Mit dieser Episode fängt eine etwas ungewöhnliche Real-Superhelden-Serie an.
Der Versuch, ein eigenes Universum aufzubauen
Seitdem das Marvel Cinematic Universe über lange Zeit die Kinos dominiert hatte, gab es wiederholt Versuche anderer Studios, etwas Gleiches aufzubauen. Überwiegend sollten diese jedoch spektakulär scheitern oder nur wenig Erfolge vorweisen. Ein solcher Versuch sollte auch Sony’s Spider-Man Universe sein. 2019 fasste das Filmstudio den Entschluss, dies zu probieren.
Dazu muss man wissen, dass Spider-Man zwar ein Marvel Comics-Charakter ist. Seine Filmrechte jedoch schon seit Jahren bei Sony liegen, die stellenweise auch erfolgreiche Filme produzierten. Wobei sie nach dem Misserfolg von Amazing Spider-Man 2 eine Kooperation mit Marvel eingingen, weshalb der Charakter dann in The First Avenger: Civil War auftauchte und mit Spider-Man: Homecoming seinen eigenen Kinofilm erhielt.
Nebenbei versuchte Sony sein eigenes Cinematic Universe auf die Beine zu stellen. Wobei man sich dabei überwiegend auf Nebencharaktere oder Schurken des bekannten Webkopfs fokussierte, mit durchwachsenem Erfolg. Venom war beispielsweise erfolgreich, Kraven war es hingegen zum Beispiel nicht.
Wenn man die Figur aus der Animationsserie darstellt
Gleichzeitig wurde allerdings auch eine Animationsfilmreihe produziert. Spider-Man: Into the Spider-Verse kam 2018 in die Kinos und erhielt 2023 mit Spider-Man: Across the Spider-Verse eine Fortsetzung. Das Besondere war nicht nur die innovativen Animationen. Sondern ebenso der Cast: So wurde die Figur Spider-Man Noir von niemand Geringeren als Nicolas Cage gesprochen.
2023 sollte dann basierend auf dieser Figur eine Streamingserie für Amazon Prime entwickelt werden. Entwickelt wurde die Serie von Oren Uziel (Mortal Kombat: Rebirth), der ein großer Fan des Film Noire-Genres war. Er wurde auch gemeinsam mit Steven Lightfoot (The Punisher), Showrunner der Reihe.
Nicolas Cage sollte die Titelfigur Ben „The Spider“ Reilly darstellen. Für den bekennenden Superheldenfan sollte dies die erste Hauptrolle in einer Fernsehserie sein. Für die Figur seines besten Freundes, dem Reporter Joe „Robbie“ Robertson, wurde Lamorne Morris (New Girl) gecastet. Li Jun Li (Sinners) wurde zu der Nachtclubsängerin Felicia „Cat“ Hardy. Karen Rodriguez (The Old Country) erhielt die Rolle von Ben Reily Sekretärin Janet Ruiz, derweil man Abraham Popoola (The Marvels) als Lonnie Lincoln aka Tombstone bewundern konnte. Als Felicias Bodyguard Flint Marko wurde Jack Huston (American Hustle) angeheuert. Der Ire Brendan Gleeson (Gangs of New York) rundete als der Gangsterboss Finbar „Finn“ Byrneaka Silvermane den Maincast ab.
Welche Darstellung darf es denn sein?
New York im Jahr 1933: Die Stadt leidet genau wie die Welt unter der wirtschaftlichen Depression. Das Verbrechen floriert dank der Prohibition. Eigentlich wäre dies die Chance für Leute wie Ben Reilly als maskierte Helden das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Doch dieser hat vor fünf Jahren nach dem Tod seiner Geliebten Ruby Williams die Maske niedergelegt und schlägt sich jetzt mehr schlecht als recht als Privatdetektiv durch.
Doch dann wird er angeheuert, Beweise für die Untreue der Nachtclubsängerin Felicia „Cat“ Hardy zu finden. Und in der Tat scheint er sie auf frischer Tat zu fotografieren. Bis er herausfindet, dass der Mann, mit dem sie sich trifft, der Bürgermeister ist. Wodurch ihm der Fall zunächst zu heiß wird und er ihn fallen lässt. Bis die wirtschaftliche Not ihn dazu treibt, die Sängerin mit den Fotos zu erpressen. Was sich dann allerdings anders entwickelt, als zunächst gedacht.
Amazon geht in Sachen Spider-Noir sehr clever vor. Man kann die Serie nämlich auf zweierlei Art und Weise sehen. Einmal in voller Farbe. Und einmal in Schwarz/Weiß, die Darstellungsweise, als die Film Noir-Filme populär wurden. Für diese Rezension wurde letztere Darstellungsoption gewählt, was sich im Laufe der Auftaktfolge Flammendes Geheimnis als richtige Entscheidung erwies.
Es geschieht nur in deinem Kopf
Denn so entsteht eine wunderbare Atmosphäre. In der dann Szenen, wie beispielsweise als Silvermane am Ende der Folge jemanden die Kehle durchschneidet, schockierender wirken, als wenn man es farbig sehen würde. Einfach, weil so sehr viel in der Imagination des Zuschauers geschieht. Denn in dieser färbt er alles mit seinen eigenen Farben ein, was eine ungeheure Wirkung hat.
Die Auftaktfolge an sich führt natürlich die wichtigsten handlungstragenden Figuren ein. Es ist dabei interessant, wie stellenweise bekannte Charaktere hier anders dargestellt werden. Was man vor allem bei den Leuten sieht, die, genau wie im Original, über außergewöhnliche Kräfte verfügen.
Das beste Beispiel dafür ist Flint Marko. In der Comicvorlage ist er Sandman, der seinen Körper in Sand verwandeln kann. Der Charakter tauchte auch in Spider-Man 3 auf, wo seine Darstellung damals durchaus comicakurat war. In der Serie wirkt es hingegen so, als ob seine Kräfte eine Art Fluch sind, unter den er leidet. Er kann zwar, wie in der Vorlage, dank seiner Fähigkeiten stärker zu hauen. Aber es wirkt so, als ob ihm das nicht gut tut, als ob er unter dem Einsatz leidet.
Superkräfte gleich Nicht Unbesiegbar
Gleichzeitig ist der Einsatz von Kräften auch keine Garantie dafür, dass man allgemein stärker ist. Das sieht man zu Beginn, als der Ganove Jimmy Adison pyrokinetische Kräfte zeigt. Ehe er diese allerdings zum Einsatz bringen kann, wird er anstandslos von dem Privatdetektiven Donegal abgeknallt.
Es wird hier außerdem sehr viel dafür getan, dass die dargestellte Zeitepoche halbwegs authentisch wirkt. So sieht man, wie an vielen Stellen Leute qualmen, also Zigaretten rauchen. In einer Szene, wo der Reporter Robbie Robertson einen Artikel schreibt, ist deutlich zu erkennen, wie vollgeascht der Aschenbecher ist, derweil er weiterhin am Rauchen ist.
Die Story der Episode ist überwiegend ernst und man hat es mit Figuren zu tun, die.. moralisch flexibel sind. So auch Nicolas Cages Ben Reilly, der zunächst keine Probleme damit hat, dass er die Nachtclubsängerin Felicia Hardy erpressen will. Nur um dann am Ende sich doch anders zu entscheiden. Er gibt den abgebrühten Detektiven, der allerdings in Wahrheit immer noch unter dem Tod seiner Geliebten leidet. Der ständig in Geldnot ist, dabei allerdings sich dann wiederholt spontan gegen Situationen entscheidet, wo er durch moralisch verwerfliche Arbeit gut Kohle verdienen könnte. Dabei ist die Chemie zwischen ihm und seiner Sekretärin Janet Ruiz genial.
Wie ein Film Noir
Denn sie gibt immer wieder wunderbar sarkastische Sprüche ab, mit denen sie die neusten Entscheidungen ihres Arbeitgebers kommentiert. Sie lässt sich auch nicht ins Bockshorn jagen, sondern gibt ihm knallhart Contra. Oder verhandelt ad hoc an seiner Stelle mit potenziellen Auftraggebern, um mehr Geld für sie herauszuholen.
Doch zurück zu Nicolas Cage: Seine Figur muss im Laufe der Folge einiges mitmachen. Sie wird von einem fahrenden Auto erwischt, wird verprügelt und muss auch verbal einiges einstecken. Das Schöne ist, dass der Schauspieler dies alles schon fast stoisch erträgt. An keiner Stelle merkt man, dass er overactet, was er ja teilweise in Ghost Rider getan hat. Stellenweise hat man auch das Gefühl, dass er mit Freude hier auftritt, dass ihm die Arbeit Spaß macht.
Ansonsten hat hier alles die perfekten Zutaten einer Film-Noir-Story. Felicia „Cat“ Hardy ist die wunderschöne, undurchschaubare Femme Fatale, der Ben Reilly verfallen dürfte. Derweil Silvermane den knallharten Gangsterboss gibt, den selbst der Verlust seines Hauses durch einen Brand nicht einschüchtert. Und all dies in einer wunderbaren Schwarz/Weiß-Optik, der man zwar zwischendurch anmerkt, dass sie, wie die Sin City-Filme, am Computer entstanden ist. Aber das tut dem Sehvergnügen keinen Abbruch.
Was sich auch auf den Zuschauer auswirkt. Für ihn ist dies nämlich ein Auftakt nach Maß.
Info
Drehbuch: Oren Uziel
Showrunner: Oren Uziel, Steve Lightfoot
Regie: Harry Bradbeer
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