antwort: 

Der Film von 2009 trat ein schweres Erbe an und hatte eine hinreichend dokumentierte, komplizierte, rechtliche Situation. Er sollte neue Fans gewinnen, indem er sich an die Sehgewohnheiten der heutigen Zeit anpasste und gleichzeitig die alten Fans nicht vor den Kopf stieß. Man entschied sich für eine bisher einzigartige Sache: Man startete die Filmreihe neu, erklärte dies aber und schuf eine neues Universum, in dem die Zukunft noch nicht geschrieben ist. Dies kann man wohl als Soft-Reboot bezeichnen. Die Punkte, die für Reboot sprechen, überwiegen die Punkte, die für eine Fortsetzung sprechen. Nirgendwo steht, dass ALLE Punkte zutreffen müssen – sonst wäre es nämlich weder das eine noch das andere. 

Für die Qualität des Filmes ist es übrigens vollkommen egal, ob man es Reboot oder Fortsetzung nennt.Wichtig ist, dass man der Fachpresse nicht Kollektivversagen unterstellt, nur weil diese ziemlich einstimmig Reboot sagen. (Ich konnte kein Magazin finden, das Fortsetzung sagt – ich will dies aber nicht ausschließen.) Und dass man die Fans nicht mit der Peitsche jagt, wenn sie Fortsetzung sagen wollen.

Was sagt die Fachpresse?

Björn Sülter sagt in seinem Buch „Es lebe Star Trek“ auf Seite 309 „So startete der erste der Reboot-Filme also erst am 8. Mai 2009, obwohl er im Dezember 2008 bereits komplett fertig gewesen ist.
Er sagte mir aber auch: „Durch Star Trek: Picard wird aus dem ersten Reboot-Film beides – Reboot und Fortsetzung der Prime-Timeline.

Kino.de sagt: „Spektakuläres Reboot der „Star Trek“-Franchise durch „Lost“-Macher J.J. Abrams, der von den jungen Jahren des James T. Kirk erzählt.

Carsten Baumgardt von Filmstarts.de sagt: „Und wer sitzt beim heißerwarteten Reboot am Steuer?

Und auch in den Produktbeschreibungen bei Amazon wird öfter das Wort Reboot benutzt.

Zum Abschluss noch eine Diskussion unter Fans, die ich bei der Recherche entdeckte.

Übrigens: Dieser Artikel basiert auf einer Diskussion im Fandom (wie alle Faktenchecks) – in diesem Fall in der Facebook Gruppe Star Trek Fans Deutschland

Marco Golüke

Marco ist Jahrgang 78 und mit Star Trek, Star Wars, Galaxy Rangers, Babylon 5 und was es nicht noch alles gibt groß geworden. Er ist der Gründer, Chefredakteur und Herausgeber dieses Magazins und kümmert sich somit auch um alles Organisatorische. Nebenbei schreibt der Familienvater auch noch Kinder- und Kurzgeschichten.
Marco Golüke

Marco Golüke

Marco ist Jahrgang 78 und mit Star Trek, Star Wars, Galaxy Rangers, Babylon 5 und was es nicht noch alles gibt groß geworden. Er ist der Gründer, Chefredakteur und Herausgeber dieses Magazins und kümmert sich somit auch um alles Organisatorische. Nebenbei schreibt der Familienvater auch noch Kinder- und Kurzgeschichten.

Kommentar verfassen