[Perry Rhodan 3039] Die Kanzlei unter dem Eis

Lesezeit circa: 9 Minuten

Ein geheimnisvolles Herrschaftsgebiet – der Haluter Icho Tolot geht in den Einsatz.

Die Kanzlei unter dem Eis
© Pabel-Moewig Verlag KG

Titel: Die Kanzlei unter dem Eis
Autor: Wim Vandemaan
Titelbild: Dirk Schulz
Erschienen: 15. November 2019

Zur Handlung von „Die Kanzlei unter dem Eis“

Rhodan stürzt richtungslos, bis er unbeweglich in einem „weißen Raum“ zum Stillstand kommt. Dort tritt ein wie aus Phaatom-Gabe gemacht aussehender Phersune namens Synn Phertosh ein, seines Zeichens Advokat der Kandidatin und gemutmaßter Androide sowie ES‘Homunk. Mit einem Traum-Kubus will er Rhodan in dessen gelenkten Träumen Informationen über Herkunft und Absichten entlocken. Der Terraner kann sich mentalstabilisiert widersetzen und verrät nichts über die Milchstraße.

Im anschließenden Gespräch bekommt Rhodan die Kanzlei unter dem Eis auf dem Gasplaneten Gattcan gezeigt und es entspinnt sich zwischen ihnen ein Gespräch über Freiheitsvorstellungen von „Kosmokratenbütteln“ und Chaosmächten, aus dem Rhodan mit der Zusicherung zu Bewegungsfreiheit entgeht. Er sucht die dispersierte Gry auf und kann mit ihr zu einem weiteren Menschen innerhalb der Station gelangen, der Mann und Frau zugleich ist, sich Iwán Iwa nennt, Bilder von Terra zeichnet, ohne sie ein- und zuordnen zu können und ohnehin mit kindlicher Unbekümmertheit in seinem Aufenthaltsraum verharrt … Bis Rhodan, Gry und ersie dank derssen Fähigkeit zur Paradox- / Schmerzensteleportation aus der Kanzlei fliehen können.

Derweil plant und koordiniert Tolotos eine Befreiungsschlacht für Rhodan und Gry, in der er als Taravat (Halutisch: Herausragender; der, vor dem man sich in Acht nehmen sollte) in der Annahme, beide müssten noch im System (im Triumphbogen selbst, dem Flaggschiff der Wachflotte oder aus einzigem Planeten Gattcan) sein, die sog. „Destruktionsflotte Huphurn“ anführt. In planhirnvollen drei Phasen greift man mit Beibooten der RAS TSCHUBAI und schließlich mit dieser selbst an, hält die Wachflotte beschäftigt und attackiert den Triumphbogen, aus dem dann jedoch massenhaft Vektormaterie emporschießt, der sie nur dank optischer „Grausphäher“ schadlos entkommen. Doch weil fliehender Rhodan ein Signal von Gattcan senden kann, kann bereitstehender Tenga mit Paau im besten Stile Guckys die drei im letzten Moment vor auffallend langsam herbeischlendernden Phertosh in Sicherheit bringen. Der Advokat erhält dann im Weißen Raum durch einen Abyssalen Kassiber den Auftrag der Kandidatin: »Diese drei, die das System verlassen haben – ich habe an ihnen Geschmack gefunden. Sei auch in dieser Sache mein Advokat. Beschaff sie mir wieder.«

Die Drei Ultimaten Apperzeptionen

1. Nur knapp am Index vorbei: In der Sicherheit der RAS TSCHUBAI – Sichu und Perry nächtens in Ogygia, darüber sinnierend, ob der Advokat nicht Gry, Iwán und selbst Perry konditioniert und instrumentalisiert haben könnte. Zu Letzterem Sichus sachliche Feststellung: »Ich fürchte, ich werde dich dem einen oder anderen Test unterziehen müssen, den Bauchaufschneider Matho ausgelassen hat.« »Was? Noch heute Nacht?« »Bevor es zu spät ist.« Das Unaussprechliche zum Greifen nahe, ein Blick hinter den Ereignishorizont eines jeden sittsamen Rhodanauten; das nicht Literarisierbare, das schon über Farye und Donn wie ein Damoklesschwert seit Heft 3034 schwebt, droht sich hier wie Vektormaterie unaufhaltsam Bahn zu brechen. Und bei der Gründlichkeit einer Chefwissenschaftlerin hilft Perry sicher nur der ZA, diese Art Untersuchung durchzustehen… ZUM GLÜCK sind wir ab nächster Woche in der Milchstraße bei Atlan, der niemals je die Absicht hatte, so etwas zu tun! #Ironie

2. Innerer Data und Her: Und nicht genug mit emotionalen Zuwendungen – kaum Voriges verdaut, da ereilt uns dieses in finaler Szene (vor dem Epilog): zuvor auch für den geretteten Perry auffällig gewesen, dass ANANSI nicht nur überall im Schiff inzwischen auftaucht, sondern auch ihre bisher so naiv-kindlich anmutende Gestalt wechselt. Während der Taravat seine Haut ultraschallreinigt, ruft ihn mit Bitte um Bestätigung des Zimmerservos ANANSI an. Sie macht Mitteilung, die Zusammenarbeit mit dem Taravat „sehr genossen“ zu haben und diese fortführen zu wollen. Bestätigung Ichos. Sie wünscht ihm „einen guten Schlaf“, um rhetorisch zu fragen, dass er gelegentlich schlafe, „nicht wahr?“ Sie nämlich nicht.

Des Heftes letzte Worte: »Ich weiß«, sagte Icho Tolot. »Ich finde Frieden in dem Wissen, dass du niemals schlafen wirst und immer über uns wachst.«
Welch WiVa’sche Andeutung soll das sein? ANANSI auf dem Weg jenseits semitronischer Kalkulationen hin zu eigensinniger, eigenständiger, lebewesenesker Persönlichkeit? Und diesen knackigen Haluterjüngling mit schniekem Planhirn hat sie sich für Annäherungen ans Lebendige ausgeguckt? Ich wähne einen Kipppunkt in ANANSIS „Existenz“ – warum auch immer just zu Zeiten einer Fernexpedition und nach vielen Sichtungen der Vektormaterie. Und das mit dem Unterton des Bedrohlichen, als wäre BISHER der Schlaf aller unter ANANSIS Argusaugen sicher bewacht … Bloß fast genau 300 Hefte nach Ersteinführung (2745) passenderweise eine sachliche Risszeichnung zur reinen Semitronik ANANSIS, bei der sich unter Punkt 2 der augenscheinlich ungewöhnlich angerregte Zellplasmakern findet. Angemerkt noch, dass ANANSI der afrikanische Gott des Schabernacks ist und eine Trickster-Figur durch und durch – nomen est omen?

3. Freiheit von und Freiheit zu: Für mich die stärkste Szene des Heftes, als Perry beim Advokaten zu Tisch sitzt und sie über die hochmächtig konträren Standpunkte offen reden. Über zeitweise Kooperation bei Zielgleichheit hinaus weigert sich Perry, die Seiten zu wechseln, will vielmehr freigelassen werden. Freiheit als „Aberglaube“ der „Kosmokratenbüttel“, die doch nur „an Bindung, an Sicherung von Prozessen, an Konstanten, Kausalketten und dergleichen“ interessiert seien. Phertosh stellt die Kosmokraten als Zwanghafte dar, die sich bloß dem Schein (individueller) Freiheiten hingeben, frei im Handeln zu sein.

Die nur sogenannten Chaosmächte hingegen wollen „sich selbst und alle aus solchen Verkettungen, zuletzt sogar aus der Verkettung der Kausalitäten“ befreien, sich der Zwänge entledigen. Faszinierend! Einfordern der Freiheit zu handeln, wie man will, im anerkannten Rahmen des Moralischen Kodes versus der absoluten Freiheit von jedweden Zwängen durch den (kosmokratisch bewahrten und/oder beförderten) Moralischen Kode. Und doch haben beide zur Erreichung solcher Endziele Heerwürme in die Universen entsendet, die unfassbar rigoros bis hierarchisch zwanghaft durchorganisiert sind und sich auf bestimmte Rollen spezialisierte und per Genmanipulation dazu geeignet gemachte Völker halten (Terminale Kolonne TRAITOR) resp. eine nur oberflächlich wegen ihrer Endlosigkeit unorganisierter-anarchisch anmutender Heeresstruktur befehligen (Endlose Armada).

Fazit zu „Die Kanzlei unter dem Eis“

„Ein ungewöhnlicher Roman“, der „typisch für die Werke des Exposéautors“ sei, so ESrakelte Bewahrer des GESETZES KNF zu „Die Kanzlei unter dem Eis“ in seinem Blog.

Dem stimme ich zu, aber anders als üblich. Verbinde ich in steter Vorfreude mit WiVa eine ganz eigene Schreibe, durch die Figuren meist mit wenigen, kurzangebundeneren Satzstrichen zu Charakteren werden (mir mutmaßlich unmöglich), so finde ich derart hier kaum. Deshalb enttäuschend? Nein, weil WiVa dafür – m.E. für ihn so ungewöhnlich – eine von Taravat Tolotos choreographierte Raumschlacht in eindrücklicher Nachvollziehbarkeit nachzeichnet. Der risikoreiche Aufwand ist für eine unkalkulierbare Hoffnung (Perry hätte ja überall sonst sein oder längst nicht mehr sein können) enorm hoch, aber eben auch mit Köpfchen / Planhirn durchdacht. Ob man aus so einer Auseinandersetzung ohne Opfer rauskommen kann und anscheinend selbst die Ressourcenverluste einiger Beiboote (v.a. durch Vektormaterie) sehr gering bleiben …?

Auf der anderen Seite – und wesentlich WiVa typischer – Rhodan in der Kanzlei bei einem Advokaten / Boten einer negativen Superintelligenz, v.a. dessen final auffällige Langsamkeit bei Rhodans Paau-Flucht, wo Phertosh problemlos noch hätte eingreifen können, mir ein Wink (wohin und für was auch immer) scheint … Und dann in kindlicher Unbekümmertheit losgelöst von allen Zwängen scheinende/r Iwán/Iwa, dier hier mehr als Mysterium und aufgrund der Fähigkeiten wie ein Deus ex Machina zukunftsverheißend eingeführt wird.

Was bleibt nach der Ancaisin-Sextalogie? Narrativ fluglos kamen wir in 3034 an, orientierten uns auch durch die Augen mehrerer neuer Figuren. Diese sind m.E. v.a. im Falle Jalland Betazous noch weitestgehend nicht „eingeschrieben“ und daher meist nur dabei, statt handlungstragend. Viele der Figuren sollen ganz anders sein als Stereotype und Klischees ihrer Völker erwarten lassen (Ara Goisam zwar Arzt, wäre aber lieber Techniker; Onryone Betazou nicht Onraumspezialist, sondern Gärtner …), das ist mir dann jedoch noch nicht auserzählt genug. Z.T. liegt das sicher daran, dass Bände 3035 und 3036 leider unter schlechtem Stern und großen Zeitdruck für Uwe Anton und Michael Marcus Thurner entstanden und nicht bestmöglich ausfabuliert werden konnten.

Das machte ein Drittel des Ancaisin-Plots für mich holprig und nicht immer gut angebunden. Sodann eine Stern-Stunde mit 3037 und von Ich erinnere mich an orientierten wir uns auch durch die Augen mehrerer Neuer eine weitere kosmische Weitung der Perspektive: mit der Kandidatin Phaatom eine Chaosmacht auf dem Wege zur Materiesenke am Werk und die 270 Mio. Lichtjahre entfernte Milchstraße durch sie in größter Gefahr. Nur dass angesichts dessen man dann überhaupt wagte, den Triumphbogen zu betreten (3038), grenzt an Wahnsinn. Gry auf völlig unbekannte Weise dispersiert und zwar im Sinne Phaatoms, die auch Perry „schmeckte“ und nun beide plus Iwán/Iwa haben will (was Sichu & Co. durchaus in die Überlegungen einpreisen). Dass die vermeintlichen Paquanten alles, nur nicht unbedarfte interstellare Frischlinge sind, ja Rhodan schon ob des Zellaktivators sicher mit den „Kosmokratenbütteln“ zusammenarbeitet, Iwán während seines Aufenthaltes in einem fort Bilder Terras malte, all das sind unübersehbare Hinweisschilder.

Und wofür das? Was weiß man nun, was man ohne dieses Himmelsfahrtkommando nicht auch hätte ausreichend erahnen können? Am wichtigsten sicher (zu) zufällig angetroffener Iwán und die tausendundeins eröffneten Fragen rund um siehn: Wie einst Lan Meota und dann Gucky fähig zur zuvor unbekannten Schmerzensteleportation? Sohn des Galaktikers und Gongolis-Hote Mulholland, den er an „Weggabelungen“ selbstverständlich antrifft? Geboren in der „Lounge“ innerhalb der „Zerozone“, wo ersie „Weltenschatten“ gesehen hat und diese nachzeichnet? Ist die Zerozone der grauräumliche Raum, durch den Schmerzensteleporter in 2m9s wandern und in dem die Thesanit Kontakt zur VECU herstellen?

Weggabeln sich da auch im übertragenden Sinne die noch getrennt scheinenden Handlungsstränge und führt ein Weg sie zusammen? Ein Weg, den die Kandidatin schon kennt oder auf den Rhodan sie erst führt, der zuvor ja von der Thesan Pezenna Flaith durch Blicke voraus in den Temporalen Kanal überhaupt erst zu alledem geführt und gelockt wurde? Kosmische Mächte, erahnte Langzeitpläne, eventuell aus ihrem Abyssalen Verlies aus Vektormaterie heraus agierende VECU? Und was ist mit dem einbändig eingeführten Telekinetischen Imperium? Sind sie eine Art „Rückendeckung“ für die VECU, ein hilfreicher Faktor im großen Spiel, die sie sich bisher dem Zugriff der Phersunen (und der Vektormaterie?) erfolgreich erwehren konnten?
Ultimative Fragen!

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Dominic Schnettler

Dominic ist Jahrgang 1985 und unterstützt unser Perry Rhodan Team mit Rezensionen zur aktuellen Perry Rhodan-Erstauflage. Darüber hinaus sucht er die Antwort nach allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, grokt bisher aber nichts. Liest dafür aber stetig neuentdeckte SF-Klassiker und ist in den unendlichen Weiten ganz zufrieden
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Dominic ist Jahrgang 1985 und unterstützt unser Perry Rhodan Team mit Rezensionen zur aktuellen Perry Rhodan-Erstauflage. Darüber hinaus sucht er die Antwort nach allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, grokt bisher aber nichts. Liest dafür aber stetig neuentdeckte SF-Klassiker und ist in den unendlichen Weiten ganz zufrieden

Ein Gedanke zu „[Perry Rhodan 3039] Die Kanzlei unter dem Eis

  • 30. November 2019 um 09:32
    Permalink

    SPOILER voraus: Ab 3050 Handlungs(ort)wechsel und die ersten vier Hefte sollen dann als Arbeitstitel „Zerozone“ heißen. Ab da werden wir also manch von mir aufgeworfene Frage dazu beantwortet bekommen:))
    http://perry-rhodan.blogspot.com/2019/11/wir-arbeiten-der-zerozone.html
    Scheint mir ein vielfältig nutzbarer „Transraum“ zu sein, in dem sich (Schmerzens)Teleporter ebenso hindurchbewegen können (und zwar effektiver als durch jeden Hyperraum); in dem die Thesanit ihre futuroskopischen Zusammenkünfte begehen, um mit der VECU zu konferieren; wo Iwán/Iwa geboren wurde und wo sich die Lounge befindet und man „Weltenschatten“ (nur/auch von Terra) sehen kann…
    Viel los dort:-)

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