[Prometheus Band 14] Die verlorenen Seelen

Lesezeit circa: 8 Minuten

Nachdem Band 13 Kontakte den ersten Zyklus von Christophe Becs Prometheus-Reihe enden ließ, geht es heute mit Die verlorenen Seelen weiter.

Die verlorenen Seelen
© Splitter Verlag

Historische Rückblicke: Die griechische Welt

Wir befinden uns im Syrakus des Jahres 416 v. Chr. In einem voll besetzten Theater führen Schauspieler das Stück “Der gefesselte Prometheus” von Aischylos auf. Gezeigt wird eine Szene, in der der gefesselte Prometheus ein Streitgespräch mit dem Gott Hermes führt.

Dies ist ein bemerkenswerter Anfang. Schließlich dürften nur wenige der Leserinnen und Leser wissen, dass das sizilische Syrakus nach Athen die zweitgrößte Stadt der griechischen Welt gewesen ist. (Das griechische Siedlungsgebiet umfasste damals weite Teile der Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres.)

Dass Bec nun Syrakus als Ort für das Theaterstück auswählt, könnte damit zusammenhängen, dass der athenische Dichter Aischylos wiederholt auf Sizilien zu Gast war. Und Aischylos’ “Der gefesselte Prometheus” war ganz offensichtlich eine wichtige Inspirationsquelle für Bec, wie die Zitate aus diesem Stück belegen, mit denen viele Bände der Prometheus-Reihe beginnen. Dieses kleine Detail belegt jedenfalls erneut, wie tief sich Bec in seine Materie eingearbeitet hat.

Wir bleiben in der griechischen Welt und begleiten die Armee Alexanders des Großen auf ihrem Zug durch Phönizien. Nachdem der Makedonenkönig bei seinem Angriff auf das Perserreich zunächst einen Erfolg nach dem anderen eingefahren hat, gerät der Eroberungszug 332 v. Chr. vor den Toren des gewaltigen Tyros ins Stocken. Bekanntlich folgt eine sieben Monate andauernde Belagerung. Unter größtem technischem Aufwand gelingt es Alexander schließlich, die Stadt einzunehmen. So steht es zumindest in den Geschichtsbüchern.

Doch Die verlorenen Seelen verrät uns, was wirklich geschah. Außerirdische Raumschiffe erschienen am Himmel und zerstörten aus unbekannten Gründen die Mauern von Tyros. Damit nicht genug erscheint plötzlich eine zweite Raumflotte und verwickelt die erste in schwere Gefechte. Alexander, der optisch ganz eindeutig an Colin Farrell aus Oliver Stones Alexander (2004) angelehnt ist, glaubt, einen Kampf der Titanen zu sehen.

Die Gegenwart

Wir sehen in Die verlorenen Seelen, dass die Außerirdischen 2019 weltweit Menschen entführt haben. Leider wird nicht ganz ersichtlich, ob dies vor oder nach der Invasion geschah. Jedenfalls werden Experimente oder Untersuchungen an den unfreiwilligen Gästen durchgeführt. Zumindest ein Teil der Entführten kehrt später auf die Erde zurück.

Mit Sicherheit befinden wir uns nach der Katastrophe, wenn wir auf Überlebende treffen, die sich in einem verschütteten Tunnel befinden. Andere Überlebende sind damit beschäftigt, die unzähligen Toten zu beerdigen. Dabei werden sie von Raumschiffen beobachtet. Da die Außerirdischen nicht angreifen, kommt der Gedanke auf, dass die Menschheit nicht gänzlich vernichtet wird, sondern einen Neuanfang starten soll. Dazu passt, dass Raumschiffe den Überlebenden in aller Welt jeweils einen der Würfel überlassen, die einerseits Wissen vermitteln, andererseits aber auch heilen können. Die Menschen im Tunnel hingegen müssen sich der Attacke eines Außerirdischen erwehren.

Die Zeitreisenden um Hassan Turan

Wir erinnern uns, dass der Archäologe Hassan Turan und weitere Männer durch ein blaues Loch im Ozean ins postapokalyptische Providence, Rhode Island, gelangt waren. Über das Nekromanteion hatten sie daraufhin versucht, wieder in ihre eigene Zeit zu reisen. Stattdessen strandeten sie im Jahr 1959. In Die verlorenen Seelen erfahren wir nun, dass sie diese Zeitachse nie mehr verlassen haben. In dem Forschungszentrum Camp Hero gelang es Turan und den anderen zunächst, die örtlichen Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich durch die Zeit gereist sind.

Damit beginnen die in der Fantastik unumgänglichen Überlegungen zu Zeitreiseparadoxa wie das Großvaterparadoxon. So stellt uns Professor Carpenter nun in einer extrem textlastigen Passage die Tangententheorie vor. Diese besagt, dass die Zeit im Prinzip einer Geraden oder einem Strahl entspricht. An manchen Punkten treffen andere Zeitlinien oder -kurven auf diese Gerade. Dabei kommt es zu einer Berührung, nicht aber zu einer Überschneidung. Diese Berührungspunkte sind Schlüsselereignisse oder Zeitknoten und versehen das gesamte System mit Stabilität. Vielleicht kann man sagen, dass sich die einzelnen Zeitstrahlen einander durch die Berührung abstützen. Durch Zeitreisende können zeitliche Abweichungen entstehen, die in der Regel in der Nähe der Zeitknoten liegen.

Doch haben die Taten von Zeitreisenden immer nur Auswirkungen auf einzelne Individuen, nie auf die gesamte Welt. Denn es existiert eine höhere Macht, die solche Störungen ausgleicht, sodass im Endeffekt doch in etwa das passiert, was ursprünglich passieren sollte. Z.B. wird auf diese Weise verhindert, dass Zeitreisende sterben, bevor sie eigentlich geboren werden. Jedoch gibt es kleinste Ereignisse, sogenannte Sandkörner, die Knoten durchtrennen und neue Geraden oder Kurven schaffen können. Da einer der Folgebände Die Sandkorntheorie heißt, hoffe ich, dort auf eine bessere Erklärung zu stoßen. An dieser Stelle bleibt leider vieles unklar, was womöglich an der Übersetzung liegt.

Unseren Zeitreisenden wird jedenfalls angeboten, in die geheimen Forschungsprojekte einzusteigen und an der Ausgrabung des gerade entdeckten Nekromanteion (siehe unten) teilzunehmen.

Die verlorenen Seelen

Der Titel des Bandes rührt von der sogenannten “Insel der verlorenen Seelen” her. Bei dieser Insel handelt es sich um einen Platz, der als Kriegsgefangenenlager, als Friedhof für Obdachlose, Fremde und ungeborene Kinder sowie als Sanatorium für Frauen Verwendung gefunden hat. Hier treffen Hassan Turan und seine Gefährten auf den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Denn die Informationen der Zeitreisenden könnten den Verlauf der Geschichte ändern und die Invasion womöglich verhindern. Der Präsident glaubt den Zeitreisenden zwar grundsätzlich, lehnt aber jede Konsequenz ab, da ihm vieles zu unsicher erscheint. Zerstörte die Invasion wirklich die gesamte Erde? Entstammt das postapokalyptische Providence vielleicht einem Paralleluniversum? Somit bleiben die Warnungen der Zeitreisenden wirkungslos.

Noch ein Zeitreisender – Teki Turan

Wie wir wissen, kam Hassan Turan auf die Idee, das Nekromanteion für eine Zeitreise zu nutzen, weil er als Kind gesehen hatte, wie sein Vater dort in einem Portal verschwand und wenige Tage später um 20 Jahre gealtert zurückkehrte. Nun erfahren wir, was Teki Turan damals geschehen ist. Das Nekromanteion hatte ihn ins Exeter (England) des Jahres 1817 transportiert. Da er keinen Rückweg fand, blieb er hier für etwas mehr als 20 Jahre. Denn Archäologen haben das Nekromanteieon erst Ende der 1950er-Jahre ausgegraben, weshalb es für Turan im 19. Jahrhundert keine Chance gab, zu gehen wie er gekommen war. Er gab es auf zurückzukehren, verliebte sich und heiratete.

1838 tauchte plötzlich “Spring Heeled Jack” auf. Eigentlich eine Figur der englischen Folklore modelliert Bec ihn zu einem außerirdischen Besucher um. Als dann noch ein Raumschiff gefunden wird, gibt es für Teki Turan vielleicht doch noch eine Möglichkeit zur Heimkehr.

Mein Eindruck von Prometheus Bd. 14: Die verlorenen Seelen

Mit den Bildern aus dem sizilischen Syrakus hat mich Bec gleich voll erwischt, zählt das griechische Sizilien doch zu meinen Interessensgebieten als Althistoriker. Wenn Zeichner Stefano Raffaelle dann noch Alexanders Belagerung der Stadt Tyros in grandiosen Bildern präsentiert, ist es dann vollends um mich geschehen, da der Hellenismus mein Hauptarbeitsfeld ist. Das Comic fängt also für FreundInnen der antiken Welt schon einmal sehr schön an.

Und auch die weiteren Erzählungen können nicht enttäuschen. Alles bleibt spannend und mitreißend. Es scheint immer wahrscheinlicher zu werden, dass die außerirdische Invasion der biblischen Sintflut und verwandten Mythen entspricht: Die Menschheit erfüllt nicht die Vorstellungen bestimmter Mächte und wird deshalb weitestgehend vernichtet. Die wenigen Überlebenden sollen eine bessere Zivilisation errichten. Will das aber auch die zweite außerirdische Gruppe? Bekämpfen beide Parteien einander vielleicht wegen ihrer jeweiligen Pläne mit der Menschheit?

Auffällig ist, dass einige Orte im Comic Bezüge zu Griechenland aufweisen. So waren wir ja schon in praktisch jedem Heft in Providence (Vorsehung), Rhode Island. Rhode Island ist natürlich nichts anderes als eine englische Bezeichnung für die griechische Insel Rhodos, auf die sich die Namensgeber des kleinsten US-Staates vermutlich wegen ihrer demokratischen Tradition bezogen. Eine der zerstörten Städte, in denen wir Überlebende sehen, ist Phoenix, das seinen Namen aus der griechischen Mythologie (Wie Phönix aus der Asche steigen) erhalten hat. Dabei ist spannend, dass man automatisch an den Wiederaufbau denken muss, wenn eine zerstörte Stadt den Namen Phoenix trägt.

Mit dem Exeter des 19. Jahrhunderts hat Bec nun einen weiteren Erzählstrang eingeführt, der sicherlich noch weiter ausgebaut werden wird. Grundsätzlich sind natürlich noch vielerlei Zeitreisen möglich, wodurch wir vielleicht noch Einblicke in andere Zeiten erhalten werden. Dabei scheint es zunächst so, also könne man nur von einem Zeitknoten zu einem anderen und somit nicht beliebig durch die Zeit reisen. Völlig offen ist, welche höhere Macht es ist, die das ganze Raum-Zeit-Gefüge im Gleichgewicht hält und Abweichungen korrigiert.

Die verlorenen Seelen waren insgesamt betrachtet wieder ein voller Erfolg. Nächste Woche werden wir in Band 15 (Das Dorf) erfahren, wie es mit der Geschichte weitergeht. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass nun alles noch abgefahrener wird.


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Michael Kleu

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