[Prometheus Band 15] Das Dorf

Lesezeit circa: 8 Minuten

Mit Band 14 „Die verlorenen Seelen“ hat Christophe Bec den zweiten Zyklus seiner Prometheus-Reihe fulminant beginnen lassen. Nun geht es mit „Das Dorf“ weiter.

Prometheus Das Dorf Cover
© Splitter Verlag

Das antike Griechenland

Bec scheint aus seinem Ausflug in das antike Syrakus einen festen Erzählstrang zu machen. So befinden wir uns wieder in dieser zweitgrößten Stadt der griechischen Welt und schauen erneut bei einer Aufführung von Aischylos‘ „Der gefesselte Prometheus“ zu. Wie schon im letzten Band sehen wir einen Dialog zwischen dem an den Kaukasus geketteten Prometheus und dem Götterboten Hermes.

Ein Schwenk führt uns ins Athen desselben Jahres. Wir befinden uns auf der Pnyx, also jenem Ort, auf dem das demokratische Athen seine Volksversammlung abhielt. (In Athen herrschte im 5. und 4. Jh. v. Chr. eine direkte Demokratie, in der die volljährigen männlichen Bürger per Mehrheitsbeschluss Entscheidungen trafen.) Und hier geht es gerade um eine Frage von weltpolitischer Tragweite.

Soll Athen mitten im Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) gegen Sparta eine neue Front eröffnen und mit einer gewaltigen Flotte auf Sizilien landen? Der ältere Stratege (Feldherr) Nikias spricht sich dagegen aus, der junge Alkibiades befürwortet eine Invasion. Ebenso verhält es sich in Syrakus, wo ein führender Politiker vor der Gefahr eines athenischen Angriffs warnt, während ein anderer diese Warnungen in den Wind schlägt.

England 1838

Auch aus der Zeitreise des Teki Turan scheint Bec nun einen festen Erzählstrang zu formen. Wie wir bereits wissen, befindet sich Turan seit über 20 Jahren im 19. Jh., ohne eine Möglichkeit zur Rückkehr in seine eigene Zeit zu finden. Doch dann wird ein Raumschiff gefunden. Turan besichtigt das Schiff und stellt einen anomalen Riss im Raum-Zeit-Gefüge fest, der womöglich zu einer „Infektion“ des gesamten Gefüges führen kann. Von der Besatzung des Raumschiffs fehlt jede Spur. Gleichzeitig findet ein Suchtrupp einen Haufen furchtbar zugerichteter Leichen.

Area 51 1959

Hier befinden sich weiterhin Teki Turans Sohn Hassan und seine Gefährten, die ja zunächst in die Zukunft und von dort in die Vergangenheit gereist waren. Turan kommt mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es eine höhere Macht gibt, die alle Ereignisse vorherbestimmt. Ein Mann aus der Gruppe, Denton, verkauft an einen Beschäftigten der Area 51 Informationen über anstehende Sportereignisse. Denton nennt die noch in der Zukunft liegenden Ergebnisse, während der Beschäftigte in einem Wettbüro seinen Lohn auf diese Ergebnisse setzt.

Im Gegenzug erfüllt der Beschäftigte Denton gewisse Wünsche. So verhilft er ihm zur Flucht, während er sich selbst nach Mexiko absetzt. Denn Denton möchte nicht zurück in das Jahr 2019, sondern bevorzugt, im Jahr 1959 zu bleiben. Mit Hilfe seines Wissens über die Zukunft versucht er nun, eine seine Familie betreffende wirtschaftliche Katastrophe abzuwenden.

Die Gegenwart (2019)

Der Nordatlantik: Kellie und Tim

Die Reporterin Kellie und der Profi-Golfer Tim segeln über den Nordatlantik. Plötzlich stoßen sie auf ein wieder aufgetauchtes Schiffswrack aus dem 1. Weltkrieg. Wie am vierten Tag der Katastrophe – wir erinnern uns an die Titanic – scheint es sich wieder vom Meeresgrund erhoben zu haben. Kellie und Tim führen einen der außerirdischen Würfel mit sich, die Wissen vermitteln, aber auch heilen können.

In der Nähe des Wracks beginnt der Würfel zu leuchten und löst große Schmerzen bei Tim aus. Denn Tim bekommt nun Flashbacks, in denen er sich daran erinnert, wie er gezwungen wurde, durch die Zeit zu reisen und dabei jemandem große Schmerzen zufügte. Wir wissen, dass Außerirdische Tim vorübergehend entführt hatten. Ob diese auch für die Zeitreise verantwortlich waren, bleibt zunächst offen.

Jedenfalls resümiert Kellie Gespräche, die sie in den vergangenen Tagen mit verschiedenen Personen geführt hat und kommt zu dem folgenden Schluss: Die Menschheit ist mit einer Gruppe Gorillas zu vergleichen, die in einem Reservat lebt. Wie die Gorillas nicht begreifen können, dass sie Teil einer größeren von Menschen kontrollierten Welt sind, begreift die vergleichsweise junge Menschheit nicht, dass sie Teil eines Universums mit wesentlich älteren außerirdischen Völkern ist. Und wie sich die Menschen um die Gorillas kümmern, kümmern sich die Außerirdischen um die Menschen.

In diesem Kontext stellt sich für Kellie und Tim die Frage, weshalb die Außerirdischen die Menschheit nicht einfach kurz und schmerzlos per Knopfdruck vernichtet haben. Warum diese 13 Tage andauernden Vorankündigungen und warum sollte es Überlebende geben?

Washington: Das Dorf

Ein Trupp Soldaten trifft in Washington auf einen Chemiker und seine Tochter, die aus Baltimore nach Washington gekommen sind, da es in ihrer Heimat keine Menschen mehr gab. Wir erfahren, dass der US-Präsident, der nicht mehr als Präsident angesprochen werden möchte, mit 2200 Überlebenden eine Siedlung gegründet hat, die aufgrund der überschaubaren Größe als „das Dorf“ bezeichnet wird. So treffen nun einerseits Überlebende aus den Bunkern und andererseits Überlebende, für die es in den Bunkern keinen Platz gegeben hat, aufeinander und versuchen, eine neue Zivilisation zu errichten.

Der ehemalige Präsident wird nun „Gründervater“ genannt – Amerikaner eben. Und er scheint die eben aufgeworfene Frage nach dem „Warum“ zu beantworten. Denn obwohl er weiterhin der Chef ist und sich mit bewaffneten Soldaten umgibt, scheint er verstanden haben, dass es nicht weitergeht wie bisher. Eine neue Zivilisation muss geschaffen werden. War es das, was die Außerirdischen bezweckten?

Arizona

In Arizona gibt es eine weitere Gruppe von Überlebenden. Diese hat einen Außerirdischen in ihre Gewalt gebracht und versucht ihn nun zu studieren. So erfahren wir nun erstmals Genaueres über die extraterrestrische Lebensform. Die Aliens sind haarlos und scheinen keine Fleischfresser zu sein. Statt Eisen haben sie Kupfer in der Flüssigkeit, die unserem Blut entspricht. Sie haben keine Ohren, nehmen aber Vibrationen wahr. Im Ganzen ähneln sie Amphibien und strömen außerdem einen an Schwefel erinnernden Geruch aus.

Jedenfalls empfangen die Menschen in Arizona Funksprüche aus Washington. Daher versuchen sie nun mitsamt ihrem Gefangenen, in das Dorf zu reisen. Auf dem Weg dorthin werden sie von Wegelagerern überfallen, wodurch dem Außerirdischen kurzfristig die Flucht gelingt. (Die Welt hier erinnert fast zwangsläufig an „The Walking Dead“.)

Die Zeitreise

Hassan Turak und seine Gefährten sollen nun über das zwischenzeitlich ausgegrabene Nekromanteion in das Jahr 2019 zurückreisen, wobei ihnen Professor Carpenter helfen soll. Doch alles schlägt fehl. Statt im Jahre 2019 findet sich unsere Gruppe in einer antiken Stadt wieder, die gerade belagert wird. Wenn das mal nicht das von den Athenern angegriffene Syrakus ist. Oder vielleicht doch das von Alexander dem Großen belagerte Tyros?

In einer Zwischensequenz der Zeitreise sehen wir jedenfalls wieder die blonden „arischen“ Kinder, die per Zeitreise durch die post-apokalyptische Welt streunen. Hier treffen sie auf Außerirdische, die ihnen ankündigen, die Erde am 13. Tag zu vernichten. Was aber viel wichtiger ist: Diese Außerirdischen sehen anders aus als der gefangene Außerirdische.

Mein Eindruck von Prometheus Bd. 15: Das Dorf

In „Das Dorf“ verstehen wir endlich, weshalb Christophe Bec Syrakus in die Geschichte eingebaut hat. Da sich unsere Zeitreisenden hier aufhalten, wird die Antike zu einem festen Handlungsort der Geschichte, wofür auch Cover und Titel der folgenden Bände 16 und 17 sprechen. Auffällig ist jedoch, dass die Welt des Mythos nicht mehr behandelt wird. Weitergeführt wird offensichtlich auch der Handlungsstrang um Teki Turan im England des 19. Jh.

Somit wird die Geschichte jetzt auf mehreren Zeitebenen erzählt. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich eine wichtige Frage: Zieht Christophe Bec die Erzählung jetzt immer weiter in die Länge? Prinzipiell stehen ja fast unendliche Möglichkeiten zur Verfügung, was die Verwendung historischer Szenarien angeht. Oder fügt sich letztlich alles in einen überschaubaren Kontext? Diese Frage kann zurzeit nicht abschließend beantwortet werden, doch kann bisher festgehalten werden, dass die Erzählung weiterhin sehr gut funktioniert.

Wichtig ist jedoch, dass wir in den folgenden Bänden endlich erfahren, was das nun für außerirdische Völker sind, die sich bekriegen und offenbar unterschiedliche Pläne hinsichtlich der Menschheit verfolgen. Die historischen Szenarien sind zwar grandios, doch muss es natürlich auch mit der eigentlichen Erzählung weitergehen.

Ich habe ja schon mehrfach angesprochen, dass Bec in der Prometheus-Reihe Geschichte, Mythologie, Science-Fiction und Verschwörungstheorien grandios vermischt. Mit „Das Dorf“ kommt diesbezüglich eine neue Komponente hinzu. Denn dass der US-Präsident, den Bec bisher geradezu klischeehaft negativ darstellte, sich nun einsichtig zeigt und die Menschheit in eine neue Zukunft führen will, berührt ein Genre, das wir bisher noch nicht hatten: die Utopie.

Fazit

„Das Dorf“ ist ebenso stark wie seine Vorgänger aus der Prometheus-Reihe und es bleibt äußerst spannend. Weiterhin grandios sind auch die Bilder von Stefano Raffaele. Ich kann kaum erwarten zu lesen, wie es in „Abweichung“ mit allen Erzählsträngen weitergeht.

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Michael Kleu

Michael Kleu

Michael ist Jahrgang 1978 und Althistoriker. Er schreibt einen eigenen Blog über die Antikenrezeption in fantastischen Medien.

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