[Perry Rhodan 3046] Die Stadt im Sturm

Lesezeit circa: 9 Minuten

Sie suchen nach einem Weg in die Zerozone – und finden die Index-Bewahrer.

Die Stadt im Sturm
© Pabel-Moewig Verlag KG

Titel: Die Stadt im Sturm
Autor: Leo Lukas
Titelbild: Arndt Drechsler
Erschienen: 03.01.2020

Zur Handlung

Perry Rhodan sucht mehr Informationen über die geheimnisvolle Zerozone als Bindeglied zwischen Ancaisin und Milchstraße, die von dort stammende/r Iwán/Iwa nicht geben kann oder will. Hierfür rettet man eventuell mehr wissende Cairaner vor phersunischen Zugriff und bekommt prompt einen Index-Bewahrer in die Hand. Ein solcher kann nur im Verbund mit vier weiteren seiner Art mentalen Zugriff auf den überlieferten Index, das Wissen der Superzivilisation Vecuia nehmen. Ohnehin auf dem Weg zu einem Bewahrertreffen eskortieren Rhodans Leute ihn zum Planeten Basslat im Spoornsystem, wo sie gemeinsam drei weitere Index-Bewahrer aufspüren können.

Doch auch der von der Kandidatin Phaatom ausgesandte Advokat nimmt die Spur auf mithilfe des Trotonen Monboddo. Dieser kann mit einer Art Fernortertelepathie den Weg zu den Entflohenen weisen. Die Stadt im Sturm wird zum Brennpunkt: dort scheint ein Sextadim-Span der VECU zu lagern und dort attackiert der Advokat die Gruppe aus Galaktikern und Cairanern …

Die Drei Ultimaten Beobachtungen

1. (K)eine Suchmaschine für den Vecuia-Index

Sicher von der Beratungsagentur ES bestens gebrieft, versteht es auch VECU, ihre Schäfchen in unwissendem Wissen zu belassen. So wurde akkurat ein Gesamtindex „aller von der Gemeinschaftszivilisation des Galaxien-Gevierts entsorgten Relikte diverser Superintelligenzen“ angelegt. Zugriff auf diese zumindest den Cairanern bekannte Datenbank können unter diesen jedoch nur ausgewählte wenige nehmen, eben die Index-Bewahrer. Und solche wissen so direkt auch nichts über die Index-Inhalte, sondern nur, dass und wie sie mindestens zu fünft in zeremonieller Vereinigung den Datenstrom aktivieren. Index-Bewahrer bewahren den Index durch Verhütung nicht statthaften Fremdzugriff. Indem nur sie wissen, wie man an das Index-Wissen herankommt, wissen sie so den Zugang bestens zu verhüllen. Mehrfach abgeleitetes Wissen, wodurch sie nichts Eigentliches wissen, sondern nur bedienungsfähig sind. Damit sind sie vorbildlich im besten ES‘ Sinne: Was sie nicht wissen, können sie auch nicht verraten.

Und so wie das Zugriffswissen auf die Index-Bewahrer zersplittert worden ist, so hobelte die Kandidatin Phaatom an VECU herum. Dabei fielen Sextadim-Späne ab (einst schnöde: Bewusstseinssplitter). Das schwächte die positive Superintelligenz zu sehr, um sich der Gefangensetzung im Abyssalen Verlies zu erwehren. Und just auf der Welt Basslat im Spoornsystem, wo eines dieser Wesenselemente niederging, wollten sich die Index-Bewahrer treffen. Um … ja, was denn? Anzunehmen, dass so ein Sextadim-Span szenekundigen Insidern wie den Bewahrern ganz neue Möglichkeiten eröffnet, Zugriff zu nehmen, mit dem erworbenen Index-Wissen etwas anzufangen oder sonst wie Kräfte der VECU für sich zu nutzen. Doch davon will Perrys Index-Bewahrer Wavalo Galparudse nichts gewusst haben …

Irritierend jedoch: Zuerst sagt Steward Remalhiu: „Das System der gelben Sonne Spoorn schien für die Phersunen nicht von Interesse zu sein. Man munkelte sogar, es verfügte über einen ganz besonderen Schutzengel.“ Einer der Sextadim-Späne VECUs, die „diese Splitter zu verbergen“ vermochte. Doch ist das System als „riskanter Ort“ dem Advokaten bekannt. Phaatom „verfolgt dort besondere Pläne, die so heikel und geheim sind, dass selbst ich sie nicht kenne.“ Dort „war etwas verborgen, »woran die Kandidatin zurzeit nicht rühren möchte, und das deshalb auch nicht beim Namen genannt werden soll.«“ Dafür, dass der Span verborgen werden konnte, ist dessen genaue Lage dem Feind aber erstaunlich bewusst. Und später gibt es für Synn Phertosh auch weder „Tabuverletzungen“ beim Systemeinflug noch „verpönte Ausdrücke“, wenn er den Sextadim-Span klar benennt. Alles „kein großes Malheur“ mehr, nur noch „unerwünschte Komplikation“. Warum dieses zaudernde Hin und Her, dann freimütige Gleichgültigkeit?

Offene Frage: Index-Bewahrer als Schlüssel ins Türschloss des Wissensspeichers hin zur Zerozone; Atlans Ritteraura als Schlüssel zum Tor der Bleisphäre mit dem Atopischen Konduktor – ob wir hier von ein- und derselben Schwingtür reden, durch die demnächst reihenweise marschiert wird?

2. Psipsych – Vöglein – Hocker

Leo Lukas vermag es, gleich drei Nebencharaktere einzuführen und ihnen je eigene Anschaulichkeit zu verleihen, während gestandenes Personal trotzdem in Kürze mit bekannten Eigenheiten zur Geltung kommt – Respekt!

Oxana Schmitt – von ihr selber erfahren wir nahezu nichts, durch sie aber umso mehr von anderen: sie fasst kommentierend zusammen, was seit “Die Kanzlei unter dem Eis“ (von vor 7 Wochen) Stand des Wissens ist. Interessant, wenn auch betrüblich, dass ihre „Kollegen von den harten naturwissenschaftlichen Disziplinen“ nach über dreitausend Jahren terranischer Mutanten und Co. immer noch „spöttisch“ auf die Parapsychologen blicken und sie „Psipsychs“ nennen. Stets dabei berichtet Oxana absichtlich in Ich-Form, doch mit wissenschaftlicher Distanziertheit. Das bietet LeLu die Möglichkeit, über sie elegant diverse Erklärungen und genaue Beschreibungen auszubreiten, die – sagen wir – ein Pralinen-Tenga so nicht ernsthaft hätte abliefern können. Viel mehr zu ihr nicht, nur dass ich ihre abgeklärte Art sehr angenehm finde und auf Weiteres hoffe.

Remalhiu ke-Keelac – Lukas‘ insgeheime Hauptperson, die auktorial, also im Nachhinein unmittelbar nach der Katastrophe mit dem Wissen um den Ausgang erzählt, wie sie von Anfang bis Ende involviert war. Eigentlich stilvoller Edel-Steward just für die Cairaner um den Index-Bewahrer Galparudse entwickelt er sich – “ursprünglich gar nicht so vielschichtig-verschmitzt geplant“– zum profunden Kenner Basslats, zufällig nämlich seine Heimatwelt. Auch hier mit ungewöhnlichen Erzählstil, demnach er ausdrücklich manches auslassen wolle und sich doch nur auf Wesentliches beschränke. Wer weiß, was für ein krummer Schnabel dieses Vogelwesen sein mag, das uns nur bruchstückhaft, aber umso adleräugiger beobachtend berichtet. Trotz so guter Kenntnisse über Fremdwesen verkennt er zum Lachen putzig manches: so Tengas Pralinensucht, womit dieser einer Zurechtweisung kalorisch begegnete; fehlgedeutet als: „Der Siganese hob entschuldigend die Hände und steckte sich etwas in den Mund, das diesen offenbar versiegelte.“

Trotone Monboddo – garstigster der Charaktere, den sogar Phersunen und selbst der Advokat wegen seiner eingebildeten, arroganten, herablassenden Art hassen. Doch ist er unumgänglich und deshalb bevorzugt zu behandeln dank seiner einmaligen Fähigkeit, quer durch die Galaxis telepathisch alle Gedanken wie einen Index auf Stichworte durchsuchen zu können. Weil er sich dafür notwendig hinsetzen muss, bekommt er den edelsten aller Titel: Hocker. Und damit er nicht so rumtrödelt oder gar unwillig faulenzt, hilft ihm von Phaatom selbst bereitgestellter sog. „Sichter“ beim gezielteren Gedankenindexsuchlauf. Diese ultimative Psibefähigung ist zwar derart auslaugend, dass Monboddo mittelfristig ausgebrannt sein wird, aber er erfüllt noch so misslaunig seinen Dienst. Mir etwas zu „passend“, was diese Expo-Figur da kann; andererseits pfiffig konstruiert, dass die eine Seite über Index-Bewahrer verfügt und die andere den einzigartigen Index-Durchsucher hat. So sehr er sich an der Angst anderer labt und ihm das Leiden Unschuldiger Spaß bereitet, so gut sind dann doch manche seiner Überlegungen …

3. Religiös verehrtes Chaos

… nämlich bezogen auf die „quasireligiöse“ Verehrung von der Kandidatin Phaatom und ihrer Manifestation, dem Triumphbogen durch die Phersunen. Zu diesem pilgert man förmlich, wenn man ins System einfliegt, selbst wenn man zum Advokaten auf Gattcan zu eilen hat. Diesen dann ergriffen wahrgenommen: „Die Schwärze im Innern sprengte die Fesseln des Seins. Sie vermochte alles und jeden zu annihilieren und einem tieferen Zweck zuzuführen.“ Kein Phersune macht nur Dienst nach Vorschrift oder aus empfundenem Zwang, sondern sieht in der Unterwerfung Ancaisins und dem Austragen der Vektormaterie eine tieferem Zweck dienliche, sinnvolle Tätigkeit. Und die Vernichtung von Welten und Leben durch Vektor- bzw. Morphmaterie zur Speisung Phaatoms, damit sie „sich von einer hoch entwickelten Bewusstseinsform zu einem noch erhabeneren Zustand weiterzuentwickeln“ vermag. Damit sind die Phersunen geistesverwandt mit “Mörder des Residenten“ Guulmen Cutthunese und den Systemikern in ihrem hingebungsvollem Fanatismus.

Und hier bezieht Monboddo erstaunlich agnostisch gelassene Position: wen/was er nicht ansatzweise verstehen kann, könne er auch nicht verehren. Und „eine Evolutionsstufe aufsteigen“ bleibt für ihn auch nur abstrakt und nicht verehrungswürdig. Letztlich: „Ich fürchte die Hohen Mächte, wenn sie Geschenke machen.“ Solche Gedanken führt er noch weiter aus (Kap. 9; Gaben und Geschenke).

Damit spannt LeLu für mich äußerst anschaulich den Horizont der Perspektiven auf höhere und hohe Mächte, die ihren multiversalen Konflikt ungeachtet niederer Ebenen austragen. Gottgleich wirken sie selbst noch auf interstellare Zivilisationen ein, stehen so weit über ihnen wie diese über Pantoffeltierchen. „Aber was wusste ein Pantoffeltierchen schon von Ethik und Moralphilosophie …“

Fazit zu „Die Stadt im Sturm“

Ich kann für „Die Stadt im Sturm“ fast uneingeschränkt GESETZ-Geber KNF zitieren, der – spoilerfrei! – in seinem Blog bereits auf den zweiten Doppelbandteil vorausblickt und m.E. auch für Part 1 treffend meint: “Der Roman ist vielseitig und abwechslungsreich, ein »typischer Lukas« also. Mir gefällt in solchen Fällen übrigens immer wieder, wie der Autor bei manchen Kapiteln echt Tempo macht und sich bei anderen Kapiteln die Zeit und den Raum nimmt, eine Figur ausführlicher vorzustellen.“

Nicht nur für AutorenkollegInnen kredenzt LeLu also Wiener “Fleischpfanne, Spätzle und Salat“, sondern auch für uns Lesende ein zutatenreiches Lektüre-Menü Wiener Art. Denn was fehlt, ist Wien. Denn wo das Wasserzeichen eines MiMaThu-Romans zunehmend die negative Erwähnung der Tabu-Farbe violett ist, darf schreibgesetzlich ein “echter Lukas“ nicht ohne die noch so beiläufig wohlwollende Erwähnung von Wien, Wienern oder sonst wie Österreich auskommen. Nur habe ich diesmal an keiner Stelle etwas gefunden. Wurde da etwa unter Leo Lukas‘ Namen geschrieben, während dieser schon wieder gefangen im Smutjealen Verlies gierschlündige Autorenkollegen sättigen musste?

Im bitteren Ernst – bei aller launigen Lesefreude war „Die Stadt im Sturm“ nicht ganz “ein phantastischer Start ins Jahr 2020“, weil mir dann doch manches zu kurzerhand passierte: erst inmitten der Galaxis den einen, dann die übrigen Index-Bewahrer arg flott entdeckt, wofür man sich sonst einen vollen Roman Zeit ließe; Monboddos Fähigkeit mir zu Deus ex Machina, wenn der garstige Charakter auch Potenzial hat; titelgebende „Die Stadt im Sturm“ nur fake von ein bisschen Kunststurm umtost nicht halb so gewichtig, ohnedies prompt vom Himmel geschossen und im Sturm genommen. Aber dennoch in wunderbar vielen fein fabulierten Details ein lesenswerter Roman mit mehreren Auflachern für mich. Dem merkt man jedoch an, Part 2 einzuleiten und auf die größeren Ereignisse teils zu flink hinzuführen. Denn dies war nur Auftakt zur Suche nach der Zerozone, die uns rund um Band 3050 beschäftigen wird. Dementsprechend gespannt ich bin, welches nächste Ei uns der Herr kommende Woche mit Krallenspitzengefühl ins Transportnest legt …

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Dominic Schnettler

Dominic ist Jahrgang 1985 und unterstützt unser Perry Rhodan Team mit Rezensionen zur aktuellen Perry Rhodan-Erstauflage. Darüber hinaus sucht er die Antwort nach allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, grokt bisher aber nichts. Liest dafür aber stetig neuentdeckte SF-Klassiker und ist in den unendlichen Weiten ganz zufrieden
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Dominic ist Jahrgang 1985 und unterstützt unser Perry Rhodan Team mit Rezensionen zur aktuellen Perry Rhodan-Erstauflage. Darüber hinaus sucht er die Antwort nach allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, grokt bisher aber nichts. Liest dafür aber stetig neuentdeckte SF-Klassiker und ist in den unendlichen Weiten ganz zufrieden

Ein Gedanke zu „[Perry Rhodan 3046] Die Stadt im Sturm

  • 11. Januar 2020 um 11:16
    Permalink

    Gegrüßt
    und mich schon wieder selber kommentiert.
    Ausgelassen und wichtig zu ergänzen:
    In „Gucky und der Sternenkonsul“ (3042)
    https://www.warp-core.de/gucky-und-der-sternenkonsul_pr3042/
    hatte ich mich lang und breit über die UM ZWEI SEKUNDEN VERKÜRZTE SCHMERZENSTELEPORTATION irritiert bis empört ereifert. Bloß 2m7s statt 2m9s wie sonst IMMER!
    Schon im vorigen Roman und erneut mehrfach hier „wehgeht“ Iwán/Iwa und das jeweils ganz ausdrücklich in zwei Minuten und neun Sekunden!
    Es bleibt also rätselhaft, ob es sich damals um einen kaum denkbaren kapitalen Fehler, der seither von niemandem eingestanden worden wäre, handelt. Oder ob man da kommentarlos etwas angelegt und vorbereitet hat, dass es eben doch zu zeitlicher Flexibilität kommen KANN in der Zerozone.
    U.a. DAS im Weiteren argusäugig zu beobachten!

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